Friedensdialog in Krisenzeiten

Die vorliegende Publikation ist eine beeindruckende Einführung in Leben und Werk zweier befreundeter jüdischer Denker im Irrsal und Wirrsal – so deren Verdeutschung des Hebräischen ‹Tohuwabohu› – des 20. Jahrhunderts. Ein Buch angewandter Kommunikation.


Das Milieu der deutschen Gelehrten, die in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts aus Europa nach Palästina flohen, umgab meine Jerusalemer Kindheit und Jugend. Hugo Bergman, Gershom Scholem und Ernst Simon waren praktisch Nachbarn. Martin Buber wohnte zehn Fußminuten weiter. Oft konnte ich abends auf dem Heimweg Bergman am Schreibtisch in seiner Parterrewohnung sehen. In diesem Jerusalemer Stadtviertel wurde in den 50er- bis 60er-Jahren genauso viel Deutsch wie Hebräisch gesprochen, Letzteres sehr häufig – auch im eigenen Elternhaus – mit deutschem Akzent. Bände der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe konnte meine Mutter bei Bergman ausleihen. Deshalb (aber nicht nur) las ich diese Neuerscheinung mit persönlichem, auch kritischem Interesse.

Martin Buber (1878–1965) und Franz Rosenzweig (1886–1929) dachten Deutsch und sprachen Hebräisch, zwei Sprachen, durch welche wesentliche Beiträge zur Entstehung der Geistesgeschichte des Abendlandes geleistet wurden. Zwei deutsch-jüdische Gelehrte. Ersterer wollte an die Folgen des aufkommenden Übels des Dritten Reichs zunächst nicht glauben, immigrierte schließlich 1938 nach Jerusalem und vertrat nach wie vor einen spirituellen, nicht-nationalistischen Zionismus, meistens ohne damit in seinem Bemühen um einen multinationalen Staat Israel verstanden zu werden. Sein Freund Rosenzweig hingegen stimmte bereits 1920 dem Wort eines Freundes zu: «dass es zu Ende ist mit den deutschen Juden. Es ist ja nur ein Teil des deutschen Untergangs überhaupt.»1 Er starb 1929, noch bevor diese Aussage mit der Realität konfrontiert werden konnte. Der Dialog zwischen beiden durchzieht das Buch.

Auf eindrückliche Art gelingt es Constanza Kaliks und Peter Selg, die Lesenden in das Gespräch zwischen den beiden historischen Gestalten einzubeziehen, aber auch in ein Gespräch zu aktuellen Fragen, die unausgesprochen an die Lesenden gestellt werden. Sie sind zu einem inneren Dialog eingeladen, der nach Buber’scher Tradition frei von jeglicher Polemik ist. So viel und oft wird gegenwärtig über die Notwendigkeit der dialogischen Kommunikation gesprochen. Hier gelingt es, sie zu demonstrieren, zu verwirklichen. Das Stimmungsbild der Biografien und des spirituellen Erbes beider Protagonisten ist feinfühlig skizziert. Die innere Welt beider Persönlichkeiten wird sichtbar, ohne dass Biograf und Biografin selbst in Erscheinung treten. Sie weisen auf die Tiefen des Humanismus, der Menschenliebe, die Buber und Rosenzweig ausstrahlen, bis heute. Es bedarf einer äußerst gründlichen Recherche, solches sichtbar zu machen, die gelungen ist. Keine Spur von Sentimentalität, gleichzeitig jedoch ein hohes Maß an Empathie – gegenüber dem Gelehrten, der in seinem akademischen Umfeld weitgehend als Querdenker galt und dessen dialogische Botschaft nur bedingt ernst genommen wurde, und dem Philosophen, der wahrnehmen musste, wie sein Geist in seiner Körperlichkeit eingekerkert und in Gefangenschaft harren muss. Beide waren gewaltlose, gleichzeitig – paradoxerweise – beharrliche Kämpfer. Dabei ging es beiden um ein Verständnis der Interaktion von Judentum und Deutschtum, von Judentum und Christentum, jene Seelenregionen der Spiritualität, die beide in sich trugen, ohne diese in ihrer Wertigkeit zu evaluieren. Dabei waren beide im eigentlichen Sinne Anarchisten, die üblicherweise eher auf Konflikt und Widerspruch – nicht auf Zuspruch und Zuhören – ausgerichtet gewesen wären. Buber: «Anarchie ist eine Grundstimmung jedes Menschen, der aus sich ein neues Wesen formen will: Er fühlt, dass der Wiedergeburt ein Tod vorausgehen muss.»

Sowohl in den biografischen als auch in den inhaltlichen Kapiteln, die sich mit der Herausforderung der ‹Verdeutschung› des Alten Testaments, mit Rosenzweigs Hauptwerk und mit Bubers pädagogischen Ansichten befassen, ist jegliche anthroposophische Exegese vermieden worden. Kaliks und Selg beziehen sich durchgehend auf das Du, ohne ihre eigene Ideenwelt – ihr Ich – sichtbar zu machen. Rosenzweig schlägt ein Denken vor, «das imstande ist, die Differenz zu denken und somit die ‹Positivität› eines absoluten Pluralismus erfahrbar werden lässt». Kaliks und Selg halten sich konsequent an diesen Gedanken, offenbar inspiriert vom Rosenzweig’schen «empirischen Ich, das aus Erfahrung aufsteigt, das Ich, das Namen trägt und Vornamen […]».

Peter Selg, Constanza Kaliks: Die Gegenwart des Anderen. Über Martin Buber und Franz Rosenzweig. Verlag am Goetheanum, 2022

1917 hielt der acht Jahre jüngere Rosenzweig Bubers Frühwerk ‹Ekstatische Konfessionen› für ein «schauderhaftes Buch des poetisch-mystischen Subjektivismus». Später befasste sich Buber eher mit der Präsenz des Mitmenschen in der Begegnung. Hier war deren Interaktion ungestört von gegenseitiger Kritik. Ich erlaube mir eine aufkommende Frage zu stellen: Wie viele Gegenwartsbegegnungen sind in ‹unseren Kreisen› durch ein missverstandenes anthroposophisches Ich-Konzept im Sinne jenes ‹Subjektivismus› vom Verfehlen ihres eigentlichen biografischen Potenzials bedroht? Und dann auch die Frage nach der Übersetzung von Steiners Werk in Sprachen, die keinen Bezug zu europäischen Sprachen haben. Bubers und Rosenzweigs Übersetzung der Schrift, des Alten Testaments, ist im wahren Sinne eine Verdeutschung. Manches, was im Hebräischen Urtext schwingt, findet in der deutschen Sprache keine Resonanz. Wie steht es diesbezüglich mit Steiners philosophischem und lyrisch-meditativem Werk in der Übersetzung ins Finnische, Kirgisische, Hebräische?

Ein Buch über Freundschaft, Spiritualität, Interkulturalität, über Positivismus und Resilienz, über den kreativen Umgang mit dem eigenen Schicksal liegt hier vor. Rosenzweig: «Was man von außen für Leiden halten muss, setzt sich eben um in eine Summe von großen zu überwindenden Schwierigkeiten.»

Ein scheinbar historisch-philosophisches Buch; doch unter der transparenten Textoberfläche ein gegenwärtiges, aktuelles Buch, das die Leserinnen und Leser auf diskrete und freilassende Art zum Nach-Denken auffordert. Über sich selbst, über die Welt, über die Gegenwart des Anderen. Heute.

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Footnotes

  1. Alle Zitate aus dem Buch.

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