Zucker – verherrlicht und verdammt

Beim Zuckerverzehr will sich keine Vernunft einstellen, zu süß ist die Verführung. Gerade Kinder und Jugendliche kommen kaum davon weg, weil sie schon früh an den süßen Geschmack gewöhnt sind, wie er beispielsweise in Softdrinks die Regel ist. Jetzt will auch Deutschland eine Zuckersteuer einführen.


Die gesundheitlichen Folgen sind dramatisch und für die Krankenkassen teuer. Der ökonomische Druck hat die Diskussion um eine Zuckersteuer in Deutschland beschleunigt. In Ländern wie Großbritannien gibt es seit 2018 eine Zuckersteuer für Hersteller von gesüßten Getränken. Hier ist inzwischen der Zuckergehalt in Fanta mit 4,5 Gramm sehr viel niedriger als in Deutschland mit 7,6 Gramm. Die Schweiz setzt auf der Basis der Mailänder Erklärung mit einer schrittweisen Zuckerreduktion für verschiedene Produktgruppen auf Freiwilligkeit der Industrie.

Fast 26 Gramm Zucker trinken die Deutschen täglich in Form von Softdrinks und sind damit Europameister. Alles in allem werden täglich im Durchschnitt 83 Gramm Zucker verzehrt. Dabei raten die WHO und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung zu einer Begrenzung des Zuckerkonsums auf maximal 50 Gramm pro Tag bei Erwachsenen, das sind zehn Teelöffel Zucker oder 14 Stück Würfelzucker. Bereits mit einem halben Liter Coca-Cola Original ist die Empfehlung überschritten.

Längst ist bekannt, dass ein dauerhaft erhöhter Zuckerkonsum zu gesundheitlichen Schäden führt. Dazu gehören nicht nur Übergewicht, sondern auch Erkrankungen wie Adipositas, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Durch eine feine Regulation wird der Blutzuckerspiegel im Organismus zwar in engen Grenzen stabil gehalten. Ist er jedoch nüchtern über 100 Milligramm pro Deziliter, spricht man von erhöhten, prädiabetischen Blutzuckerwerten. Dauerhaft erhöhte Werte schädigen die Hirngefäße und haben Ablagerungen zur Folge. Diese Verengung erschwert die Versorgung der Gehirnzellen,1 das begünstigt die Entstehung von neurologischen Erkrankungen wie Demenz und Schlaganfall.

Blutzuckerschwankungen in einem geringen Bereich sind auf jeden Fall gesünder als ein steiler Anstieg gefolgt von einem steilen Abfall, wie es beim Verzehr von zu viel Zucker und Weißmehlprodukten der Fall ist. Diese haben zudem den Nachteil, dass schnell wieder Hunger auftritt und immer mehr gegessen wird. Es ist schwierig, diesem Teufelskreis zu entkommen, wenn die Ernährung nicht umgestellt wird. Gleichzeitig nehmen Übergewicht und Adipositas weltweit stark zu.

Süße Gewöhnung

Ist erst einmal eine Gewöhnung an den süßen Geschmack eingetreten, tritt ein ständiges Verlangen nach Süßem auf, bis hin zu Heißhungerattacken. Anders als bei Fett oder Protein hat Zucker zusätzlich wegen des ‹Wohlfühlhormons› Dopamin eine suchtähnliche Wirkung. Es wird beim Zuckerkonsum ausgeschüttet und führt zu einem wiederholten Verlangen nach Zucker.

Die Gewöhnung an weniger Süße oder an natürliche Süße aus Früchten und Trockenfrüchten braucht Zeit. Besonders bei Kindern ist es ratsam, den Zuckerkonsum von Anfang an zu begrenzen. Das Geschmacksempfinden passt sich an, wenn die Reizschwelle gesenkt wird, sodass eine geringe Menge an Zucker für das positive Empfinden der Süße bereits ausreicht. Es gibt sogar Hinweise, dass einmal im Kindes- und Jugendalter etablierte Ernährungsmuster stabil bleiben. So spielen die im Kleinkindalter entwickelten Gewohnheiten und Lebensmittelpräferenzen eine entscheidende Rolle für die weitere Entwicklung und den allgemeinen Gesundheitszustand bis ins Erwachsenenalter.2 Als entscheidend gelten die ersten 1000 Tage, die mit der Konzeption beginnen.

Die gesunde Dosis

Zucker ist in sehr vielen verarbeiteten Lebensmitteln enthalten. Er wird von Lebensmittelherstellern als kostengünstiger Geschmacksverstärker sowie zur Konservierung eingesetzt. Insbesondere sogenannte Kinderlebensmittel haben oft einen hohen Zuckeranteil, was für viele Eltern wegen Namen wie ‹Blütennektar›, ‹Trauben-, Apfelsüße oder Malzextrakt› nur schwer erkennbar ist. Auch Fruchtsnacks sind für Kinder wahre Zuckerbomben. Diese Produkte enthalten viel Fruchtzucker, der sich ebenso negativ auf die Gesundheit auswirkt wie normaler Zucker.3

Im Grunde benötigt der Körper keinen freien Zucker aus der Nahrung, weil er ihn aus komplexen Kohlenhydraten, wie sie in Vollkornprodukten und Kartoffeln vorkommen, selbst herstellen kann. Doch muss nicht gänzlich auf das Genusserlebnis verzichtet werden. Es geht bei der Zuckerdiskussion nicht um das vollständige Verbot, sondern darum, die richtige Balance zu finden. Denn die Dosis macht bekanntlich das Gift, wie schon Paracelsus vor Hunderten von Jahren postulierte.

Napoleons süße Initiative

Seit mehr als 10 000 Jahren ist Zuckerrohr bekannt. Die daraus gewonnene Süße wurde als Gewürz eingesetzt und sogar mit Gold aufgewogen. Auf ihrem Ersten Kreuzzug im elften Jahrhundert lernten die Kreuzfahrer aus Mitteleuropa Zuckerrohr kennen. Seither gelangte regelmäßig Zucker nach Europa, wobei venezianische Kaufleute den Zuckerhandel dominierten. So war im 13. Jahrhundert Venedig der wichtigste Handelshafen für Zucker in Europa. Als Luxusgut blieb er den Adligen und Reichen vorbehalten. Die Kehrseite des Luxus zeigte sich in den Zuckerrohrplantagen in Südamerika, wo Sklavinnen und Sklaven unter unmenschlichen Bedingungen arbeiteten und lebten. Sie wurden aus Afrika geholt und ausgebeutet, was die Zuckerproduktion billig machte. So war Zucker mit der Zeit in allen Bevölkerungsschichten zugänglich, und der Verzehr stieg. Damals fragte niemand nach fairen Anbau- und Herkunftsbedingungen. Im 18. Jahrhundert versiegte die Quelle wegen eines Sklavenaufstandes in Santo Domingo. Aus der Krise entstand die Chance für die Entdeckung der Zuckerrübe in Europa. Die Runkelrübe wurde weitergezüchtet, um den Anteil an Zucker zu erhöhen. Heute enthalten moderne Sorten bis zu 20 Prozent Zucker. Napoleon veranlasste die Verbreitung des Rübenanbaus und ließ Zuckerfabriken bauen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts war Zucker für die ganze Bevölkerung erschwinglich. Bis heute dominiert in Europa der Rübenzucker, natürlich auch wegen der Subventionspolitik.

War Süße früher ein Zeichen für nahrhafte Nahrung, was in Hungerzeiten lebensrettend war, so liegt heute der Schwerpunkt auf dem durch Süße vermittelten Wohlbefinden. Von der Verwendung in geringer Dosierung und als Gewürz ist man heute weit entfernt.


Siehe auch Sektion für Landwirtschaft

Foto Dmitry Dreyer, Unsplash

Fußnoten

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (2024): World Brain Day 2024: Zu viel Zucker versalzt die Hirngesundheit, abgerufen am 25.09.2024.
  2. C. Spiegle, S. Jansen, L. Burgard, F. Wittig, A. K. Brettschneider, A. Schlune, T. Heuer, A. Straßburg, S. Roser, S. Storcksdieck Genannt Bonsmann, R. Ensenauer (2024): Unfavorable food consumption in children up to school entry age: results from the nationwide German KiESEL study, Front. Nutr. 11:1335934.
  3. Foodwatch (2024): Foodwatch-Marktcheck: «Kinder-Fruchtsnacks meist stark überzuckert», abgerufen am 01.10.2024.
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