Eine Bibliothek der Materialien

Ein Gespräch über globale und ganz persönliche Schritte mit dem Architekten, Unternehmer und Nachhaltig­keitsforscher Thomas Rau. Die Fragen stellte Andrea Valdinoci.


Du überraschst häufig deine Gesprächspartner mit neuen Gedanken. Ein solcher lautet, dass wir weniger Information brauchen, um den Wandel möglich zu machen. Was meinst du damit?

Ich glaube, dass wir keinen Mangel an Informationen haben. Wir sind einer solchen Informationsflut ausgesetzt, dass wir sie gar nicht mehr bewusst verarbeiten können, geschweige denn, dass wir sie alle bewusst bewerten können, um entsprechend konsequent zu handeln. Tatsächlich glaube ich, jeder Ort, der noch mehr Informationen anbietet, ist ein Ort zu viel. Wir brauchen Orte, die weniger Informationen bieten, aber mehr Wissen vermitteln und Weisheit erschließen. Ich glaube, es geht vielmehr darum, die Marke Mensch, zu der wir ja alle gehören, wieder in ihrer Glorie erscheinen zu lassen, zum Blühen zu bringen. Mit anderen Worten, wir sind spirituelle Wesen auf einer menschlichen Reise und nicht menschliche Wesen auf einer spirituellen Reise. Es geht darum, Orte zu schaffen, wo wir Menschen dazu bewegen, ihren eigenen Einsichten zu folgen und sich ihrem Menschsein bewusst widmen zu können.

Wie geht das?

Es gibt da viele interessante Initiativen, wie z. B. von Marina Abramovic. Die Künstlerin bietet Workshops zur ‹Reinigung› an, sie nennt es ‹Cleaning your house›. Für eine gemeinsame Woche gibt man bis auf seine Unterwäsche alles ab. Selbst von dieser muss man sich dann irgendwann auch ab und zu verabschieden. Und kein Computer, keine Bücher, kein Smartphone, gar nichts. Mit dem Sonnenaufgang aufstehen, mit dem Sonnenuntergang ins Bett gehen, jeden Tag verschiedene intensive Wahrnehmungsübungen machen, nichts essen, nichts trinken außer ein bisschen Tee und ganz wichtig, nicht sprechen. Also absolutes Schweigen ist angesagt. Eine Reise, um die eigenen mentalen und physischen Grenzen zu erleben und wach wahrzunehmen. Ich glaube, dass das die Universitäten der Zukunft sind, die nicht noch mehr Informationen anbieten, sondern die den ursprünglichen Menschen in seinem Menschsein bilden. Eine wirkliche Bildungsstätte. Eines unserer Probleme ist, dass wir unser Menschsein nicht aktivieren, sondern eher unser Konsumentensein. Die meisten Bildungsstätten sind diesbezüglich also eher Verbildungsstätten. Damit bringen wir aber nicht den Menschen in uns zum Vorschein. Das ist meine Hoffnung, dass es uns gelingt, dass wir unsere Instrumente entwickeln, um das Menschsein als Menschheit zu aktivieren.

Du bist Architekt und hast ‹Cradle to Cradle› im Baugewerbe mit entdeckt und umgesetzt – also die bedingungslose Kreislaufwirtschaft. Von der Architektur gehst du jetzt zur Architektur der Systeme. Was ist das für ein Weg?

Angefangen hat es in meiner Kindheit. Ich bin der dritte und jüngste Sohn und war wohl recht schwer erziehbar. Mit zehn Jahren haben wir mit ein paar Freunden ein Grillfest organisiert. Weil es jedoch angefangen hatte zu regnen, wollten wir möglichst schnell essen. Allerdings dauerte es uns viel zu lange, bis die Würstchen richtig gar waren. Um das Grillfeuer weiter anzufachen, nahm ich einen Benzinkanister, um etwas Benzin auf das Feuer zu gießen, nicht wissend, dass der Benzinkanister schneller in meiner Hand explodiert, als das Benzin auf dem Feuer ist. Ab meiner Hüfte abwärts habe ich mich schwer verbrannt. Monatelang habe ich mit unglaublichen Schmerzen und ohne Kleider Tag und Nacht bei geschlossenen Gardinen liegen müssen. Gefühlsmäßig war mir in dieser Zeit der Tod sehr nahe. Die Zeitlichkeit meines Seins ist mir sehr früh deutlich geworden. Auch die Tatsache, dass mir erst eine neue Haut wachsen musste, um der Welt wieder begegnen zu können, ist wie ein Bild: Ich habe mir die Haut, die Kontexte, die ich brauchte, seitdem meistens selbst schaffen müssen. In meiner Jugend war ich immer Außenseiter. Es gab kein gemachtes Nest, keinen echten Freundeskreis. Viele Gedanken trieben mich um, die ich nur mit sehr wenigen teilen konnte. Deswegen entstanden oftmals Situationen, die immer wieder zu Missverständnissen führten.

So hatten wir z. B. im Kunstunterricht die Aufgabe bekommen, im Sinne des Dadaismus ein Kunstwerk zu kreieren. Hierzu hatte ich einen großen Holzsarg gebaut mit einem Spiegelboden und ihn im Treppenhaus der Schule aufgehängt. Wenn man dann wissen wollte, was bzw. wer im Sarg liegt, so sah man sich selbst, im Spiegel. Das gab ziemlichen Aufruhr und ich stand kurz davor, die Schule verlassen zu müssen. Für mich eine vollkommen unbegreifliche Situation.

Nach der Schule lernte ich erst Erzieher, um dann anschließend zu studieren. Allerdings hatte ich mich noch nicht für einen Studiengang entschieden. Eines Nachts hörte ich im Traum eine Stimme, die mich aufforderte, ‹Architektur!› zu studieren. Bis zu diesem Traum hatte ich mich nie mit Architektur beschäftigt. Aber ich folgte intuitiv dieser ‹Aufforderung› und studierte in Aachen Architektur, was ich bis heute immer noch nicht ganz verstehe. Was mich jedoch im Studium frustrierte, war, dass ich zwar lernte, ‹wie› man baut, aber nicht, ‹für wen› man baut. Schließlich ist Architektur auch eine Dienstleistung am Menschen selbst. Architektur schafft Räume, in denen sich der Mensch fachlich, sozial und biografisch entwickelt. Architektur spiegelt das menschliche Bewusstsein.

Foto: David Hoffman / Unsplash

Und das hat dich an die Alanus-Hochschule geführt?

Ja, auch wieder ein interessanter Kontext. 1984 las ich einen Artikel im Magazin ‹Der Spiegel› über Anthroposophie. Da war auch von einer Alanus-Hochschule die Rede. Noch am selben Vormittag setzte ich mich ins Auto und fuhr zur Alanus-Kunsthochschule nach Alfter mit der Vorstellung, dass es eine große Universität sein müsste. Verzweifelt suchte ich einen großen Gebäudekomplex, bis mir klar wurde, dass ich bereits einige Male vorbeigefahren war und nun davorstand. Es war ein altes ehemaliges Weingut, das Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte, und doch hatte ich das Gefühl: «Das ist mein Ort hier. Du hast keine Ahnung, was hier passiert, aber das ist das, was du willst.» Noch in derselben Woche habe ich mich dort zum Architekturstudium angemeldet. Ich spürte, dass ich da an einen ‹Strom› angeschlossen werden kann, den ich bis dahin gesucht und nie gefunden hatte. Als mir dann direkt die Rolle von Joseph in den ‹Oberuferer Weihnachtsspielen› angeboten wurde, wovon ich damals noch nie etwas gehört hatte, habe ich keinen Moment gezögert. Das erste Studienjahr war fantastisch. Ein ‹künstlerischer Spa› in meinem Leben. Am Ende des ersten Studienjahres bekam ich dann von einigen Mitstudenten eine Standpauke. Man bezichtigte mich des Verrats an der Anthroposophie, weil ich noch immer in Aachen an der RWTH eingeschrieben war. In ihren Augen hatte ich mich nicht für die Anthroposophie entschieden.

Mein Dilemma war: An der Alanus-Hochschule begegnete ich dem Wesen des Menschen, in Aachen lernte ich zu bauen und ich wollte Architekt werden für Menschen und nicht, um Geschäftsmodelle zu bedienen. Wilfried Ogilvie und Peter Ferger, Mitgründer der Alanus-Hochschule, lehrten damals Architektur bzw. Bildhauerei. Sie erlaubten mir ein eigenes Curriculum für mein Studium zu entwickeln. Jeder Studientag musste mit Eurythmie beginnen, neben dem üblichen Studium in der Eurythmie. Als persönliches Forschungsprojekt haben wir neben der regulären Eurythmie probiert, Grundrisse, Schnitte und Ansichten zu eurythmisieren. Eine unglaubliche Erfahrung der Selbstkorrektur. Ich wüsste nicht, was ich in meinem Leben gemacht hätte, wenn ich nicht die Eurythmie kennengelernt hätte. Sie wurde zum ‹Schlüssel› für vieles, eigentlich für alles, was ich tue. Dafür bin ich unglaublich dankbar.

Neben der Alanus-Hochschule habe ich dann parallel auch in Aachen an der RWTH weiterstudiert. Nach meinem Studienabschluss ging ich dann in die Niederlande, weil Holland ein Eldorado für Architekten war.

Dort hast du mit Wilfried Ogilvie, Nikolaus Ruff und Rudolf Mees das Internationale Forum für Mensch und Architektur (IFMA) begründet?

Ja, wir wollten die interdisziplinäre Zusammenarbeit voranbringen. Um diese geht es, ob man Anwalt ist, Zahnärztin oder Architekt, ist eigentlich egal, weil es immer um dieselbe Essenz geht, und die wollten wir thematisieren und haben in Amsterdam 1990, in Järna 1992 und dann auch am Goetheanum 1994 Konferenzen organisiert. Im Weiteren habe ich meine Arbeit hier auf Holland konzentriert und das Architekturbüro RAU gegründet, in dem wir mit bis zu 55 Architektinnen und Architekten an beinahe allen großen, nachhaltigen Bauprojekten in Europa beteiligt waren.

Form, Organ, Gestalt – dieser Dreiklang hat mich intensiv beschäftigt, mit dem Ziel, dass daraus eine Ganzheit wächst. So bekommt der Bau eine Identität. Mein Motto ist ‹Mensch und Architektur› und das ist immer eine Frage des Dialogs. Deshalb war in diesen Zeiten des Bauens Dialog mein Grundmotiv, ob es nun Schulen, Krankenhäuser, Rathäuser oder Bürogebäude waren. Architektur als Gespräch, ein Gespräch mit allen physischen und nicht physischen Aspekten. Übrigens ist Nachhaltigkeit seit 30 Jahren vollkommen integriert in unsere Architektur.

Dann kam vor zehn Jahren eine neue Zäsur. Zum zweiten Mal in meinem Leben bekam ich Röteln! Ich ging zu meinem Hausarzt und von ihm hörte ich: «Thomas, wenn man 50 wird und zum zweiten Mal Röteln kriegt in seinem Leben, dann tut man immer noch nicht, was man sich eigentlich in seinem Leben vorgenommen hatte.»

Foto: Michael Jin / Unsplash

Und das traf dich?

Ins Mark. Ich wusste sofort, das stimmt. Meine ganze Biografie glitt an mir vorüber und mir ahnte, dass ich den Begriff Architektur viel zu eng gefasst hatte. Es gibt ja den klassischen Begriff Architektur in der gebauten Umgebung, es gibt aber auch die Systemarchitektur und eine grundlegende Veränderung geschieht nur über eine andere Systemarchitektur. Also habe ich ein zweites Architekturbüro gegründet, das sich mit der Systemarchitektur beschäftigt. Schließlich ist Veränderung die einzige Konstante.

Neben dem Architekturbüro RAU habe ich zusammen mit meiner Frau Sabine Oberhuber ‹Turntoo› gegründet. So sind wir jetzt seit zwölf Jahren auch damit beschäftigt, große Unternehmen zu begleiten, um neue Geschäftsmodelle zu bauen. ‹Light as a service› war eines der ersten Modelle, die wir u. a. für den Amsterdamer Flughafen entwickelt haben. Wir haben den Gedanken der Kreislaufwirtschaft in die Baukultur integriert. Zusammen mit der Ellen MacArthur Foundation und McKinsey haben wir u. a. Beiträge geleistet am Davoser Weltwirtschaftsforum, aber mein Eindruck ist, wenn man wirklich was verändern will, dann braucht man dort nicht hin.

Vielleicht darf ich ein anderes Beispiel nennen: Wir sind Gast und nicht der Wirt auf dieser Erde. Alle nicht wachsenden Materialien sind limitiert, weil die Erde ein geschlossenes System ist. Also gibt es auch keine Rohstoffknappheit, so wie es auch keine Kunstknappheit gibt. Es gibt ja keine Knappheit an Rembrandt-Gemälden, sondern der Maler hat eine begrenzte Zahl von Bildern gemalt. So wie diese begrenzten Kunstwerke, so sind auch die Materialien, die Kunstwerke der Erde, eine Limited Edition. Nur sind die Grenzen manchmal noch so weit weg, dass man sie nicht wahrnimmt, und dann sprechen wir von einer Rohstoffknappheit und meinen eine unbegrenzte Menge, die aber leider momentan nicht verfügbar, sondern ‹knapp› ist. Aber eine Rohstoffknappheit gibt es gar nicht! Genauso wenig, wie es eine Rembrandt-Knappheit gibt oder eine Mondrian-Knappheit, es sind einfach Limited Editions. Und aus der Kunst wissen wir auch, dass, wenn etwas limitiert ist, wir das besonders wertschätzen und für den Erhalt sorgen. Wir bauen teure Museen, teure Depots für die Kunst. Und dasselbe müssen wir eigentlich auch mit den Materialien, den Rohstoffen machen. Wir müssen einfach realisieren, dass ein Gebäude eigentlich ein Museum für Materialien ist.

Außerdem ist unser Sein zeitlich und damit haben auch unsere Bedürfnisse einen zeitlichen Charakter. Das bedeutet, dass jede gebaute Antwort für ein zeitliches Bedürfnis ein zeitliches Aggregat ist. Diese zeitlichen Aggregate kommen nur mithilfe der Limited-Edition-Materialien zustande. Das heißt im Klartext, dass alle Gebäude auch als Zwischenlager für Materialien entworfen werden müssen. Schließlich müssen wir die sich ständig verändernde Zeitlichkeit mit limitierten Mitteln bedienen. Materialien verdienen dieselbe Haltung wie die durch den Menschen geschaffenen Kunstwerke.

Ja, und der dritte Gedanke ist, dass wir uns sagten: Abfall ist Material ohne Identität.

Was hast du daraus entwickelt?

Wenn man allen Materialien eine dokumentierte Identität geben könnte, dann können sie nie wieder Abfall sein. 2012 habe ich deshalb den ‹Material Passport› eingeführt für die gebaute Umgebung. Wir haben 2017 das ‹Madaster› gegründet, also das Kataster für Materialien, im Sinne einer Datenbibliothek für Materialien. Für die Oberflächenverwaltung der Erde, übrigens auch begrenzt, ist das Kataster, die Datenbibliothek, für die Materialverwaltung auf dieser Erde ist es das Madaster. Das ist eine Onlineplattform, wo man alle Materialien registrieren kann, die man im Gebäude verbaut hat. Die Plattform läuft jetzt in sieben Ländern und Ende des Jahres kommen Luxemburg und Großbritannien hinzu. Die Idee ist, sie weltweit laufend anzubieten, weil die Menschheit wissen muss, wo all die limitierten Materialien, die uns hier auf diesem runden Buffet, genannt Erde, zur Verfügung gestellt wurden, denn sind. Denn mit den limitierten Dingen müssen wir ja unlimitierte Bedürfnisse befriedigen. Weil unser Sein zeitlich ist, sind unsere Bedürfnisse zeitlich, damit ist auch jede Antwort auf unsere Bedürfnisse ebenfalls von zeitlicher Art, also alles ist eigentlich ein zeitliches Aggregat, und dieses kommt nur zustande, wenn ich limitierte Materialien benutze. Wie kann ich eigentlich all die Materialien aus diesem Produkt wieder herauslösen, sodass ich damit auch wieder neue Dinge schaffen kann? Jedes Produkt wird eigentlich zu einem organisierten Materiallager. So ist die durch RAU entworfene neue Hauptgeschäftsstelle der Triodos-Bank (12 500 m2) das erste vollkommen zerlegbare Bürogebäude der Welt, ohne dass Materialien verloren gehen oder in ihrem Wert vermindert werden. Also alle Verbindungen sind trocken. In diesem Fall kamen 165 313 Schrauben zum Einsatz. Es ist nicht nur ein Materiallager, sondern auch eine Materialbank, weil der finanzielle Wert der ‹gelagerten› Materialien bilanztechnisch aktiviert werden soll.

Foto: Vivianne Lemay / Unsplash

In eurem Buch schreibt ihr: Die Minen dieser Welt sind die Bibliotheken der Materialien.

Ja, das ist der Schritt. Es ist wichtig, die Dinge bis zu ihrem Ende zu denken, und ein solcher ‹End-Schritt› wird sein, dass wir nie wieder Materialien besitzen können, sondern sie uns nur auf Zeit ausleihen. Wir haben die Wertschöpfungskette und die beginnt mit der Erde. Dann haben wir die Staaten, die Minen, die Förderer, die Produzenten und die Kunden und Kundinnen. Jeder in dieser Kette sucht dabei nach dem oder der Nächsten, der oder die ihm die Stoffe bzw. das Produkt abnimmt. Ich kann in der Wertschöpfungskette also immer in der Vorwärtsrichtung weitergehen. Der Kunde, die Kundin steht am Schluss und es ist wie in dem Spruch: Den letzten beißen die Hunde! Was kann er tun? Entweder schmeißt er die Dinge irgendwann weg, bringt sie zum Werkstoffhof oder übergibt sie an die Enkel als unwillkommene Zwischenlösung. Er hat niemanden in der Vorwärtsrichtung, der ihm diesen Wert, dieses Produkt in Dank abnimmt. Eine Kette, die mit Abfall endet, ist keine Wertschöpfungskette, sondern eine Wertevernichtungskette. Unser Gedanke: Wie wäre es, wenn wir die Kette auch in die andere Richtung bauen?

Was bedeutet das?

Materialien werden entweder in der Vorwärtsrichtung gebraucht, um einen Wert, ein Produkt zu schaffen in der Wertschöpfungskette, oder sie sind in der Rückwärtsrichtung, um ihren Wert zu erhalten in der Werterhaltungskette. Das ist wie in der Bibliothek: Ich leihe mir ein Buch aus, um es zu lesen, und dann bringe ich es wieder zurück! Die Bücher befinden sich in der Verwaltung und dem Gemeinschaftsbesitz der Stadt. Materialien sind eigentlich in der Verwaltung der Menschheit und damit Menschheitseigentum. Material ist dann ein Service. Eine Mine würde auf diesem Weg keine Materialien mehr verkaufen, sondern die Minen werden die Verwalter der Menschheit für die Materialien und kriegen einfach einen bestimmten Zinssatz dafür, dass sie ihr Kupfer oder was auch immer von der Erde für einen bestimmten Zeitraum zur Verfügung stellen. Dann wird Material Service. Man stelle sich vor, was es für wirtschaftlich benachteiligte Entwicklungsländer bedeutet! Sie werden nicht mehr ausgebeutet, sondern sie verwalten ihre Rohstoffe als Menschheitseigentum! Das verlangt, dass wir die Eigentumsfrage neu definieren. Es geht hier nicht um einen Trick, sondern um einen fundamentalen kulturellen Umschwung, den wir als Menschen organisieren müssen.

Wie sieht das mit dem Madaster konkret aus?

Jemand will ein Haus bauen, lädt sich dazu im Netz seine Zeichnung herunter und erfährt, wie viel co₂ das verbraucht, wie viel Materialien damit gebunden sind. Das ist wie eine Buchhaltung. Als Hausbesitzer bin ich dann nicht nur Immobilieneigentümer, sondern ich leihe mir dafür auch Materialien, die in meiner Bilanz stehen. Es ist eigentlich ganz einfach.

Das hat sicher auch finanzielle und politische Folgen, solch eine Wende?

Natürlich. Das System betrifft alles und alle. Wir müssen nicht die Welt neu denken. Wir müssen einfach neu denken. Ich denke, die allergrößte Vision ist die Realität und der wollen wir nicht ins Auge schauen. Deswegen machen wir solch einen Zirkus. Das heißt, wir brauchen ein neues politisches System, müssen anders mit Geld umgehen, anders mit Eigentum, anders mit Mobilität. Und so weiter. Und ich versuche da meinen kleinen Beitrag zu leisten und die Dinge auch direkt zu implementieren. Jetzt bin ich gerade intensiv mit der Energiefrage beschäftigt. Ich denke, dass wir eine frei zugängliche Energie für die Menschheit haben. Und da bin ich jetzt auf der Suche, vielleicht sogar fündig geworden. Dazu kann ich im Herbst beim WGA-Forum am Goetheanum mehr erzählen. Aber ich suche mir immer wieder einen neuen Sektor, wo ich meine eigene Forschung vorantreiben kann. Und alles, was ich denke, probiere ich auch direkt umzusetzen in unseren eigenen Gebäuden, wie die Geschäftsstelle der Triodos-Bank, das erste komplett ‹remontabele› Bürogebäude der Welt. Man könnte es komplett auseinanderschrauben, ohne dass irgendein Material verloren wäre. Das erfordert eben ein neues Denken, und mir scheint, dass da der Schlüssel liegt. Wenn wir beide sagen, komm, wir laufen morgen mal einen Marathon, dann kommen wir wahrscheinlich nicht so weit, weil wir nicht geübt haben. Und das ist mit dem neuen Denken eben auch so, das ist auch eine Höchstleistung, ein Hochleistungssport, den man einfach jeden Tag, jeden Tag üben muss, um weiterzukommen. Und da gibt es natürlich alle möglichen Begriffe dafür, auch in der Fülle der Anthroposophie.

Foto: Evgeny Karchevsky / Unsplash

Du hast betont, dass Eurythmie dir geholfen hat, deinen Körper als ‹Musikinstrument› wahrzunehmen, die Eurythmie dir manches ermöglicht hat. Jetzt hast du die Handlungslücke angesprochen. Es ist dir gelungen, sie immer wieder zu schließen und Lösungen zu entwickeln. Wie gelingt dir das?

Ich hatte in der Alanus-Zeit Probleme mit meinen Zähnen und war deshalb bei einer Kieferorthopädin in Behandlung. Sie sagte, es müsse einer meiner vier Schneidezähne gezogen werden, weil mein ‹Esszimmer› zu klein sei. Da stehen zu viele Stühle drin. Ich bekam eine Zahnspange, eine mobile Klammer. Als ich nun Eurythmie machte, begann es furchtbar im Kiefer zu schmerzen. Das war unangenehm. Bei der Kieferorthopädin kam irgendwann einmal die Sprache darauf. Sie war Anthroposophin und empfahl, dass ich die Klammer vor der Eurythmie ablegen solle. Nach anderthalb Stunden Eurythmie konnte ich sie aber nicht mehr anlegen. Da habe ich verstanden: In diesen anderthalb Stunden ist einer der festesten Bestandteile meines Körpers, nämlich mein Kiefer, in Bewegung geraten! Das hat mich sehr fasziniert. Ich sehe meinen Körper also als mein Instrument, auf dem ich mein Leben spielen kann. Mir wurde klar, wie wenig ich mein eigenes Instrument kenne.

Was folgte dann?

Noch weniger, als ich es kenne, bin ich in der Lage, mein Instrument selbst zu stimmen, sodass es mitspielen kann im großen sozialen Orchester. Das leistet für mich die Eurythmie. Eurythmie ist nicht nur das Bewusstsein in der Bewegung, sondern sie stimmt mein Instrument ‹Leib›, sodass ich mein Leben, meine Biografie leben kann. Das ist natürlich eine tägliche Sache, die man täglich auch beachten sollte. Das ist für mich der Schlüssel, denn was man im Inhaltlichen bewegen kann, kann man auch im Äußerlichen bewegen. Und was im Äußerlichen bewegt wird, kann im Innern Anleitung sein zur Bewegung. So bin ich immer mit der Architektur umgegangen, und das ist mein Leitfaden, warum ich die Dinge so mache, wie ich sie mache. Ich mache nichts Besonderes. Was ich mache, kann jeder tun. Ich bin einfach nur auf der Suche nach meinem Instrument und wie ich es bespielen muss. Vielleicht muss ich eher sagen, man ist eigentlich ein ganzes Orchester, spielt manchmal nur ein Instrument, aber man hat den Kontrabass und das Saxofon in der rechten Hosentasche. Das ist so faszinierend, dass man immer wieder ein anderes Instrument in sich entdecken kann. Also ich bin eigentlich immer nur auf der Suche nach meinem Menschsein und welche Möglichkeiten ich in diesem Leben habe. Und die will ich dann auch sprichwörtlich bespielen.

Ich bin in meinem Leben immer wieder auf das Thema Kooperation gestoßen. Es geht weniger darum, dass du selbst so vorankommst, sondern vielmehr darum, zu lernen, wie wir zusammenarbeiten. Wo und wie übst du mit anderen, zu kooperieren?

Das ist für mich kein Sollen oder Müssen, sondern ein Wollen. Wer etwas nicht will, sucht einen Grund. Wer etwas will, sucht den Weg. Ich bin immer auf der Suche nach dem Weg, weil ich denke, die Aufgaben unserer Zeit sind so unglaublich komplex, dass eine einseitige Antwort der Komplexität niemals gerecht wird. Also die Welt braucht jetzt aufeinander abgestimmte Antworten. Und auf der anderen Seite – das ist ja wie im Orchester – wird jemand, der schlecht spielt, nie im Orchester mitspielen dürfen. Jemand muss sein Instrument super gut beherrschen, um überhaupt in der Lage zu sein, mit anderen etwas zu spielen. Zusammenarbeit ist kein Selbstläufer, sondern hat auch Voraussetzungen, nämlich dass man sein Musikinstrument gut beherscht. Ich glaube, dieser Schritt wird oft vergessen, und dann ist man erstaunt, warum das Zusammenspielen nicht funktioniert. Wer die Welt verändern will, ist selbst oftmals die größte Behinderung für seine Ambitionen. Deshalb ist die Schulung des eigenen Instrumentes wichtig, um überhaupt zusammenspielen zu können. Alleine die Welt verändern zu wollen, ist tapfer …

Und dein eigener Schlüssel, von dem wir hier sprechen. Wie würdest du deine Botschaft in drei Sätzen beschreiben?

Das ist eine gute Frage. Wir haben keinen Mangel an Informationen, wir haben aber auch keinen Mangel an Einsichten. Aber wenn Einsicht auf psychische Abwehr stößt, kommt sie nie in die Welt. Wir sind alle einfach auf irgendeine Weise verletzt. Wir haben persönliche Kränkungen, wir haben nationale Kränkungen, wir haben globale Kränkungen. Wenn Einsicht auf Kränkung stößt, geht das nie gut. Wir sollten gut schauen, was unsere eigenen Kränkungen sind, wo sie liegen. Wir sollten sie verarbeiten, weil wir sonst nicht in der Lage sind, die Einsichten wirklich umzusetzen. Die persönlichen Kränkungen, auf welcher Ebene auch immer, sind oft Anlass, dass etwas nicht in die Welt kommt. Daran sollten wir alle arbeiten. Es ist wichtig, Kränkungen ernst zu nehmen. Wir haben wirklich ganz andere Aufgaben. Es hängt damit zusammen, dass wir nur enttäuscht werden können über unsere eigenen Erwartungen. Wir brauchen deshalb ein anderes Erwartungsmanagement, was eigentlich heißt, Mensch zu sein. Und dann, dann können wir da eigentlich hinkommen. Ich will nicht sagen, dass es ein leichter Weg ist, aber es ist ein Weg voller Freude.


Foto Possessed Photography / Unsplashed

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  1. Ein grossartiger Artikel, in dem ich mich immer wieder selber gesehen habe (wie im Spiegel auf dem Sargboden). Seit dem Sterben meiner Frau vor gut 8 Monaten fühle ich mich wie in einer Schwangerschaft, die auf die Geburt meiner selbst zugeht. Vielleicht hat mich dieser Text von Herrn Rau deshalb so tief berührt. Danke!

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