Kind und Engel

Ein Kind fragt nach seinem Engel. Seine Worte lassen ahnen, was Schule für das Leben bedeutet.


Es war eine eindrückliche Erzählung kürzlich bei einem Treffen von Pädagoginnen und Pädagogen der ‹Rede Social›, dem sozialen Netzwerk, das fast 40 öffentliche Schulen1 in Brasilien umfasst. Diese Schulen arbeiten mit dem pädagogischen Impuls von Rudolf Steiner und stehen in engem Dialog mit den staatlichen Behörden.2 Es sind Schulen, die allen Kindern zugänglich sind und von vielen besucht werden, deren Familien in Armut leben, oft in existenziell bedrohten oder zumindest sehr schwierigen finanziellen und strukturellen Situationen.

Eine sehr erfahrene Kindergärtnerin und Lehrerin besucht einen Kindergarten der ‹Rede Social›. Ein kleiner Junge lässt sich in ihren Armen schaukeln, es ist ein schaukelndes Boot, und sie singt. Das Kind steht still, sieht sie an und sagt ganz unerwartet: «Der Schutzengel kennt meine Adresse nicht.» Betroffen steht sie auf, geht kurz hinaus und muss weinen, denn sie weiß um die großen Herausforderungen zu Hause beim Kind. Wieder drinnen nimmt sie das Kind erneut in die Arme. Es sieht sie an und erzählt weiter: «Aber der Schutzengel kennt die Adresse dieser Schule.»3

Es muss Schulen geben. Orte der Hinwendung zum Kind, Orte, wo es etwas zu essen gibt, wo Schutz und Geborgenheit, Umarmung, Heiterkeit und Umsorgung dem Kinde versichern, dass es auf dieser Erde willkommen ist. Orte, die der Engel kennt. Doch wo bleibt der Engel für dieses Kind, wenn es nicht in der Schule ist?

Vielleicht ist das Lernen, zu beten und sich einer im Herzen gefühlten Instanz zuzuwenden, auch oder gerade heute ein zentrales Lernen. Für dieses Kind ist die Frage ‹Muss ich an Engel glauben?› möglicherweise nicht relevant, sondern vielmehr die Frage ‹Darf ich glauben, dass mich der Engel findet?›. In einer laizistischen und teilweise atheistischen Gesellschaft ist es fremd, zu denken, dass es für ein Kind von existenzieller Bedeutung ist, dass sein Engel es finden kann. Was für ein Glück, dass Vanda Elisa Raulino das Kind und sein Verhältnis zum Engel in die Arme nehmen konnte. Was wäre gewesen, wenn sie gesagt hätte: «Der Engel findet dich weder hier noch irgendwo, denn es gibt ihn nicht!»?

«Wo Schulen sind, ist Hoffnung», schrieb der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado im Vorwort seines Buches mit Bildern von Kindern in Kriegsgebieten.4 Er besuchte die Gebiete als Fotograf und jedes Mal rannten Kinder herbei und baten ihn, sie abzubilden. Erstaunte, ernste, traurige, auch lachende Antlitze, die Schlimmstes gesehen hatten – und dennoch voller Hoffnung blieben. Was er geschrieben hatte, sagte das Kindergartenkind – einfach und anders. Der Engel weiß, wo sie ist, seine Schule – eine «geweihte Stätte».5


Bild von Elena Klee, 7 Jahre alt

Fußnoten

  1. In Brasilien ist der Kindergarten Teil der Schule. In diesem Text werden die Begriffe Kindergarten und Schule synonym verwendet, denn die Kindergartenkinder bezeichnen ihren Kindergarten als Schule.
  2. Dieses Treffen ging der brasilianischen pädagogischen Tagung voraus, die im Juli 2026 in Florianópolis stattfand und von mehr als 650 Lehrerinnen und Lehrern besucht wurde.
  3. Vanda Elisa Raulino berichtet von dieser Begegnung auch in ihrem Artikel im Buch zum 100-jährigen Gründungsjubiläum des Waldorfkindergartens in Deutschland, das gleichzeitig das 70-jährige Gründungsjubiläum des ersten Waldorfkindergartens in Brasilien ist. Vgl. Ana Paola Zeminian, Gabriela Moraes, Paula Levy, Paula Toschi Dassie, Regina Giachetta, Rosemeire Laviano, Talita Melone, Telma Benedicto, Vanda Elisa de Farias Raulino, Cuidar, cultivar, florescer. 100 Anos de Jardim de Infância Waldorf. FEWB, São Paulo 2026, S. 146.
  4. Sebastião Salgado, Retratos de crianças do êxodo. Companhia das Letras, São Paulo 2000.
  5. Vgl. Rudolf Steiners Grundsteinspruch für die erste Waldorfschule in: Rudolf Steiner in der Waldorfschule. GA 298, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1980, S. 115 f.

Letzte Kommentare