Räume innerer Freiheit bilden

Wenn man Aufmerksamkeit zur Meditation steigert, erscheint die Welt in neuem Licht. Die Aktivität der Seele hilft, Beklemmung und Angst zu verwandeln.


Eine der Signaturen des Corona-Lockdowns bestand in der Herausforderung, vor starke, kaum zu vereinbarende Gegensätze gestellt zu werden: Auf der einen Seite erlebten viele im Herunterfahren der Geschäftigkeit, der Arbeitshektik, des Motorenlärms und des Verkehrsrauschens ungewohnte Räume und Landschaften der Stille. Die unmittelbare Reaktion der Natur, insbesondere der Tierwelt, war mit Sinnen zu greifen: Rehe, Wildgänse, Reiher und Nachtigallen füllten die sich bildenden Räume bald mit ihrem Leben. Andererseits warnten zugleich die halbstündigen Nachrichten vor der kommenden ‹Welle›, verkündeten dramatisch steigende Zahlen der Infizierten, die noch dramatischeren Situationen in manchen Krankenhäusern und die politische Suche nach den angemessenen Konsequenzen bis hin zu Ausgangsverboten und Grenzschließungen.

Ein solches Spannungsfeld zwischen den verändernden Sinneserfahrungen und den täglich sich steigernden, alarmierenden Meldungen führt zu seelischen Verunsicherungen und Bewegungen: Den Urteilsgewohnheiten, durch welche die Seele das Geistig-Individuelle des Menschen mit den Sinnes- und Leibeserfahrungen verbindet, wird Tag für Tag der tragende ‹Gewohnheitsboden› entzogen. Man steht vor einem Nicht-Fassbaren, einem Ungewissen und muss ihm individuell begegnen. So kann es an dieser Seele-Welt-Grenze durch die Stärke der äußeren Eindrücke zur existenziellen Empfindung des Überrumpelt- und Fremdbestimmtseins kommen. Beim Eindruck, eine Sache nicht mehr selbst in der Hand zu haben, treten dann Stufen der Furcht auf. Damit einhergehend beschreibt Rudolf Steiner den Ursprung der menschlichen Angst dort, wo wir bei äußeren Eindrücken «nicht gleich mit unserem Urteil der Sache gewachsen sind».1

Stéphane Zwahlen, Studien­arbeit zu Rudolf Steiners Naturstimmungen, Motiv 6 ‹Mondaufgang›, Pastell, 13 × 18 cm, 2018.

Das Gefühl der Ohnmacht und seine Überwindung

Viele Menschen beschreiben, dass sie die Coronapandemie an Grenzen des Nicht-mehr-selbst-urteilen-Könnens führe, was eine existenzielle Betroffenheit bedeute. In der Art, wie aber das menschliche Ich beteiligt ist, wenn Verunsicherung und Furcht entstehen und man sogar innere Ohnmacht erlebt, liegt zugleich der Schlüssel für die Überwindung dieser seelischen Zustände. In der ‹Theosophie› charakterisiert Rudolf Steiner den geistigen Kern des Menschen mit folgendem Satz: «Das Ich erhält Wesen und Bedeutung von dem, womit es sich verbindet.»2 In diesem dynamischen Begriff vom Ich sind die tiefe Wechselwirkung zwischen Ich und Welt und die geistige Souveränität des Ich als sich selbst bestimmendes Wesen enthalten: Wir sind nur im Zusammensein mit dem, was im Leben und was in der Welt vor sich geht, ganz Mensch. Zugleich werden wir von unserer geistigen Individualität her aber erst dort Mensch, wo wir uns selbstbestimmt weiterentwickeln. An diesem Bild des Verantwortung übernehmenden und sich selbst verwandelnden Menschen im Menschen setzen die Übungen des anthroposophischen Schulungsweges an.

Innere Ruhe und gesteigerte Aufmerksamkeit

Als grundlegende Übung gilt es zunächst, aus eigener Kraft die Meereswogen der Seele so zu beruhigen, dass ein innerer Freiraum entsteht. In Bezug auf das Wesen des eigenen Willens ist dabei bemerkenswert, dass sich innere Ruhe gerade durch einen geführten Impuls zur Tätigkeit bildet. Wie ein Segelschiff auch bei hohem Wellengang durch den Antrieb des Windes Kurs hält, so verwandelt sich das Erleben beunruhigender, auch ängstigender Seelenstimmungen, sobald der vom Ich geführte Wille tätig wird. Der Weg zu diesem im Willen ruhenden Freiraum ist unterschiedlich: Der eine Mensch baut ein für ihn sprechendes Bild auf, wie etwa den Übergang von der Morgendämmerung zum Sonnenaufgang. Ein anderer Mensch wählt vielleicht den Weg über Worte, die ihm wertvoll sind, etwa die folgenden Zeilen von Dag Hammarskjöld:

«Ich weiß nicht, wer – oder was – die Frage stellte. Ich weiß nicht, wann sie gestellt wurde. Ich weiß nicht, ob ich antwortete. Aber einmal antwortete ich ja zu jemandem – oder zu etwas. Von dieser Stunde her rührt die Gewissheit, dass das Dasein sinnvoll ist und dass darum mein Leben, in Unterwerfung, ein Ziel hat.»3 Ein anderes Beispiel dafür, über den Weg des Wortes zur inneren Ruhe zu finden, sind die Zeilen Rudolf Steiners aus dem Jahr 1910: «Was auch kommt, was mir auch die nächste Stunde, der nächste Morgen bringen mag, ich kann es zunächst […] durch keine Furcht und Angst ändern. Ich erwarte es mit vollkommenster innerer Seelenruhe, mit vollkommenster Meeresstille des Gemüts.»4

Eine nächste Stufe der Übung besteht darin, nun den Schwerpunkt auf die Fähigkeit der Aufmerksamkeit zu lenken. Auch diese trägt, ähnlich dem Willensweg zur inneren Ruhe, ein starkes Verwandlungsmoment in sich. Wo wir unsere Aufmerksamkeit in unmittelbarer Intensität auf etwas richten, erscheint das Wahrgenommene in neuem Licht, in neuer Perspektive. Die Möglichkeit, Erscheinungen wie neu erstehen zu lassen, beschreibt Goethe im ‹Wilhelm Meister› mit dem Satz: «Denn das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, dass sie im Augenblick das Nichts zu allem macht.»5

Richten wir die Aufmerksamkeit zunächst auf die Natur: Mit dem Aufgang der Sonne wandern die ersten Strahlen des Lichtes über das Feld. Dort, wo der Rand der Schatten sich vor der Sonne zurückzieht, begegnen sich zwei Welten: Eine von der Nacht gefrorene Fläche steht einem von Wärme und Licht neu erwachenden Leben gegenüber. Gelingt es an diesem Beispiel, die Aufmerksamkeit soweit zu steigern, dass ich das Gesehene seelisch mitvollziehe, kann sich über das äussere Geschehen hinaus etwas Urbildhaftes, geistig Wesenhaftes zeigen: Dort in der Natur vollzieht sich im Kampf zwischen Sonnenlicht und Nachtkälte ein Verwandlungsprozess, den auch ich als Mensch in mir trage und kenne.

Eine neue Qualität des Erlebens entsteht, wenn wir das Üben der Aufmerksamkeit von den Naturphänomenen nun auf die eigene seelisch-geistige Aktivität richten.

Eine neue Qualität des Erlebens entsteht, wenn wir das Üben der Aufmerksamkeit von den Naturphänomenen auf die eigene seelisch-geistige Aktivität richten. Zu beginnen, aufmerksamer auf sich selbst zu werden, bedeutet, einen inneren Beobachter auszubilden, welcher während des Übens achtsam das Geschehen wahrnimmt. Gelingt es dem Menschen, jenen inneren Beobachter auch nur anfänglich auszubilden, steht er wie neu vor sich selbst. Seine Art zu denken, zu fühlen und zu wollen erreicht Tiefe und Intensität: Er lernt sich selbst in seinen Neigungen, Irrtümern und Vorlieben, in seinen höheren Zielen neu kennen. Gerade bei Menschen, die durch Lebensprüfungen gegangen sind, ist ein solches Aufwachen des inneren Beobachters und des Sich-selbst-Erkennens wahrzunehmen. So schreibt Nelson Mandela am Ende seiner Autobiografie: «Ich habe gelernt, dass Mut nicht die Abwesenheit der Angst ist, sondern der Triumph über sie. Ich habe selbst häufiger Angst empfunden, als ich mich erinnern kann, doch ich habe sie hinter einer Maske von Kühnheit verborgen. Der tapfere Mensch ist nicht der, der keine Angst verspürt, sondern der, der diese Angst überwindet.»6 In sich selbst aus innerer Freiheit einen solchen zweiten Menschen zu entwickeln, gehört zu den Zielen dieses Übungsweges: «Jeder Mensch trägt neben seinem Alltagsmenschen in seinem Inneren noch einen höheren Menschen. Dieser höhere Mensch bleibt solange verborgen, bis er geweckt wird. Und jeder kann diesen höheren Menschen nur selbst in sich erwecken.»7

Stéphane Zwahlen, Studienarbeit zu Rudolf Steiners Naturstimmungen, Motiv 7 ‹Monduntergang›, Pastell, 13 × 18 cm, 2018.

Die meditative Praxis als Umschmelzmoment

Auch hier beschreibt Rudolf Steiner, dass die Weiterentwicklung dort beginnt, wo man einen freien Entschluss fällt. Das führt nun vom Bilden innerer Ruhe und der Intensivierung der äußeren wie inneren Aufmerksamkeit zum Wesen der Meditation: Getragen vom freien Willensimpuls und vom bewussten, klaren Denken, bildet sie einen Seelenraum, in welchem das Alltagsleben für einen Moment verstummt und jener innere, geistig-zukünftige Mensch aufleben kann. In diesem Sinne ist der entscheidende Moment der meditativen Praxis ein Umschmelzmoment: In ihm verwandelt sich die vorbereitende eigene Willensintention der Raum- und Gedankenbildung zu einem hörenden Wahrnehmen. Hier wird nun die Begegnung mit dem Ungewissen, Zukünftigen bewusst gesucht. Gelingt es in diesem aufgebauten Innenraum, von der geistigen Seite des zuvor ausgewählten gedanklichen oder bildhaften Inhaltes berührt zu werden, kann sich eine Seelenerfahrung der Sinnhaftigkeit und Zuversicht einstellen. Oft wird aus dem Erleben eines solchen Momentes des Sich-gewahr-Werdens beschrieben, dass dieses Berührtwerden von einem innerlich Zukünftigen auch wieder Impulse weckt, neu auf die Aufgaben des Lebens zuzugehen.

Der entscheidende Augenblick in der meditativen Praxis ist ein Umschmelzmoment: In ihm verwandelt sich die vorbereitende eigene Willensintention der Raum- und Gedankenbildung zu einem hörenden Wahrnehmen.

Nach der Hingabe an die äußere Natur und der Umwendung zum wahrnehmenden Hören im Innenraum der Meditation lässt sich die Aufmerksamkeit zu einer weiteren Metamorphose entwickeln: Auf dieser dritten Ebene übergibt man das innerlich Erarbeitete nun wieder dem Leben. Um das zu erreichen, braucht es einen Entschluss, einen Ruck, die Meditation abzuschließen, das Erlebte nach einem Moment des Nachsinnens loszulassen und sich wieder initiativ in das Tagesleben und seine Aufgaben hineinzustellen. Charakteristisch für diese Ebene der Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit, im eigenen Tun und im Zusammenarbeiten gewissermaßen zu ‹lesen›, was sich im Geschehen bildet, was im Handeln entgegenkommt und sich dabei ereignet. So kommt es mitten im Tätigsein oder im Augenblick einer Begegnung vor, dass sich ein innerer Seelenimpuls oder ein geistiges Ideal im Geschehen oder im Gegenüber wiederfinden. Ein solch plötzliches Gewahrwerden des Wesentlichen im anderen Menschen ist tief bewegend und setzt neue Lebenskräfte und Impulse frei. Jede Biografie enthält solche Augenblicke des Sich-geistig-seelisch-neu-Findens und -Bestimmens. Dort, wo sie im Unerwarteten jenseits von Sympathie und Antipathie auftauchen, verstärken sie das Vertrauen in den Sinn des Lebens. Nelson Mandela beschreibt einen solchen Moment, als er seinem Gefängniswärter begegnete: «Selbst in den schlimmsten Zeiten im Gefängnis, als meine Kameraden und ich an unsere Grenzen getrieben wurden, sah ich einen Schimmer von Humanität bei einem der Wärter, vielleicht nur für eine Sekunde, doch das war genug, um mich wieder sicher zu machen und mich weiterleben zu lassen. Die Güte des Menschen ist wie eine Flamme, die zwar versteckt, aber nicht ausgelöscht werden kann.»8

Stéphane Zwahlen, Studienarbeit zu Rudolf Steiners Naturstimmungen, Motiv 9 ‹Sonnen­untergang II›, Pastell, 13 × 18 cm, 2018.

Aus den Metamorphosen der Aufmerksamkeit zeichnet sich das Bild einer meditativen Praxis, welche ihre eigene Dynamik entwickeln muss, um Kraft zu gewinnen. Zugleich steht sie nicht isoliert da, sondern findet ihren Sinnbezug in der Wechselwirkung mit dem umgebenden Leben und dem Weltganzen. Für den Aufbau der Meditation ergeben sich aus dem Geschilderten Qualitätsstufen:

• freier individueller Entschluss zum Beginn der Meditation;

• Bildung eines Raumes der inneren Ruhe;

• Ausrichtung und Steigerung der Aufmerksamkeit auf ein Bild, einen Gedanken oder einen Text;

• Umschmelzung des intentionalen Willens zu einem wahrnehmenden Hören; gesuchte Begegnung mit dem Ungewissen, Zukünftigen;

• kontemplatives Ruhen in der Anwesenheit des Inhaltes;

• Abschluss und Nachsinnen der Meditation;

• das Erlebte loslassen und dem Leben anvertrauen.

Diese Stufenfolge ist natürlich nur eine Orientierung, da jeder Mensch die Meditation anders durchführt und ausgestaltet. Gerade in einer Zeit der Veränderung und Verunsicherung liegt die stärkende Wirkung der Meditation nicht in vorgeprägten Systemen, sondern einzig im freien Wollen, Denken und Fühlen der menschlichen Individualität.


Buch Die Verantwortlichen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft haben aus den Blickrichtungen der einzelnen Fachsektionen Beiträge zum Verstehen der Coronakrise und Anregungen zum Handeln zusammengestellt. Das daraus entstandene Buch wird im Juni veröffentlicht. Dieser Beitrag ist zuerst für dieses Buch geschrieben worden.

Ueli Hurter, Justus Wittich (Hg.), Perspektiven und Initiativen zur Coronazeit. Verlag am Goetheanum, 2020. 240 Seiten, kartoniert, 12 CHF/10 EUR.

1 Rudolf Steiner, Anthroposophie, Psychosophie, Pneumatosophie (ga 115), Vortrag vom 4. 11. 1910. 5. Aufl., Basel 2012.

2 Rudolf Steiner, Theosophie (ga 9), 1. Kapitel. 33. Aufl., Basel 2013.

3 Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg, Eintrag Pfingsten 1961. 6. Aufl., Stuttgart 2019.

4 Rudolf Steiner, Pfade der Seelen­erlebnisse (ga 58), Vortrag Berlin 17.2. 1910. 3. Aufl. Dornach 2002.

5 J. W. v. Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1. Buch, 2. Kap.

6 Nelson Mandela, Der lange Weg zur Freiheit, Frankfurt/M. 1994, S. 832.

7 Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten (ga 10), S. 32. 25. Aufl. Basel 2018.

8 Nelson Mandela, a. a. O., 6, S. 833.

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