Werkstatt Kontemplation.
Lichtblicke sind einerseits Schimmer der Hoffnung und zugleich Blicke des Lichts. Diese können wiederum Blicke sein, die jemand auf das Licht richtet, oder aber Blicke, die vom Licht selbst ausgehen, sodass das Licht schaut. Die letztere Bedeutung mag ungewöhnlich anmuten, weil das Licht normalerweise nicht als etwas verstanden wird, das sieht. Und gleichwohl hängt das Licht eng mit der Sehkraft zusammen. Denn ohne das Licht – sei es Sonnen-, Kerzen- oder ein anderes, künstliches Licht – können wir nicht sehen. In dem sogenannten Sonnengleichnis führt Platon diesen Umstand weiter aus, indem er die Sonne und ihr Licht mit der Idee des Guten vergleicht.1 So wie wir ohne das Sonnenlicht nicht sehen können, so können wir ohne die Idee des Guten gemäß Platon nichts erkennen. Demnach bedarf der erkennende Geist eines Lichts, um erkennen zu können, genauso wie das sehende Auge nur kraft des Lichts sehen kann, das die Gegenstände beleuchtet und sie dadurch aus dem Dunkeln ins Sichtbare hebt. Vor diesem Hintergrund zeichnet sich eine aktive Rolle des Lichts ab, welche dieses im Sehprozess und womöglich auch im Erkenntnisprozess einnimmt.
Indem Lichtblicke vor diesem Hintergrund als Blicke verstanden werden, die vom Licht selbst ausgehen, sind Lichtblicke solche, die sich auf den Menschen richten und ihn einerseits zum Sehen und Erkennen befähigen und ihn andererseits mit einer höheren Wirklichkeit, von der her das Licht strahlt, verbinden. Und insofern der Mensch auf diese Weise an eine Wirklichkeit rückgebunden ist, von der Licht ausstrahlt, vermag der Mensch, indem nun er zum Licht blickt, Hoffnung zu schöpfen aus dem Licht, durch das er sehen und erkennen kann. Das Licht spendet Hoffnung und der Mensch sieht Hoffnungsschimmer, Lichtblicke in düsteren Zeiten.
Mit dem Verweis auf düstere Zeiten wird die Dunkelheit angedeutet, welche die Lichtblicke schweigend und unheilvoll umgibt. Denn als Hoffnungsschimmer kann von einem Lichtblick einerseits nur dann die Rede sein, wenn sich frohe Aussichten eröffnen, und andererseits nur dann, wenn man sich in einer Dunkelheit befindet, angesichts derer das Hoffen überhaupt relevant wird. In einer vollkommenen, glückseligen Welt gäbe es keine Lichtblicke; nicht deshalb, weil in einer solchen Welt völlige Finsternis herrschte, sondern aus dem Grund, dass in einer vollkommenen, glückseligen Welt bereits alles in Erfüllung gegangen wäre, worauf man hätte hoffen können. Wenn alles gut ist, erübrigt sich die Hoffnung. Insofern sich Lichtblicke nur in der Dunkelheit auftun können, sprechen die hier abgedruckten Texte sowohl von Licht und Liebe als auch von der Düsternis im Leben, in die irgendwo ein Licht einfällt. Denn «das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht auslöschen können».2
Foto Aron Visuals/Unsplash

