Christentum, Theosophie, Kulturentwicklung

Ein neuer GA-Band versammelt frühe öffentliche theosophische Vorträge in verschiedenen Städten und zur Thematik der Bibel, der Religionen und der Geisteswissenschaft (Theosophie), «als Werkzeug, die Religionen zu verstehen».


Wer nun meint, diese frühe Aktivitätsphase hätte im Vergleich mit der späteren Zeit der anthroposophischen Gesellschaft noch einen eher gemütlichen, zurückhaltenden oder introvertierten Zug, wird mit dieser Sammlung öffentlicher Vorträge in verschiedenen Städten zwischen 1903 und 1910 größere Augen bekommen.

Wir befinden uns mit diesem Band zeitlich zwischen den Buchveröffentlichungen ‹Das Christentum als mystische Tatsache›, ‹Theosophie› und ‹Die Geheimwissenschaft im Umriss›. Mittendrin im Mai 1907 der Münchner Kongress. Die deutsche Sektion übernahm die monatelange Vorbereitung, Organisation und Durchführung des Kongresses der Föderation der europäischen Sektionen der Theosophischen Gesellschaft. Ein groß angelegtes Projekt für über 600 Besucher. Dazu gehörten auch die Einstudierung und Aufführung von Schurés ‹Das heilige Drama von Eleusis›.

Es war Marie von Sivers, die die Vortragstermine abmachte, die Reisen organisierte, die Korrespondenz führte und als Reisebegleiterin dabei war, und das bis zur Erschöpfung. In den zehn Jahren bis zum Ersten Weltkrieg waren Marie von Sivers und Rudolf Steiner mehrheitlich durch Europa unterwegs. (Marie von Sivers: «In einem wahren Aktivitätsfieber, das mir den Atem verschlägt, wenn ich nur zuschaue; aber sein Geist bleibt stets ruhig und voller Selbstbeherrschung.»)

Noch bis Januar 1905 war Steiner an der Arbeiterbildungsschule in Berlin. In dieser Zeit versuchte er, mit anderen Menschen zusammen die Geisteswissenschaft zu entwickeln. Er entfaltete vor öffentlichem Publikum seine Wissenschaft vom Geist, die er damals als Redner und Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft ‹Theosophie› nannte. Die Menschen, die nach dieser Erkenntnis und Weisheit strebten, nannte er anfangs noch ‹Kinder des Luzifer›.

Über seine zahlreichen öffentlichen Vorträge berichteten auch die Zeitungen. Einige Vorträge werden in diesem Band mangels Nachschriften in der Zusammenfassung der Presse wiedergegeben. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde noch eine ausführliche Berichterstattung von kulturellen Veranstaltungen, auch von Vorträgen, gepflegt. Es sind aufschlussreiche Eindrücke nicht nur vom Inhalt der Vorträge, sondern ebenso vom damaligen Klima der Aufgeschlossenheit gegenüber den behandelten spirituellen Themen. Man versuchte das Ereignis und den Vortrag zusammenzufassen und einen Eindruck von der Art der Veranstaltungen zu geben, mit einer Charakterisierung des Redners und «seiner zum größten Teil aus Damen bestehenden Zuhörerschaft». (Weimarische Zeitung 1903) Wie wurde Steiner von den Journalisten an seinen öffentlichen Auftritten erlebt? «Der Redner ist eine schwache, asketische Gestalt, verfügt aber über eine sympathische, sonore Stimme und spricht fließend und ganz frei – Äußerst anregender, interessanter Vortrag – Treffliche, mit Überzeugung und Feuer vorgetragene Ausführungen – Ein fesselnder und mit ausgezeichneter Eloquenz gehaltener Vortrag – Lebendiger Vortrag – Mit Begeisterung und packender Rhetorik – Formschöner Vortrag.»

Steiner predigt nicht vom Christentum, erklärt sachlich und deutlich, oft historisch oder die Geisteswissenschaft einführend. Da ist nichts Salbungsvolles. Er beschreibt ausgewählte Stellen aus dem Alten und Neuen Testament, vermittelt einen seriösen, wissenden, kompetenten Eindruck. Er tritt als Lehrer, Gelehrter und Dozent auf. «Meine nächste exoterische Aufgabe ist, so viel ich nur kann die Lehre zu verbreiten.» (Brief vom 1.5.1903 an Mathilde Scholl) Die Menschen in seinen Vorträgen wollen etwas Substanzielles wissen, sich bilden und ernähren. In diesem Sinne können diese Vorträge als Steiners Öffentlichkeitsarbeit für die spirituelle Sicht- und Lebensweise verstanden werden. Mit ihnen lässt sich nachvollziehen, was er den aufnahmebereiten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen an Verständnis zutraute.

Diese überlieferten Vortragstexte sind aus einer Zeit, in der sie noch nicht von beauftragten professionellen Stenografinnen mitgeschrieben wurden. Überrascht hat mich die Qualität vieler Nachschriften, sprachlich klar und verständlich, verdichtet, den Vortragsduktus geglättet, konzentriert auf Aussagen und Gedankengänge. Es gibt auch schwache, lückenhafte Beiträge (oder soll man eher sagen: Beiträge aus lauter Lücken). Die hätte man besser in den Anhang stecken können, wenn man sie als Archiv schon nicht ganz zu schreddern wagte.

Ein besonderer Dienst der Herausgeberin ist nach den hilfreichen Anmerkungen zu jedem Vortrag ein Verzeichnis von Rudolf Steiners Aufsätzen, Schriften und Vorträgen (auch solche, von denen es keine Mitschriften gibt) zu den in diesem Buch behandelten Themen.


Buch Rudolf Steiner, Über das Wesen des Christentums. GA 68a, Hg. Andrea Leubin, Rudolf-Steiner-Verlag, Basel 2020.

Grafik: Fabian Roschka

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