Nachhaltigkeit bei der Weleda

Aus der Mitgliedschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft sind Fragen aufgekommen betreffend das Nachhaltigkeitsengagement der Weleda. Es gibt spezifische Fragen zu der B-Corp-Zertifizierung und dem Ein-%-Programm. Es bestehen aber auch Bedenken, ob die Nachhaltigkeitsstrategie innerhalb der Weleda nicht generell zu einer Schwächung der Anthroposophie und des Heilmittelimpulses führt. Auf diese Fragen geht Ueli Hurter ein.


Dabei betreffen die folgenden Ausführungen eher die Kosmetiksparte, denn diese ist wirtschaftlich größer, verarbeitet mehr Rohstoffe und ist als ‹Naturkosmetik› direkt mit der Nachhaltigkeit der Firma verbunden. Die Arzneimittelsparte, die vielen Mitgliedern besonders am Herzen liegt, wird innerhalb der Weleda seit vielen Jahren und in steigendem Umfang von den Erträgen aus der Kosmetiksparte wirtschaftlich unterstützt. Wenn die Nachhaltigkeit die Kosmetikprodukte stützt und profiliert, ist das also auch im Interesse der Heilmittel. Zu den Herausforderungen, die sich im Arzneimittelbereich aktuell stellen, siehe den separaten Artikel von Georg Soldner in diesem Heft.

Was heißt Nachhaltigkeit bei der Weleda?

Es ist ein Anliegen, die Rolle des Menschen, seine Freiheit und Verantwortung, immer anklingen zu lassen bei der Weiterentwicklung der Marke und bei der Kommunikation und dem Marketing der Weleda. Der Mensch in seiner seelisch-geistigen Herkunft und Bestimmung in einem Erdenleib lebend und dadurch mit der elementarischen Erdenwelt verbunden ist, der ‹Anthropos›, dem die Weleda dient mit ihren Produkten, sowohl Arzneimitteln wie Kosmetika. Diesen hohen Anspruch umzusetzen mit über 2000 Mitarbeitenden, in über 50 Ländern, in einem gesellschaftlichen Umfeld, das an vielen Stellen von völlig anderen Werten geprägt ist, ist die Aufgabe. Ein Instrument dazu ist die Nachhaltigkeit.

Ist das Engagement für Nachhaltigkeit bei Weleda eine Verfremdung ihres Unternehmenszweckes?

Weleda arbeitet mit ca. 1000 Substanzen aus der Natur. Die bewirtschaftete Fläche für den Anbau beträgt 250 Quadratkilometer, das sind 250 000 Hektar Land. Dafür trägt Weleda eine Mitverantwortung. Aktuell kommen gut 80 Prozent der zertifizierbaren Rohstoffe aus biologischem Anbau, davon 22 Prozent aus biodynamischem. Von dem Boden und der Erde aus sollen alle Prozesse, bis die Produkte bei der Kundin sind, nach Verträglichkeit für die Erde, die Umwelt, die kommenden Generationen betrachtet und ständig verbessert werden. Der sorgfältige und die Umwelt einbeziehende Umgang mit den Heilpflanzen aus der Heilmittelherstellung hat sich auf die Kosmetiksparte übertragen: Zentral für Weleda ist, dass die Produkte bei der Anwendung die Haut in ihren Funktionen unterstützen, ausgleichen, pflegen und heilen. Die Haut eines Menschen ist sein größtes Organ, es verbindet ihn mit seiner Umwelt. Darum fertigt Weleda keine Produkte aus Erdöl und Chemie, sondern aus hochwertigen Natursubstanzen. Dies führt zu einer nachhaltigen Ausrichtung des gesamten Unternehmens. Die Marke Weleda, die für den Erfolg am Markt entscheidend ist, trägt diese Wertschätzung und Förderung der Natur in ihrem Kern.

Eine authentische und gut kommunizierte Nachhaltigkeitsstrategie ist heute am Markt für Naturkosmetik unerlässlich. Würde Weleda das nicht erfüllen und ständig weiterentwickeln, zum Beispiel auch im Bereich der Verpackungen, würden viele Kundinnen und Kunden abspringen und andere Marken kaufen. Der Naturkosmetikmarkt hat sich sehr schnell entwickelt in den letzten Jahren, er ist kein Nischenmarkt mehr. Die großen Kosmetikunternehmen bringen mit sehr hohen Marketingbudgets ihre Naturkosmetikprodukte in die Regale und in diesem kompetitiven Umfeld muss und will Weleda bestehen. Mit dem Blick auf die ganze Weleda muss betont werden, dass es ohne eine gut gehende Kosmetiksparte nicht geht. Denn die Arzneimittelsparte ist defizitär und wird jährlich mit einem zweistelligen Millionenbetrag aus den Erträgen aus der Kosmetik quersubventioniert. Hinzu kommt, dass auch im Arzneimittelmarkt die Nachhaltigkeit immer wichtiger wird.

Die Marke Weleda trägt die Wertschätzung und Förderung der Natur in ihrem Kern.

Die B-Corp-Zertifizierung

Vor über 30 Jahren, als Weleda anfing, die Nachhaltigkeitswerte aktiv zu kommunizieren – die schon immer im Unternehmen gelebt wurden –, war das noch Pionierarbeit und man war allein im guten wie im schlechten Sinn. Nun hat sich das geändert. Immer mehr Unternehmen integrieren Nachhaltigkeit in ihre Strategie. Bei den einen ist das ‹greenwashing›, bei den anderen ist es ein echtes Engagement. Weleda strebt schon länger danach, seine aus eigenem Willen erbrachten Qualitäten gerade im Umgang mit der Natur objektiv beglaubigen zu lassen. Schon seit fast 25 Jahren hat Weleda an den großen Produktionsstandorten in Arlesheim, Schwäbisch Gmünd und Huningue ein zertifiziertes Umweltmanagement-System nach ISO 14001 bzw. EMAS eingeführt. Für die Rohstoffe, die in das Unternehmen kommen, wurde schon früher das UEBT-Label erlangt.1 Dieser Standard und das dazugehörige Lieferketten-Managementsystem stellen hohe soziale und ökologische Anforderungen, um ethische und biodiversitätsfördernde Rohstoffgewinnung zu garantieren. Dafür hat Weleda mehrere Preise gewonnen, zum Beispiel den Swiss Ethic Award und den deutschen CSR-Preis der Bundesregierung. Jetzt wollte Weleda einen Schritt weitergehen und hat sich mit der Gruppe B-Corp verbunden. Dabei wird umfassend die Nachhaltigkeit geprüft und zertifiziert.2 Es geht also um eine gesamthafte Bewertung der unternehmerischen Nachhaltigkeit und besonders um einen Fokus auf die Wirkung (den Impact) des Handelns. Als Teil des Prozesses zur Erlangung der B-Corp-Zertifizierung wurde dieses Engagement explizit in den Unternehmenszweck aufgenommen mit der Formulierung: «Die Gesellschaft verfolgt den Zweck, mit ihrer Geschäftstätigkeit eine erhebliche positive Wirkung auf das Gemeinwohl sowie die Umwelt zu erzielen.» Im September 2022 hat Weleda als erstes B-Corp-zertifiziertes Pharmaunternehmen Deutschlands dafür den Nachhaltigkeitspreis des Bundesverbandes der Arzneimittelhersteller (BAH) erhalten.

Weleda wirtschaftet nachhaltig aus eigenem Willen und eigener Kraft. Die Zertifizierungen bestätigen dieses Engagement, sie helfen, den Ansatz im Unternehmen systematisch durchzuführen, und die Auslobung der Produkte verbürgt für die Konsumierenden die Nachhaltigkeit. Bringt man sich bei solchen Labels wie UEBT oder B-Corp ein, hilft man auch, in der Branche und allgemein in der Wirtschaft Netzwerke für ein umwelt- und sozialverträgliches Wirtschaften zu bilden. Natürlich muss immer wieder eine prüfende Gewichtung vorgenommen werden zwischen der Eigenmarke Weleda und den sie begleitenden Labels. Ist jetzt nicht zu viel ‹heile Natur› im Weleda-Auftritt? Geht es nicht viel mehr darum, den Menschen in seiner potenziell positiven Kraft darzustellen, die Natur zu kultivieren? Aus anthroposophischer Sicht ist ja beides nicht falsch: Die Natur trägt uns, sie kann uns heilen und ernähren; der Mensch ist durch seine Freiheit in der Verantwortung für die Welt, inklusive des Naturhaushaltes der Erde. Richtig wird der eine Ansatz durch den anderen, sie können und sollen sich ergänzen. Die Aufgabe ist, dieses nehmende und gebende Verhältnis zwischen Mensch und Natur immer wieder aktuell zu fassen und bis in die Kommunikation der Weleda sichtbar zu machen.

Das Programm ‹1 % für Nachhaltigkeit›

Auch in Richtung Nachhaltigkeit, aber unabhängig von der B-Corp-Zertifizierung, geht das Programm ‹1 % für Nachhaltigkeit› Es besagt, dass ein Prozent vom Umsatz bei der Weleda für Nachhaltigkeit eingesetzt wird. Dieses Programm darf nicht verwechselt werden mit der globalen Initiative ‹1 % For The Planet›, innerhalb derer Unternehmen wie Patagonia sich verpflichten, ein Prozent des Umsatzes in Sach- und Geldspenden an Umweltschutzgruppen zu spenden. Vielleicht ergab sich hier für manche ein Missverständnis? Das Weleda-Programm ist eine Bündelung von vorhandenen und neuen Nachhaltigkeitsbestrebungen im Unternehmen in einen Strang, und dies insbesondere, damit es besser sichtbar und kommunizierbar wird. Einige Beiträge des Programms sind schon in der Kostenrechnung der Weleda enthalten! Zum Beispiel: die Mehrkosten für biodynamische Rohstoffe, der Einkauf von weiterem Ökostrom an vielen Standorten, die Verwendung von ökologischen Materialien beim Logistikneubau in Schwäbisch Gmünd, ein Beitrag an die biodynamische Saatgutarbeit etc. Neue Ausgaben werden immer auch unter der Perspektive der ‹positiven Wirkung für Marke und Kommunikation› geprüft. Der größte Teil der neuen Kosten entsteht durch die ab 2022 angestrebte Klimaneutralität auf Produkteebene. Diese besagt, dass rechnerisch alle Aktivitäten, die an der Herstellung und der Verteilung des Produkts beteiligt sind, vom Anbau der Rohstoffe über die Fabrikation bis zum Transport zum Kunden klimaneutral sind. Damit vermeidet Weleda im Bereich der zertifizierten Naturkosmetik gegenüber den wichtigsten Wettbewerbern wie Lavera, die bereits länger klimaneutrale Produkte anbieten, einen Marketing-Nachteil. Weitere Gelder werden für eigene Kampagnen, zum Beispiel für Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität, ausgegeben und in dem 1-%-Programm verrechnet. Bei der Lancierung des Programms hat Weleda ein «zusätzliches Prozent des Bruttoumsatzes für die Nachhaltigkeit» kommuniziert. Diese Aussage ist aus heutiger Sicht zu korrigieren. Es geht um ein Prozent einschließlich der schon bestehenden Nachhaltigkeitsprogramme. Dazu muss jetzt noch gesagt werden, dass aufgrund der schwierigen Marktsituation in allen Bereichen des Unternehmens gespart werden muss. In diesem Zuge ist auch das 1-%-Programm auf dem Prüfstand: Welche Ausgaben sind unverzichtbar, welche müssen eingespart werden? Unternehmensstrategisch ist das 1-%-Programm weniger ein Ausweitungs- als ein Begrenzungsprogramm, um die steigenden Erwartungen und Kosten für Nachhaltigkeit einzugrenzen und dennoch attraktiv kommunizieren zu können. Eigentlich ist die Weleda ja ihrem Wesen nach zu 100 Prozent nachhaltig, und das gilt mit oder ohne besondere Programme.


Foto Weleda AG/Barbara von Woellwarth

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Footnotes

  1. Aus dem Nachhaltigkeitsbericht der Weleda: Das Label der Union für Ethical BioTrade zertifiziert unser gesamtes Handeln beim Einkauf unserer Rohstoffe für unsere Weleda-Naturkosmetik. Jeder, der ein Weleda-Naturkosmetik-Produkt kauft, kann sicher sein, dass uns Menschen und Biodiversität – also: Böden, Mikroorganismen, Wasser, Luft sowie Pflanzen, Tiere und die Erzeuger unserer Rohstoffe – am Herzen liegen.
  2. B-Corp möchte den Stakeholder-Ansatz zum Standard machen: Anstatt einer Gewinnmaximierung zu jedem Preis, sollen alle Interessengruppen berücksichtigt werden, die von den Aktivitäten eines Unternehmens direkt oder indirekt betroffen sind. Die teilnehmenden Unternehmen verpflichten sich verbindlich dazu, die Bedürfnisse der Interessengruppen aktiv zu berücksichtigen. Dabei kommen fünf Kategorien in Betracht: Unternehmensführung, Mitarbeiter, Community, Umwelt und Kunden.
  1. Als vor längerer Zeit fast alle Weleda-Seifen ‚ausgelistet‘ wurden, habe ich via Mail gefragt, ob die Seifen ökologisch nicht den Plastik-verpackten, intensiv beworbenen Dusch-Produkten
    überlegen seien, zumal andere Anbieter sich damals schon – mit entsprechendem Werbe-Aufwand – den Papier-verpackten Seifen bzw. ‚Waschstücken‘ zugewendet hatten. Geantwortet wurde mir mit dem Hinweis auf ‚Kundenwünsche’…

    Ein Beispiel auf der Mikro-Ebene, gewiss; aber auf Kundenseite ist so etwas sichtbarer als alle dahinterliegenden Kampagnen…

    Und ich habe wahrgenommen, dass inzwischen – sehr diskret – einige seifenförmige Dusch-Produkte von der Weleda angeboten werden.

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