Licht und Schatten

«Am farbigen Abglanz haben wir das Leben», sagt Faust in der Ariel-Szene. Wer sich für das Menschenwesen interessiert, wird gewahr, dass kein Mensch nur schwarz oder weiß ist.


Das naive Gefühlsleben möchte es gern vereinfachen und alles in diese zwei Kategorien sortieren. Diese Neigung zum Dualismus steigt in Zeiten von Kriegen wie auch in der aktuellen Krise, schafft Feindbilder und verhärtet Fronten, die sich gegenseitig zerstören möchten. So, wie die Welt aus einer Begegnung von Licht und Finsternis entstanden ist, so trägt auch jedes Wesen in sich Licht und Finsternis. Eine anthroposophische Betrachtungsmethode möchte den Dualismus aktiv überwinden, um über Polaritäten und Gegensätze hinaus den Bereich des ‹Werdens› betreten zu können, dort, wo gemeinsame Zukunftsperspektiven zu leuchten beginnen, wo die große Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse zerfällt und sich die Welt in ihrer Komplexität zu ordnen beginnt, wo Farben zwischen Licht und Finsternis erscheinen.

Red, White and Blue, Ella Lapointe, Gouache auf Papier und digitale collage, 2020.

Diese Art der Betrachtung kann sowohl für Individuen wie auch für verschiedenste Menschengruppen gelten. Bald erkennt man, dass genau dort, wo bestimmte Werte am Wirken sind, sich auch gleichzeitig deren Gegenteil findet. Die Vereinigten Staaten, in denen die Freiheit als oberster Wert anerkannt ist, haben beispielsweise die höchste Rate an inhaftierten Menschen auf dem Planeten. In China, wo man eine Neigung zu einer allumfassenden Liebe erkennen kann, die die Einheit des Volkes über alles stellt, entwickeln sich Sozialkreditsysteme und eine Atmosphäre des permanenten Wettbewerbs unter Bürgerinnen und Bürgern. Genauso könnte man die Widersprüche untersuchen, die einem sozialen Organismus wie dem Goetheanum innewohnen, in dem sich ein freies Geistesleben auf der Basis sozialer Geschwisterlichkeit zu entwickeln sucht. Widersprüche betrachten zu können, ohne wegzuschauen, öffnet den Blick auf das Drama und die Biografie der Wesen. So kann man, im farbigen Abglanz, das Werden erkennen.

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