Einander ein Zuhause sein

Gastfreundschaft ist das Geheimnis zur Veränderung. Sie bedeutet: Anwesenheit. Wir beheimaten uns in uns und erkennen uns selbst, sodass auch andere anwesend werden können. Wir führen nicht andere, sondern uns selbst. Das Gute fließt in unseren Willen.


Was regt unseren Willen an? Das ist eine Frage, die mich inspiriert. Wo verbinden wir uns so, dass es unserem Willen möglich wird, sich intensiver auf Freiheit einzulassen? Und was charakterisiert die Freiheit, nach der wir streben? Wie können wir unser gemeinsames Streben auf eine Gesellschaft lenken, die gerecht und inklusiv ist und Ausdruck eines höheren Sinnes? Mit diesen Fragen habe ich mich in Vorbereitung auf das heutige Thema auseinandergesetzt. Als Menschen müssen wir da sein, wo wir sind – und wann wir es sind –, um gewisse göttlich-heilige Verabredungen einzuhalten. Die Energie unseres Planeten erhöht sich in der heiligen Gastfreundschaft unserer gegenseitigen Zukunft. Was mir am Herzen liegt, ist, dass wir nie weit von der Wahrheit entfernt sind. Als Menschen tragen wir den Makrokosmos in uns. Ungeachtet von Ort und Zeit, tragen wir eine wahre Wirklichkeit in uns, in diesem geistigen Einssein. Aber wie wissen wir das? Wie erleben wir Verbundenheit, wenn wir dieser inneren Wahrheit nicht folgen? Wir spüren nur unsere eigenen Grenzen. Wir erleben uns als isoliert. Aber es gibt einen Bewusstseinsbereich und wenn wir uns dorthin begeben, erkennen wir, dass wir Teil von etwas Größerem sind: und das ist das Selbst, das wahre Selbst. Durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch haben Menschen in allen Kulturen und Traditionen verstanden, dass wir unser Selbst erkennen müssen. Initiation und Entwicklung waren von jeher dadurch ausgezeichnet, dass sie auf Selbsterkenntnis hin ausgerichtet sind. Damit ist nicht Selbstinteresse gemeint. Selbsterkenntnis war nicht Selbstinteresse. Selbsterkenntnis ist die Wahrheit, die uns die Teilnahme an einer werdenden Realität und an der lebensnotwendigen Energie eines planetaren Bewusstseins ermöglicht. Das haben wir verloren. Nun suchen wir nach einem Weg, um unseren Willen zur Wahrheit zurückzuführen.

Hier geht es nicht um das Führen anderer, sondern um das Führen unseres fehlgeleiteten Willens zurück zu seiner Quelle, zurück zu unserer Selbsterkenntnis. Diese mögliche Initiation der modernen Zeit besteht darin, selbstbewusste, selbstbestimmte Eingeweihte unseres Willens und des Schicksals unseres Planeten zu werden. Darin liegt ein hohes Privileg. Dieser Ruf geht nicht nur von anderen Menschen aus – dass wir uns an irgendeiner Art Unternehmen beteiligen müssen, sei es Demokratie oder Kapital oder sonst etwas –, sondern der Ruf geht dahin, an unserem eigenen Willen teilhaben zu können.

Sich zu sich selbst führen – der Wille

Der Wille an sich ist eine übersinnliche Realität. Unser Wille ist nicht einfach unser Intellekt, der etwas Großartiges erreichen will. Der Wille im Menschen ist zunächst reine Beobachtung. Gleich dem Kind, dessen Aufmerksamkeit das übersinnliche Bewusstsein in den auf das Leben vorbereiteten Sinnesleib inkarniert. Das Kind kommt in die Welt, um Mensch zu werden, und es entwickelt den Willen zum Menschsein, indem es andere Menschen beobachtet. Wir erben die Welt von anderen Menschen. Wir erben unseren Leib von anderen Menschen. Wir erben unsere Kulturen von anderen Menschen. Aber unseren Willen erben wir nicht. Der Wille ist anderen Menschen anvertraut, die ihn führen, bis ich ihn selbst führen kann. So folgt das Kind der Führung anderer.

In der Art, wie wir einem Kind die Realität nahebringen, liegt Führung, darin liegt Erziehung. Welche Aufrichtigkeit liegt in der Aufmerksamkeit des Kindes, wenn wir ihm sagen: ‹Ich nehme dich als Licht wahr, als Liebe, als Leben.› Und wie aufrichtig sind wir für das Kind in dem, was wir ihm vorleben, in diesem Urbild des Seins? Die ersten Grenzen zeigen sich in dieser zutiefst innigen Beziehung. Werden wir der Hingabe gerecht, die uns ein Kind entgegenbringt, der Ehrfurcht, die ein Kind für einen erwachsenen Menschen bedeutet? Wir beobachten, ob Licht, Leben und Liebe das Herz des Kindes erreichen und in ihm den Willen erwecken, genau das zu sein. Die Waldorflehrerinnen und -lehrer unter uns wissen, wie wir das zu entwickeln suchen, aber das gilt auch für Ärztinnen, Künstler, Nachbarinnen, Freunde. Was geben wir einander? Wir geben das, was den Willen im anderen Menschen anregt. Heilige Gastfreundschaft weckt die Erinnerung an die allertiefste Selbstwahrnehmung, dass unser Leib darauf vorbereitet wurde, der Geist-Seele ein Zuhause zu geben. Das ist eine heilige Absicht. Mein Leib nimmt den Willen auf, damit alle Arten von Zukunft in die Welt kommen können. Wo zwei oder mehr zusammen sind, sind diese Zukunftsmöglichkeiten gegeben, sogar wahrscheinlich. Und sie könnten sehr real sein, wenn wir gegenseitig unsere Kreativität und Daseinsintentionen aufnehmen, als hingen Sonne, Mond, Sterne und alle Planeten davon ab.

Bei den meisten Gesprächen über Führung geht es darum, wer für die enormen Ressourcen und die Bevölkerung auf diesem Planeten verantwortlich ist. Die Menschen beanspruchen unseren Willen tagtäglich für ihr eigenes Interesse. Wenn wir unseren Willen nicht für finanziellen Gewinn zur Verfügung stellen, wird er einfach genommen und versklavt. Es gibt heute auf der Welt noch über 80 Millionen versklavte Menschen. Sie werden bewusst versklavt, um die Waren zu produzieren, die wir jeden Tag kaufen und verkaufen. Wo ist hier die Führung? Das Licht möchte in unseren Willen einziehen – Licht, das mit den überbewussten, übersinnlichen Wesenheiten zusammenhängt, deren Weisheit nicht nur unseren Willen erneuern kann, sondern auch das wiedergutmachen kann, was wir unserem Planeten angetan haben. Deren Licht kann sich aber nur kundtun, wenn wir es in unsere Sinneswahrnehmung aufnehmen. Aber wir sind in den unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen von Erziehung nicht mehr daran gewöhnt, Licht aufzunehmen, weil es manchmal unserem Selbstinteresse entgegensteht. Das Licht könnte von uns erwarten, dass wir mehr Opfer auf uns nehmen und großzügiger oder kreativer mit dem umgehen, was wir haben. Dazu sind wir nicht unbedingt bereit. Diese Einschränkung hat also mit Selbstheilung zu tun. Ich glaube, dass ich mehr verdient habe. Mehr wovon? Ich weiß es nicht, aber das hören wir in unserer Kultur am häufigsten: dass ich nicht habe, was ich brauche, um mich selbst zu verwirklichen.

Ich habe also den Schritt unternommen und mir diese ‹Freiheitsphilosophie› angeschaut – eine Philosophie, die umso wahrer ist, je jünger wir sind. Eine Philosophie ohne Inhalt. Reine Aufmerksamkeit. Der selbstbestimmte Wille eines Wesens, dessen Liebe zum Menschwerden uns in den verwundbarsten Raum und die verwundbarste Zeit des Lebens versetzt, als Kind zu sagen: ‹Es mögen aus dieser reinen Wahrnehmung heraus alle Bewusstseinsfähigkeiten entstehen!› Es gibt eine ‹Philosophie›, die mit dem Menschen geboren wurde und die uns so entwickeln lässt, dass wir für das Menschwerden offen sind, indem sie uns darauf vorbereitet, jede Sprache zu sprechen, jeden Menschen zu lieben und jede Kultur in uns aufzunehmen. Wie sehr wir einmal Wille waren! Ich wollte dieser Art zu leben Ehrfurcht entgegenbringen, die wir nicht vor 1000 oder gar 20 000 Jahren verloren haben, sondern erst vor wenigen Jahrzehnten. Diese ursprüngliche Intuition lebte in jedem von uns vor nicht allzu langer Zeit. Deshalb bin ich voller Hoffnung, dass wir, wenn wir uns etwas Mühe geben, auf unsere Biografie schauen und uns dem Licht wieder zuwenden können. Es braucht keine andere Philosophie, auch kein anderes Wirtschaftssystem in der Welt, um zu dem Leben zurückzukehren, das wir mitgebracht haben. Das ist heilige Gastfreundschaft. Kann ich meine Biografie auf die Ebene transparenter Intervention erheben und mit meinen Gewohnheiten brechen? Die Gewohnheiten, die gelernt haben, nach mehr Materie und nicht nach mehr Geist zu streben, die nach mehr Zukunft fragen, anstatt auf die Zukunft zu blicken, die schon in uns verborgen liegt?

Urte Copijn, Laut W

Durch das Selbstinteresse hindurchsehen – das Gute

Was bedeutet es, einen anderen Menschen aufzunehmen und zu fragen: ‹Was brauchst du von mir, um zum innersten Kern deiner Selbst zurückzukehren?› Diese Frage kostet nichts außer Freundschaft und Zeit. Diese Art von Erziehung erhöht unsere Wertschätzung dessen, was Zeit wirklich ist. Sie regt den Willen zu zwei Dingen an: mehr von der Welt aufzunehmen und mehr von sich selbst aufzunehmen. Es ist wie in dem Gedicht ‹One Thing’s Necessary›1 von Hans Børli: Ich muss in meinen eigenen Augen wohnen, wissen, dass ich dich sehe, und mit dir übereinstimmen, dass wir, wenn wir uns gegenseitig sehen, uns auch ein gewisses Maß an Achtung schulden. Das ist die Führung der Zukunft. Nichts wird sich ändern, wenn wir diese grundlegende Fähigkeit göttlicher Vision nicht wiederherstellen.

Diese Art des Sehens ist uns erst vor kurzer Zeit abhandengekommen. Sie ist mit uns in die Welt gekommen. Und unser Gedächtnis ist durchaus fähig, zu dieser natürlichen Hellsichtigkeit zurückzukehren. Interessanterweise gehen wir bei dieser Wiedergewinnung unserer Lebensenergie nicht in der Zeit zurück, sondern begeben uns auf eine höhere Bewusstseinsebene. Diese Initiation bringt uns auf einen Weg der Selbstverantwortung; Verantwortung für die soziale Bedeutung dessen, was wir miteinander teilen können. Sie öffnet uns auch den Weg zu den höheren Prinzipien, die wir Prophezeiung nennen. Sie lässt uns die Welt wie die Urwesenheiten sehen, deren Weisheit höchste Schöpferkräfte entfaltet. Wir erhalten Zugang zu deren Weisheit bezüglich der Möglichkeiten, die in und um uns vorhanden sind. Sie zeigen uns eine Ökologie, mit der wir an das kreative Potenzial unseres eigenen Bewusstseins anschließen können. Indem wir auf unser Leben zurückblicken, schauen wir zurück auf die Schöpferwelt, und so ergreifen wir unseren Willen, der von bestimmten Intelligenzen durchdrungen ist. Das mag wohl vielen Paradigmen darüber widersprechen, was Erkenntnis geworden ist. Aber eine Weisheit liegt in uns verborgen: die Weisheit der Liebe. Wenn wir unser Leben betrachten, beginnen wir, eine Eigenschaft von Einsicht zu verstehen, die mit Vergebung zu tun hat. Wir erkennen, dass es bei dem Angeschauten, bei dem, was wir unser Leben nennen, viele Verfehlungen gibt.

Als Menschen unserer Zeit sehen wir die Konflikte in unserem Leben. Viele Menschen wollen sich damit nicht auseinandersetzen – mit der Spannung und dem Widerspruch; damit, dass ich etwas Gutes tun wollte, es aber nicht getan habe. Etwas hat mich davon abgehalten. Ich habe erkannt, dass ich nicht stark genug war, der Versuchung zu widerstehen, und habe mich irgendwie anders entschieden. Das ist wohl der kritischste Punkt, wo wir uns etwas Freiheit gewähren müssen. Die Freiheit, uns selbst zu vergeben, unserem Willen zu vergeben, dass er nicht das Licht gewählt hat. Es ist wirklich alles Kommunion. Uns selbst zu vergeben, ist unsere Kommunion. Der Selbstbeobachtung diese Heiligkeit zurückzugeben, weil wir nicht wussten, wer wir sein sollten. Wir haben so vieles von dem, was wir über uns selbst denken, übernommen. Und weil wir sein wollten, haben wir alle möglichen Botschaften in uns aufgenommen und ausgelebt. Aber Selbstreflexion ist eine Fähigkeit aus der Welt der Engel. Jedes Mal, wenn wir über uns selbst nachdenken, bedienen wir uns der Weisheit der Engel. Daher sage ich, dass wir uns auf mikrokosmischer Ebene befinden, wenn wir den Willen sich selbst zurückgeben. Wir sind nie ohne kosmischen Willen, wenn wir uns verwandeln. Wir schenken uns tatsächlich Freiheit: Interesse dafür zu entwickeln, die freien Kräfte unseres Willens und das Schöpferische unserer Fantasie zu erlösen.

Das Wort ‹heilig› bedeutet für mich hier ‹selbst›. Oder ein Einssein, die Teilnahme an dem höheren gemeinsamen Sinn jeder Realität, ob wir sie mit Menschen, Pflanzen, Tieren oder mit höheren Weltenwesen teilen. Das Selbst gehört wesentlich zu allen Wirklichkeiten. Und hier setzen wir das Ziel der Vision: in das Walten dieses Geheimnisses schauen zu können. Die Aufmerksamkeit auf diese Reflexionsfähigkeit hebt den Schleier. Es ist gut möglich, dass alles schwieriger wird, als es vorher war, wenn wir den Schleier lüften, um Sehende der wirklichen Welt zu werden. Ich betone das Wort ‹wirklich›, denn jetzt, mit genügend Selbsterkenntnis – nicht Selbstinteresse –, können wir daran teilhaben und andere verantwortungsvoll begleiten, für eine gerechtere Gesellschaft in der Welt. Die Herausforderung in Wirtschaft und Gesellschaft hat mit dem Zurückhalten unseres wahren Selbst zu tun, und damit, dass wir andere Substanzen und Dinge in dem Glauben anbieten, dass sie unsere zwischenmenschlichen Beziehungen verbessern. ‹Gut, ich gebe dir eine andere Führungsposition. Gut, ich erhöhe dein Gehalt. Ich gebe dir irgendeine andere Belohnung. Aber mich selbst halte ich von dir zurück.› So sieht es größtenteils aus in der Welt. Meist ist in unserer Gesellschaft kein Gastgeber, keine Gastgeberin verfügbar, und es fehlt an menschlicher Nähe. Wir haben vieles, das an der Börse gehandelt werden kann. Wir machen täglich viele Geschäfte, aber wie oft sind wir wirklich an dem inneren Ort anwesend, der für die so dringend notwendige Zukunft bestimmt ist? Aber es gibt Hoffnung, dass die Zeit für eine Art Gerechtigkeit gekommen ist. Nicht vor Gericht, sondern ich meine das Selbst, das sich immer wieder in unserem Leben zeigt – das Selbst, das gesehen und anerkannt werden will. Es gibt keine vollkommenere Gerechtigkeit als Selbstwerdung: ein menschliches Selbst, das die Welt im Bewusstsein trägt.

Die Freiheiten, die wir entwickeln, haben daher mit individueller Deutungskompetenz zu tun, mit der Verantwortung, immer wieder Aufklärung zu suchen. Dient das, was wir tun, dem Guten? Das mag nicht immer in erster Linie meinem Interesse dienen, denn das Gute könnte zunächst einmal einem anderen Menschen dienen wollen. Wie gesagt, das Gute dient nicht dem Selbstinteresse.

Es beansprucht den menschlichen Willen, um ihn zu einer Realität hinzuführen, wo etwas zur Erfüllung kommen kann. Das Gute wirkt wie ein Energiefeld in der natürlichen Ökologie und der Ökologie des menschlichen Bewusstseins, um substanzielle Erfahrungen zu schaffen, die die Welt voranbringen. Es geht also nicht um etwas, das wir für uns persönlich beanspruchen, indem wir sagen: ‹Ich habe viel Gutes getan.› Nein, wir hatten das Glück, dass das Gute etwas mit unserem Willen getan hat. Gutes zu tun oder Gutes zu erfahren ist nicht so einfach. Wir müssen dem Willen Freiheit geben, damit das Gute geschehen kann; wir müssen es ihm ermöglichen, sich zu öffnen und die Welt hereinzulassen. Und die Wahrheit. Es ist wie mit Schönheit. Man nimmt sie wahr. Sie zeigt sich und man macht sich in seinem Bewusstsein empfindsam für sie. Aber man verändert nichts an der Schönheit. Wir sagen nicht, ich hätte lieber … ein anderes Muster. Wir treten einen Schritt zurück und finden in uns die Kreativität zu sagen: ‹Ah! Wow!› Das ist eine kreative Geste. Wir wissen, wie wir frei werden, um Schönheit wahrzunehmen. Wahrheit und Güte erfordern die gleiche Kreativität, um den künstlerischen, fantasievollen Impuls zu finden, um der Intuition Raum zu schaffen.

Urte Copijn, Laut N

Sich selbst schenken wollen – die Wahl

Führung bedeutet heute nicht, jemand anderen auf einen bestimmten Weg zu bringen. Es liegt an uns, diese einstmals heiligen Fähigkeiten wieder so zusammenzubringen, dass sie einem übergeordneten Guten dienen. Gerechtigkeit ist heilige Gastfreundschaft uns selbst und anderen gegenüber, täglich, in diesem Rhythmus, damit wir aufnehmen können, was unser Planet als Teil seiner Evolution an sich ziehen wird.

Ich freue mich, dass es Menschen gibt, die das tiefe Wissen besitzen, diese Entwicklung lenkend zu begleiten. Es ist eher wie ein Diskurs, ein Raum, in den wir unsere Fragen einbringen können. Was wirkt auf uns? Was zeigt mir, dass ich mit meinem Willen zu weit gehe? Welche Art von Wissen macht es mir möglich, so ehrlich zu sein, dass ich versuche, mein eigenes Denken, Fühlen und Wollen zu berichtigen, bevor ich andere berichtige? Zu jemand sagen zu können: ‹Erinnere mich daran, mein bestes Selbst zu sein.› Wir werden daran erinnert, unser bestes Selbst zu sein, weil diese Menschen Respekt in uns wecken. ‹Ohne meine volle Aufmerksamkeit kann ich nicht auf diesen Menschen zugehen.›

Die Wahl, die wir jetzt haben, könnte viel einfacher sein, wenn wir die Freiheit verstehen, die mit tiefer Selbstreflexion und der Offenheit für die übersinnliche Welt einhergeht – für das, was wir Überbewusstsein nennen. Dafür ist nicht viel Inhalt oder Information erforderlich, sondern vielmehr eine kreative Energie, die es mir ermöglicht, meinen Willen anzupassen. Wenn ich in den Strom des übersinnlichen Bewusstseins eintauche, inkarniere ich mehr Willen. Das hilft mir, das zu lieben, was ich als Handlungen in die Welt bringe. Ich liebe die Tat, bevor ich sie ausführe. Ich liebe das, was mein Wille erzielt, weil ich es sehen, bezeugen, mich in der moralischen Herzensmitte meines Seins damit auseinandersetzen kann. Ich habe die Bestätigung, dass ich besser bin, weil ich die Zukunft kenne. Ich bin geheilt, weil ich diese Zukunft kenne. Es ist also an der Zeit, die Wunde aus dem Weg zu räumen, die mir als Ausrede dient, damit ich mehr Zeit in der Welt damit verbringen kann, mehr Besitz anzusammeln und mein Selbst zurückzuziehen.

Ich lade uns ein in die heilige Gastfreundschaft unseres Seins, nicht als Spiel, sondern um dem Selbstbetrug ein Ende zu setzen, dem Sabotieren der Selbstpflege und dem Missbrauch göttlicher Inspiration. All das tun wir! Doch jeder Augenblick bringt die Möglichkeit für Wahrheit, Wandel, Realität, Sinn, Zauber, Mystik und möglicherweise Freiheit. Wir leben in diesem dialektischen Kampf und die moderne Menschenseele hat die Wahl.


Urte Copijn zu ihren Skizzen

Experiment zu den Lauten in Akkorden: Bei der malerischen Arbeit mit den Skizzen, welche über Jahre während der zwölf Heiligen Nächte entstanden, lebte in mir auch der unwiderstehliche Drang zu erfahren, wie die vier Farben eines Lautes zusammenklingen. Ich ging von der Reihenfolge Bewegung (B), Charakter (C), Gefühl (G) und der Tierkreisfarbe (T) aus. Spielen wollte ich damit und erleben, wie sich der Farbklang wandelt. Im ersten Bild ließ ich die vier Farben nebeneinander stehen. In der zweiten Skizze malte ich die gleichen Farbklänge in der oben angegebenen Reihenfolge von innen zur Peripherie übereinander. In der dritten drehte ich die Reihenfolge um und malte vom Umkreis (Tierkreis) zum Zentrum. Ich war erstaunt: ein und derselbe Laut und drei total verschiedene Bilder – spannend und anregend.

2022 initiierte das World Social Initiative Forum das Onlineprogramm ‹Leadership in Transformation› (Führung im Wandel), das sich mit zukunftsfähigen Führungskonzepten beschäftigte. Der hier abgedruckte Text ist Orlando Bishops einleitenden Reflexionen über ‹heilige Gastfreundschaft› entnommen. Übersetzung aus dem Amerikanischen von Leonard Lueg und Margot M. Saar.

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Footnotes

  1. Hans Børli ist ein norwegischer Dichter. Das erwähnte Gedicht erschien 2005 im Zyklus ‹We Own the Forests and other Poems› auf Englisch übersetzt. Die Übersetzung stammt von Louis M. Muinzer, Verlag Norvik Press. Eine deutsche Publikation gibt es noch nicht.

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  1. Den folgenden Text hab ich vor 5 Jahren geschrieben und wünsche mir, das viele Menschen ins Stolpern kommen. Deshalb schicke ich ihn dahin, wo es mir sinnvoll erscheint. Gibt nicht viele Menschen, die damit was anfangen können.

    Ich war Kunsttherapeut in der Heilpädagogik und bin jetzt Rentner.

    Liebe Grüße, Joachim

     

     

    Stolperworte

     

    Ich stolpere über Wörter. Über manche schon seit Langem, immer wieder. Und wenn ich das Gleichgewicht wiedergefunden habe, wieder gleichmäßig mit beiden Füßen vorankomme, hat sich die Welt verändert.

    Allein ist so ein Wort.

    Ich sitze im Garten, es wird dunkel. Vor mir auf dem Tisch flackert ein Windlicht. Ich habe Papier und einen Stift und will schreiben.

    Irgendwo reden Leute, lachen. Ich bin allein.

    -Ich bin allein- schreibe ich und stolpere.

    Ich bin nicht verlassen, ich bin nicht traurig. Im Gegenteil, ich freue mich auf´s Schreiben. Und doch steht da – ALLEIN.

    Ich schaue es an. Es sieht traurig aus, aber da ist noch etwas. Und plötzlich sehe ich – das sind ja zwei Wörter. Ich trenne sie. ALL – EIN, eins, einig, einig mit dem All bin ich und glücklich schreibe ich mir das Herz leer.

    Ein andermal schreibe ich eine Nachricht. Erstaunliches hatte ich erlebt und wollte mitteilen, wie wunderbar mein Tag war. WUNDERBAR – da war es wieder, das Stolpern. Wunder-bar, was heißt das? Ich gehe bar- fuss, bar-häuptig, ich bin manchmal bar jeder Vernunft. Ich gehe ohne Schuhe, ohne Kopfbedeckung, bin ohne Vernunft, alles zu seiner Zeit. Aber wunder – ohne was denn? Oder heisst wunderbar: ganz ohne Wunder?

    Mein Tag war voller Wunder, also schreibe ich: WUNDERVOLL.

    Wundervoll – so wünsche ich mir die Welt und stolpere nun immer wieder bei wunderbar.

    Am meisten stolpere ich zur Zeit über das Wort Ich. Dauernd benutze ich es, aber was meine ich denn damit? Und warum kann jeder zu sich „ich“ sagen? Wir sind doch alle so verschieden, jeder ist einzigartig. Meinen wir das mit „ich“, oder meinen wir etwas anderes?

    Im Ausweis müssen wir den Namen angeben, damit wir uns unterscheiden. Würden wir statt dessen „ich“ hinein schreiben, wüssste niemand, wer gemeint ist.

    Das kleine Kind lernt spät, zu sich ich zu sagen. Wir sagen, es erkennt sich dann selbst, es grenzt sich von der Umwelt ab. Aber – vorher hat es meistens schon seinen Namen benutzt. Karl, Mama und Papa, jeder hat seinen Platz. Wozu braucht Karl das Ich? Wo kommt das her?

    Dass das Kind aus Mama´s Bauch kommt, wissen wir, auch wie es hinein kommt. Aber alles andere?

    Vielleicht hat Karl die Erinnerung an das Ich durch die Geburt verloren und sie dann endlich wiedergefunden. Vielleicht hat er gespürt: alle sind ich. Und mit Freude hat er sich erinnert: da komm ich her, da ist mein zu Hause.

    Wo alle ich sind gehöre ich hin, da fühl ich mich wohl, freut er sich und ist nun auch Ich.

    Mir war diese Bedeutung verloren gegangen. Aber jetzt weiß ich: da, wo wir einig sind, einig mit dem All, da ist mein Ich. Und ich ahne, wir benennen wirklich das Gleiche, wenn wir „ich“ sagen. 

    Was für ein Unterschied. Dein Ich und mein Ich – vereint dort, wo alles Ich ist, vereint mit allen Menschen der Welt.

    Hier sind wir alle du und und stehen uns gegenüber.

    Ich sind wir gemeinsam. Da ist Frieden.

    Hab ich´s als Kind gespürt? Vielleicht, ich weiß es nicht mehr.

    Noch stolpere ich über das Ich, aber langsam geht es vorwärts.

    Jedes Mal, wenn ich ich sage, spüre ich, ich wende mich dem zu, wo alle Menschen herkommen, auch wenn sie auf der Erde so verschieden erscheinen. Ich verstehe sie nicht, sie sind mir fremd, unsere Wege sind verschieden, aber ich erlebe unsere Gemeinsamkeit und bin glücklich.

    Schon immer haben neue Gedanken die Welt verwandelt. Meine Welt, mein Leben, was mir passiert verändert sich gerade sehr.

    Ich habe diese Nachricht mit der GMX Mail App für Windows erstellt.

     

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