Die Sensation der Pflanzen

Wer in der Anthroposophischen Medizin lebt, hat es mit ‹Umstülpungen› und ‹Umwendungen› zu tun, wie ‹der Mensch als umgekehrte Pflanze›.


Das Bewusstsein wacht auf in Fragen und Zweifeln. Je tiefer Fachgelehrte von Berufs wegen Bescheid wissen von Botanik oder Medizin, umso mühsamer ist es für sie, in der Unbefangenheit ihrer Jugend so etwas zu denken. Lesen wir im jüngst erschienenen Band 3 der ‹Studienkommentare zum medizinischen Werk Rudolf Steiners› zu dieser Frage, die Rudolf Steiner im 5. Vortrag behandelt, finden wir dazu zwölf (!) Seiten. Peter Heusser und seine Mitarbeiter Rene Ebersbach, Tom Scheffers und Johannes Weinzirl nennen zur Frage eines beweglichen Denkens zuerst die Querbezüge im gleichen Vortragszyklus; dann solche im Werk Rudolf Steiners; dann solche zu anthroposophischen Autoren. Überraschend, an wie vielen Stellen die Naturwissenschaft inzwischen Rudolf Steiners Forschungen bestätigt! So hatte Charles Darwin bereits auf die Sensibilität der Pflanzenwurzeln hingewiesen; die Wurzeln wirken nach Darwin «wie das Gehirn niederer Tiere» (S. 415). Nicht nur Rudolf Steiner wies in dieser Sache auf Darwin zurück, auch die Naturwissenschaft ging dem nach. Wir erfahren aus der aktuellen Forschung, «dass Wurzeln fließendes Wasser (als Geräusch, A. d. Hrsg.) perzipieren […] dass die Pflanze durch die Wurzeln auch Licht wahrnimmt, welches mehrere Zentimeter in die Erde dringt […] Es gibt Sensoren an der Wurzelspitze für die rote Seite des Lichtspektrums und an der Übergangszone zur Wurzelspitze solche für die blaue Spektrumseite.» (S. 416 ff.) Die Antworten der Pflanzen auf diese Reize werden heute «in Analogie zu tierischem und menschlichem Verhalten als ‹plant intelligence› (Trewavas 2000) oder ‹plant cognition› (Garzon 2007) interpretiert […]». Ja, man schließt heute bei Pflanzen ähnlich wie bei Tier und Mensch insgesamt auf «individuality, self and society» (Baluska und Mancuso 2021). «We suggest that plants can extend their cognitive abilities to the environment, they manipulate through the root influence zone and the mycorrhizal fungi that associate with them.» (Prise et al. 2020) Heusser: «Das, sowie die Tatsache, dass die Wurzelspitzen kein Zentrum bilden, sondern sich in viele Richtungen ausbreiten, zeigt, dass das postulierte Selbst der Pflanze mit seiner Kognition nicht zentriert sein kann wie bei Tier und Mensch, sondern in seine Umgebung ausgebreitet sein muss. Das gehört wesentlich zum Konzept der ‹umgekehrten Pflanze›: ‹In contrast with animals and humans, plants are not only inverted but also rely on distributed control with from a single to several thousands of root apices accomplishing collective decision-making› (Baluska und Mancuso 2021, S. 417).» Dieses aus Phänomenen abgeleitete Postulat einer ‹Schwarmintelligenz› bei Pflanzen beleuchten die Autoren geisteswissenschaftlich: «Das Pflanzen-Denken kann nicht in der physischen Welt sein Bewusstsein haben, der Pflanze fehlt ein Nervensystem. Das Bewusstsein der Pflanzen-Gruppenseelen befindet sich deshalb im Astralempfinden der ganzen Erde, im unteren Devachan.» (S. 421)

Der Lesende geht mit Peter Heusser und seinem Team sicher aus einer schwierigen Vortragsstelle in die Zusammenhänge der Forschung und findet die Brücke in die geistige Welt. Warum sollten die Ritter-Heilmittel ihre Wirkung verlieren, wenn sie in Fabriken hergestellt werden? Wie versteht man Steiners Kritik am Mikroskopieren und seine Würdigung des Mikroskops? Wie denkt er das alchemistische Prinzip ‹Sal-Merkur-Phosphor›? Überall kann man staunen, was sich im Laufe von hundert Jahren aus der Forschung der Anthroposophischen Medizin und der Naturwissenschaft entfaltet hat und was nun zusammengefügt wurde. Nicht zu vergessen ist ihre Zusammenarbeit mit 43 Kollegen und Kolleginnen, die Fragen der Herausgeber beantwortet haben. Wann ist ein Werk Rudolf Steiners je so ernst und umfassend beim Wort genommen worden? Durch Peter Heussers Lebenseinsatz, die Anthroposophische Medizin in ihrer wissenschaftlichen Begründung und Fruchtbarkeit aus sich selbst und aus den Forschungsergebnissen zur Geltung zu bringen, tritt der erste Medizinerkurs Rudolf Steiners als Kulturleistung in Erscheinung!


Buch Peter Heusser, René Ebersbach, Tom Scheffers, Johannes Weinzirl (Hrsg.), Erläuterungen zum ersten Ärztekurs Rudolf Steiners 1920, Vorträge 4 und 5, Verlag am Goetheanum, Dornach und Berlin 2022

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