Dem Hören vertrauen

In unserer heutigen Welt geht das Hören schleichend verloren. Was übrig bleibt, ist oftmals alleine die Information des äußerlich Wahrgenommenen.


Das Buch beschreibt einen Prozess, durch den das Hören wieder für ein tieferes Wahrnehmen geschult werden kann. Das Ohr sei nur Reflexionsorgan, stellt Rudolf Steiner in seinen Tonerlebnis-Vorträgen1 fest. Reinhild Brass greift diese Aussage auf und schreibt: «Die Hörwahrnehmungen sind über den ganzen Körper ausgebreitet. Je mehr der Körper sensibilisiert wird, desto klarer werden die Hörbeschreibungen und -erlebnisse.»

Um diese Körperwahrnehmung zu schulen, hat sie einen ‹Hörraum› mit vielerlei Instrumenten aus unterschiedlichen Materialien aufgebaut, in dem die Wirkungen der verschiedenen Klänge erlebt und studiert werden können. Im Buch wird dies ausführlich beschrieben. Der Zuhörende hat nun die Möglichkeit, über einen Zeitraum von 45 Minuten in sich behutsam wandelnde Klänge einzutauchen. Er kann einerseits den Klang im Körper beobachten und andererseits, wie sich der Klang in Stille verwandelt. In dieser Stille öffnet sich der eigene innere Hörraum, der den Weg zu uns selbst weisen kann. Aus diesem Erleben der Klänge erwächst das Vertrauen in die Welt und durch die Stille das Vertrauen in sich selbst.

Aus dem Studium des Buches ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?› entwickelt die Autorin, wie die dort beschriebenen drei Stufen des Fühlens auch für das Hören ein Schulungsweg werden können. Die erste Stufe: Das Gehörte gefällt mir oder es gefällt mir nicht, hier bleibt das Hören im persönlichen Erleben. Die zweite Stufe: das Erlauschen des Wesens der Stimme oder des Materials der Instrumente. Hier geht es um die reinen Phänomene, jenseits von Sympathie und Antipathie. Die dritte Stufe: die Wirkung der Klänge oder der Stimme. Alle drei Stufen gelten nicht nur für das Hören, sondern immer auch für menschliche Begegnungen. Wenn wir diese drei Tore im Hören durchschritten haben, dann erleben wir im wahrsten Sinne diesen Hörraum in uns und um uns. An acht Beispielen zeigt die Autorin auf, dass intensives Hören einen Heilungsprozess auf verschiedenen Ebenen anstoßen kann. Am Schluss macht sie zarte Andeutungen darüber, wie der Klang ins Unhörbare übergeht. Sie schließt mit den Worten: «Ist nicht jeder Klang ein Zeichen für das Leben und den Tod? Er entsteht, klingt und vergeht.»

Ich kann der Autorin nur von Herzen gratulieren zu diesem Werk und hoffe, dass es viel gelesen und zur Erlangung eigener Erfahrungen angewendet wird!


Reinhild Brass, Dem Hören vertrauen, edition zwischentöne,Weilheim 2018

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Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Das Wesen des Musikalischen. GA 278, Vortrag vom 7. März 1923.

Letzte Kommentare

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    Sylvia Braun
  • Danke Herr Soldner für diese ausgewogene Ausführung. Man würde ja...
    mgschwindgrieder
  • Danke Annette Bogatay für die Aufklärung diese beiden Begriffe. Genau...
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  • Liebe Annette Bogatay! Vielen Dank für die sorgfältige Stellungnahme! Und...
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  • Mich würden nach eineinhalb Jahren Erlebnisse und Empfindungen mit diesem...
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  • Dank für den ausgezeichneten, differenzierten, besonnenen, klärenden Beitrag !!! Ein...
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  • 1) Die 2G-Regel ist ebenso unsinnig wie gefährlich, wie man...
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