Zum Festakt des Abschlusses der Gesamtausgabe Rudolf Steiners waren die 453 Bände auf der Goetheanum-Bühne ausgebreitet. In Grußworten und Erinnerungen ging es um großen Dank und leise Mahnung.
Cornelius Bohlen, Vorsitzender der Nachlassverwaltung, sprach als Erster, und nannte diese Gesamtausgabe die größte der Welt: Es gab in den vergangenen 100 Jahren nach Steiners Tod kein Jahr, in dem nicht eine Neuerscheinung von ihm erschienen ist. Tatsächlich: Goethes Weimarer Edition mit 143 Bänden zusammen mit Voltaires Œuvres complètes mit aktuell 205 Bänden erreicht nicht Steiners Textvolumen. Dann ein Lacher im Saal, als Bohlen ankündigte, dieses Werk in einem Satz aus einem Brief Rudolf Steiners (1902) zu verdichten: «Ich will auf die Kraft bauen, Geistesschüler auf die Bahn der Entwicklung zu bringen.» Er ergänzte aus einem späteren Brief (1905), Steiner sei sich bewusst, dass der Aufbau der Geisteswissenschaft die Gefahr einer Verführung zum schlimmsten Materialismus berge – bei den Theosophen und den Anthroposophen. Eine nicht verdaute Geisteswissenschaft führe zu Irrtümern und Dogmatismen. Dann: Die von Marie Steiner begründete Nachlassverwaltung und das Goetheanum mit seiner Freien Hochschule würden heute frei zusammenarbeiten in Unabhängigkeit. «Was gibt es Schöneres?», fragte er.
Transkribieren, editieren, digitalisieren!
Es folgte Harald Liehr, Programmleiter für Literatur- und Kulturwissenschaften im Schwabe-Verlag, wo auch anthroposophische Bücher erscheinen. Liehr erinnerte, dass mit Gründung im Jahr 1488 der Schwabe-Verlag der weltweit älteste noch bestehende ist. Als «externer Sympathisant von der Seitenlinie aus» nannte er die Gesamtausgabe ein «Universum der Gelehrsamkeit und philologischen Akkuratesse, das seinesgleichen sucht in der societas literarum weltweit». «Cui bono? Wem nützt das?», fragte er und antwortete, das Textgebirge könne nun auf trittsicheren Pfaden durchschritten, erklommen und vermessen werden. Die Enthusiasten, die Exegeten, die Kritiker, die Verächter Rudolf Steiners – sie alle müssen sich den Texten stellen, sie studieren und zumindest zur Kenntnis nehmen. «Neben der Unverlierbarkeit der Texte Rudolf Steiners in nachprüfbaren und damit wissenschaftlich diskutablen Darreichungsformen bietet die Ausgabe eine solide Basis für das, was an neuen, heute möglicherweise noch gar nicht absehbaren Nutzungsformen auf Steiners Œuvre zukommt.» Was jetzt, so Liehr, in rasantem Tempo genommen sei, sei eine ‹wichtige Zwischenetappe›, denn die Arbeit des Rudolf Steiner Archivs und -Verlags müsse fortgeführt werden. Alle die, die gehofft hätten, dass es nun genug sei mit Philologenfleiß und dem Abholzen finnischer Wälder zur Herstellung von alterungsbeständigem Papier für den Druck, müsse er enttäuschen: Die Arbeit hört nicht auf. Es muss und soll weiter transkribiert, ediert und digitalisiert werden. Dabei gehe es nicht darum, «Steiners Gedanken unter noch höheren Bücherbergen zu begraben, sondern darum, Schritt zu halten mit den Forschungs- und Rezeptionsbedürfnissen aktueller wie künftiger Generationen. Er schloss mit dem ‹Wahlspruch aller Editionsphilologen›: «Bis hierher und weiter», dankte dem Rudolf Steiner Archiv und rief: «Bleiben Sie, bleiben wir, gewogen, den Büchern Rudolf Steiners und den anderen auch.»
Mit Bänden verbinden
Justus Wittich sah eine Fügung darin, dass die unabhängig voneinander gewählten Termine der Nachlassverwaltung für den Abschluss der Gesamtausgabe und des Goetheanum für die Generalversammlung zusammenfielen. Dass sich die Anthroposophie transparent in der Öffentlichkeit entfalten konnte, sei zum großen Teil dem Ethos von Marie Steiner und der von ihr begründeten Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung zu verdanken, jedes Wort Rudolf Steiners zugänglich zu machen. Frühere Verantwortliche der Anthroposophischen Gesellschaft hätten hier ein «esoterisches Besitztum eingenommen, das nicht der Realität entsprach», so Wittich über den vergangenen Konflikt. Dann kürzer: «Wir als Anthroposophische Gesellschaft hätten dieses Werk (der Herausgabe) nie vollbringen können, denn dazu ist die Objektivität einer unabhängigen Institution, wie das Archiv es ist, notwendig.» Gleichzeitig, so Wittich, sei das Goetheanum für die Zukunft des Archivs mitverantwortlich und es sei an jedem Einzelnen, sich mit den Bänden zu verbinden.
Im Herzen statt auf 100 000 Seiten
Drei Generationen Archivleitung kamen moderiert von Stefan Hasler zu Wort. Angelika Schmitt skizzierte eines der Vorhaben: «Zu den 100 000 Seiten GA kommen digital 84 000 Seiten Notizbücher hinzu.» Philip Kovce betonte, dass mit jeder dieser 100 000 Seiten verborgene Archivalien verbunden seien. «Zum freien Umgang mit der Gesamtausgabe gehört deren Hinterland.» Das bedeute, den Fokus auf die Gesamtausgabe zu weiten und den nicht textlichen Nachlass von Rudolf Steiner zu präsentieren und zu vermitteln. Vorgänger der beiden Amtsinhaber in der Archivleitung war David Marc Hoffmann. «Unsere Aufgabe ist eine historisch-philologische und keine anthroposophische.» Dann zum Problem des anthroposophischen Buches: Rudolf Steiners Bücher könnten ‹fatal fehlgelesen› werden, indem man meine, die Anthroposophie in den Büchern zu finden. Hoffmann: «Nach meiner Lektüre ist die Anthroposophie nicht in den Bänden der Gesamtausgabe, sondern – jetzt zitierte er Rudolf Steiners ersten Leitsatz – ‹sie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen will. Sie findet statt im Menschen als Herzens- und Gefühlsbedürfnis› – und nicht auf 100 000 gedruckten Seiten. Die Versuchung der Bände ist gewaltig, weil man meint, darin stünde der Weisheit letzter Schluss, während er in mir als Herzens- und Gefühlsbedürfnis stattfinden sollte.» David Hoffmann verschwieg nicht, was die Archivarbeit schwer macht. Es seien die «Hardliner», die die Archivarbeit mit Argwohn begleitet haben. Aufseiten des breiten Wohlwollens, das ihn innerlich habe auf die Knie gehen lassen, nannte er institutionell die Humanus-Stiftung Basel, die Software-Stiftung (SAGST), die Damus-Donata-Stiftung und den Bund der Waldorfschulen in Deutschland. Dieser hatte über Jahre pro Schülerin und Schüler jährlich einen Euro überwiesen.
Alles, was für uns wichtig ist!
Walter Kugler leitete vor 2011 das Archiv. Er beschrieb, wie er die Wandtafelzeichnungen von Steiner entdeckte. Bei der Herausgabe des ‹Schmetterlingszyklus› GA 230 habe er die gestrichelten Zeichnungen im Buch nicht verstanden und sei so auf die in einem kleinen Kellerraum in Röhren verborgenen originalen Tafelzeichnungen gestoßen. Etwas später präsentierte er sie zwei Künstlern. Beide riefen: «Da ist ja alles zu sehen, was für uns wichtig ist und wo wir hinwollen. Die muss man ausstellen!» – Als Coda dieser Sinfonie auf die GA zeichnete Peter Selg ein Lebensbild von Helene Finckh, der Stenotypistin der GA. Ihr Arbeitsort, eine Holzhütte im Gartenpark des Goetheanum, ist jetzt Museum.
Bild Festakt zum Abschluss der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe im Rahmen der Generalversammlung 2026. Von links: Stefan Hasler, David Marc Hoffmann, Philip Kovce und Angelika Schmitt, Foto: Xue Li

