Im Innern einer Rose

Durch Medien, die uns eine Sache vermitteln wollen, entfernt sich das unmittelbare Erleben ein Stück weiter vom Leib und wird zunehmend als berechenbares Verhältnis rekonstruiert. Dabei können Schnitte entstehen, durch die Bewusstsein aufleuchtet.


Wie kann der Mensch in das Innere einer Rose eintreten? Er vermag dies, indem er ihre Farbe und ihre Gestalt anschaut, ihren Duft wahrnimmt und den gesamten Lebenslauf der Rose im Wechsel der Jahreszeiten verfolgt – ihr Aufblühen und ihr Vergehen. In sich selbst ist die Rose eine Einheit. Doch durch die verschiedenen Tätigkeiten unserer Sinne wird diese Einheit gleichsam in unterschiedliche Wahrnehmungsbereiche zerlegt: in eine Welt der Farben, Formen, Düfte und von anderem. Indem der Mensch diese verschiedenen Sinneswelten in seinem eigenen Bewusstsein wieder zusammenführt, kann sich ihm das Wesen der Rose als ein Ganzes erschließen. In diesem Sinne bilden die Sinne des Menschen das erste Medium, ein Urmedium, das das Sein des Menschen mit dem Sein der Rose verbindet.

Eine zweite Ebene von Medien entsteht, wo der Mensch nachbildende Träger hervorbringt. So kann er die Rose zeichnen oder ihren Duft in Form eines Rosenöls bewahren. In solchen Trägern bleibt für das Auge oder den Geruchssinn noch etwas von jener Lebendigkeit erhalten, die der unmittelbaren Begegnung mit der wirklichen Rose eigen ist.

Eine dritte Ebene bilden technisch erzeugte, analog arbeitende Medien, etwa Film oder Schallplatte. Hier werden Licht- oder Schwingungsvorgänge durch physikalische Verfahren in kontinuierlicher Weise in der materiellen Wirklichkeit aufgezeichnet und können später wieder zur Erscheinung gebracht werden.

Die vierte Ebene schließlich ist diejenige der digitalen Medien. In ihnen werden die physikalischen Signale zunächst in binäre Zahlen überführt. Diese Zahlen werden dann durch algorithmische Prozesse und technische Apparaturen wieder schrittweise zur Erscheinung gebracht, sodass sie im digitalen Medium als Bild- oder Klangwahrnehmung auftreten.

Bruchstellen für das Bewusstsein

Man kann beobachten, dass mit jeder dieser Medienstufen die unmittelbare Beziehung zum menschlichen Leib schwächer wird. Die Medien werden eigenständiger und zugleich virtueller. Die Sinne des Sehens, des Hörens und des Denkens sind im menschlichen Organismus vor allem im Bereich des Kopfes konzentriert. So wird der Mensch im Umgang mit digitalen Medien immer mehr zu einem Menschen des Kopfes, zu einem Menschen des Nervensystems. Sein Rumpf und seine Glieder – also jene Bereiche, in denen das Gefühls- und das Willensleben besonders tätig sind – treten dabei immer mehr zurück und geraten leicht in Vergessenheit.

Man kann sich vorstellen, dass auch die Entwicklung der menschlichen Sinne und der menschlichen Intelligenz innerlich und gewissermaßen unsichtbar diese vier Stufen durchlaufen hat. Doch vollziehen sich die Übergänge zwischen jeweils zwei dieser Stufen innerhalb der menschlichen Wesensglieder in einer verhältnismäßig kontinuierlichen Weise. Das Ich des Menschen ergreift und gestaltet im Verlaufe der Menschheitsentwicklung seine Wesensglieder schrittweise so, dass deren Sinn eine Spiegelung der Struktur derselben ist. In der Wirklichkeit jedoch lassen sich diese ineinander verwobenen Wesensglieder nicht voneinander trennen. Die als Metamorphose ineinander übergehenden Zustände können während dieses Prozesses nicht scharf abgegrenzt werden. Die Wirklichkeit ist kontinuierlich. Sie lässt sich nur potenziell durch das Erkennen im Bewusstseinsraum unterscheiden, beurteilen beziehungsweise bestimmen. Äußere getrennte Geschehnisse wie diese vier Medien bieten die Möglichkeit, das innere Bewusstsein aufzubauen. Werden diese vier Medienstufen jedoch in die physische Wirklichkeit hinausgestellt, so treten die einzelnen Stufen stärker voneinander getrennt hervor. Dadurch entstehen gewissermaßen drei ‹Bruchstellen›, an denen das Bewusstsein geboren werden kann. Eine Bruchstelle bezeichnet im Äußeren den klaren Wechsel des Mediums, im Inneren hingegen jene Momente und Zustände, in denen sich ein qualitativ Neues vollzieht.

Die Empfindung, also die seelische Substanz, durchdringt sich anfangs noch unmittelbar mit dem Wahrnehmen des Hier und Jetzt. Beim Malen schwebt diese Empfindung gewissermaßen außerhalb von Leinwand und Farbstoffen und inkarniert sich in diese stofflichen Träger des Bildes. In der ‹Filmfotografie› zieht sich die Seele weitgehend zurück; es bleibt vor allem das Resultat der physischen Lichtvorgänge. In der digitalen Welt werden schließlich nur noch die Verhältnisse dieser physischen Lichtvorgänge mathematisch erfasst, gespeichert und rekonstruiert. Daraus lässt sich ahnen, dass auch das Auge, wie oben angedeutet, eine Entwicklung in vier Stufen durchlaufen hat.

Die geistige Rose

Die eigentliche Frage besteht darin, wie der Mensch diese drei Bruchstellen – vom vierten Medium ausgehend bis zurück zum ersten – erkennend wahrnehmen und überwinden kann, sodass das ‹digitale Medium› wiederum vergeistigt wird und die ‹digitale Rose› im digitalen Raum die ‹geistige Rose› im Bewusstseinsraum erweckt.

Wie kann ein bereits ‹entseeltes› und ‹digitalisiertes› Auge den Weg zurück zum Ursprünglichen finden und sich wieder mit der abgesonderten seelischen Substanz vereinigen? Man erinnert sich daran, dass die alten Griechen den in den Dingen lebenden Begriff mit dem Auge noch wahrnehmen konnten. Betrachtet man die vier Medienstufen genauer, so zeigt sich, dass sie unterschiedliche Raumqualitäten hervorbringen – vom seelischen über den hybriden bis hin zum physischen und digitalen Raum. Man könnte sagen, dass der Kern eines Mediums zunächst jeweils einen bestimmten Raum hervorbringt, in dem die Inhalte des Mediums entstehen können. Deswegen ist es an der Zeit, eine neue Raumempfindung zu entwickeln. Dabei stellt sich zunächst die Frage, worin sich der reale Raum, der Bewusstseinsraum und der digitale Raum unterscheiden. Lässt sich das Verhältnis dieser drei Räume in eine dynamische Entwicklung bringen, sodass sie miteinander verschmelzen, aber auch in Spannung zueinander treten? Gibt es einen größeren Raum, worin diese drei spielen können?


Foto Xue Li

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