Das Theater am Abgrund

Das Theater am Abgrund

Von Rowena Cade gibt es ein besonderes Bild in hohem Alter. In eine Lektüre vertieft, sitzt sie mit wilder Mähne in einer zum Stuhl aufgestellten Schubkarre.


Als eine Laienschauspielgruppe 1929 auf einer der vielen Weiden in Cornwall Shakespeares ‹Sommernachtstraum› aufführte, saß sie im Publikum und hatte die Intuition: Wo hätte man einen besseren Platz für ein solches Theater als an den Klippen? Also kaufte sie an der Südwestspitze nicht weit von Land’s End einen steilen Küstenabschnitt. Mit ihrem Gärtner Billy Rawlings haute sie den Granitfels, verschob Stein und Erde und formte so die steilen Sitzreihen in den Klippen und eine Spielfläche am Hangfuß.

Es wird berichtet, dass die erste Aufführung, Shakespeares ‹Sturm›, ein großer Erfolg gewesen sei. Jahr für Jahr erweiterten die beiden die Bühne und die steil aufsteigenden Sitzreihen, die noch heute mit einer Grasdecke gepolstert sind. – Nun saß ich hoch über der Bühne. ‹The Roses of Eyam› stand auf dem Programm. Es ist die Geschichte eines Dorfes, in dem vor 500 Jahren die Pest ausbricht. Kirche und Stadtrat, Glaube und Ratio vereinen sich schließlich, um zu verhindern, dass die Dorfbewohner die Seuche nordwärts nach Schottland tragen. Vor dem Spiel der Telefonanruf ans Theater, ob denn bei dem wechselhaften Wetter, mal Wind, mal Regen, überhaupt gespielt werde. Die Dame vom Theater verstand die Frage nicht. Natürlich, es werde (fast) immer gespielt, wir seien in England! Dann also die schmalen Küstensträßchen mit mannshohen Hecken bis zur Fahrbahn zum Minack-Theater. Es nieselt und bläst, und alle nehmen es gelassen. Dann beginnt in der Dämmerung das Spiel um Krankheit, Verzweiflung, um Liebe und Glück. Direkt hinter dem steinernen Bühnenboden ragen ein paar Felsen, an denen sich die atlantische Brandung bricht. Da wird mir klar, warum dieses Theater so großartig ist. Man schaut aufs Meer und kann die Dünung nur ahnen, aber dann bricht sie sich an den Klippen und spritzt schäumend auf. Was die Natur so in nicht endendem Rhythmus zeigt, das steigert sich seelisch auf der Bühne. Denn auch dort sind es die untergründigen Wogen und Wellen, die für uns im Publikum ins Bild kommen, hervorbrechen, sich entladen. Wohl selten kommen Natur und Kultur so dramatisch zusammen wie hier im Minack-Theater. Shakespeare zeigt Hamlet und Romeo und Julia am Abgrund, und hier stehen sie an einem dramatischen Abgrund, bei dem mit jedem Vers eine neue Welle heranrollt und Gischt als Bühnenbild malt. Das englische Wort ‹spleen› vereinigt Genialität und Eigenartigkeit. Rowena Cade hat diesen Begriff geadelt, und ihr Lebenswerk als Bühnenstück muss noch geschrieben werden.


Foto: Rowena Cade, 1893–1983

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