Die Zukunft der anthroposophischen Bewegung

An Michaeli 2023 findet nach sieben Jahren wiederum eine Goetheanum-Weltkonferenz statt.


In den letzten sieben Jahren hat sich die Welt radikal verändert. Die Gesundheit der Erde und von uns Menschen, der Weltfrieden, die soziale Frage bis hin zu den Auswirkungen der weltweiten Digitalisierung stehen als unausweichlich in neuen Dimensionen vor uns. In den letzten Jahren haben die weltweiten Ereignisse unsere Aufmerksamkeit geschärft und den Horizont unserer Verantwortlichkeiten erweitert – wir erwachen für den größeren Weltzusammenhang. Denn es ist existenziell erlebbar geworden, wie wir weltweit in den verschiedensten Schichten voneinander abhängig und aufeinander angewiesen sind.

Das neue globale Bewusstsein ist vor diesem Hintergrund eine Herausforderung auf verschiedenen Ebenen, wirtschaftlich, politisch, sozial, im Hinblick auf die Energieressourcen und den Umgang mit der Umwelt. Es ist ein Ruf nach Veränderung und nach Beteiligung. Die Anthroposophie steht hier vor neuen Aufgaben und Entwicklungen. Sie tritt selbst zeitgleich nach einem mehr als 100-jährigen Bestehen in eine neue Phase ihrer Entwicklung ein. Mit der Weltkonferenz sprechen wir die anthroposophischen Arbeitsfelder und die darin tätigen Menschen als eine weltweit tätige Bewegung, als Weltbewegung, an und laden zu einer Standortbestimmung ein. Wir möchten auf ein bewussteres gemeinsames Bild der Aufgabe der Anthroposophie angesichts der Weltlage hinarbeiten und erkunden, was die nächsten Schritte sind im Hinblick auf ein Mitwirken und eine Beteiligung an den Herausforderungen, vor denen wir als Weltgemeinschaft stehen.

Wach werden an und mit der Welt

Wir wollen mit dieser Arbeitskonferenz die anthroposophische Weltbewegung bewusster und wacher für sich selbst und ihre Aufgaben machen. Dabei leiten uns folgende Fragen: Wie kann die Arbeit mit der Anthroposophie in einer sich schnell verändernden Welt erneuert und gestärkt werden? Was sind nach mehr als 100 Jahren ihres Bestehens die nächsten Schritte? Wie können wir die gemachten Erfahrungen, Herausforderungen und Errungenschaften der anthroposophischen Bewegung, der Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in die Zukunft führen? Wie können wir die aus der Anthroposophie entstandene Weltbewegung neu gestalten?

Zwölf Fragefenster in die Welt

Durch die Impulse der Morgenbeiträge inspiriert, wollen wir am Vormittag in zwölf Themenforen arbeiten, die jeweils Mitglieder aus mindestens zwei Sektionen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und Experten und Expertinnen transdisziplinär aus den Arbeitsfeldern gestalten. Jedes Forum wird an drei Vormittagen mit etwa 60 Teilnehmenden Schritte für die nächsten sieben Jahre skizzieren.

Auswahl aus den Themenfeldern:

1. Wir wollen auf der Erde leben! Was sind unsere Beiträge für die Zukunft der Erde?

2. Gesundheit für Mensch und Erde! Wie hängen Gesundheit des Menschen und Gesundheit der Erde zusammen und wie kann man sie fördern?

3. Leben mit der Technik! Welche Perspektiven zum Transhumanismus ergeben sich aus der Anthroposophie?

4. Meditation! Wie komme ich von der meditativen Selbstfindung zur Zusammenarbeit mit der sinnlichen, sozialen und geistigen Welt?

5. Folge der Wissenschaft! Wie kann das Primat der Wissenschaft durch künstlerische und soziale Zugänge verwandelt werden?

6. Gegenwärtige Anthroposophie! Wie können Anthroposophie und das Werk Rudolf Steiners in der Öffentlichkeit und in anthroposophischen Einrichtungen gestärkt, unterstützt und gefördert werden?

7. Von den Verwandlungskräften der Kunst! Welchen Beitrag kann die Kunst zur Bewältigung der Krise leisten?

Dies sind einige der Themen und Fragen, die unsere Zeit an uns stellt und die wir im Gespräch ermittelt und bewegt haben.

Zwischen Skylla und Charybdis

Die Nachmittage der Konferenz sind der Fragestellung gewidmet, wie die Relevanz und Wirkungskraft der Anthroposophie für die größeren Weltzusammenhänge herausgearbeitet und in sie eingebracht werden kann: Sind wir in der Lage, an der ‹Weltkultur› mitzugestalten? Neigt die anthroposophische Arbeit dazu, in Nischen und Subkulturen zu versickern, denen der Bezug zur breiteren Gesellschaft fehlt? Ist Anthroposophie Weltkultur oder Subkultur? Es kann nicht darum gehen, sich von der Welt abzuschließen und ein Inseldasein zu schaffen, in dem nur eine uniforme Richtung und Meinung verfolgt wird. Ziel wäre, eine weltoffene, vielgestaltige und vielgesichtige Bewegung zu bilden, die für die großen wie für die kleinen Fragen und Aufgaben der Zeit Verantwortung übernimmt und über diverse Positionen hinweg zur Zusammenarbeit fähig ist.

Das ist in den letzten 100 Jahren in vielen Bereichen anfänglich geschehen. Doch zeigt sich die Tendenz, in Extreme zu verfallen. Wachsen Einrichtungen stark, so kann die Situation entstehen, dass die Anthroposophie als solche in den Hintergrund gerät und die lebendige Impulsierung des Anfangs verschwindet. So droht eine Verwässerung. Wie gehen wir mit diesem Phänomen um? Das betrifft Schulen, heilpädagogische Einrichtungen, Höfe, Stiftungen, Firmen. Ebenso lässt sich beobachten, dass Menschen und Einrichtungen in Dogmen und Isolation verhärten und einen lebendigen Bezug zur Umwelt verlieren. Das ist eine Dynamik, die das andere Extrem kennzeichnet. So werden zum Beispiel staatliche Vorgaben oder Ansprüche von Stakeholdergruppen über Jahre in den Wind geschlagen, bis Institutionen dann von außen zwangsweise geschlossen werden. Hier einen gesunden Mittelweg zwischen den beiden Extrempositionen zu finden, ist, wie wir in den letzten Jahren erleben konnten, eine große Herausforderung für viele Organisationen, die aus der Anthroposophie heraus arbeiten.

Was inspiriert uns?

Inneres Motiv für die Arbeit an den vier Tagen ist die ‹Grundsteinmeditation›, die Rudolf Steiner zu Weihnachten 1923 als Grundstein der Anthroposophischen Gesellschaft gab. Folgende unmittelbar an die Menschenseele gerichteten Worte sind uns Inspirationsquelle und liegen als Motive den einzelnen Tagen der Konferenz zugrunde: «Menschenseele! Du lebest in den Gliedern»; «Menschenseele! Du lebest in dem Herzens-Lungen-Schlage»; «Menschenseele! Du lebest im ruhenden Haupte»; «Dass gut werde, was wir aus Herzen Gründen, aus Häuptern zielvoll führen wollen». Wir werden sie durch Eurythmiedemonstrationen, die uns in die Dimensionen des dreigliedrigen Menschenwesens hineinleiten, wahrnehmen und mit den Tagesthemen der drei Tage verbinden: I. Erde – Inkarnieren wollen; II. Pluralität – Zusammenwirken in Verschiedenheit; III. Erkenntnis und Kunst; IV. «Dass gut werde!».

Die Kunst ist für uns ein wesentlicher Erlebnis- und Erfahrungsmoment während der Weltkonferenz und spielt daher eine zentrale Rolle. So wird der große handgewebte Wandteppich ‹Guernica de la Ecologia» der niederländischen Künstlerin Claudy Jongstra ausgestellt. Er widmet sich, inspiriert durch Picassos ‹Guernica›-Bild, dem Thema der Zerstörung der Umwelt. Eine Ausstellung der Eisenplastikerin Ferose, des Bildhauers Peter Goehlen und des Malers Stephane Zwahlen wird während der Weltkonferenz zu sehen sein. Die Begegnung zwischen Feroses aus Eisendrähten geschweißten Plastiken mit den dynamischen Farbgestaltungen Stephane Zwahlens entfaltet einen Dialog zwischen Plastik und Malerei. An den Abenden werden wir Eurythmie, Sprache und Musik aus verschiedenen Ländern der Welt sehen und hören: Das Goetheanum- Eurythmie-Ensemble, das Ha’Mila Theatre aus Israel, das Neue Orchester Basel und das Eurythmie Spring Valley Ensemble aus den USA geben uns damit vielfältige Blicke in die Welt der Kunst.

Dazu kommen Interaktionen in World Cafés, Arbeitsgruppen, Kunstgruppen, Ausstellungen, einem Markt und Führungen. Die wichtigsten Inhalte der Konferenz werden in Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Russisch und Chinesisch übersetzt.

Woher kommen wir, wohin gehen wir?

Seit fast zwei Jahren wird die Konferenz von der Vorbereitungsgruppe, bestehend aus Christiane Haid, Katharina Hoffmann, Ueli Hurter, Constanza Kaliks, Johannes Kronenberg, Clara von Recklinghausen und Andrea Valdinoci, in Zusammenarbeit mit verschiedenen Teams am Goetheanum vorbereitet. Im September 2022 haben wir einen offenen Aufruf für Beiträge verschickt. Hunderte von Rückmeldungen in unseren Gesprächen und den eingeschickten Impulsen und Anregungen führten zum vorliegenden Programm mit den aufgeführten Themen. Nicht jeder Vorschlag konnte angenommen werden, doch die inhaltlichen Linien der Konferenz wurden so aus aller Welt mitgestaltet. Zudem gab es runde Tische, in denen die Weltbewegung und die elf Sektionen des Goetheanum an der inhaltlichen Gestaltung mitwirkten. Ein Unterschied zu 2016 ist, dass diese Weltkonferenz für alle Interessierten offen ist und somit nicht nur über persönliche Einladungen angekündigt wurde. Wir versuchten in der Gestaltung des Programms unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. Unsere Hoffnung ist, dass wir in diesen Michaeli-Tagen gemeinsam einen Schritt in die Zukunft der anthroposophischen Weltbewegung wagen können.

Was sind die nächsten Schritte?

Nun bleibt noch die Frage, wie all diese Begegnungen und Inhalte nach der Konferenz weitergetragen und gelebt werden können, denn wir wollen einen weiteren Siebenjahreshorizont ins Auge fassen. Daher sollen für die Fachgebiete der Themenforen Konferenzziele im Sinne von Arbeitsrichtungen formuliert werden. Aus ihnen können, wo möglich, konkrete Projekte und Vorhaben entstehen.

Wir freuen uns auf eine Begegnung zu Michaeli und laden all jene herzlich ein, die sich angesprochen fühlen, mitzugestalten und teilzunehmen. Zudem möchten wir Sie als Leser oder Leserin bitten, mitzuhelfen, Menschen aus ihrem Umkreis und Arbeitsbereich auf die Weltkonferenz aufmerksam zu machen und zu informieren. Vielleicht kennen Sie jemanden, dem Sie die Teilnahme ermöglichen möchten? Wir hörten bereits von Menschen, die selbst nicht kommen können, aber gern einen finanziellen Beitrag leisten, um dies für andere Menschen zu ermöglichen. Zum Beispiel für jüngere Menschen oder Menschen aus einem Land, in dem die wirtschaftliche Situation eine Reise nach Dornach kaum oder gar nicht erlaubt. Sie können über die unten stehenden Angaben spenden und für die Anmeldung, das Programm und weitere Informationen die Website www.goetheanum.world besuchen.


Spendenlink Goetheanum/Spenden-wk-2023

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  1. Gedanken, Assoziationen, Intuitionen – was auch immer – zum Artikel
    „Die Zukunft der anthroposophische Bewegung“ I
    in der Zeitschrift Das Goetheanum, Ausgabe 25-26, 23. Juni 2023.

    Wieso hat sich die Welt in den letzten sieben Jahren radikal verwandelt, verändert? Warum nicht seit dem Jahre 2000? Erwartung im Hinblick auf den Jahrtausendwechsel! (In meinem Arbeitsumfeld gab es ein Jahr–2000–Projekt: alle Programme wurden überprüft, ob sie auch noch nach dem Jahrtausendwechsel fehlerfrei laufen würden. Jahresangaben ab jetzt überall vierstellig. Auch hier lag die Ursache in der Zukunft.)
    Wie definieren sie „radikal“?
    Zu der Frage eins: Wir wollen … – Wer ist „wir“?
    Und zur Zukunft der Erde!
    Sollte man da die Erde fragen? Ich versuche es schon lange.
    Okay. Wenn wir auf der Erde leben wollen, ist die Frage: wie! Da frage ich mich und schaue. Nachbarn frage ich nicht, viel sehe ich.
    Warum muss zur Anthroposophie noch „Bewegung“ hinzugefügt werden – ist sie nicht schon impliziert? Was nannte sich schon alles „Bewegung“!

    Gruß
    Lothar Flachmann

  2. Die Welt als moderner Freimaurer gesehen. All die Geister freuen sich sicherlich darüber sehr, jetzt müssen sie nur noch existieren, die Geister ! Philosophisch gesehen spricht nichts dagegen. Virtuelle Lebensformen müssen halt auf sowas wie Knochen verzichten.

  3. Obwohl ich mich ziemlich viel umgesehen habe in den vielfältigen praktischen anthroposophisch inspirierten sozialen und sonstigen Tätigkeiten, galt meine erste Liebe durchgehend der Esoterik.

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