Was meine ich mit Christuserfahrung?

Innere Erfahrung, wenn auch in anderer Färbung, das war auch vor 200 Jahren, war auch im Mittelalter möglich. Wie anders war es in der ägyptischen, der griechischen Kultur, in anderen antiken Hochkulturen.


Hier kam die Initiation von außen, von der Gruppe, dem Stamm, dem Volk. Das Persönlichkeitsbewusstsein sollte in den vorchristlichen Mysterienschulen zuerst ausgelöscht werden, damit der Einzelne zum Organ des Stammes oder Volkes werden konnte. Die Entwicklungskräfte wirkten noch nicht durch das Nadelöhr des individuellen Ich. Erst bei Sokrates finden wir jene individuelle Entwicklungskraft und doch spricht er noch von einer überindividuellen Kraft, dem ‹Daimon›. Jetzt ist jene Kraft, durch die alles Entstandene geworden ist, in den einzelnen Menschen angekommen. Von nun ab wirkt das Weltenwort in jedem Menschen, im Pendelschlag von Innen und Außen. Der Vater-Gott lebt und wirkt als Urgrund allen Seins, tritt aber nicht individualisiert in einen einzelnen Menschen hinein. Gerade dies ist aber das Entscheidende bei dem Christus-Ereignis – als Entwicklungskraft, als das wahre Wesen der Liebe, die Selbstüberwindung, Opferkraft und Verständnis für die anderen Menschen und für alles Wesen der Welt erzeugen kann. Christus zieht ein, drängt sich nicht auf. Man kann den Christus in sich aber nur finden, wenn man ihn gleichzeitig in dem anderen Menschen findet. Drei Stufen habe dieser Weg: Im Verstehen erfasse man in sich und im Mitmenschen die ‹Christus-Idee›. Eine gesteigerte Initiative lässt sie zur inneren Wirklichkeit werden, lässt sie in ihrer Kraft erfahren, wandelt sie zum ‹Christus-Impuls›. Dann kommt die Stufe der direkten Begegnung, unmittelbar, wie mit einem Freund. Er wird dadurch erlebt, dass ‹er› mich sieht, dass ich von ihm ‹gesehen› werde und dass ich dies bewusst mitvollziehen, miterleben kann. Er lebt dann in mir.


Zusammengestellt aus: Jörgen Smit, Meditation und Christuserfahrung. Stuttgart 1990.

Foto: Sofia Lismont

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  • Danke Herr Soldner für diese ausgewogene Ausführung. Man würde ja...
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