Jetzt verlöscht Orion am Michaelihimmel. Rote Glut leuchtet über dem Meer. Es dämmert, und das Nachtsternenschwarz wird Dunkelviolett, Tiefblau, Hauchgrün, Schmutziggelborange. Und gestern vor der Nacht, am anderen Horizont, zeigte der Himmel ebenso seine Grenze in allen Farben, vom Rot bis ins Dunkelkleid der Sterne. Es sind zwei Regenbogen-Flügel, die beständig um den Planeten schwingen.
Die Himmlischen begleiten ihre Kinder, lauschen, tasten, beflügeln die Erwachenden und die zur Ruhe Kommenden, um die kommenden Schicksale zu dichten. – Leiht Ihr mir eine Feder, mein Leben zu schreiben? Keiner weiß besser als Ihr, was ich leide, torkle und nicht verstehe. Darf ich wissen um Euch in meinen Begegnungen, meinen Gedanken? Gewiss, ich will bestimmen, niemanden über mir dulden. Doch hier, an den Grenzen meines Bewusstseins: Ist mein Wille ein anderer als der Eurige? – Wie still darf ich werden, um Euch zu erleben und zugleich mich selbst nicht zu vergessen? Jenen, den Ihr hervorbringen wollt.
Ja, der Kosmos macht Menschen; menscht.1 Bin ich doch aus dem Ganzen hervorgegangen, aus dem einen Anfang, mit den Urgöttinnen aus einem Stoff. Ich kenne mich noch nicht. So darf ich vor mir selbst knien und Euch, meine großen Schwestern in mir, beim Namen nennen: Anbeginne, Gewalten, Geister der Liebe. Welche Hoffnungen hegt Ihr, wenn Ihr meine Stimmen vernehmt? Womit könnt Ihr etwas anfangen? Wie möchte ich werden, um in diesem Erblicktwerden frei atmen zu können?
Bild Ramona Rehn, ‹Bewegung im Lebendigen›, Lochkamera-Bild auf Rollfilm, mehrfach belichtet

