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Greta und die Waldorfbewegung

Greta Thunberg, die 16-jährige Klimaaktivistin, wurde eine Symbolfigur für unsere Zeit. Geschah ihr Engagement aus ihrem ureigenen inneren Impuls heraus? Welche Rolle spielen dabei ihre Eltern und welche Bedeutung kommt der Schule zu? Gibt es einen Bezug des Greta-Phänomens zur Waldorfschulbewegung?


Das Buch ‹Szenen aus dem Herzen›, verfasst von Greta Thunbergs Mutter Malena (noch vor der weltweiten Popularität ihrer Tochter) gibt uns Einblicke in den familiären und persönlichen Background von Greta. Greta war ein «schwieriges Kind» mit ihrem Asperger-Syndrom, bis sie zu ihrer Mission fand, ihrem existenziellen Einsatz für die Zukunft des Planeten. Publik wurde dies dadurch, dass sich Greta jeden Freitag weigerte, in die Schule zu gehen, und damit das Fundament für die weltweiten Freitag-Schulstreiks legte. Als Wecksignal sicher sinnvoll. Aber warum können sich Schüler nicht auch mit ihrer Schule und mit der Hilfe der Lehrer für eine nachhaltige Zukunft einsetzen, mit Engagement für diese Themen im Unterricht? Oder müssen wir die Rolle der Schule grundsätzlich hinterfragen, einer Schule, welche die Mutter von Greta so beschreibt:

«Jemand muss von dem Schulsystem erzählen, in dem einer von vier Schülern auf der Strecke bleibt. […] Von Kindern mit Autismus, die auf eine Schule gehen müssen, in der zweiundachtzig Prozent ihresgleichen gemobbt werden. Von all den Krisengesprächen mit Schulen und von all den Eltern und Lehrern, die völlig ausgebrannt sind … Und von der bodenlosen Trauer über all die Kindheiten, die unwiederbringlich verloren sind, weil wir in einer Gesellschaft leben, die jeden Tag immer weniger Menschen integriert.» (1)

Somit sind auch die Schulen direkt gefordert, einen «sozialen Klimawandel» anzugehen. Der Heilpädagoge Henning Köhler stellt in diesem Sinne die Klima­frage in einen größeren Kontext. Die Erderwärmung gehe mit einer «sozialen Eiszeit» (2) einher: «Vielleicht kommt es letztlich vor allem drauf an, dass möglichst viele Menschen etwas gegen den ‹Klimasturz im Beziehungsraum› unternehmen […]. Wir brauchen Orte der sozialen Wärme […].» (3)

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All dies ist auch für Waldorfschulen wichtiger als eindrückliche Bühnenaufführungen oder Abtiturprüfungen zu bestehen.

Aber sind die Waldorfschulen nicht solche Orte? Der Aufruf «Es reicht!» eines «Schul-Urgroßvaters» in ‹Erziehungskunst› (4) lässt aufhorchen. Er zeigt sich höchst besorgt, dass an den Waldorfschulen, im Vergleich zu früher, doch allzu schnell Kinder und Jugendliche, die nicht ins «Waldorf-Schema» passen, «ausgesondert» würden. Es war ja schon die Sorge Rudolf Steiners, dass Lehrer einzelne schwierige Jugendliche sogar von der Schule verwiesen, statt auf den individuellen «moralischen Kontakt» zu bauen und im Dialog Wege zu suchen. (5) Nehmen wir das alles als Weckruf, die Schaffung sozialer Wärmeorte an Schulen zu kultivieren, nicht als Wohlfühloasen, aber als soziale Gemeinschaften, in denen alle Beteiligten seelisch erstarken und gesunden können, und so die Kraft auch für ‹spezielle Kinder und Jugendliche› haben, ohne sich zu übernehmen.

Wie wäre es, wenn engagierte Menschen aus der Waldorfschulbewegung sich noch intensiver mit all diesen Greta-Fragen befassten? Mit Fragen des Klimawandels, wie ihn beispielsweise Hans-Ulrich Schmutz in dieser Zeitschrift (6) fundiert darlegte. So können sich Jugendliche an den Schulen damit vertieft auseinandersetzen und gleichzeitig erkennen, dass ihre Schulen zum Beispiel durch den Verbund mit weltweit Tausenden von Schulgärten mit biologisch-dynamischem Gemüseanbau schon ein Bewusstsein für die Umwelt und das Klima pflegen und etwas tun. Und dazu eben der soziale Klimawandel, in dem nicht Leistung und Prüfungen im Vordergrund stehen, sondern menschliche Kontakte, Achtsamkeit im Umgang miteinander, in Klassen, in denen jedes Kind, jeder Jugendliche seinen Platz findet. Und dazu braucht es Lehrerinnen und Lehrer, die Zeit haben für diese individuellen Kontakte, die verstehen, was Wertschätzung und Ermutigung bedeuten, die auch ein Herz haben für Außenseiter, für Migranten und für ‹Asperger und Co›. All dies ist auch für Waldorfschulen wichtiger als eindrückliche Bühnenaufführungen oder das Bestehen von Abiturprüfungen. Denn heute geht es nicht nur um das Überleben des Planeten, sondern vor allem um das Überleben des Menschen inmitten einer verrückt gewordenen Welt.

Ja, wie wäre es, wenn Jugendliche wie Greta eine Schule fänden, an der die Thematik des Klimawandels mit einem Bewusstsein für die Erde als lebendigem Organismus im Unterricht zentrale Bedeutung hat und in der sie als Außenseiter ein menschlich-warmes Klima finden, in dem ihre Seelen wachsen und gedeihen können?


(1) Szenen aus dem Herzen, S. 71.
(2) Davor warnte bereits Gisela Mayer anlässlich des Amoklaufes 2009, bei dem sie ihre Tochter verlor: ‹Die Kälte darf nicht siegen›, so der Titel ihres Buches. Ebenso die anthroposophische Drogenexpertin Felicitas Vogt mit ihrem Aufruf in die gleiche Richtung.
(3) Erziehungskunst, Oktober 2019, S. 58
(4) Reinhard Loup, Forum, in: Erziehungskunst, Oktober 2019, S. 62 f.
(5) Siehe dazu Tomas Zdrazil, Freie Waldorfschule in Stuttgart 1919–1925, S. 371 f.
(6) Goetheanum 36/2019.

Buch Greta und Svante Thunberg, Beata und Malena Ernman, Szenen aus dem Herzen. Frankfurt am Main 2019.

Foto Markus Spiske Bild Freitag­demonstration in Deutschland

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