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Die Stunde der wahren Empfindung

Seit einem halben Jahrhundert erzählt Peter Handke von den Dingen und Wesen der Welt, um so die Kluft, die Trennung zu bezwingen. Jetzt erhielt er den Literaturnobelpreis. Ein Blick auf den Wanderer, der überall zu Hause scheint.


Es war 1969 auf der Experimenta in Frankfurt, dass Joseph Beuys bei seiner Theateraktion ‹Iphigenie/Titus Andronicus› mit einem weißen Pferd auf der Bühne herummachte und den Zuschauern langweilig wurde. Bei der Textstelle «Hängt ihn auf» wurde geklatscht. Ein junger Zuschauer ertappte sich dabei, unwillig zu werden ob der vielen Wiederholungen, und schrieb später: «Man musste sich jedenfalls entschließen, man musste Arbeit leisten.» Es war Peter Handke. Jetzt hat er den Literaturnobelpreis gekriegt. Der Schriftsteller unzähliger Werke hat den Nobelpreis wohl verdient, aber nicht nötig, um bekannt zu werden. Seit über fünfzig Jahren werden Stücke des 1942 im österreichischen Kärnten geborenen Autors weltweit aufgeführt. Seitdem ich die ersten in Amsterdam sah, spielt er eine Rolle in meinen Träumen. Man täuscht sich natürlich, aber manche Schriftsteller glaubt man durch ihre Werke persönlich zu kennen. Die Lektüre Handkes kann einen in eine heiter beobachtende Stimmung versetzen. Ich finde diese Stimmung nicht übel eingefangen in Wim Wenders Film ‹Der Himmel über Berlin›. Menschen nehmen scheinbar unbeteiligt wahr wie Engel; Engel wollen um der Sinneserfahrung und der irdischen Tätigkeit willen Mensch werden.

Wohl jeder kennt das Grimm’sche Märchen ‹Tischlein deck dich!› Die herumspringende Ziege ist im einen Moment satt und im nächsten wieder hungrig. Der älteste Sohn empfängt nach sieben Jahren Arbeit das Tischchen. Es kann sich in jedem Augenblick mit wunderbaren Speisen decken. So kann die Sinneswahrnehmung jederzeit eine geläuterte Empfindungsseele ernähren. Aber die einstige Kultur der Empfindungsseele ist dem modernen Menschen verloren gegangen. Nur durch den Knüppel aus dem Sack der Bewusstseinsseele kann sie wiedererobert werden. Aber dazu muss die Bewusstseinsseele über das von außen Erzeugte hinaus weiterentwickelt werden. Das ist Arbeit. Ein umfangreiches Werk wie das von Peter Handke lässt sich natürlich nicht reduzieren auf ein Märchen. Aber ‹Tischlein deck dich!› erzählt für mich etwas von Handkes Leistung.

Ein frühes Buch von Peter Handke heißt ‹Die Stunde der wahren Empfindung› und ein späterer Roman ‹Der Bildverlust›. Mit der Kultur der Empfindung ist dem Menschen auch das Vermögen, Bilder zu erleben, abhandengekommen. Die verlorenen Fähigkeiten müssen wiedergewonnen werden. Ergänzt durch die Erinnerungsfähigkeit, war die Empfindungsseele ein ausgezeichneter Erzähler, weil sie wahrnehmen konnte, ohne alles schon zu wissen. Das schematisierende Vorauswissen trübt die Wahrnehmung und hinterlässt keine bildhafte Erinnerung. Peter Handke sieht vieles und kann erzählen. Sogar die Essays von Handke sind nie theoretisierend, sondern immer durchgehend erzählend. Der ‹Versuch über die Müdigkeit› ist eine Variation der Erzählung vieler Arten von Müdigkeit. Durch Variation und Müdigkeit kann man dem Wesen einer Sache manchmal nahekommen. Darum geht es: die Befreiung der Wahrnehmung durch den Sinn für das Wesentliche.

Durch Handkes Bücher hat man das Gefühl, mitzugehen auf einer Wanderung, auf der einem vielerlei gezeigt wird. Tatsächlich wandert Peter Handke gerne. Von Wanderungen, Wahrnehmungen und ihrer Verarbeitung erzählt das Buch ‹Die Lehre der Sainte-Victoire›. Der von Rilke so eingehend geschilderte Maler Paul Cézanne war ein Meisterschüler dieser Lehre. Goethe schreibt, dass wir schon mit jedem aufmerksamen Blick in die Welt theoretisieren. Die Lehre der Sainte-Victoire hat mit der Beherrschung dieses automatischen Denkens zu tun. Es komme viel darauf an, sagt Goethe, es mit Bewusstsein, Selbstkenntnis und Freiheit vorzunehmen. Goethe war dazu veranlagt; Handke hat die Fähigkeit dazu erworben und übt sie aus, ohne groß darüber zu theoretisieren.

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Ein Film über Handke zeigt ihn beim Sticken und Einfädeln eines Fadens. Für mich ist es ein Bild. Die durch das Nadelöhr des Ichs gegangenen Sinneswahrnehmungen können das Kleid der Himmelskönigin bestücken

Im genannten Lehrbuch zu Sainte-Victoire steht: «Und ist es nicht überhaupt erst die vollständige, farben- und formenlose Leere, die sich am wunderbarsten beleben kann?» Diese Leere befähigt Handke zum Schreiben. Man könnte auch sagen: Die Lehre ist die Leere. Oder: Die Quelle ist die Schwelle, denn ‹Quellen› und ‹Schwellen› sind ursprünglich synonyme Wörter. In Handkes Roman ‹Der Chinese des Schmerzes› ist viel von Schwellen die Rede und bezeichnet sich die Hauptperson als ‹Schwellenkundler›. Handke folgt Walter Benjamin, der in seinem ‹Passagenwerk› schrieb: «Wir sind arm an Schwellenerfahrungen geworden. Das Einschlafen ist vielleicht die einzige, die uns geblieben ist.» Und: «Die Schwelle ist ganz scharf von der Grenze zu scheiden. Schwelle ist eine Zone. Wandel, Übergang, Fluten liegen im Worte ‹schwellen›, und diese Bedeutung hat die Etymologie nicht zu übersehen.»

Über Beuys’ Frankfurter Theaterauftritt schrieb Handke damals: «Je länger aber das Ereignis sich entfernt, […] desto stärker werden das Pferd und der Mann, der auf der Bühne herumgeht, und die Stimmen aus den Lautsprechern zu einem Bild, das man ein Wunschbild nennen könnte. In der Erinnerung scheint es einem eingebrannt in das eigene Leben, ein Bild, das in einem Nostalgie bewirkt und auch den Willen, an solchen Bildern selber zu arbeiten: Denn erst als Nachbild fängt es in einem selber zu arbeiten an.» Diese Arbeit hat Handke nicht mehr losgelassen. Wenn man den Erinnerungsspiegel durchbricht, findet man den inneren Zerstörungsherd, sagt Rudolf Steiner. Von diesem Herd werden die Nachbilder ins eigene Leben eingebrannt. Der Feuerherd erinnert an zwei Zeilen aus Hölderlins Rheinhymnus: «In solcher Esse wird dann / Auch alles Lautre geschmiedet.» Beim Wandern und Erzählen kommt viel auf den Rhythmus an. In einem Film, der vor Kurzem über Handke gedreht wurde, sagt er vielleicht unbeabsichtigt: «Der Rhythmus öffnet das innere Auge […]. Und aus diesem Rhythmus kommen dann die Bilder.»

Wim Wenders hat Peter Handkes Stück ‹Die Schönen Tage von Aranjuez› verfilmt. Es ist ein Sommerdialog zwischen einem Mann und einer Frau über das noch unerlöste Thema der geschlechtlichen Liebe. Aranjuez ist eine spanische Stadt mit einem Königsschloss. Aber hier wohnt nicht die ‹Königin einer anderen Welt als der hiesigen›, als die sich die Frau bezeichnet. Sie erzählt von ihren Liebschaften und wie sie als junges Mädchen auf einer Schaukel im Obstgarten saß, als sie erstmals ‹ins Universum katapultiert› wurde. Schaukeln lässt etwas vom Wesen des Wassers erleben. «Zum Himmel steigt es / Und wieder nieder / Zur Erde muss es», dichtete Goethe. Mit ihrem ersten Mann vereinigte sich die Berichtende in einer Holzhütte, in der die Liebenden auf vertrockneten menschlichen Exkrementen zu liegen kamen. Die Hütte, auf dem Gelände einer alten Saline, mussten sie mit einer Eisenbahnschiene öffnen. Die Erzählung ruft Bilder von Salz, Eisen und Verdauung hervor. Wer sich zum vorgegenständlichen Bewusstsein emporschwingt, landet dafür tief in der vereinzelnden Erde. Wenders Film zeigt zugleich die Perspektive, in der das Gespräch zwischen dem Mann und der Frau auf der Terrasse aufgenommen wurde. Man blickt aus einer alten Villa heraus, die auch Handkes Anwesen im Umkreis von Paris sein könnte. Am Schluss fokussiert die Kamera ein kleines Cézanne-Bild von der Montagne Sainte-Victoire.

Der andere Film über Handke zeigt ihn auch beim Sticken und Einfädeln eines Fadens. Für manchen vielleicht ein überraschender Anblick. Für mich auch ein Bild. Die durch das Nadelöhr des Ichs gegangenen Sinneswahrnehmungen können das Kleid der Himmelskönigin bestücken. Peter Handke hat den Nobelpreis für Literatur 2019 erhalten. Er hat den Preis wohl verdient, aber nicht nötig, um zu sein, der er ist.


Wir müssen Fehler machen!

Peter Handke in Gesprächen

«Erfinden ist Materieschaffen. Es muss erfunden werden. Und erfinden ist etwas ganz Seltenes. Ingendwann habe ich beschlossen, dass alles fremd ist und alles neu ist und unentdeckt. Das bringt mich auf die Sprünge. Es ist noch nichts erzählt.»
Aus: ‹Ich bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte.› (Kinofilm)

Sind Sie ein demütiger Mensch? «Demut ist ein bisschen religiös als Wort. Ich bescheide mich manchmal. Aber das Schreiben ist größenwahnsinnig, ja. Das muss man halt wissen. Ein Schriftsteller, der das ernst nimmt, macht etwas, auf was eigentlich eine Art Todesstrafe stehen könnte. Das ist gefährlich. Die meisten folgen ja nur noch Rezepten vom Schreiben. Das ist nicht gefährlich. Das ist natürlich nicht gefährlich. Im Schreiben muss die Suchbewegung drin sein. Es ist eine Ein-Mann-Expedition in unbekanntes Land. Jedes Mal.»

«Ich mag überhaupt nicht Bewunderung. Ich selbst als Leser oder Kinozuschauer, als Musikhörer, möchte nicht bewundern, ich möchte begeistert werden. Ich möchte begeistert sein. In der Begeisterung entdecke ich mich selbst als besserer Mensch. (…) Die begeisterten Menschen sind die, die zählen.»
Aus: Interview ‹Erinnerungsarbeit›, 3Sat, Nov. 2010

«Ich fahre irgendwohin und dort begegnet mir etwas, das ein Element für ein Buch werden kann. Zuerst muss die Unschuld da sein und nicht der Plan, ein Buch zu schreiben. Es gibt viele Schriftsteller, die Pläne haben. Mein Stolz ist, dass ich bisher ungeplant durchgekommen bin. Später kommt ein Plan, eine Konstruktion, wie für ‹Die morawische Nacht›. Im Schreiben ist mein Ehrgeiz, dass die Konstruktion und der Plan verschwinden. Dass eigentlich nur das Gefühl und der Rhythmus und die Blicke und die Personen und die Augenpaare und die Landschaften bestehen bleiben – und die Sanftheit und das Schneidende meiner Sprache. […] Mein Ehrgeiz ist, die Heiterkeit zu steigern im Altwerden. – Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist Wohnen. Wohnen, lesen lassen, Fenster schauen, Hausarbeit verrichten, Gartenarbeit machen und im Umkreis bleiben. […] Wir müssen Fehler machen! Kafka hat im Grund in seinen Sätzen kaum einen Fehler gemacht. Ich bekenne mich aber, dass es notwendig ist, Fehler zu machen. Als ich ‹Den kurzen Brief zum langen Abschied› zu schreiben begann, da ging der erste Satz: «Die Jefferson Street ist eine stille Straße in Providence.» So kann man doch nicht mehr schreiben! Das ist doch total falsch. Mit dem falschen Anfang bin ich nähergekommen einer gewissen Wahrhaftigkeit.»
Aus: ZDF Nachtstudio (2008), ‹Mehrheitsfähig wollte ich nie sein›, Gespräch mit Volker Panzer

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