Wir tragen ein Kind in uns

Ein Kind, das der Eltern entbehrt, malt sich die Mutter mit Kreide auf den Boden und legt sich in das Bild und schläft ein. Ein Fotograf hält das berührende Bild fest. Offenbar trägt das Kind die Form der Mutter in sich. So tragen wir ein Kind in uns, das wir ebenso brauchen, wie umgekehrt das Kind auf Eltern angewiesen ist. Vor vierzig Jahren wurde in der Psychotherapie das Konzept des ‹inneren Kindes› entwickelt, das sich in der Traumatherapie als fruchtbar erwies. Die Psychotherapeutinnen Erika Chopich und Margaret Paul haben in ihrem Buch ‹Aussöhnung mit dem inneren Kind› 1990 die Notwendigkeit, dieses Kind mit dem liebevollen inneren Erwachsenen in Kontakt zu bringen, im Blick. Was ist das innere Kind? Es entsteht aus dem spontanen Fühlen des Menschen, das oft früh enttäuscht wird. Es erlebt ungehemmt die Skala der Gefühle wie Freude und Schmerz, Glück und Trauer. Es wird mit Fühlen, Erleben und Sein in Zusammenhang gebracht, während Erwachsene für Denken, Handeln und Machen stehen und von gehemmten Gefühlen beherrscht werden. Das innere Kind ist die Quelle der Genialität eines Menschen. Wird es enttäuscht, kapselt es sich ab.

Im ‹Goetheanum› 51-52/2018 schrieb Mechtild Oltmann-Wendenburg: «Es gibt einen nächtlichen Bereich in jedem Menschen, wo, selbst wenn seine Biografie noch so katastrophal verlaufen ist und ihn vielleicht sogar hinter Gitter geführt hat, eine Keimzelle erhalten bleibt, wo er unschuldig ist.» Die in jedem Menschen verborgenen Unschuldskräfte bilden, könnte man sagen, das innere Kind.


Aus Martin Kollewijn, Das dreifache innere Kind. In: Goetheanum 51–52/2019.

Zeichnung Yves Berger, Alphabet Drawings

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