Karotten, Gemälde und Gedanken

Über Materialisierungsprozesse von Ideen und Pflanzen.


Rohe Karotten habe ich kaum gegessen, als ich in China lebte. Ein Grund dafür war, dass fast alles in der chinesischen Kochkunst wirklich gekocht werden muss. Der andere ist mir wichtiger – sie waren fast ohne Geschmack. Ihre orange Farbe schien mir unkonzentriert, manchmal blass. Dagegen kaufe ich jedes Mal die Karotten mit Demeter-Qualität, wenn ich im Supermarkt in der Schweiz einkaufen gehe. Ihre Farbe ist für mich intensiver, drängt sich von Frisch- bis Dunkelorange. Ihr Geschmack hat verschiedene Stärken sowie Nuancen von frisch-süß bis exotisch-krautähnlich.

Mir taucht eine ähnliche Erfahrung auf, wenn ich Museen und Galerien besuche, nur wird die Zunge hier zu meinen Augen. Ein mir unvergessliches Erlebnis war der mehrmalige Besuch der Ausstellung von Paul Gauguin in der Fondation Beyeler. In Gauguins Zeit war die Kamera bereits erfunden und die Fotos der Frauen auf Tahiti waren bekannt. Den Unterschied zwischen den gemalten Bildern von Gauguin und den von der Kamera erzeugten Fotos der tahitianischen Frauen bewundere ich zutiefst. Welch ein moderner Mensch war Gauguin, der das Geistige, welches sich noch in alten Kulturen unmittelbar offenbart, so tief wahrnehmen konnte, als ob dieses Geistige in seiner eigenen Seele wiederbelebt wäre. Welch ein moderner Mystiker. Einen ganz anderen Eindruck habe ich, wenn ich Ausstellungen in modernen Galerien besuche. Einige Elemente der malerischen Sprache leben dort. Die Malenden drücken ihre eigenen seelischen Inhalte aus, obwohl es manchmal um ein geistiges Thema geht. Dies ist zwar gut, aber eher seelisch als geistig und eher technisch als künstlerisch. Viele Menschen malen als Hobby, weil sie Lust und Spaß daran haben. Ihre Werke lassen sich für mich nicht tief und lange wahrnehmen und empfinden, weil sie mir aus einem nüchternen Gedanken oder einem instinktiven Impuls mit ungeschulter Technik heraus geschaffen erscheinen. Ich denke, so wie in der Landwirtschaft (Demeter, bio und konventionell) haben wir diese drei Qualitäten in der Kunst auch.

Naturgeschöpf und Menschengeschöpf

Gibt es etwas Gemeinsames zwischen der Karotte im Supermarkt und dem Gemälde im Museum? Ja, die beiden sind ein Gegenstand beziehungsweise ein Geschöpf. Dennoch wird das erste Geschöpf von der Natur geschaffen, das zweite durch die Menschen, was ihren Unterschied ausmacht. Schauen wir näher darauf. Eigentlich entsprechen verschiedene Qualitäten von Karotten ihren verschiedenen Mikrostrukturen bis in die Zellen und kleineren Ebenen, die durch den sensiblen Geschmackssinn der Menschen differenziert werden können. Woher stammen diese vielfältigen Mikrostrukturen in der Karotte, die auf vielfältige Weise die Sinneszellen der Zunge reizen können? Sie sind eigentlich das Resultat eines zeitlich-räumlichen Organismus, der aus einer dynamisch-rhythmischen Umwandlung des Samens dieser Karotte hervorgeht. Mit dem Jahreslauf saugt dieser Samen die Nahrung von Sonne, Luft und Erde auf. Hinein und heraus fließt sowohl das Materielle als auch das Geistige um diesen Organismus herum, wodurch die Organismusstruktur langsam differenziert, eingegliedert und verfeinert wird. Je harmonischer und weisheitsvoller dieser Bildungsprozess ist, desto feiner und zarter ist die entsprechende Struktur und desto besser der Geschmack der Karotte.

Übersetzen wir den Samen in das urbildhafte Ideal oder das Motiv, die Sonne in die geistigen Kräfte oder das Licht, die Luft in die Empfindungen sowie Gefühle und Farben und Erde in das Lebenstragende, gelangen wir gerade zum Prozess des Kunstschaffens. Das bedeutet, dass nicht nur das Naturschaffen, sondern auch das Kunstschaffen wesentlich gesehen eine Verwirklichung beziehungsweise Verkörperung aus dem urbildhaft Idealen heraus in die materielle Welt hinein sind. Anders gesagt ereignen sich das gleiche Prinzipielle und das gleiche Geistige für die beiden, im schwebenden Spielraum zwischen dem Idealen und dem Materiellen. Darum können sich die Natur und die Kunst vereinen lassen, wie Goethe singt: «Und wenn wir erst in abgemessnen Stunden/Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,/Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.» Ein weiterer Hinweis ist, dass wir Menschen nur ein einziges Sinnesorgansystem anstelle von zwei getrennten für die Natur und die Kunst entwickelt haben.

Die Idee kommt auf vielen Wegen in Zeit und Raum, durch die Menschenseele oder das Ätherische und Astrale der Natur, und verdichtet sich zum Bewusstsein, zur Materie.

Gemälde und Bücher

Wie bezieht sich ein Gemälde im Museum auf einen Gedanken im Buch? Im ersten Augenblick fühlt man, dass die beiden durch Menschen geschaffen sind. Doch gibt es Unterschiede. Ein Gemälde ist in einem ‹physischen Körper› gebunden und lässt sich nicht reproduzieren, während ein Gedanke im Buch dazu im Gegensatz steht. Ein Gemälde ist materiell tiefer verdichtet und gewissermaßen ein geschlossenes Abbild einer bestimmten Kulturepoche. Im Vergleich zum Gemälde ist ein Gedanke flüssiger und oft aktueller, er schwebt und schwimmt von Mensch zu Mensch, von Generation zu Generation und sogar von Kultur zu Kultur. Im alten Griechenland täuschten sich die Vögel und pickten nach den Trauben in einem Gemälde. Dagegen kann das klügste Tier nichts von dem, was im Buch steht, nachvollziehen. Also ist der Gedanke gewissermaßen menschlicher, innerlicher und seelischer als das Gemälde. Trotz der großen Unterschiede sagen die Menschen dennoch immer, dass ein Gedanke so schön sei, genau wie ein Kunstwerk. Der Grund dafür ist, dass beide in der Geisteswelt wurzeln, sich durch die Menschenseele verwirklichen und im Menschenbewusstsein verkörpern. Nur stammt das eine aus der Urbildsphäre und ist im Bildhaften gelandet, das andere aus der Ideenwelt und ist im Schriftlichen gelandet.

Gedanken und Materie

Wie bezieht sich ein Gedanke im Buch auf denselben im Gehirn? Offensichtlich hängt der Erstere nicht mehr vom Denkenden ab und ist ins Materielle eingeprägt. Dem entgegen steht, dass der Zweite immer mit dem Denkenden verbunden, frisch gebacken sowie rasant verschwunden ist. Das bedeutet, dass ein Gedanke im Gehirn immaterieller und gegenwärtiger ist als derselbe im Buche. Genauer gesagt ist der Letzte das Resultat des Ersten, obwohl der Erste auch ein Resultat aus einer dem Alltäglichen unbewussten geistig-seelischen Tätigkeit ist. «Ah! Ich habe die Antwort oder die Lösung schon gefunden, aber sie ist noch nicht in die innere Stimme gebracht; oder sie ist schon in die innere Stimme gebracht, doch noch nicht in die genaue Sprache verdichtet; sie ist in die Sprache verdichtet, aber noch nicht in die herkömmliche Schrift, also in die Alphabete für die phonografische Schrift gebracht. Ja! Es ist da!» Zuletzt schreibt der Denkende diesen neugeborenen Gedanken auf Papier. Hierbei wird der Gedanke zuerst durch das Gehirn des Denkenden ins Bewusstsein verdichtet beziehungsweise widergespiegelt und dann aufs Papier übertragen. Die Bewusstseinsform für einen Gedanken ist genauso wie die Materieform für ein Gemälde oder eine Karotte, weil sie wesentlich gesehen nach gleichem Prinzip und durch gleiche Geister geformt werden: Beide sind unterbrochen, diskontinuierlich, endlich, augenblicklich still und tot. In diesem Sinne ist das Bewusstsein eine erhobene Metamorphose der Materie oder eine von der Seele durchdrungene und dadurch verwandelte Materie, z. B. die Sinnen- und Gehirnnerven in der physiologischen Ebene. Grundsätzlich ist das Bewusstsein eine Art von Sein.

Karotte, Sofia Lismont

Gedanke und Karotte

Blicken wir zurück auf diese gerade getane denkerische Odyssee, können wir erkennen, dass wir durch eine Metamorphose von einer alltäglichen, sichtbaren, wachen und materiellen Welt Schritt für Schritt in eine geistige, unsichtbare, träumende bis schlafende und immaterielle Welt eingetreten sind. Aber das Wesentliche, das hinter der Metamorphose wirkt, ist identisch und immer da. Gehen wir zurück zum Ausgangspunkt: Wie bezieht sich ein Gedanke im Gehirn auf eine Karotte im Supermarkt? Sie sind zwar oberflächlich unvergleichbar, aber wesentlich gleich. Die Idee verwirklicht sich durch entweder die Menschenseele oder das Ätherische bis Astralische der Natur und verdichtet sich bis in entweder eine Bewusstseinsform oder eine Materieform. Sie offenbart sich im Zeitlich-Räumlichen auf verschiedener Ebene mit verschiedenen Qualitäten. Die Offenbarung der Natur ist sowohl künstlerisch als auch wissenschaftlich. Sie gibt sich dem Geistigen selbstlos hin. Dagegen ist es die Offenbarung der Menschen oft nicht. Sie studieren die Natur, nicht um die Erscheinung der Natur nachzuahmen und die Gesetze dahinter zu erkennen, sondern um dasselbe Geistige, das ihrer Seele schlummernd innewohnt, zu erwecken. Also ist ihre Seele eine wache, aber noch nicht geschulte Natur. In dem Sinne ist ein wahrer Denker oder eine wahre Denkerin tatsächlich ein Bauer beziehungsweise eine Bäuerin. Sie säen eine Idee, betreuen ihr Wachstum und ernten einen Gedanke. Wenn sich Denkende darüber bewusst wären, könnte der die Denktätigkeit des Menschen anregende Geist, der in heutiger Zeit an die Industrialisierung beziehungsweise die Digitalisierung gefesselt ist, befreit werden und zu seinem Ursprung zurückkehren, also zur Pflanzenwelt beziehungsweise der Ätherwelt. Danach würde ein biologisch-dynamisches Denken im Lichte der Anthroposophie geboren werden. Dann würden das Ende dieser Denkmetamorphose, also ein Gedanke, und der Anfang, also eine Karotte, eins werden, wie die Frucht wieder zum Samen wird, der für den nächsten Entwicklungszyklus keimen wird.

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