Ich bin dein Spiegel

Johanna Faust ist die Enkelin von Friedrich Hiebel, der von 1963 bis zu seinem Tod 1989 im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft tätig war und die Wochenschrift ‹Das Goetheanum› 23 Jahre redaktionell führte. Kommende Woche läuft in Kinos in der Schweiz ihr Dokumentarfilm ‹I’ll be your mirror › an.


Darin gibt die Filmemacherin Einblicke in die Familie Hiebel, vor allem durch Gespräche mit ihrer Mutter. «Du hast deine Hand nach mir ausgestreckt, aber ich habe sie nie gespürt», hört man Johanna Faust zu ihrer Mutter sagen. Es ist ein Film von Liebe und ersehnter Liebe, ein Film, der das Tragische im familiären Miteinander zeigt – und wie man lernt, es zu tragen. So erzählt Benedikt Hiebel als älterer Mann vor dem Vorstadthaus in den USA, wie er seinen Vater Friedrich Hiebel im Goetheanum bei Vorträgen erlebte: «Was für eine Liebe er da herausströmen konnte, in den Großen Saal, Liebe, Weltenliebe!» Man sieht, dass er im Geiste die 40 Jahre zurückgeht. Ob er diese Liebe auch ihm, seinem Sohn, gezeigt habe, fragt Johanna Faust. «Die kam nicht so durch – ich war der missratene Sohn, der Sohn, der nicht sollte sein.» «Kannst du das verbinden?», fragt sie. Er schüttelt den Kopf und nimmt dann die halbe Schuld auf sich.

Friedrich Hiebel mit seinen Kindern Benedikt und Margaret (Johanna Fausts Mutter)

In dieser Szene, wie auch in anderen Szenen, die tragische Momente des Familienlebens erzählen, bricht Johanna Faust nie den Stab über ihre Mutter oder den Großvater. Dazu trägt auch der Rahmen der Reise in die familiäre Vergangenheit bei, und dieser Rahmen ist der Konflikt von Johanna Faust selbst, zwischen künstlerischem Beruf, Berufung und dem Muttersein. Lange Kameraeinstellungen, Momente gemeinsamen Schweigens von Tochter und Mutter und eine poetische Musik geben dem Film eine Tiefe, die wohl zu jeder Familiengeschichte gehört.

Wie muss man sich das Filmen vorstellen? Es scheint, als habe es den familiären Alltag kaum gestört.

Johanna Faust Das ist vor allem meiner guten Freundin und Kamerafrau Ute Freund zu verdanken, die mit langer Erfahrung eine ruhige, empathische und sensible Arbeit mit der Kamera entwickelt hat. So ermöglicht sie den Zuschauern tiefe Einblicke in das Leben, die Gefühle und die Gedanken der Protagonisten. Ich wollte meinen persönlichen Fragen nachgehen und diese für andere zugänglich machen, weil ich erkannte, dass in meiner Familiengeschichte ein universeller Konflikt zum Ausdruck kommt: Anders als in vielen Frauenbiografien haben die Frauen in meiner Familie die Kunst und ihre Berufung ihren Kindern vorgezogen. Dies stellt geschlechtsbezogene Rollenbilder radikal in Frage. Diese Dimension der persönlichen, aber auch der gesellschaftlichen Herausforderungen wollten wir sichtbar machen.

Der Film führt in intime familiäre Fragen und wirkt zugleich objektiv, ist schonungslos und schonend.

Uns ist es wichtig, dass sich die Zuschauer­innen und Zuschauer mit der Geschichte und der Tragik verbinden und identifizieren können, weil wir den Menschen so die Möglichkeit geben wollen, auch in ihre eigene Geschichte zu schauen. Dies geht aber nur mit diesem nötigen Respekt und einer schonenden oder liebevollen Geste, auch wenn man die Dinge schonungslos aufzeigt. Überfordert man die Zuschauer mit zu viel Schmerzhaftem, so verschließen sie sich und wenden sich von den Figuren ab. So wäre die Identifikation mit den Protagonisten und die Resonanz mit der eigenen Geschichte nicht möglich. Wir wollten aber die Wahrnehmung des Universellen einer einzigartigen Geschichte ermöglichen. Daher kommt wahrscheinlich diese feine Linie zwischen schonend und schonungslos. Dies war uns von Anfang an bewusst. Wir haben sehr bedacht an dieser Grenze und der Verbindung gearbeitet, wo das Persönliche mit dem Universellen zusammenfällt.

Als Familie waren wir uns bewusst, dass wir uns zeigen, wie wir mit den Fragen umgehen, um andere daran teilhaben zu lassen. Wir waren und sind der Überzeugung, dass das Persönliche auch politisch ist.

Autofahrt und Fahrradfahrt und gleichzeitig ernste Lebensfragen: Gehört das zur filmischen Handschrift?

Ich habe mich für die Bewegung im Film interessiert, da es dem entspricht, was mich herumtrieb. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, wollte mehr wissen, war auf der Suche nach Antworten und habe mich auf einen Weg, eine Suche nach Erkenntnis gemacht. Daher ist das Bewegungselement sehr entsprechend. Ich habe mich als Künstlerin, die früher auch gemalt hat, für das bewegte Bild begeistert. Gerade für die reflexiven Passagen haben sich ins Abstrakte gehende Bilder angeboten. Es war für mich ein spannender künstlerischer Prozess, die richtigen Bilder zu finden. Die Bilder der Autofahrt in der Wüste mit Regen zum Beispiel haben sich als Mittel herausgestellt, die Aufmerksamkeit auf die Reflexion in der Sprache zu legen, wobei aber doch gerade das Bild dafür den Raum schafft. So entsteht im Film zwischen Sprache und Bild etwas Drittes. Das ist es, was mich am Film so sehr begeistert.

Deine Stimme aus dem Off wirkt so, als würdest du mit Distanz einen Text von dir selbst vorlesen. Ist dieser Eindruck richtig?

Es war klar, dass es meine Reflexionsebene braucht. Meine Figur ist zentral, weil sich anhand von ihr so vieles zeigt. In meiner Person kommt alles zusammen, ich führe den Zuschauer durch die Geschichte und werde immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen. Der Film brauchte also immer wieder diese Reflexionen. Die Texte sind aus einer Notwendigkeit entstanden. Ich habe die Texte im Schnitt im Bezug auf die emotionale Entwicklung meiner Figur im Film geschrieben und dann als Voiceover (Stimme aus dem Hintergrund) eingesprochen. Die feine Distanz, die spürbar ist, rührt daher, dass ich mit der Stimme aus dem Off die Funktion einer Sprecherin einnehme und so eine Reflexionsebene einführe, die sich von meiner Stimme als Protagonistin unterscheidet. Ich spreche sozusagen zu mir selbst und lasse die Zuschauer daran teilhaben.


‹I’ll Be Your Mirror› Dokumentarfilm von Johanna Faust, Kinostart: 10. Dezember, z. B. in den Kinos Kosmos in Zürich, Quinnie in Bern, Sputnik in Liestal, Bourbaki in Luzern. Ab 14. Januar 2021 Kultkino Basel.

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