Es geht um unsere Beziehung zur Erde

Am 13. Juni kommen in der Schweiz zwei Volksinitiativen zur Abstimmung, die sich für einen ökologischen Wandel der Landwirtschaft einsetzen und international Beachtung finden. Die Pestizidinitiative verlangt, dass mit einer Übergangsfrist von zehn Jahren die Verwendung von synthetischen Pestiziden in der Schweiz verboten wird und dass Lebensmittel, die synthetische Pestizide enthalten, nicht mehr eingeführt werden dürfen. Die Trinkwasserinitiative fordert, dass Bäuerinnen und Bauern künftig nur noch Subventionen erhalten, wenn sie ohne Pestizide und Antibiotika produzieren und das Trinkwasser nicht verschmutzen. Außerdem sollen Agrarbetriebe nur so viele Tiere halten, wie sie mit auf dem Betrieb produziertem Futter ernähren können. Ein Gespräch mit Mathias Forster, Bio-Stiftung Schweiz, und Ueli Hurter, Sektion für Landwirtschaft. Die Fragen stellte Wolfgang Held.


Wie bewertet ihr die Initiativen?

Ueli Hurter Es ist großartig und in dieser Form ja einzigartig, dass die schweizerische Demokratie es möglich macht, zu Sachthemen Abstimmungen herbeizuführen. Bemerkenswert ist bei den Abstimmungen jetzt, dass beide von sehr kleinen Gruppen und Betroffenen initiiert wurden. Da steht kein Verband, keine Partei dahinter, es ist reines Bürgerengagement. Es sind, wie ich es nennen würde, ‹Ideeninitiativen›. Bei der Trinkwasserinitiative heißt das: Wir wechseln zu einer Landwirtschaftspolitik, die das Trinkwasser schützt, sodass es nicht mehr durch Düngung belastet wird. Bei der Pestizidinitiative heißt es: Grundsätzlich, für alle, von den Hausgärten über die Bauernhöfe bis zu den Kommunen und der Schweizer Bundesbahn, und auch den Lebensmittelimporten, verzichten wir auf chemische Gifte. Es sind Visionen einer Gesellschaft, die allerdings sehr realistisch sind. Sie lassen sich verwirklichen! Um hier zustimmen zu können, sollte man eben nicht zu sehr ins Detail gehen, denn im Detail gibt es natürlich die Widersprüche und Fallstricke. Wenn man ausruft, dass wir eine Energiewende brauchen, eine Agrarwende brauchen, dann ist solch ein großer Wurf, wie jetzt durch diese Initiativen, sehr wichtig.

Mathias Forster Da stimme ich ganz zu! Die Pestizidinitiative kommt ja etwas zu kurz. Die Gegner, die also weiterhin den Einsatz von Pestiziden befürworten, haben hier keine Argumente. Was machen sie deshalb? Sie lenken die Aufmerksamkeit auf die andere Initiative und verschränken beide. Das ist ein typisches politisches Mittel. Dennoch: Diese Initiativen haben eine enorme Kraft und diese Kraft ist schon jetzt, Wochen vor der Abstimmung, wirksam. Auch das Frauenstimmrecht hat drei Anläufe gebraucht, um schließlich in der Verfassung verwurzelt zu werden. Sodass selbst eine Niederlage für die grüne Sache am 13. Juni keine Niederlage ist, denn der Bewusstseinsbilsdungsprozess ist ja auch ein Wert an sich, der bleibende Elemente aufweist.

Ist die Zeit reif?

Forster Ja, das ist sie! Beide Abstimmungen könnten aus meiner Sicht gut gewonnen werden. Dafür müssen allerdings alle, denen die Natur ein Anliegen ist, wach sein und sich – persönlich und in ihrem Umfeld – engagieren auf dieser Zielgeraden bis zum 13. Juni.

Hurter Letzten November kam ja die Konzernverantwortungsinitiative zur Abstimmung. Da hatte ja die Mehrheit dafür gestimmt, die Konzerne auch außerhalb der Schweiz für Umwelt- und Sozialschäden verantwortlich zu machen. Das sogenannte Ständemehr, dass die Mehrheit der 25 Kantone dafürstimmt, ist damals nicht erreicht worden. Dieses Ständemehr wird staatsrechtlich immer wieder diskutiert, weil dadurch eine Stimme in einem Kanton wie Appenzell Innerrhoden mit 16 000 Einwohnern 100-mal mehr zählt als eine Stimme in Zürich mit 1,5 Millionen Einwohnern. Das Ständemehr ist auf jeden Fall eine hohe Hürde, und erst wenn die Zeit ‹sehr reif› ist, lässt sich in der Schweiz diese Hürde nehmen. Nur in wenigen Fällen ist das geglückt, wie beispielsweise bei der Initiative zum Schutz der Alpen 1994 und bei der Genmoratoriumsinitiative von 2005. Jetzt geht es wieder um diese beiden Zielmarken: das Volksmehr und das Ständemehr.

Wie Mathias sagte, ist nicht nur das konkrete Abstimmungsergebnis wichtig. Genauso stark zählt, dass das Thema der Pestizide und der Grundwasserbelastung gesetzt ist. Da gibt es jetzt niemanden mehr, der nicht etwas innerlich aufgewühlt ist. Die Landwirte und Landwirtinnen sagen: «Es kann doch nicht sein, dass die Städter, die nichts vom Land und Landbau verstehen, uns sagen, was wir tun und lassen sollen!» Der Schweizerische Bauernverband mit Markus Ritter an der Spitze hat diesen Kampf zu einem Kulturkampf erklärt, wo es um alles oder nichts geht. Ohne Markus Ritters Engagement lässt sich diese politische Lage kaum verstehen. Er hat noch nie eine Abstimmung verloren – weder im Parlament noch an der Urne. Es ist ihm gelungen, die Stimmungslage in der Bauernschaft gut aufzunehmen und zum Instrument zu machen. Das wurde mir im Gespräch mit konventionell arbeitenden Landwirten deutlich, wie beispielsweise meinen Nachbarn. Da herrscht tatsächlich der Gedanke, dass es mit dieser Abstimmung um Leben und Tod gehe.

Sie erleben es als Kulturkampf?

Hurter Ja, als Existenzkampf. Es gibt seit einigen Jahren in den Niederlanden, in Deutschland, Österreich und auch der Schweiz eine Art ‹Bauernbashing›: Die Bäuerinnen und Bauern sind schuld daran, dass es Pestizide und Nitrat im Wasser gibt, dass das Klima geschädigt ist, usw. Dagegen wehrt sich die Bauernseele, ohne auf die Kritik substanziell einzugehen. Dann folgen die Verteidigungsreden, dass sonst alle Nahrungsmittel aus dem Ausland kämen, dass man die Pestizide brauche für die hohe Produktivität, aber diese Einwände sind sekundär. Denn diese Diskussion betrifft nur die Oberfläche. Entscheidender ist der emotionale Dissens, die kulturelle Ebene der Auseinandersetzung. Hier wirken dann auch nicht Positionen und Haltungen, sondern existenzielle Kräfte. «Ich trage diese Gesellschaft mit und schaffe unter hohem Einsatz die Versorgung.» Die Landwirte fühlen, dass die Mitbürgerinnen und Mitbürger aus den Städten das nicht verstehen und nicht verstehen können und ihnen vorschreiben wollen, was sie tun und was sie lassen sollen. Da entspringt dann die Polemik: «Sie ernähren sich vegan und wissen von Landwirtschaft nicht mehr, als dass Mischkultur eine gute Sache ist. Sie rufen die Behörde, wenn sie beim Sonntagsspaziergang eine Kuh mit vollem Euter auf der Weide sehen.» Davon sind wir übrigens selbst am Goetheanum betroffen, da gab es eine entsprechende Mail ‹Tierlein am Goetheanum›. Es ist ein Konflikt von Land und Stadt.

Diese Initiativen haben eine enorme Kraft und diese Kraft ist schon jetzt, Wochen vor der Abstimmung, wirksam.

Mathias Forster

Forster Meine Eltern stammen auch aus bäuerlichen Zusammenhängen, ich habe in der Kindheit viel bäuerliches Leben erfahren und dann auch eine landwirtschaftliche Lehre gemacht. Ich liebe die Bauern und Bäuerinnen und rätsle doch darüber nach, dass gerade diejenigen, die mit der Natur verbunden sind, die sich mit Recht als ein Teil der Natur begreifen, dass diese Bäuerinnen und Bauern in der Abstimmung jetzt der Natur entgegenstehen. Jeder von ihnen, da bin ich überzeugt, spürt, wenn er die Giftspritze auslöst, dass das für das Leben nicht gut ist, tut es aber weiter, indem er oder sie diese Empfindung verdrängt und Tradition und gängige Lehre vor sich stellt. Und auf der anderen Seite steht die von der Natur abgekoppelte Gesellschaft, die sich hinter Computerbildschirmen verliert und dort über ihr Denken ein Bewusstsein der Zusammenhänge bildet und dann die Stimme für die Natur erhebt, der sie selbst so fremd ist. «Ihr Landwirte, ihr müsst euch verändern, wenn nachweislich eure Art zu wirtschaften unseren Boden und unser Wasser zerstört!», das rufen sie ins Land.

Ein Konflikt löst sich, wenn beide Parteien gegenseitige Wertschätzung entwickeln können. Gilt das auch hier?

Hurter Ja, und hier unterscheiden sich beide Initiativen. Franziska Herren und die von ihr initiierte Trinkwasser-Abstimmung fokussieren auf den Fehler der Bäuerinnen und Bauern. Das bringt sie – das war auch mein Eindruck nach einer persönlichen Begegnung – mit außerordentlicher Vehemenz vor. Die aktuelle Politik sei, so Herren, ein Anreizsystem für diese das Grundwasser schädigende Landwirtschaft. Im Wasser ist zu viel Nitrat und Phosphor, was von der vielen Gülle stammt. Diese stammt aus der intensiven Tierhaltung, die nur möglich ist, weil die Schweiz viel Tierfutter importiert. Wir verfüttern in der Schweiz den doppelten landesweiten Futterertrag! Nach anderer Rechnung ist es das Sechs- oder Siebenfache! Wer, so heißt es im Initiativtext, nach einer Übergangszeit weiterhin solch intensive Tierhaltung betreibt, bekommt keine direkte staatliche Unterstützung mehr.

Forster Bei der zweiten Initiative ist der Fokus viel schärfer: Es geht nur um die Pestizide, nur um die synthetischen Pestizide. Die biologischen Schädlingsbekämpfungsmittel, die auch im Biolandbau zugelassen sind, dürfen weiter eingesetzt werden. Dafür ist hier bezüglich der Anwenderinnen und Anwender der Fokus breit, es betrifft Importeure ebenso wie Kleingärtnerinnen und städtische Gärtner oder jemanden, der einen Fußballplatz pflegt.

Fotos: Charlotte Fischer

Hier gibt es starke finanzielle Interessen?

Hurter Ja, damit haben wir es zu tun, aber noch mehr mit einer Denkblockade.

Forster Die Macht der Gärtner und Landwirtinnen hängt mit der wirtschaftlichen Macht der Agro- und Agrochemiekonzerne zusammen, die gar nicht in Erscheinung treten, sondern die Bauern vorschicken. Das Ganze ist schon irrational, wenn wir bedenken, dass der Chef des Bauernverbandes Markus Ritter und Gabi Schürch-Wyss, die Vizepräsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbands ist, selbst Biolandwirte sind und sich jetzt gegen ihren eigenen Ethos wenden.

Hurter Das zeigt erneut, dass es nicht um Sachpolitik, sondern um Betroffenheitspolitik geht.

Wie kann hier die Wertschätzung wachsen und trotzdem die Agrarwende gelingen?

Hurter Die Pestizidinitiative können wir vorbehaltlos annehmen. Hier gibt es auch eine Übergangsfrist von zehn Jahren. Wenn wir nach dieser Frist für den einen oder anderen Schädling, für die eine oder andere Kultur noch keine alternative Lösung haben, dann finde ich Ausnahmen vertretbar. Was zählt, ist der Systemwechsel.

Was heißt Systemwechsel?

Hurter Dass wir die Forschungsgelder umlenken, dass wir unser Denken verwandeln, dass konventioneller Landbau exotisch wird. Ich habe als Landwirt immer auf Pestizide verzichten können. Das war zum Teil eine Mühe, aber nach 20 Jahren hatte ich für meinen Betrieb da die Ratio entwickelt. Ich habe natürlich keine hochsensiblen Kulturen. Das gilt für meine Nachbarn, die biologisch-dynamischen Weinbau betreiben. Die Rebe ist eine der sensibelsten Kulturen und auch die schaffen das! 50 Hektar hat einer meiner Nachbarn, ein riesen Betrieb, der keine Pestizide einsetzt. Er macht das! Wenn ihm das gelingt beim Weinbau, dann sollte das bei den Aprikosen oder Tomaten auch gehen. Man muss es wollen! Wieso haben die Winzer es geschafft? Weil man hier über die Qualität die Sache verkauft. Das ist das Problem bei Möhre und Weizen: Solange es nur auf die Masse, die Quantität ankommt, und nicht auf die Qualität, lässt sich pestizidfreier Anbau schlechter verkaufen.

Forster Das ist der Kern der Sache. Nicht die Bäuerinnen und Bauern sind das Problem, sondern das industrielle Denken, das sich in die Lebenssphäre geschoben hat. Das zeigt sich in der Medizin, in der Bildung und eben in der Landwirtschaft. Überall, wo dieses rationale, auf Optimierung, auf Gewinn orientierte Denken Platz greift, da muss sich das Leben zurückziehen. Der Traum – oder sollte ich sagen der Alptraum – vom ewigen Wachstum steht da dahinter, eine der größten intellektuellen Fehlleistungen des 20. Jahrhunderts. Wir wissen längst und auch die Empfindung sagt es dem Landwirt, dass man nicht grenzenlos den Ertrag steigern und maximieren kann. Diesen Irrtum durchschauen wir zu wenig. Hier sind die Bäuerinnen und Bauern auch Opfer des industriellen mechanistischen Denkens. Die Wertschätzung würde zunehmen, wenn wir gemeinsam verstehen, dass es um einen Wandel unseres Denkens geht und nicht darum, einen Schuldigen zu finden. Es kann nicht sein, dass die nachhaltige Ertragskraft der Ökosphäre negiert wird.

Jeder von ihnen, da bin ich überzeugt, spürt, wenn er die Giftspritze auslöst, dass das für das Leben nicht gut ist.

Hurter Und das ist das Tragische, dass das im politischen Nahkampf aus dem Blick gerät. Was gehört in den Blick: dass ich heute als Bäuerin oder Gärtner straflos die negativen Folgen meines Handelns auf die Allgemeinheit und unsere Kinder übertragen darf. Jetzt vergesse ich einmal, dass ich Weinbauer oder Gemüsebäuerin bin, sondern fasse mich als Zeitgenosse im 21. Jahrhundert auf, und in diesem inneren Dialog verstehe ich, dass die Lebensphäre zu sehr in Mitleidenschaft gezogen ist. Da setzen wir als Landwirtschaftliche Sektion an. Aus dem Großen, aus dem Umkreis auf das Einzelne schauen, darauf kommt es an, und so wirtschaften wir als Biodynamiker auch. Wir haben ja kein Arsenal an Mitteln, um diese Pestizide zu ersetzen. Nur zu einem Viertel können wir auf alternative Mittel zurückgreifen, die übrigen 75 Prozent sind ein umfassendes Management des Bauernhofs, was bei der Bodenbearbeitung anfängt und sich über Düngung, Anbaufolge und Kulturführung fortsetzt. Wir arbeiten aus dem Umkreis auf das Einzelne hin. Das bedeutet ein radikales Umdenken.

Wie steht es damit?

Forster Das scheint mir noch nicht entschieden zu sein. Es ist noch offen. Ich nehme die enormen Kräfte wahr, vor allem aufseiten derjenigen, die sich mit dieser klassischen Art zu denken arrangiert haben. Wir müssen diesen Reifeprozess im Bewusstsein unterstützen, und dazu sollte jede und jeder sich im eigenen Umfeld engagieren. Wie immer die Abstimmung ausgeht, es kommt darauf an, dass dann die Gewinnenden die Verlierenden ins Boot holen, damit wir diese Transformation gemeinsam weiter voranbringen können.

Hurter Der Overshootday 2021, also der Tag, an dem wir so viele Ressourcen verbraucht haben, wie wenn alle Menschen auf der Erde so leben würden wie wir, der war kurz vor diesem Gespräch, am 11. Mai! Vom 1. Januar bis zum 11. Mai haben wir so viel Natur verbraucht, wie der Planet pro Person pro Jahr erneuern kann. Wir müssen unsere Zivilisation mit einer Entschiedenheit umändern, sodass sie von einem nehmenden, ausbeutenden Gestus in eine Geste kommt, die die Erde und deren atmosphärische Hülle in ihre Bilanz einschließt. Das wissen wir alle und tun es doch nicht. Die Erde zu wollen, das ist, worum es geht. Die Frage dabei ist nicht, wie wir lernen, zu verzichten, sondern vielmehr, ob wir uns selbst als werdendes Wesen begreifen und erkennen, dass das auch wirtschaftlich gilt. Die schöpferische Kraft von uns Menschen lässt sich durch nichts aufhalten. Davon bin ich überzeugt. Doch wie können wir dieser schöpferischen Kraft, diesem Unternehmungsgeist ein Feld geben, das sich nicht gegen die Welt richtet, sondern in Partnerschaft zur Erde steht?

Wie können wir der schöpferischen Kraft, dem Unternehmergeist des Landbaus ein Feld geben, das sich nicht gegen die Welt richtet, sondern in Partnerschaft zur Erde steht?

Ueli Hurter

Forster Es geht um Beziehung. Das ist wohl der Kern der Abstimmung. Wollen wir zur Erde neu und partnerschaftlich eine Beziehung? Wer eine neue Beziehung aufbaut, erfährt dabei ja, dass man nicht nur das Gegenüber verwandelt, sondern dass man dabei auch selbst ein anderer Mensch wird. Es geht deshalb bei der Abstimmung auch um uns selbst. Und der Gedanke des ewigen Wachstums, der Ausdruck der schöpferischen Kraft des Menschen ist, der gehört aus der Quantitäts- in die Qualitätssphäre umgearbeitet. Dort können wir ihn unschädlich leben und sich entwickeln lassen. Ein ewiges Verbessern der Qualität!

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herr

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