Ein neues Band zurück

Maaianne Knuth hat in Simbabwe, auf dem Farmland ihrer Mutter, vor 21 Jahren das Lerndorf Kufunda gegründet. Ihr Impuls war, dass sich die Menschen wieder mit ihren Wurzeln verbinden, die der Kolonialismus gekappt hat. Gilda Bartel war dort im Oktober für die Wochenschrift zu Besuch. Hier ein erster Beitrag: Ein Gespräch über Schwarz-Weiß-Denken und einen weißen Mann, dessen Lehre Menschen neu zusammenwebt.


Gilda Bartel Maaianne, du bist halb weiß, halb schwarz. Dein Mann ist weiß. In Europa und Amerika gibt es viele Fragen über weiße Privilegien, Postkolonialismus, Dekolonialisierung des Denkens. Da wir in Afrika sind, schauen wir auf die afrikanische Situation, aber es ist eine Frage für alle indigenen Völker. Was ist das Privileg der Weißen und welche Verantwortung bedeutet das für sie? Wie erlebst du es in Simbabwe und in Südafrika? 

Maaianne Knuth Das ist keine einfache Frage. Obwohl ich halb weiß, halb schwarz bin, betrachte ich mich mehr als eine Person of Color denn als Weiße. Gleichzeitig bin ich mir sehr bewusst, dass ich hier viele Privilegien habe, die sich aus meinem weißen Hintergrund oder zumindest meinem Bildungsniveau ergeben. Es gibt ein Narrativ darüber, was es bedeutet, in dieser Welt weiß zu sein, und dieses wird langsam demontiert. Aber es lebt im Raum zwischen uns und in uns. Was ich hier und wahrscheinlich auch in mir selbst sehe, ist ein unbewusster Glaube an weiße Überlegenheit. Oberflächlich betrachtet gibt es einen erklärten Glauben der Gleichheit. Und dann tauchen hin und wieder Momente auf, die stutzig machen. Ich denke, das passiert jedem Menschen, egal ob er weiß oder schwarz ist. Es erfordert eine tiefe innere Arbeit, um eine echte Wiedergewinnung deiner selbst zu erreichen. Ich bin auf dieser ‹Reise› und ich habe das starke Gefühl, dass ‹schwarz› mächtig, potent und schön ist. Aber es gibt ein echtes Bedürfnis, darin aufzuwachen und aufzustehen. Und dann die Erkenntnis: Wo die Weißen sind, gibt es Privilegien. In der Geschichte dieses Landes – wie in vielen anderen Ländern, die von Weißen eingenommen wurden – waren und sind sie reicher und dadurch leben die Narrative weiter. Natürlich versuchte man hier eine Umverteilung. Aber die unbewussten Annahmen und Überzeugungen halten das weiter aufrecht. Deshalb ist eine Bildung, bei der es wirklich um Kreativität, Vorstellungskraft und kritisches Denken geht, so wichtig. So wachsen Kinder ohne den gleichen alten Ballast auf.

GB Ich habe das sogar selbst hier erlebt. Als ich zum ersten Mal einen der Workshops besuchte, erwartete ich unbewusst, dass er auf einem niedrigeren Niveau sein würde als Workshops in Europa. Verrückt, oder? Und das nur, weil das Materielle hier nicht so modern ist. Als ich die Qualität sah, die im Jugendworkshop lebte, und mein eigener Sohn hinterher sagte: «Wir brauchen solche Workshops auch in Deutschland», wurde es mir klar. Warum habe ich erwartet, dass es weniger niveauvoll ist? Ich schäme mich jetzt nur ein bisschen, weil es ja ein Aufwachen ist für mich, zum Glück, und ich erwähne es als Beispiel für das, was du wahrscheinlich meinst. Welche Annahmen leben also im simbabwischen Volk gegenüber mir und meinem Weißsein? 

Morgenkreis in Kufunda. Foto: Gilda Bartel

MK Ich denke sehr ähnliche. Es gibt die Annahme, dass wir weniger wert sind. Aber ist es der Unterschied weiß/schwarz oder ist es gebildet/nicht gebildet? Ich glaube nicht, dass irgendjemand außer mir hier in Kufunda einen Universitätsabschluss hat. Und viele haben die Highschool nicht abgeschlossen. Es ist eine besondere Art sozioökonomischer Gruppierung. ‹Farbe› gehört dazu. Aber Menschen aus den umliegenden Gemeinden beginnen zu fragen, ob wir mit ihnen arbeiten können. Das ‹Communiversity-Team› von Kufunda selbst beginnt also, sich der Werte, die wir bringen, bewusst zu werden. Wir wussten, dass unsere Arbeit wertvoll war, aber jetzt gibt es eine externe Bestätigung. Wir stehen also erst am Anfang dieses Ernteprozesses: Was machen wir und wie? Damit fangen wir an, stärker hinter unserem eigenen Wissen zu stehen. Die Wiedergewinnung kommt zuerst, also eigentlich das Wegwerfen eines weißen Bildes, wie etwas zu sein hat. Wir verwurzeln uns in unserer gelebten Erfahrung und beginnen, das zu ehren und zu feiern. Danach kommt das Vermitteln. Es geht um unterschiedliche Narrative. Und sie sind nicht neu, aber sie wurden einfach nicht über uns hinaus geteilt.

Meine Antwort auf deine Frage lautet also: Komm und erwarte das Beste, komm und triff die Menschen in ihrer Würde, sei neugierig auf ihre Gaben. Es spielt keine Rolle, wie viel Bildung du hast oder wie reich oder arm du bist. Aber das gilt für die gesamte Menschheit, oder? Es ist bis jetzt jedoch nicht wirklich in Afrika passiert. 99 Prozent der Begegnungen basieren darauf, zu schauen, was die Menschen hier brauchen, in der Annahme von rückständiger Armut. Das stärkt jedoch den Glauben und die Unsicherheit, die noch hier sein können. Es geht also darum, wirklich auf Augenhöhe getroffen zu werden, und dann auch für uns, euch auf Augenhöhe zu begegnen. Darin liegt auch eine tiefe Heilung für die weiße Person in dieser Begegnung. 

Die Zeit bewegt sich weiter

GB Wenn du jemandem eine Kategorie zuweist, kategorisierst du dich gleichzeitig immer selbst. Aber man ist sich dessen nicht bewusst. In meinen Erfahrungen und Begegnungen mit Afrika gab ich immer Geld, weil ich dachte, ich habe höhere finanzielle Sicherheit und da hilft Geld am besten. Aber das ist nicht, was du zuerst verlangen würdest?

Maaianne Knuth, Foto: Johannes Negongo

MK Das wäre nicht mein Erstes, nein. Wenn man Geld wegen Armut gibt, habe ich das Gefühl, dass es keine gute Energie hat. Wir brauchen natürlich Geld. Kufunda wurde immer hauptsächlich durch Freundschaftsgelder finanziert. Wir bekommen einige kleine Spenden, aber seit unserer Gründung sind eigentlich Freundinnen und Freunde unser Lebenselixier. Ich bin gerade dabei, befreundeten Menschen zu schreiben: «Es ist an der Zeit, wieder mehr zu unterstützen.» Aber mehr aus dem Wunsch, etwas unterstützen zu wollen, das lebendig und am Aufblühen ist. Ich würde sagen, «um die Zukunft zu unterstützen». Ich denke, dass mehr Geld vom Norden in den Süden fließen muss, aber auf eine völlig andere Weise und in einem ganz anderen Duktus, der aus menschlichen Beziehungen, Respekt, Würde, Gleichheit und Liebe entsteht. Unsere gesamte Arbeit in Kufunda entwickelt sich immer weiter. Wir haben eine Vision und Pläne, aber wir arbeiten mit dem, was hier richtig ist. Viele der größeren Stiftungen wollen, dass du ihnen den genauen Plan dessen gibst, was du tun wirst und wie du von hier nach dort kommen wirst, mit sehr wenig Flexibilität. Das ist so, als würde man eine Idee in einem Moment einfrieren und dann muss man daran festhalten. Aber die Zeit bewegt sich weiter. Es ist, als würdest du ein vergangenes mentales Modell in die Zukunft zwingen, anstatt dich mit der Gegenwart zu beschäftigen und zu tanzen. Und das ist es, was Geld tun kann, mit Respekt und Liebe und Gleichheit. Es ist dann immer noch lebendig.

GB Aber haben Simbabwerinnen und sogar Südafrikaner, die schwarzer oder farbiger Herkunft sind, irgendeinen Anspruch an Weiße?

MK Es hängt wirklich davon ab, wo du bist. Ich denke, dass das in Südafrika ziemlich stark ist – ich zögere, das wirklich zu sagen. Wir haben vor ein paar Jahren hier in Kufunda einen Workshop durchgeführt, in dem verschiedene Themen, Polaritäten, Konfliktherde auftauchen konnten. Die heißesten durften also kommen. Und die ‹race›-Frage tauchte erst ganz zum Schluss auf. Davor lagen die Konflikte innerhalb der Stämme, innerhalb der eigenen Strukturen. Es waren Männer und Frauen, die Jugend und die ältere Generation anwesend. Viel Frust gab es in Bezug auf die Regierung, denn die heutige schwarze Regierung ist wirklich nicht so anders als die Kolonialregierung. Sie haben ein System übernommen, das funktioniert hat, und sie haben es fortgesetzt. Die wütenden Aktivisten und Aktivistinnen in Simbabwe sind also heute mehr der Regierung zugewandt als den Kolonialmächten. Wenn man dann ein bisschen tiefer geht, findet man die ‹race›-Frage schon. Aber es ist im Moment nicht das Wichtigste hier in Simbabwe. 

Teilnehmende des Jugendworkshops. Foto: Gilda Bartel

GB Wenn Weiße manchmal darüber nachdenken, lassen sie ein bisschen unberücksichtigt, dass Menschen in Simbabwe, in Südafrika, in Äthiopien, wo auch immer, ihr Leben haben. Es ist nicht so, dass sie nichts haben. Sie haben ihre Kultur, ja, die runtergedrückt wurde und nun wieder erwacht. Aber sie hatten ihre Gesellschaften, ihre Kultur, ihre Religionen, ihren Glauben, ihre Rituale. Wenn ich also in meinem Weißsein darüber nachdenke und mich schäme, dass weiße Menschen dies getan haben, könnte ich diese Tatsache übersehen. Vielleicht kümmern sich simbabwische Menschen nicht allzu sehr um die Weißen. Natürlich ist es in Südafrika anders, wegen der Apartheid. 

MK Meine jüngsten Erfahrungen aus Kapstadt sind, dass es dort immer noch stark ist. Sie haben immer noch eine sehr klare Schwarz-Weiß-Abgrenzung. Natürlich gibt es das auch hier in Simbabwe in einigen Stadtteilen. Aber als ich in Kapstadt ankam, dachte ich: «Oh mein Gott, das ist schockierend!» Die Menschen leben dieses wunderbare, komfortable, hauptsächlich weiße Leben in bestimmten Vierteln. Und es ist einfach so, wie es ist. Dies scheint sehr wenig infrage gestellt zu werden. Eine große Kluft zwischen den Besitzenden und den Nichtbesitzenden. Finanziell? Ja. Also für die weiße Person, die in ihrer schönen Villa aufwacht, sind eigentlich die einzigen schwarzen Menschen, die in ihre Nachbarschaft kommen, der Gärtner und das Dienstmädchen. Ich denke, unsere Verantwortung hier ist es zumindest, mit der Frage zu leben, wie es sonst sein könnte. Viele Menschen leben diesbezüglich im Tiefschlafmodus. Und dann begegnen sie dem Gärtner und dem Dienstmädchen oft nicht als Menschen, sondern als Dienstleistende. Michaela Glöckler sagte: «Diese Systeme gibt es nur noch, weil wir sie akzeptieren.» Die Frage für mich ist, was ist vergangene Akzeptanz?

Wir als Kufunda haben eine Entscheidung getroffen. Wir können und werden nicht gegen etwas kämpfen. Die Regierung ist wirklich so. Dagegen zu kämpfen wäre Energieverschwendung. Wenn wir etwas bekämpfen, machen wir es oft stärker. Aber wir können etwas bauen, das die Qualität, den Geschmack und die Geste dessen hat, was möglich sein könnte. Das ist es, was wir versuchen. Wir wollen in die Zukunft hineinleben, anstatt gegen die Vergangenheit zu kämpfen, die wir transformieren wollen. Und das ist eine ‹Reise›. 

GB Meine Frage ‹In welcher Verantwortung stehen Weiße gegenüber indigenen Menschen?› würdest du also folgendermaßen beantworten: Übernimm Verantwortung, wenn du sie jemandem gegenüber fühlst, den du unterstützen willst. Dann unterstütze ich nicht aus meinem Weißsein und ihrem Schwarzsein, aus ‹race›, sondern weil jemand etwas tun will, was für ihn gut ist. Meinst du das so?

Trevor und Ticha beim Lesekreis ‹Theosophie›. Foto: Gilda Bartel

MK Auf einer gewissen Ebene geht es um Individuen. Aber ich habe auch das Gefühl, dass es darum geht, meine inneren Annahmen über People of Color zu ändern. Es ist lebenslange Arbeit, dass ich jemanden ohne Vorurteil treffen kann. Und ich kann sie oder ihn treffen, indem ich das Beste annehme. Aber meiner Meinung nach muss es eine große Heilung zwischen Weißen und farbigen Personen geben, die für beide Seiten benötigt wird. Du kannst fühlen, wenn dir so begegnet wird, dass der andere in seinen Annahmen ein bisschen über dir steht. Es passiert auch mit Leuten mit Master-Abschlüssen, die kommen und Kufundees treffen. Wie begegnen wir uns also als Menschen? Für mich ist das der springende Punkt. Ich denke, die nächste Ebene für Kufunda ist, wie wir dies effektiver organisieren. Wenn es also nur darum geht, Sithktiwe (eine der Moderatorinnen der Workshops in Kufunda) zu unterstützen, würdest du diese größere Arbeit verpassen, die wir zu tun versuchen. Ich würde sagen, Sithktiwe durch die Unterstützung von Kufunda zu helfen, ist besser, weil wir ein Kollektiv sind, das versucht, etwas zu tun und eine Entscheidung zu treffen, der man vertraut.

Alles beginnt Jetzt

GB Wenn ich meine Annahmen über People of Color betrachte und dort etwas verändern will, werde ich mich generell verändern, was Auswirkungen auf alle Menschen hat, die ich in Zukunft treffen werde. Das ist die Gelegenheit, die wir jetzt haben: die wertende Sichtweise auf die Menschen zu überwinden, in Bezug darauf, wie sehr gebildet sie sind oder wie viel Geld sie haben, in Bezug auf das Geschlecht oder auf ‹race›. 

MK Worüber wir reden, ist enorm, wahrscheinlich Generationen entfernt. Aber im Jetzt fängt alles an. 

Teilnehmende des Jugendworkshops. Foto: Gilda Bartel

GB Es wäre gut, das gemeinsam zu tun, anstatt dass weiße Menschen weißen Menschen und anderen Leuten sagen, wie es zu handhaben ist. Vielmehr so: ‹Was ist meine Annahme über dich? Kannst du mir sagen, was du davon hältst?› Und dann gemeinsam neue Dinge entwickeln, anstatt nur in meinem Kopf. Wenn man es in eine Gemeinschaft stellt, ist es sicherer, ehrlich und in Würde zu bleiben, weil man nicht so sehr in seine eigenen Vorstellungen fallen kann. In der Begegnung wird mir der andere einfach sagen, wenn ich etwas missverstanden habe.

MK Ich habe einen Moment gesehen, in dem wohlmeinende weiße Menschen so viele Schwachpunkte hatten und eine schwarze Frau sagte: «Es ist nicht meine Aufgabe, dich zu erziehen.» Ich denke, es gibt Orte und Räume, an denen es wichtig ist, wenn sich Frauen allein treffen. Und dann gibt es einen Punkt, an dem sie sich mit den Männern treffen. Und Männer treffen sich allein und dann treffen sie sich mit den Frauen. Und Schwarze treffen sich allein und dann treffen sie sich mit Weißen. Und Weiße allein. All diese Kategorien gehören zu uns. Aber es gibt etwas an diesem ‹unter uns›. Ich sehe den Unterschied in einigen unserer Programme für junge Frauen, wenn weiße junge Frauen in der Gruppe sind und wenn nicht. Dann sind all diese unbewussten Narrative anwesend. Ich würde die weiße Frau nicht wegschicken und sagen: «Du kannst nicht mitmachen.» Aber manchmal ist es gut, dass nur die einheimischen Frauen zusammen sind. Ein Teil meiner Zukunftsvision für Kufunda hat mit dieser Heilung der Narrative zu tun. Es macht Sinn für mich, weil ich meinen weißen Vater und meine schwarze Mutter habe.

Wie Sauerstoff

GB Vielleicht gehen wir einen Schritt in eine andere Richtung – zur ‹Anthroposophie des weißen Mannes›. Was kann die Anthroposophie deiner Meinung nach hier einbringen und wie kann sie sich mit dem afrikanischen Bewusstsein verbinden? Was erhoffst du dir davon? 

Mädchen beim Mbira- spielen, Foto: Gilda Bartel

MK In vielerlei Hinsicht wäre es viel einfacher, wenn Rudolf Steiner ein westafrikanischer Guru oder ein Inder gewesen wäre. Aber er war es nicht. 

GB Aber du kannst ihn als spirituellen Lehrer behandeln, so wie es unterschiedliche spirituelle Lehrende auf der ganzen Welt gibt?

MK Vor ein paar Jahren wurde mir klar, dass er ein zentraler Lehrer für mich ist. Wir haben hier Waldorf und Biodynamik gemacht und sind über diese praktischen Anwendungen der Anthroposophie in sie eingestiegen. Erst dann haben wir angefangen, als Dorf anthroposophische Texte zu studieren. ‹Die sieben Bedingungen des esoterischen Schülers› sind eigentlich Bedingungen für ein gutes Leben für jede und jeden. Wir haben einige der Naturbeobachtungstexte und einige Stellen aus ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?› bearbeitet, die wirklich tiefgründig und ziemlich einfach sind. Wir haben auch versucht, Texte von Leuten zu lesen, die darüber geschrieben haben, was Steiner sagte. Aber mir kommt es so vor, als ob sich in den Originalen etwas übertrage, was schwerer zugänglich ist, wenn wir Sekundärliteratur lesen. So verstehe ich zwar nicht gleich alles, aber ich habe das Gefühl, dass etwas aus der geistigen Welt direkt durchkommt und sich uns anschließt. Es ist sehr sanft, allmählich und stetig. Aber ich habe das Gefühl, dass sich etwas in uns allen, die wir uns damit beschäftigen, verändert – individuell und in unseren Beziehungen. Während der gesamten Covid-Zeit trafen wir uns jeden Morgen im Kreis draußen und sagten den sozialen Vers. Und ich erinnere mich, was ich ‹im Spiegel der Menschenseele› dachte. Es sind diese kleinen, enormen Dinge, die entstehen. Es ist mir also egal, dass Steiner weiß war, aus Österreich kam und vor 100 Jahren gelebt hat. Einiges von dem, was er mitgebracht hat, ist sehr tiefgründig für uns und, wie die Leute sagen, sehr auf die traditionelle Kultur ausgerichtet. Es ehrt das Verständnis und den Glauben der simbabwischen Vorfahren. Über die wenigen Texte, die wir über den Tod lasen, waren die Menschen sehr erleichtert. Denn die christliche Kirche der Kolonialmacht hatte ihnen eingebläut, es sei schlecht, über seine Ahnen zu sprechen. Und dann spricht Steiner über Christus und auch über Vorfahren und Tote. Und das Ganze ist eine Wissenschaft. Der weiße Mann machte den Glauben der Schwarzen einfach, kindisch und lächerlich. Und ein anderer weißer Mann, also Steiner, kommt und sagt, dass es eine Wissenschaft darüber gibt, was tatsächlich passiert nach dem Tod. Das ist für uns wie Sauerstoff. Ich bin immer noch eine ‹Übersetzerin› für die Kufundees. Ich habe die europäische Bildung, aber das macht mich nicht besser als die anderen. Im Vergleich zu allen um mich herum bin ich so egoistisch. Ich bin so individuell bis zu dem Punkt, an dem ich wirklich darum kämpfe, was es bedeutet, gemeinschaftlich zu sein. Aber gleichzeitig unterstütze ich Menschen, sich mehr in ihre Individuation einzuarbeiten, ohne ihre Gemeinschaft zu verlieren. Für mich fühlt sich Kufunda also wie ein schöner Ort und eine schöne Gelegenheit an. Ich bin so dankbar, dass meine Kinder hier aufgewachsen sind. Ich sehe die Gaben dieses Ortes in ihnen.

Maaianne Knuth, Foto: Johannes Negongo

GB Hier ist etwas im Bewusstsein, vielleicht in einer anderen Sphäre als in der ‹intellektuellen Verstandesseele›, das sich sehr leicht mit der geistigen Welt verbindet. Irgendetwas kommt irgendwie rein und durch. All die geistigen Dinge haben eine reale Präsenz, nennen wir es Substanz. Sie sind hier nicht so abstrakt wie in Deutschland. Mir scheint, hier gibt es etwas wie ein natürliches ‹Bewusstseinsempfinden› für zum Beispiel die Wirkung, jemanden zu hassen. Deutsche oder Europäerinnen oder Weiße – ich will nicht verallgemeinern – kämpfen damit. Wir müssen zuerst etwas erwecken, um zu erkennen, dass es eine ‹Realpräsenz› des Geistigen gibt, nicht nur als Idee, sondern als Wirksamkeit und Tatsache. Auch eure Fragen sind anders als die Fragen, die in Europa zum gleichen Thema gestellt werden würden. Sie kommen aus einer anderen Beziehung zur geistigen Welt. Deshalb empfand ich es als so erfrischend. Ich bin also neugierig, wie Anthroposophie und afrikanisches Bewusstsein zusammenkommen?

MK Als meine Mutter starb, begann ich darüber zu lesen, was nach unserem Tod passiert. Ich hatte diese Texte von Steiner zuvor nie gelesen. Es war eine sehr hilfreiche Begleitung. Es ermöglichte mir, auf eine andere Art und Weise mit meiner Mutter zusammen zu sein. Und jeden Morgen, wenn ich bei den Pferden war, erzählte ich Ticha von dem, was ich gelesen und verstanden hatte. Und er fragte, ob wir nicht zusammen über diese Dinge lesen könnten. Mir wurde klar, dass es Themenbereiche gibt, die den Menschen hier wirklich wichtig sind, die ich aber nicht eingebracht hätte. Zu lesen, was passiert, nachdem man gestorben ist, scheint irgendwie ein seltsames Studium für ein Lerndorf zu sein, oder? Dann haben wir ein paar Wochen damit verbracht. Christus zeigt sich so deutlich in vielen dieser Texte. Die Kufundees wussten nicht, dass Steiner über Christus schreibt. Mein Gefühl ist, dass es eigentlich eine andere Form der Heilung ist, auch wenn wir gerade erst damit beginnen. Das koloniale Christentum hat das Wurzelsystem der simbabwischen Kultur abgeschnitten. Aber es gibt etwas hier, und die Anthroposophie ermöglicht, sich wieder damit zu verknüpfen. Es gibt so viele Textstellen bei Steiner, von denen die Kufundees sagen: «Ah, meine Großmutter pflegte das zu sagen.» Sie stellen Verbindungen her und wer weiß, ob Steiner dem zustimmen würde, was die Großmutter von jemandem zu sagen pflegte. Aber auf einer anderen Ebene habe ich das Gefühl, dass es nicht wirklich wichtig ist, weil diese Verbindungen hergestellt werden. Es ist etwas, das von der Kirche nicht erlaubt war und das jetzt wieder geöffnet wird. Denn die meisten Kufundees sind sehr fromme Christinnen und Christen. Ich erinnere mich, dass einige der Frauen am Anfang sagten: «Oh mein Gott, irgendetwas Schlimmes kann passieren. Lasst uns beten. Gott wird uns helfen.» Und ich liebe es, dass wir auf einer Ebene beten können und Gott uns helfen wird. Aber es hat auch eine ‹Schwäche›, ich muss eigentlich nichts selbst machen. Natürlich arbeiten sie hart und die Kirchgemeinde sagt: ‹Du bist schwach, Gott ist stark, du bist sündig, Gott ist gut und du gibst ihm alles.› Die Anthroposophie erlaubt den Menschen, Götter zu haben. Es ist nicht die moderne agnostische Sichtweise, aber ein Aufwachen in deiner Beziehung zu Gott. 

GB Wenn es die Menschen zurück an ihre Kultur knüpft, was ist dann das Neue? Geht es nur darum, sich wieder in die eigene Kultur einzuweben, oder kommt etwas Neues hinzu? 

 Wenn ich meine Kultur und meine Wurzeln aufgegeben habe und glaube, dass sie deiner unterlegen sind, kann ich nichts Neues aufbauen, das von echtem Wert ist. Das ist meine feste Überzeugung. Darum geht es in Kufunda. Es geht wirklich um die Wiedergewinnung, darum, das Beste von dem, was hinter uns liegt, zu ehren und damit in die Zukunft zu gehen. Es scheint absurd, aber irgendwie ‹erlaubt› Rudolf Steiner diese Ehrung. Was das Neue ist, weiß ich nicht einmal, aber ich denke, es hat mit der Frage zu tun: Müssen wir alles komplett loslassen und den Weg zurück von der Individuation in die Gemeinschaft finden? Ich kenne einige Anthroposophinnen und Anthroposophen, die sagen würden: ‹Die Menschen in Afrika sind ein bisschen rückständig und sie sind so in der Gemeinschaft, dass sie sich noch nicht individualisiert haben, und sie haben diese ganze Reise vor sich, bevor sie in eine bewusste Gemeinschaft zurückkehren können.› Kufunda ist ein Ort, an dem wir aufwachen können und erfahren können, wer wir sind – alle, aber in Gemeinschaft. Wir müssen nicht bis zum Extrem gehen, die Gemeinschaft zu verlieren, um zu erwecken, wer wir sind. Ich habe das Gefühl, dass das ein Teil von Steiners und Kufundas Impuls ist.


Maaianne Knuths Geschichte verbindet Europa und Afrika in einem Bogen von Kopenhagen, wo sie internationale Wirtschaft studiert hat, nach Simbabwe, wo sie das Lerndorf Kufunda mitbegründet hat. Der Kern der Kufunda-Arbeit beruht darauf, ländliche Gemeinden zu befähigen, selbst stark zu werden, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und die eigenen Ressourcen zu nutzen. Maaianne arbeitet im Bereich Tanz, Achtsamkeit, kreative Prozessunterstützung, um Menschen zu helfen, sich selbst und ihren Platz in der Gemeinschaft zu finden.


Titelbild Kufunda-Lerndorf in Simbabwe. Foto: Gilda Bartel

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