Seelische Heilung

‹Wunden der Erde› nennt Monika Seynsche ihre weltweite Spurensuche nach Landschaften, die durch menschliche Eingriffe ihr Gleichgewicht verloren haben.


Illustration: Adrien Jutard, Vektorzeichnung, 2020

So porträtiert sie die amerikanischen Appalachen, wo für den Kohleabbau 500 Berggipfel gesprengt wurden und die Wälder später kaum mehr zurückkehren können, oder die Trockenlegung riesiger Moorlandschaften in Kanada, um Teer abzubauen, oder die Rodung der Regenwälder Tasmaniens für die Papierindustrie. Auch Europa kennt solche Wunden. Mit dem Wolf in den Alpen und dem Schwarzstorch im Maintal häufen sich Nachrichten gelungener Renaturierungen – eine erste Heilung der Wunden, die das Industriezeitalter geschlagen hat.

Wie einfach scheint die Heilung dieser ‹ätherischen› Wunden, im Vergleich zu den seelischen Verletzungen. Wie bei jeder Wunde sind die Flächen klein und doch entzünden sie den ganzen Organismus. Ob der Streit von China, Pakistan und Indien um die Region Kaschmir, von Israel und Palästina um Jerusalem, von China und den Philippinen oder der Türkei und Griechenland um Inseln: diese lokalen Konflikte und Kriege (27 im Jahr 2019) bedeuteten nicht nur unbeschreibliches Leid für die Bevölkerung, sondern sie betreffen die ganze Erde. Wie beim menschlichen Organismus, wo eine Entzündung den ganzen Menschen mattsetzt, sind diese kleinen und kleinsten Konfliktorte für die ganze Erde eine Verletzung. Vermutlich gilt umgekehrt, dass jeder Friede, der geschlossen, jeder Kompromiss, der gefunden wird, über eine Bergkette im Krieg wie zwischen Armenien und Aserbaidschan oder über eine Insel wie zwischen China und den Philippinen, die ganze Erde seelisch heilt.


Mehr: Wunden der Erde

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