Warum wir sprechen

Als ihm in Bremen der Literaturpreis verliehen wird, erzählt Paul Celan in seiner Dankesrede, warum er dichte. Natürlich erklärt jeder Vers es selbst, doch hier erfährt man es prosaisch. «In dieser Sprache habe ich […] Gedichte zu schreiben versucht, um zu sprechen, um mich zu orientieren, um zu erkunden, wo ich mich befand und wohin es mit mir wollte, um mir Wirklichkeit zu entwerfen.»


Fünf Gründe, die für jedes Sprechen und Schreiben gelten, gelten sollten. Wir schreiben, wir sprechen schön und wahr, weil wir dann erst tatsächlich sprechen. Welche Überraschung, wenn man sich einen Satz, ein Wort sprechen hört und dabei mit einem Mal weiß, jetzt sprichst du wahr und schön. Und weiter: um sich zu orientieren, zu erkunden, wo man sich befindet. Ja, zu sprechen bedeutet zu navigieren, Sprache ist Experiment, ein Testballon. Man fragt die Welt, fragt die Zuhörenden, ob der Gedanke trägt, die Position sich bewährt und erfährt so, wo man ist. Dann: «wohin es mit mir wollte». Sprache schenkt dem Gedanken Gegenwart und mit der Gegenwart Bewegung. Wenn man stillsteht, ist wohl am wichtigsten, die Sprache wieder zu finden. Am Ende das Finale: «um mir Wirklichkeit zu entwerfen». Es gehört zur philosophischen Grundbildung, dass erst im Erkennen die Welt zur Wirklichkeit wird. Dass diese Wirklichkeit subjektiv und objektiv ist, das verlangt, sie zur Sprache zu bringen – so wird sie ‹mir› zur Wirklichkeit.


Paul Celan, 5. April 1955, Paris. Deutsches Literaturarchiv Marbach.

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