Biografie­arbeit als Weg zum Ich

In der Methodik der Biografiearbeit liegen interessante Ansätze verborgen. Mathias Wais arbeitet schon lange mit Klienten und Klientinnen und ihren Biografien. Er stellt seine Arbeitsweise hier im Zusammenhang mit der Frage nach der Methode der Anthroposophie dar.


Die Grundannahme der akademischen Psychologie, dass naturwissenschaftliche Forschungs- und Erkenntnismethoden auf die Psyche des Menschen, seine Lebensführung, sein Selbstverständnis anwendbar seien, ermöglicht keinen Zugang zu den Sinnfragen, die menschlichem Streben (und seinen Hindernissen) zugrunde liegen. Ich hatte mich deshalb bereits in meinem Psychologiestudium um die Erkenntniswege von Phänomenologie und Hermeneutik bemüht. Ein geistiges Menschenbild, also die Perspektive auf den Menschen als Manifestation eines nicht materiellen Wesenskerns zu sehen, eröffnete sich mir durch das Aufsuchen von Zusammenhängen in der menschlichen Biografie. Dies führt zu – handhabbaren – Erkenntnissen über Sinnfragen.

Innen und Außen

Menschen kommen zur Biografieberatung aus einem konkreten Anlass – Trennung, Verlust eines geliebten Menschen, Ärger am Arbeitsplatz, Beziehungsprobleme –, und ausdrücklich oder erst einmal verborgen steht immer die Sinnfrage im Hintergrund: Warum geschieht mir das? Was bedeutet mir diese Krise? Verzichtet man nun zunächst auf das Verfolgen psychologischer Kausalerklärungen und stellt das aktuelle Problem in den Gesamtzusammenhang der Biografie des Betreffenden, so treten Sinnzusammenhänge zwischen der Biografie und dem aktuellen Problem in Erscheinung.

Einige kurze Beispiele mögen dies veranschaulichen. Ein Mann kommt zur Beratung mit der Klage, er habe keine Privatsphäre. Arbeit im Großraumbüro unter ständiger Beobachtung, Wohnen mit den Schwiegereltern im gleichen Haus, die sich immer wieder einmischen, Tratsch über ihn im Dorf. Es zeigte sich hier ein Zusammenhang, der sehr oft in einer Biografie zu finden ist: Die Geburtssituation enthält bereits ein Lebensthema, einen sogenannten roten Faden. Denn dieser Klient war während einer Party geboren worden, eine Sturzgeburt in Anwesenheit von 30 oder 40 Menschen. Schon bei seiner Geburt gab es also keine Privatsphäre. Eine Klientin berichtet, dass sie sich ständig übersehen und übergangen fühlt. Ihre ersten Lebenswochen waren davon geprägt, dass sie wegen eines eitrigen Hautausschlags eine tief ins Gesicht gezogene Haube tragen musste, damit Besucher den Ausschlag nicht sehen würden.

Während der Geburt eines späteren Offiziers der Bundeswehr wurde direkt neben dem Krankenhaus mit viel Lärm eine Übung der Bundeswehr durchgeführt. Solche Zusammenhänge sind psychologisch nicht erklärbar. Ihr Verständnis führt zu einem Menschenbild, wonach ein im Hintergrund agierendes, auch die äußeren Umstände konstellierendes Ich die Biografie anhand von Themen oder roten Fäden entwickelt, mit denen der Betreffende sich zeitlebens auseinandersetzen wird. Einige Aspekte der Individualität manifestieren sich anscheinend auch in den äußeren Lebensumständen. Ein junger Mann mit starken Aggressionshemmungen findet zunächst nicht den Durchbruch zu einem freien, konfliktbereiten Verhalten. Während er sich darum bemüht, erlebt er zu Hause und an seinem Auto, wie immer wieder Rohre platzen, Schläuche undicht werden und Ähnliches. Der anstehende Durchbruch materialisiert sich in äußeren Ereignissen, solange er psychisch nicht gelingt.

Solche und ähnliche Zusammenhänge gemeinsam mit dem Klienten oder der Klientin herauszuarbeiten, führt zu ihrem empirischen Beleg: Der Klient bekommt Übungen oder wir entwickeln Ideen für neue Entscheidungen oder für zunächst probeweise Gewohnheitsänderungen, die ihm einen bewussten, souveränen Umgang mit solchen Themen ermöglichen sollen. In dem Maße, wie dies zu einer Erweiterung der Persönlichkeit führt, haben wir einen empirischen Beleg der gemeinsam erarbeiteten Erkenntnisse.

Bild: Gilda Bartel

Spezielles Hören

Auch ist die Methode, Zusammenhänge zwischen biografischen Phänomenen herauszuarbeiten, intersubjektiv anwendbar und nachprüfbar und insofern meines Erachtens wissenschaftsfähig.

Ich möchte sie deshalb näher beschreiben als eine Art bildhauerischer Tätigkeit. Je mehr monokausale Erklärungen weggelassen werden, je mehr auf Urteile wie ‹neurotisch› oder auf gruppenspezifische Einordnungen verzichtet wird und auch moralische Kategorien außen vor gelassen werden, umso deutlicher kann das Wesentliche eines Menschen, sein Urbild, seine Individualität erkennbar werden, auch für ihn selbst.

Die Zusammenhänge in einer Biografie lassen sich auch meditativ herausarbeiten. Die Imagination der biografischen Zusammenhänge als ein gestaltetes Lebenspanorama – welches vom Klienten auch mit malerischen Mitteln dargestellt werden kann – führt zu der den Klienten mit seiner Biografie versöhnenden Auffassung einer durchkomponierten Zeitgestalt. Ein Klient verglich sein Lebenspanorama mit einer durchkomponierten Partitur.

Methodisch kommt auch während der Gespräche mit dem Klienten meinerseits ein imaginiertes ‹drittes Ohr› zur Anwendung. Ich imaginiere ein drittes Ohr zwischen den Schulterblättern – man könnte es vielleicht ein Lotuszentrum nennen. Während ich einerseits dem Klienten zugewandt, also mit nach vorne gerichteter Aufmerksamkeit zuhöre, eventuell Verständnisfragen stelle, höre ich gleichzeitig mit dem dritten Ohr auf eine noch andere Ebene, die dem Erzählenden im Moment des Erzählens gar nicht bewusst ist und die einen Horizont auf die Sinnfrage eröffnet, dem wir uns dann im weiteren Gespräch gemeinsam annähern können.

Wenn ich aus diesem Hören nach hinten heraus zum Klienten spreche, so mein Eindruck, spreche nicht eigentlich ich, sondern, wenn es gut geht, spricht er – durch mich – zu sich. Ob dies wissenschaftlicher Prüfung zugänglich wäre, weiß ich nicht. Es gibt zumindest den subjektiven Beleg: Der Klient sagt oft, nachdem ich einen Hinweis aus diesem speziellen Hören heraus formuliert habe, er habe dies innerlich eigentlich schon immer gewusst. Ich betrachte dieses Vorgehen als eine Kunst, die mal besser, mal weniger gut gelingt.

Eine Biografie ist nicht eine Kette von Ereignissen, sondern eine von Sinnzusammenhängen strukturierte Gestaltung.

Ansprechen des höheren Ich

Dieses Hören nach hinten darf keinerlei Beurteilen zulassen und muss auch absehen von eventuellen persönlichen Reaktionen des Hörenden auf das Gehörte. Man kann dies einüben: Man gehe durch den Wald und höre nach hinten auf die Geräusche. Man höre Musik so, dass man mit dem Rücken zur Tonquelle sitzt. Man versuche, wenn andere sich unterhalten, in der Straßenbahn etwa, wo es oft unvermeidlich ist, mitzuhören, nach hinten gerichtet zuzuhören. Auch hierbei kann sich eine Unterseite des Gesprochenen zeigen. Wenn wir einen Menschen aus dem skizzierten Vorgehen heraus in seinem höheren Ich ansprechen, in dem, was an Möglichkeiten in ihm lebt, auf welche die Sinnzusammenhänge hinweisen, so tragen wir zur Verwirklichung eben dieser Möglichkeiten bei. Eine Biografie ist nicht eine Kette von Ereignissen, sondern eine von Sinnzusammenhängen strukturierte Gestaltung. Aus dieser Perspektive ist dem Klienten oder der Klientin ein neuer Umgang mit seinen oder ihren aktuellen Problemen oder Fragen und sind ihm und ihr neue Entscheidungen und ein bewusst gestaltender Zugriff auf die weitere Biografie möglich.

Zur Anwendung in der Biografiearbeit und -beratung kann auch eine andere Methodik kommen, die den umgekehrten Weg wie die oben skizzierten einschlägt. Während wir in dem beschriebenen Vorgehen von der gemeinsamen Betrachtung der Sinnzusammenhänge in der Biografie des Klienten oder der Klientin ausgehend zu einem geistigen Menschenbild und speziell zum geistigen Wesenskern der ratsuchenden Person gelangen, setzt die andere Methode das geistige Menschenbild voraus und wendet da heraus Entwicklungsgesetzlichkeiten (Jahrsiebte, Mondknoten, Spiegelung der Lebensthemen an der Mitte des als U-Kurve gedachten Lebenslaufs) auf die konkrete Biografie an. Sie sucht dann nach Entsprechungen oder eher Bestätigungen des Wirkens solcher Gesetze in dieser konkreten Biografie.

Dieses Vorgehen kann sehr zur Aussöhnung eines Menschen, besonders eines älteren Menschen, mit seiner Biografie beitragen, insofern sich der konkrete Mensch in Einklang mit geistigen Entwicklungsgesetzen sieht. Nach meiner Erfahrung und Auffassung trägt dieser Weg aber wenig zum Verständnis dessen bei, worin die konkrete Individualität dieses ratsuchenden Menschen besteht. In der Praxis kann man beide Vorgehensweisen natürlich miteinander verbinden.

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