Der Speer kommt zurück

«Wer ist der Gral?», fragt Parsifal. «Das sagt sich nicht», antwortet Gurnemanz – und beschreibt den Weg dahin: «Zum Raum wird hier die Zeit.» In dieser Raum gewordenen Zeit öffnet Richard Wagner durch seine Oper vielfältige Fenster auf die Gralssuche.


Ohne sich selbst auf seinem Wege zu zeigen, führt Gurnemanz durch das Geschehen durch. Klingsor wollte so kräftig in die Gemeinschaft der Gralsritter aufgenommen werden, aber als er Ablehnung erfuhr, wurde er zum Gegenspieler. Amfortas, der Gralskönig, ist Kundrys Versuchung in Klingsors Reich unterlegen, wurde dort vom Heiligen Speer getroffen und lebt seither mit einer ewig offenen Wunde. Kundry, die vielfarbigste Figur, ist auf der größten inneren Suche: In einer früheren Inkarnation lachte sie Christus am Kreuz aus und wurde dann von seinem Blick getroffen. Dieses Erlebnis sucht sie zu erlösen und irrt durch alle Reiche hindurch. In der heiligen Gemeinschaft sind die Gralsritter eigentlich schwach geworden und fordern Amfortas zu ihren eigenen Gunsten heraus. Parsifal bringt seine Offenheit, seine Unverbrauchtheit mit. Er muss aber auch durch das Leben irren und suchen, um letztendlich Mitleid mit dem ewig Verletzten zu empfinden. Der Speer kommt zurück und wird zur Heilskraft.

Diese verschiedenen Haltungen leben alle in unserer Seele. Wie machen wir unseren innersten Raum so auf, dass Höheres, dass Geistiges Wirklichkeit werden kann? Wo zeigen wir unsere Wunden, wie werden wir empathisch und damit «durch Mitleid wissend»? Wo bringen wir Erde und Himmel in Einklang, sodass das Gralsgeschehen Realität werden kann?


Bild Eindruck aus den Proben zum Parsifal am Goetheanum Foto: François Croissant

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