Was ist es dir wert?

Vor 100 Jahren hielt Rudolf Steiner seine nationalökonomischen Vorträge und entwirft darin eine Preisbildung, die nicht allein durch Angebot und Nachfrage, sondern auch am arbeitenden Menschen sich orientiert.


Im Jahre 1922 versucht Rudolf Steiner in 20 Vorträgen zur Nationalökonomie (‹Nationalökonomischer Kurs› und ‹Nationalökonomisches Seminar›) eine eigenständige, neue Position zu den Grundbegriffen und -fragen der Ökonomie in einem fundamentalistischen Sinne zu leisten. Er geht nicht wie in der Fachwissenschaft üblich definitorisch, mathematisch oder statistisch vor. Er benutzt aber die damals üblichen ökonomischen Begriffe und interpretiert diese in einem geisteswissenschaftlichen Kontext. Die Begriffe werden mittels Bildern vermittelt, sie werden im jeweiligen Zusammenhang benutzt. So gibt es nicht das Kapital, sondern Handelskapital, Leihkapital oder Industriekapital. Auch muss zwischen körperlicher und geistiger Arbeit unterschieden werden, da sie unterschiedlich im volkswirtschaftlichen Prozess stehen. Eigentum an Grund und Boden muss volkswirtschaftlich anders betrachtet werden als Eigentum an den Produktionsmitteln. Die Landwirtschaft darf nicht der industriellen Logik unterworfen werden, da sie mit der lebendigen Natur verbunden, und die Industrie mit der toten Maschine. Von großer Bedeutung ist für Steiner die Tatsache, dass wir durch den Kapitalismus weltwirtschaftlich denken müssen.

Steiner grenzt sich von der marxistischen Arbeitswertlehre ab. Sie vernachlässige die eigenständigen geistigen Potenzen des Menschen in der Wirtschaft und betrachte den Markt affirmativerweise als einen Mechanismus. Es kommt nach Steiner hingegen darauf an, wie sich die Arbeit in den volkswirtschaftlichen Prozess hineinstellt. Im Gegensatz zu Marx sieht er den Geist als wertbildend. Wertbildung dann, wenn wir diese Arbeit durch den Geist, die Intelligenz dirigieren. Da, wo die Arbeit im Hintergrund steht und der Geist vorne die Arbeit dirigiert, da scheint uns die Arbeit durch den Geist durch und erzeugt wiederum volkswirtschaftlichen Wert.

Nach Steiner darf man die soziale Frage nicht isoliert betrachten. Sie ist eine geistige Herausforderung und es stellen sich immer wieder auch Rechtsfragen oder politische Fragen. Die Eingliederung der Arbeit ist nur möglich durch die Entstehung des Rechts. Solange das religiöse Leben dominiert, schadet der Egoismus nicht. Wenn Recht und Arbeit sich heraussondern, entwickelt sich auch der Egoismus und es gibt die Forderung nach Gleichheit und Demokratie. Mit dem Egoismus kommt auch die Arbeitsteilung zur Erscheinung. Arbeitsteilung heißt, dass niemand, der Ware erzeugt, diese auch verwendet. Der Liberalismus (Adam Smith) war nach Steiner nicht in der Lage, das Verhältnis von Egoismus und Arbeitsteilung angemessen zu bestimmen. Der Marxismus hatte dadurch ein Einfallstor für seine emotionale Polemik.

Assoziationen

Steiner hat den Begriff der Assoziationen zentral für die Ökonomie eingeführt. Sie sollen die Vernunft in den ökonomischen Prozess hineintragen. Der Liberalismus sieht im Marktprozess einen objektiven und anonymen Beurteilungsmechanismus für die Preise. Der Einzelne kann sie nicht manipulieren. Die Assoziationen von Steiner sind das Gegenteil von anonymem Marktprozess oder zerstörerischem Wertgesetz. Die Mitglieder der Wirtschaft selbst sollen in jeden Tauschakt Vernunft und Gerechtigkeit hineinbringen. Insofern ist die Assoziation auch eine Erziehungsinstanz. Die Beteiligten müssen ihre Egoismen und Eitelkeiten unterdrücken und sich bemühen, fachliche ökonomische Urteile zu fällen.

Ausgangsfrage ist für Steiner die Frage: Was ist der richtige (gerechte) Preis? Liberalismus und Marxismus kennen diese Gerechtigkeitsfrage aus dem Mittelalter nicht mehr. Der Preis soll nach Steiner so hoch sein, dass die Arbeitenden für sich und ihre Angehörigen in Zukunft ein neues Produkt erstellen können. Diese Formel ist für Steiner erschöpfend, da sie alle Informationen in sich trägt. Aber wie man diese Formel realisiert, ist Aufgabe der Beteiligten. Die Bezahlung der Arbeit für die Zukunft ist ganz wesentlich in dieser Formel enthalten. Wirtschaften besteht darin, dass man die künftigen Prozesse mit dem, was vergangen ist, ins Werk setzt: Natur-Arbeit-Kapital oder Natur-Arbeit-Geist. Der Liberalismus kennt hier nur die Gegenwart, den aktuellen Preis. Der Marxismus sieht im Kapitalismus sowieso keine Zukunft. Die romantische Volkswirtschaftslehre (Adam Müller) und die Historische Schule (Friedrich List, Gustav Schmoller) denken zwar rückwärtsgewandt, haben aber in einigen Punkten die Zukunft durchaus im Blick.

Preise finden

Die herkömmliche Ökonomie kennt nur eine Preisformel. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Steiner plädiert auch hier für eine differenzierte Betrachtungsweise und weist drei Gleichungen nach. Nach Smith regelt sich der Preis von selbst durch Angebot und Nachfrage. In der Wirklichkeit hat man nach Steiner nichts in der Hand mit diesen Begriffen. Dagegen braucht man bewegliche Begriffe. Angebot an Ware ist Nachfrage nach Geld. Angebot an Geld ist Nachfrage nach Waren.

Es gibt drei Preisformeln, aber auch drei Geldbegriffe: Kaufgeld, Leihgeld und Schenkungsgeld. Welches Geld ist am produktivsten? Für Steiner ist klar, dass das Schenkungsgeld am produktivsten ist, da der menschliche Geist ständig Erfindungen und neue Verfahren kreiert.

Die Bearbeitung von Grund und Boden ist nach Steiner die Voraussetzung des Wirtschaftens. Die Geistesarbeitenden leben von den Handarbeitenden. Wie bewerten wir die Geistesarbeit? Der Wert der geistigen Arbeit ist so groß, wie sie körperliche Arbeit erspart. Es geht um eine funktionierende Arbeitsteilung, um gerechte Preise und ein Geld, das seiner Mystifikation beraubt ist. Geld als ein rein rechnerisches Problem zu betrachten, kann man als Gegenthese zur marxistischen Geldauffassung ansehen. Für Marx ist Geld eine verhexte Ware. Der Geldschleier wird enttarnt, wenn man einsieht, dass er die Ausbeutungsverhältnisse verschleiern soll. Bei Steiner fällt der Geldfetisch, wenn man hinter die verschiedenen Preisformeln schaut.

Bewusste Gestaltung

Steiner knüpft an die freiheitlichen Ideen des Liberalismus an, reaktiviert den Organismusbegriff der Romantik, adelt die Land- und Handarbeit und sieht in den geistigen Leistungen der Menschen die Inspirationsquelle für die Wirtschaft und das Leben insgesamt. Das freie Geistesleben meint mehr als den Liberalismus mit seiner Wirtschafts- und Meinungsfreiheit. Es ist das Plädoyer für eine neue wissenschaftliche Methode, die die Dinge auf allen Ebenen im wahren Sinn zutage fördert. Die Vorträge zur Nationalökonomie sollen ein Beleg sein für eine neue Geisteswissenschaft, die sich um die elementaren Dinge des Lebens wie Arbeit, Wert, Lohn, Zins und Eigentum kümmert.

Die liberale Ökonomie stellt den Egoismus des Einzelnen und die vollkommenen Märkte in den Mittelpunkt. Die Romantische Schule baut auf einem ganzheitlichen, göttlichen Menschen- und Weltbild auf. Für Friedrich List ist eine nationale Ökonomie und die Lehre von den produktiven Kräften der Dreh- und Angelpunkt seiner Überlegungen. Der Marxismus hat dagegen seine scharfsinnige Arbeits- und Ausbeutungslehre gesetzt. Die Historische Schule hat darauf aufbauend mit staatlichen Sozialreformen geantwortet, die im 20. Jahrhundert durch Keynes zum Wohlfahrtsstaat geführt haben. Rudolf Steiner hat überraschenderweise einen Großteil seiner Analyse in den nationalökonomischen Vorträgen auf die Preisfrage verwendet: Die bewusste Gestaltung von gerechten Preisen in der Weltwirtschaft war im Jahre 1922 sein Lösungsvorschlag. Dabei geht Steiner vom Begriff des sozialen Organismus aus. Dieser ‹romantische› Begriff ist polar gedacht. Einerseits betont er das Soziale (Gesellschaftliche) und andererseits das Natürliche und Übernatürliche. Es ist ein Spannungsbogen, der am Leben zu erhalten und zur Blüte zu bringen ist.

Im 19. Jahrhundert fand ein erbitterter, theoretischer Kampf in der ökonomischen Theorie zwischen Liberalismus, Historismus und Marxismus statt. Er ging um die Frage, was Wert und Preis der Waren und der Arbeit definiert? Die Grenznutzenlehre formulierte eine subjektive Wert- und Preislehre und kapitulierte vor diesem Problem, indem man eine objektive Wertlehre verwarf und sie durch eine subjektive Preislehre ersetzte. Der Preis bestimmt sich dabei nach Angebot und Nachfrage. Außerdem behauptete man, dass Boden, Arbeit und Kapital produktiv seien und eine Entlohnung verlangten: die Bodenrente, den Lohn und den Zins. Wer denn Angebot und Nachfrage bestimme, konnte man nicht mehr beantworten. Der Marxismus behauptete, es gibt nur eine objektive Wertlehre. Nur die Arbeit ist wertbildend. Damit konnte der Marxismus die subjektiven Aspekte des Problems nicht erfassen und klagte die Wirtschaft als Ausbeutergesellschaft an, da die Arbeitenden den Ertrag mit Bodeneigentümern und Unternehmern teilen müssten. Dies sei ungerecht.

Die volkswirtschaftlichen Vorträge von Rudolf Steiner setzten sich zwischen alle Stühle. Er betonte sowohl den subjektiven als auch den objektiven Aspekt und postulierte eine Trennung von Arbeit und Einkommen. Durch die Kategorien der geistigen Arbeit und des Schenkungsgeldes konnte er die ökonomische Fachwissenschaft der damaligen Zeit erweitern und somit eine Richtung andeuten für die Lösung der Gretchenfrage: Was ist das Wesen von Wert und Preis? Wie werden diese wissenschaftlich bestimmt?

Bekanntermaßen hat das 20. Jahrhundert aus diesen so harmlos erscheinenden theoretischen Fragen zwischen Liberalismus und Marxismus die Geister geschieden und es entwickelten sich Revolutionen und Kriege mit unzähligen Toten. Entlang dieser Demarkationslinie. Aus theoretischen Differenzen wurde blutiger Ernst: Kalte und heiße Kriege. In diesen Zusammenhängen sind die ökonomischen Vorträge aus dem Jahre 1922 von Rudolf Steiner zu sehen. Er hat zwar das Wert- und Preisproblem verdienstvollerweise theoretisch gelöst, aber die praktische gesamtgesellschaftliche Umsetzung steht uns hoffentlich noch bevor.

Bild Goetheanum Gärtnerei; Foto: Xue Li

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