Wie Traumapädagogik Vertrauen, Lebensfreude und innere Beweglichkeit weckt.
Viele Menschen haben traumatische Situationen erlebt. Mehr als die Hälfte der Betroffenen sind aber bei den meisten Belastungen resilient genug, um das Geschehene mehr oder minder zu verarbeiten, sodass keine Belastungsstörungen fortwirken. Ein weiteres Viertel der Menschen findet Hilfe, indem sie darüber sprechen oder andere Unterstützung annehmen, sodass nach Tagen oder Wochen wieder alles beruhigt ist. In diesem Aufsatz geht es um die ca. 10 bis 15 Prozent der Menschen, bei denen die Belastung nicht zur Ruhe kommt und Traumafolgen entstehen. Die häufigste Form ist die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Es ist gekennzeichnet durch Intrusionen, Vermeidung, Erregung und Einschränkungen von Kognition und Stimmung. All das zusammen schränkt das Leben massiv ein, sodass mitunter alle Motivation verloren geht, selbst die Motivation zu leben. So sind von den amerikanischen Soldaten, die in Vietnam gekämpft haben, mehr durch Suizid nach dem Krieg gestorben als während der Kämpfe durch Waffengewalt.1
Intrusionen sind wiederkehrende Bilder, Emotionen oder Körpersensationen, die das Trauma immer von Neuem wiederholen. Dabei handelt es sich nicht um Erinnerungen. Erinnerungen sind eine Aktivität. Was wir beispielsweise vor fünf Jahren zum Geburtstag bekommen haben, lässt sich mühevoll erinnern. Wir müssen es wollen und tun es aktiv. Erinnerungen kommen außerdem zur Ruhe – anders im Trauma. Die Bilder aus der traumatischen Situation kommen ungerufen, ohne unseren Willen. Durch Trigger ausgelöst geistern sie durch die Seele, wie der fliegende Holländer durch die Weltmeere. Diese Bilder kommen ungerufen und verblassen nicht. Sie haben eine Präsenz, als würde alles noch einmal geschehen.
Dass wir das zu vermeiden suchen und deshalb Trigger scheuen, die diese Bilder wachrufen, ist verständlich. Gleichzeitig werden aber so die Erlebnisse nicht verarbeitet. Und: Wir denken an rosa Elefanten, wenn wir uns vornehmen, nicht daran zu denken. So bewirkt die Vermeidung, dass alles nur schlimmer wird.
Erregung steigert sich zu Übererregung, weil wir überall und hochsensibel Unheil vermuten und so unter dauerhaftem Stress stehen. Es kann aber auch Untererregung folgen, sodass uns alles zu viel ist und wir keine Energie mehr haben. Den Mittelzustand kennt der Traumatisierte nicht mehr. Das mindert unsere kognitiven Funktionen und verzerrt unser Denken. Scham- und Schuldgefühle, Ängste, Sorgen und Kummer beherrschen die Seele. Kinder können kaum noch lernen. Diese PTBS ist ein Dammbruch. Jetzt können alle möglichen Erkrankungen, seelischer, aber auch körperlicher Art, auftreten, manchmal noch Jahrzehnte später.
Krankheiten haben Geschichte
Ein Trauma ist mehr als Stress. Im Stress haben wir noch Reflexe: Kampf oder Flucht. Es sind Reflexe, die oft das Überleben gewährleisten. Ein Trauma ist der massive oder toxische Stress, in dem wir keine Reflexe mehr haben und erstarren. Stress mobilisiert im Körper enorme Kräfte, die wir in Kampf- oder Fluchtsituationen nach außen setzen. In der Erstarrung wenden sich diese Kräfte nach innen und können dort Zerstörung bewirken. Ein Trauma führt zur Erstarrung, wie im biblischen Bild von Lots Frau, die zur Salzsäule erstarrte. So können seelische Beweglichkeit, Hirnfunktionen, physiologische Prozesse (Hormone, Immunsystem, Kreislauf oder Verdauung) in ihrer Funktion eingeschränkt werden oder sich der Selbstregulation des Organismus entziehen und sich als Krebs, als Herzinfarkt, Autoimmunerkrankung, Ängste und Depressionen verselbstständigen. Denn: Erkrankungen fallen nicht vom Himmel. Sie haben eine Vorgeschichte. In solchen Vorgeschichten von Erkrankungen finden wir nicht selten ein Trauma.
Ein Trauma betrifft deshalb immer den ganzen Menschen. Was ein Trauma ist, beschreiben Gottfried Fischer und Peter Riedesser2 so: Ein Trauma ist: «[…] ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt».
Geht es uns nicht meist so, dass wir empfinden, die Welt und wir seien ein gutes Team? Mit dauerhafter Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis ist das nicht mehr gegeben. Ein Kind in den ersten Jahren erlebt die Welt und sich als Zusammenhang, als sei die Welt für es geschaffen. Das fördert seine Entwicklung: Die Welt ist gut! In den ersten Schuljahren lernt es, die Welt neu zu verstehen und im Kleinen mitzugestalten, und wenn das gelingt, erlebt es: Die Welt ist schön! Nach der Pubertät wollen wir die Welt intellektuell begreifen und uns darin bewähren. Finden wir Antworten, erleben wir, dass die Welt wahr ist. All dem steht das Trauma entgegen: Ein Trauma ist nicht gut, es ist nicht schön und widerspricht allem, was man als wahr erfahren hat. Es muss dabei nicht immer das schlimme oder extreme Ereignis sein. Auch viele Tropfen können das Fass zum Überlaufen bringen, um die Welt als ungut, unschön und unwahrhaftig zu erleben, sodass Selbst- und Weltbild nicht mehr zueinander passen.
Mangelnde oder bedingte Liebe, emotionale Vernachlässigung, emotionaler oder körperlicher Missbrauch, Armut zu Hause, Eltern in Stress oder Krankheit, keine Freunde finden, in Kindergarten oder Schule gehänselt, bloßgestellt oder gar gemobbt werden: Alles das kann sich summieren und zu denselben traumatischen Folgen führen wie Gewaltexzesse, grauenvolle Erlebnisse, Unfälle oder der Verlust geliebter Mitmenschen. So gesehen, haben wir heute in fast jeder Schulklasse, in fast jeder Kindergartengruppe betroffene Kinder. Was fehlt, sind erwachsene Vertrauenspersonen, von denen das Kind sich verstanden, geschützt, gefördert, wertgeschätzt und willkommen fühlen kann. Besonders Menschen mit einer geistigen Behinderung, die die Welt schwerer verstehen, sind die Bevölkerungsgruppe, die am häufigsten traumatisiert ist – und bei der wir ein Trauma oft nicht erkennen. Schon bei vier oder mehr belastenden Kindheitserfahrungen verdoppelt sich das Risiko für Adipositas, Diabetes und Krebserkrankungen. Es verdreifacht sich das Risiko für Herz- und Atemwegserkrankungen, Leber- und Verdauungskrankheiten. Das Risiko für Depression, Angststörungen, sexuelles Risikoverhalten und problematischen Alkoholkonsum ist vervierfacht, das Risiko für die Ausübung von Gewalt ist gar siebenfach erhöht und das Risiko für problematischen Drogenkonsum ist verzehnfacht. Die erste Waldorfschule, 1919 gegründet, war eine Schule für traumatisierte Kinder aus dem Ersten Weltkrieg. Vieles, was in der Traumapädagogik angelegt ist, findet sich im ersten Lehrplan der Waldorfschule, wenngleich nicht alles. Aber auch in der Traumapädagogik fehlen bislang Elemente, die Rudolf Steiner in der Pädagogik angelegt hat und die sich elementar in der Traumaarbeit bewährt haben.
Gib Worte deinem Schmerz
Kern der Therapie ist, was Shakespeare schon benannte: «Gib Worte deinem Schmerz / Gram, der nicht spricht / belastet das beladne Herz / bis es bricht.»3 Das kann – besonders zu Beginn – das Trauma verstärken, weil alles wieder ungeordnet und belastend ins Bewusstsein kommt, was mit der Vermeidungsstrategie verhindert wurde. Da sollte zuvor ein stabiles, wertschätzendes, verlässliches und emotionsvalidierendes Verhältnis aufgebaut werden, bis die Vermeidungsstrategie dem Betroffenen nicht mehr nötig ist und er erzählen möchte. Diese Vorbereitung, die ‹Stabilisierung› mit Techniken zur Entspannung, zur Emotionsregulation, mit Distanzierungstechniken und einem neu gewachsenen Selbstwertgefühl und epistemischen Vertrauen, leistet auch die Traumapädagogik. Oft ist dann keine Therapie mehr notwendig. Das Wichtigste in der Arbeit mit traumatisierten Menschen ist die innere Haltung. In unseren Seminaren im Ausland und in Deutschland in unserem Institut4 erklären wir diese Haltung an dem Selbstporträt von Rembrandt als Zeuxis. Zeuxis sei ein griechischer Maler im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus gewesen. Er sollte die schöne Helena malen, die aber schon mehrere Hundert Jahre tot war. Also malte er die schönsten Frauen Griechenlands und setzte daraus ein Porträt zusammen, das in den höchsten Tönen gelobt wurde. Nach der Darstellung der vollendeten Schönheit, so sagt die Sage, wollte er die Hässlichkeit malen. Mit der vollendeten Schönheit in seinem Inneren sei der Kontrast zu den ersten hässlichen Menschen so groß gewesen, dass er lachen musste – lachen, bis er keine Luft mehr bekam und verstarb.
Nun malt Rembrandt am Ende seines Lebens sich als Zeuxis.5 Er hatte viele Rückschläge erleben müssen: Er malt also das Bild, das links angedeutet ist, und wendet sich zu seinem Modell. Dabei schaut er uns, die Betrachtenden, an. Egal, ob wir äußerlich schön oder hässlich sind: Hat nicht jeder Mensch Hässliches in sich, ungute Gedanken, Triebe, belastende Emotionen? Es scheint, als sähe Rembrandt dies alles. Aber er lacht uns nicht aus! Er blickt uns offen, freundlich lächelnd an, als wolle er sagen: «Das kenne ich alles – aber ich kann dir sagen, das Leben geht weiter!»
Das Bild zeigt mehr: Der goldene Rand seines Mantels steigt dunkel von unten auf, wird warm in der Herzgegend und, rein gestalterisch gesehen, wendet er sich heller werdend um seinen Hals. Er kommt, nicht mehr als Mantelkragen, hell leuchtend in seiner Stirn an. Rudolf Steiner hat am 16.8.1908 als Widmung für Familie Rietmann in ein Buch geschrieben: «Die Rätsel des Lebens lösen sich in der Wärme des nach Erkenntnislicht strebenden Herzens.» Das sehen wir auch in diesem Bild. Die warme, goldene Anteilnahme des Herzens, die Empathie, steigt auf und schafft lichtvolle Gedanken. Auf der Universität lernt man es anders: Wir sollen mit dem kühlen Kopf die Dunkelheit des Herzens erforschen. Steiner dreht das um. Das Mitfühlen des Leids des Einzelnen bedeutet, sich bewusst zu werden, dass wir nicht besser sind als unser Gegenüber. Ihm zu helfen, bedeutet, sich bewusst zu werden, dass der Mensch, der vor einem steht, der einzige Experte für sich, seine Ressourcen und seine Erlebnisse ist. Er hat Situationen überlebt, die wir nicht erfahren mussten.
Freude und Freundlichkeit sind Medizin
In der traumatischen Situation ist alles zu viel, zu heftig und zu schnell. Das Großhirn als Instrument der Gedanken, der Empathie, des Verstehens und des Verzeihens, unserer Ideale, unserer Fantasie und unserer Spiritualität kommt nicht mit. Es wird blockiert. Alle negativen Emotionen – und davon haben traumatisierte Menschen viel – verstärken diese Blockade. Nur warme Gefühle, besonders die Freude, können diese Blockade lösen. Darum sind alle Maßnahmen, die wir ergreifen können, wirksam, wenn wir diese Freundlichkeit, die Rembrandt zeigt, dem betreffenden Menschen warmherzig entgegenbringen, selber freudig bei der Sache sind, Zuversicht ausstrahlen und Freude ermöglichen. Die oben genannte Erstarrung wird in der Fachliteratur ‹Freeze› genannt. Es erkaltet etwas. Und wo etwas zu kalt ist, braucht es Wärme. Weniger die Wärmflasche als das warme Herz. Und es braucht Bewegung, denn sie ist das Gegenteil der Erstarrung. Das betrifft die äußere Bewegung in Spiel, Eurythmie oder in der Erlebnispädagogik, aber noch viel mehr die innere Bewegung und Beweglichkeit.
Den ersten Vortragszyklus für werdende Waldorflehrer (‹Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik›, GA 293)6 schließt Rudolf Steiner mit einem Appell, der damit eine herausragende Stellung hat: Durchdringe dich mit Fantasiefähigkeit, habe den Mut zur Wahrheit, schärfe dein Gefühl für seelische Verantwortlichkeit. In der Fantasie sich zu erträumen, eine Villa am Strand von Kalifornien zu haben, ist nicht gemeint.
Das entspricht nicht dem Mut zur Wahrheit, zumindest für die meisten Menschen. Es ist auch nicht die Fantasie gemeint, wie man sich an den Tätern, die das Trauma bewirkt haben, rächen kann. Das entspricht nicht der seelischen Verantwortlichkeit. Viktor Frankl hat diesen Satz mit Leben gefüllt (obwohl er ihn vermutlich nicht bei Steiner gelesen hat). Im KZ wurden seine Eltern, sein Bruder und seine Frau ermordet. Auch er wurde verhaftet und lebte dort unter allerwidrigsten Umständen, ohne realistische Chance, zu überleben. Er hatte diese ‹Fantasie›: Er malte sich aus, wie er, falls er überleben würde, Menschen helfen könnte, die Ähnliches erlebt hätten wie er. Die Wahrhaftigkeit bestand darin, dass er seine Ressourcen als jahrelanger Psychotherapeut dafür nutzen könne. Die seelische Verantwortlichkeit lebte in seinem ungebeugtem Helferwillen, wie aus der Wärme des Herzens lichtvolle und wirksame Ideen entstehen können. Er sah, dass die Seele in solch widrigen Situationen alleine nur Angst, Hilflosigkeit, Hass und Verzweiflung hervorbringen kann. Für ihn wurde deutlich, dass es mehr geben müsse als Leib und Seele, wie es die von ihm gelernte Psychologie annahm. Er fand in diesem Freiheitsraum, den kein Täter ihm rauben könne, das, was er ‹Geist› nannte, und dass nur dieser heilsam ist. Ohne dass man sich mit dieser ‹Fantasiefähigkeit› durchdringt, sollte man weder Traumapädagoge noch Traumatherapeutin werden wollen.
In den Mokassins des anderen laufen
Diese Fantasie ist auch das Werkzeug, mit dem wir uns in den anderen Menschen hineinzuversetzen versuchen, wie Rembrandt es konnte. Wir nennen das ‹Mentalisieren›. Die amerikanischen Ureinwohnerinnen und -einwohner drückten das so aus: «Gehe 100 Schritte in den Mokassins eines anderen, wenn du ihn verstehen willst.» Mentalisieren ist ein sensibler Prozess. Er bedeutet, aus dem Erscheinungsbild, aus der Art der Bewegungen, der Mimik, dem Tonfall der Worte, dem Sozialverhalten und den Interessen einen Perspektivwechsel vollziehen zu können. Er bedeutet, wie in die Haut der anderen Person schlüpfend, zu erfassen, wie es ihr gehen mag und was ihr guttäte. Das gelingt nur, wenn wir den Stress beherrschen, unsere Emotionen wahrnehmen, zu ihnen stehen sowie diejenigen aktivieren, die in dem Moment sachdienlich sind, und die anderen liebevoll verabschieden. Im Prinzip können das Säuglinge schon, wenn sie sich liebevoll und altersgemäß angeblickt fühlen. Es ist eine Fähigkeit, die wir schnell zerstören können, wenn wir bewertend, kritisch oder ärgerlich im Kontakt sind. Ein Trauma kann dieses labile Gebilde zerstören.
Paul Klee muss diesen Zusammenhang gekannt haben, sonst hätte er das Bild ‹Ein Fetzen Gemeinschaft› nicht malen können. Das Bild ist in der Tat ein Fetzen, ein vielleicht achtlos weggeworfenes Stück Stoff, das an den Rändern ausfranst und mit einfachen Mitteln bemalt ist, aber eben gerade deshalb imponiert. Wir erkennen zwei Gesichter, die in einfachen Linien angedeutet sind. Das linke Antlitz hat keine Außenkontur, ist offen und damit verletzlich, während das rechte Gesicht in sich geschlossen zu ruhen scheint. Doch von dem ersten geht etwas in das zweite über, geht sogar über es hinaus, als würde der angedeutete Mensch vom ersten etwas aufnehmen, was in ihm hell wird, während es beim ersten noch dunkel ist. Auch wird es größer und ragt an der Seite über ihn hinaus, wie ein nach oben gerichteter Pfeil. Und insgesamt hat das Bild eine Dynamik, eine Richtung von links nach rechts. Es geht etwas vom linken Menschen auf den rechten über und kommt aus der dunklen Mitte des linken Menschen, um sich im rechten innerlich aufzuhellen. Das links dargestellte Gesicht ist einäugig, während das rechte zweiäugig ist. Nehmen wir an, dass die fehlende Umgrenzung der linken Gestalt und die dunkle Mitte eine Not darstellen, eine Verletzlichkeit (grenzenlos) und ein Verletztsein (dunkle Mitte). Menschen in Not und im Stress sind durch ihren Tunnelblick auf das Problem fokussiert. Die Not vergrößert sich, da vielleicht tröstliche Gesichtspunkte vom Stress ausgeblendet werden, weshalb nur ein Auge sieht.
In der Mentalisierung geht es darum, das Zuhören zuzulassen. Es geht darum, das Hinhören, das Interesse, die Aufmerksamkeit und das Gesagte im Inneren entstehen zu lassen. Was man aber mit zwei Augen anschaut oder mit zwei Ohren hört, vermag die Geschichte hinter der Geschichte im Inneren des Pädagogen, der Therapeutin entstehen zu lassen. Es geht um einen Blick, der den Mut, den Kampf, die Ressourcen erfasst, die sich in den Falten der Erzählung auftun und die vielleicht auf Lösungen weisen können. Ein solches Lauschen braucht innere Ruhe, Geduld und Interesse, die das rechte Antlitz ausstrahlt. Manchmal ist es ein kurzer Augenblick, in dem der andere Mensch in uns als Bild entsteht, vielleicht eben nur ein Fetzen.
Erst mithilfe der Mentalisierung entsteht das, was für alles Lernen unerlässlich ist: das epistemische Vertrauen. Das epistemische Vertrauen bedeutet, dem, was uns gesagt wird, als wahrhaftig und hilfreich zu vertrauen. Ohne dieses Vertrauen würden wir an allem zweifeln, auch an dem Guten – oder alles glauben, auch die Lügen.
Das Problem von heute war gestern die Lösung
Es ist wie ein Baum, der in uns wächst, aus Wahrnehmung, Gefühl, Empathie, Mentalisierung bis hin zum epistemischen Vertrauen. Dieser Baum wird durch ein Trauma gefällt. Das macht alles unverständlich, der Riss zwischen Ich und Welt wirkt unüberbrückbar, es macht einsam, ängstlich und depressiv. Voller Scham beginnt ein innerer Rückzug, der nicht selten mit aggressivem oder clowneskem Verhalten überspielt wird. Aber wir können helfen, dass der traumatisierte Mensch diesen Baum in sich wieder aufrichtet. Das ermöglicht die innere Haltung, die wir dem betreffenden Menschen entgegenbringen, in der wir uns als vertrauensvoll zeigen. Dazu gehören Transparenz, dass keine Überraschungen entstehen, die ein traumatisierter Mensch zuerst als Gefahr sieht. Ferner die Partizipation, dass der traumatisierte Mensch mitentscheiden kann, was mit ihm geschehen soll. Selbstwirksamkeit ist ein wesentliches Element. Denn nur das Erleben, dass man etwas tun kann (was auch Anerkennung findet), besonders wenn es oft geschieht, schafft Selbstwirksamkeitserfahrung. Und aus ihr wächst Selbstwirksamkeitserwartung auf den weiteren Verlauf der Biografie. Ein weiterer Punkt der Traumapädagogik und -therapie ist das Konzept des guten Grundes. Dahinter steht, dass manch ein dysfunktionales Verhalten eine Überlebensstrategie ist. Wer sich in der Not nicht wehren konnte, zeigt jetzt die Aggression, die ihm im entscheidenden Moment nicht gelungen ist. Wer nicht fliehen konnte, flieht jetzt in den inneren Rückzug. Sein Problem von heute wäre gestern seine Lösung gewesen. Es ist jetzt eine Störung. Aber damit fühlt er, dass er überleben kann. Ihn für das Verhalten zu diskriminieren, würde sein Überleben diskriminieren; stattdessen ist es wertzuschätzen und es gilt, diese Kraft sinnvoll zu kanalisieren.
Elementar ist auch, zu wissen, dass die Symptome, die nach einem Trauma entstehen, nichts über die Persönlichkeit des betreffenden Menschen aussagen. Denn die Symptome sind durch das Trauma bedingt. Das aus- oder unausgesprochene Signal ist immer: «Nicht du bist verkehrt, sondern das, was du erlebt hast, war verkehrt.» Die Symptome des Traumas legen sich wie ein Gefängnis um eine gesunde Persönlichkeit, die wie im Märchen von bösen Mächten verzaubert wurde. So hatten im Märchen von ‹Schneeweißchen und Rosenrot› die Kinder zuerst Angst, als der Bär auftauchte. Irgendwann riss das Fell auf und dann sahen die Kinder das goldene Königsgewand des verzauberten Königssohnes.
Hansjörg Palm hat eine Skulptur geschaffen, die dies zeigt. Sie steht drei Meter hoch aus Eichenholz im Aufgang zu der Einrichtung Laufenmühle7 für Menschen mit Behinderung in Welzheim. Jeder Mitarbeitende, der daran vorbeigeht, kann sich daran erinnern, dass hinter der Symptomatik eines Menschen eine Königstochter oder ein Königssohn steht. Der Bewohner, der mitgeholfen hat, die Plastik zu erstellen, ist im Gesicht des Bären porträtiert und gewürdigt.
Über eigene Fehler lachen lernen
Wie wichtig Bewegung ist, wurde erwähnt. Die innere Bewegung kann durch Theaterspiel, durch das Hören guter Geschichten, durch die Reflexion, dass Fortschritte stattgefunden haben, entstehen. Bewegung entsteht durch künstlerisches Tun, im selbstwirksamen Erleben, wie ein Kunstwerk entsteht, wenn es ressourcengemäß angeleitet wird. Und sie entsteht durch Spielen. Es gibt Spiele, die die Körperwahrnehmung stärken, denn die ist oft zerrüttet. Es gibt Spiele, in denen Gemeinschaft erlebt wird, denn Einsamkeit ist ein häufiges Problem. Es gibt Spiele, die die Aufmerksamkeit fördern, Spiele, die die Konzentration steigern, was traumatisierten Menschen schwerfällt, Spiele, die Vertrauen aufbauen. Aber was sich bei den Spielen, sei es mit Kindern oder Erwachsenen, immer zeigt, ist, dass man lernt, über eigene Fehler lachen zu können. Und Spiele fördern die Freude, die manch ein Mensch nach einem Trauma jahrelang nicht hat erleben können. Sicherlich bedarf es keiner Erwähnung, dass es sich zunächst nicht um Spiele handelt, bei denen es Gewinner und Verlierer gibt.
So können auch die Künste helfen, sich zu regulieren. Das jetzige Seelenleben ist durch das vergangene Trauma mit belastenden Emotionen vergiftet. Beim Entstehenlassen eines Bildes, einer Plastik richtet sich ein ästhetisches Gefühl auf das, was werden will. Es ist das Gegenteil eines traumatischen Prozesses: Statt aus der Vergangenheit belastet zu sein, wird man offen für ein Stück Zukunft.
Was sich nach 100 Jahren Waldorfpädagogik bewährt hat, ist ‹Rhythmus›. Rhythmus ist Ausgleich, ein Ausgleich zwischen Polen, zwischen dem abbauenden Nerven-Sinnes-System und dem aufbauenden Stoffwechsel-Gliedmaßen-System, das mit unserem Willen verbunden ist. Schon bei ‹gesunden› Menschen gehen Gedanken und Wille nicht immer die gleichen Wege. Das gilt noch mehr für Menschen mit einem Trauma. Das Gehirn verändert sich, besonders bei frühkindlichen Traumata, was die Verarbeitung von Eindrücken verzerrt. Auch im Stoffwechsel können funktionelle oder auch manifeste Erkrankungen entstehen. Schon im Stress verändert sich unser Denken mit Generalisierungen, Schwarz-Weiß-Denken, emotionalem Denken, ‹Katastrophisieren›, Personalisierung. Es kommt zur Umkehr von Ursache und Wirkung, indem sich Opfer für schuldig halten. Und der Wille? Er kann, wie am Beispiel der amerikanischen Soldaten erwähnt wurde, völlig erloschen sein. Immer zeigt sich dann auch – man kann es messen am Verhältnis zwischen Atmung und Puls (Herzratenvariabilität) – eine Störung, sogar eine Blockade rhythmischer Prozesse.
Hier hat die Anthroposophische Medizin viel zu bieten, nicht zuletzt mit dem Arzneimittel Cardiodoron. Gleichzeitig kann hier mit pädagogischen Mitteln viel erreicht werden. Denn Rhythmen werden zwar in der Schwangerschaft angelegt, sind aber nur zart vorhanden. Und wie zarte Pflänzchen, die man gießen und pflegen muss, brauchen diese Rhythmen Pflege durch rhythmischen Umraum. Was sich an rhythmischer Kompetenz entwickelt hat, kann durch ein Trauma nachhaltig zerstört werden. Oder bei Kindern kann diese Entwicklung, die ja bis zum Ende des Rubikon anhält, unterbrochen werden. Daher brauchen wir starke Rituale. So beginnen wir immer mit einem Anfangs- und Endkreis. Morgens wird ein Spruch gesprochen, dann ein Lied gesungen und dann eine rhythmische Bewegung durchgeführt. Am Abend wird die rhythmische Bewegung vollzogen, dann das Lied gesungen und zuletzt der Spruch gesprochen. Morgens wird inkarnierend erst der Kopf, dann das Herz und dann die Bewegung aktiviert und am Abend geht es umgekehrt. Dann sollte der Tag gut strukturiert sein mit dem rhythmischen Wechsel von ruhiger und belebter Aktivität. Es gibt die nötigen Pausen, rhythmische Spiele, viel gemeinsame Musik, Körperpercussion, Eurythmie, gegebenenfalls rhythmische Einreibungen und Gespräch.
Wenn sich die Rhythmen wieder einpendeln, ordnet sich auch die Seele wieder. Denn es konnte nachgewiesen werden, dass auf dem Boden eines guten Rhythmus eher angenehme Emotionen entstehen. Umgekehrt wird der Rhythmus durch belastende Emotionen geschwächt. Er bessert sich aber bei Freude, Wertschätzung und Anteilnahme. Die Seele ‹surft› auf unseren Rhythmen. Insgesamt ist das Gedeihen der rhythmischen Funktionen seit der Verstädterung und durch die medialen Welten gestört. Rudolf Steiner muss das gespürt haben, als er es für eine pädagogische Aufgabe hielt, das zu fördern, was von alleine nicht mehr gedeihen kann. Das betrifft uns alle gleichermaßen, besonders aber Menschen mit einem Trauma. Im Freien Institut für Traumapädagogik und traumazentrierte Fachberatung in Bochum bilden wir im achten Jahrgang aus. Ähnlich haben wir 30 Menschen im Irak weitergebildet. In der Ukraine haben wir die Weiterbildung in Zusammenarbeit mit den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners mit sechs Gruppen zu je etwa 25 Menschen durchgeführt, die Teilnehmenden mentoriert und 30 von ihnen zu Ausbildenden qualifiziert. Viele haben uns zurückgemeldet, dass es nicht nur den Menschen guttut, mit denen sie arbeiten, sondern dass dieses Wissen und Können ihrem Leben eine neue Perspektive gegeben hat.
Titelbild Paul Klee, ‹Ein Fetzen Gemeinschaft›, 1932, 26,5 × 40 cm, Privatbesitz, Interfoto / Fine Arts / Alamy
Fußnoten
- Die Presse.
- Gottfried Fischer und Peter Riedesser, Lehrbuch der Psychotraumatologie. E. Reinhardt, München 1998.
- William Shakespeare, Macbeth. 4. Aufzug, 3. Szene.
- Freies Internationales Institut für Notfall- und Traumapädagogik gGmbH.
- Das Bild hängt im Wallraf-Richartz-Museum in Köln.
- Rudolf Steiner, Allgemeine Menschenkunde. GA 293, 14. Vortrag am 5.9.1919.
- EINS und ALLES – Erfahrungsfeld der Sinne, 73642 Welzheim, Christopherus.

