Werkstatt Kontemplation.
Das große Uhrwerk, das in den Himmel geschrieben ist und mit Planeten und Sternen seine Bahnen zieht, ändert diese Welt und den Himmel. Es hebt Berge aus Meeren und versetzt Täler, zieht Wälder groß und baut sie ab, es verändert die Natur in den Jahreszeiten und wirkt in der menschlichen Geschichte. Ein großes, wunderliches und wunderbares Schauspiel betrachtet die Seele. Auch ihr hat der Geist eine Rolle zugewiesen, die Zeit zu durchwandern vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende. Die Seele bewegt sich schnell, wie ein Vogel im Sturzflug, durch den Tunnel der Zeitalter, die an ihr vorbeirauschen: Gesichter, Lächeln, Schluchzen, Ernst, Witz, Freude, Schmerz, Kinder, Menschen, Männer, Frauen, arm, reich ziehen an ihr vorbei. Sie kennt diese Gestalten nicht, doch fühlt sie sich seltsam eng verbunden und vertraut mit ihnen. Es sind Menschen, Schicksale, Lebensgeschichten, welche die Seele durchfliegt, die teils lange vergangen, teils noch nicht gelebt sind. Die Seele sieht sie nicht von außen, sondern von innen sich abspielen, als stünde sie in einem drehenden Kreisel, der sich um die eigene Achse dreht. Das Verborgenste und Innerste, das Eigene, das jedem Menschen am vertrautesten und für alle anderen unsichtbar ist, bezeugt die Seele auf ihrem Flug durch die Zeit. Sie kennt diese Menschen und ihre Schicksale nicht. Sie ahnt nur, was sie bewegt, was sie sich wünschen, ahnt ihre Ängste und Sorgen, ihr Ringen und ihre Freuden. All diese Seiten des Menschen sieht sie von innen her in den Tiefen eines Uhrwerks, das sich in sich selbst dreht: Schreie, geschlossener Mund, Blick aus braunen Augen, Kapuze, verzierte Haartracht – zahlreiche Völker und Kulturen schaut die Seele und sieht über sich die großen Kulturgeber stampfen: mächtige Geister, welche die Menschen die Wissenschaften und Künste lehrten. Manche dieser Geister tragen blaue Rüstungen und befehligen Schatten und Nebelschwaden; andere sind ganz grün, in vibrierende Gewänder und Umhänge gehüllt und ziehen die Säfte aus den Pflanzen; andere sind hellbraun und dünn wie Bambuswälder. Sie fällen unsichtbare Bäume im Geisterreich und reichen sie den Völkern, die auf der Erde Zivilisationen erbauen und Wissenschaften betreiben.
Foto Mathew Schwartz


