Der Goetheanum-Brand

Der Grundsteinlegung vom 20. September 1913 für das Erste Goetheanum war noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs gewesen.


Während des Krieges arbeiteten Menschen vieler Nationen gemeinsam an dem Bau. Aus Holz wurde der auf einem Hügel in Dornach auf einem Betonsockel ruhende Doppelkuppelbau aufgezogen. Die an beiden Seiten des Saales nach unten zu immer größer werdenden insgesamt zwei mal sieben Säulen zeigten eine bedeutende Metamorphose, wie der Architrav darüber. Sockel und Kapitelle der aus unterschiedlichen Holzarten gefertigten fünfeckigen Säulen wurden, wie der Architrav, von Hand geschnitzt. Bis in unzählige Einzelheiten hinein war der ganze Bau ein lebendiger Ausdruck der bis dahin entwickelten Anthroposophie. Die Wände waren gleichsam lebendig. Das noch nicht ganz fertige Gebäude wurde 1920 in Betrieb genommen und in der Silvesternacht 1922/23 Opfer einer Brandstiftung. In einer Nacht ging dadurch die Arbeit von zehn Jahren in Rauch auf. Die Wunde des Goetheanum-Brandes hat sich sozusagen tief in der gemeinsamen Seele der Anthroposophen eingebrannt. Nach hundert Jahren wird des Verlusts nicht nur vor Ort, sondern weltweit gedacht.

Auch die Gestalt des Ersten Goetheanum wird vielfach beschrieben. Der Bau ist zum Glück gut dokumentiert. Dadurch kann man sich überall ein Bild davon machen. Dieses kann man in sich tragen, wenn man durch das Zweite Goetheanum geht. Vielleicht nicht, wenn man da täglich zu tun hat, aber zu besonderen Gelegenheiten. Erstes und Zweites Goetheanum verhalten sich wie Nuss und Nussschale zueinander. Das gegenwärtige kann den Holzbau nicht ersetzen, spricht aber eine eigene Sprache. Der Betonbau war ein Meilenstein der allgemeinen Architekturentwicklung. Während die Formen des Ersten Goetheanum von innen aus empfunden sind, ist das zweite von außen gestaltet. Die gegensätzlichen Bewegungen kommen manchmal zusammen, zum Beispiel in den Fenstermotiven.

Die Brandkatastrophe war dadurch möglich, dass der Bau relativ schutzlos dastand. Unübersehbar ist, dass sie den Endpunkt einer jahrelangen Diffamierungskampagne markiert, wie Peter Selg schreibt.1 Den Trümmerhaufen bezeichnete Rudolf Steiner einmal als Symbol der Weltverhältnisse.2 Er ist auch ein Bild der damaligen anthroposophischen Gesellschaft. Es ist sehr schwer, irgendeinen Sinn in dieser Zerstörung zu sehen. Wohl wäre ohne sie die Neubegründung der Gesellschaft nicht so schnell erfolgt. Im Grundsteinspruch gewannen die Goetheanum-Formen inspirative Gestalt. Kein Ostern ohne Karfreitag. Goetheanum-Brand und Weihnachtstagung verhalten sich in etwa zueinander wie Karfreitag und Ostern. Das Gesamtkunstwerk des Ersten Goetheanum war eine sinnlich begehbare und sichtbare Imagination der ganzen Anthroposophie. Auch die Sektionen der Hochschule versuchen durch Geisterkenntnis die Sinneswelt umzugestalten. Aber nur ausnahmsweise kann etwas Sinnliches direkt imaginativ sein. Manchmal durch Kunst. Auch kann man von der Bildnatur des Menschen sprechen, insofern beispielweise in den Formen des Hauptes imaginative Formen gewissermaßen bis zur physischen Dichte geronnen sind.3 Anthroposophinnen und Anthroposophen obliegt es, künftig ebenso mehr von der Bildnatur des Kosmos zu verstehen. Aber immer gilt es sorgfältig sinnliche und imaginative Ebene zu unterscheiden. Die Vernachlässigung dieser Unterscheidung kann verheerende Folgen haben. Das Zweite Goetheanum kann ein Sinnbild ihrer Beachtung sein. Auch wenn sie zuträfe, war diese Lehre doch sehr schmerzlich.


Bilder Erstes Goetheanum nach dem Brand. Bildquellen: Dokumentation am Goetheanum und Rudolf-Steiner-Archiv.

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Footnotes

  1. Peter Selg, ‹Brandzerstörung des Ersten Goetheanum›, in: Anthroposophie weltweit Nr. 10, 2022
  2. Rudolf Steiner, Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, GA 260, Dornach 1963, S. 27.
  3. Vgl. von Rudolf Steiner Leitsatz 36 und den Brief ‹Zu den vorangegangenen Leisätzen über die Bildnatur des Menschen›, in: Rudolf Steiner, Anthroposophische Leitsätze, GA 26.

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