Ulrich Meier beschreibt, wie nur wenige Worte ausreichen können, um langwährende Fragezeichen aufzulösen.
Auch als Vielleser übt der Blick auf die ersten Zeilen eines neuen Buchs noch jedes Mal einen unwiderstehlichen Zauber auf mich aus – selbst bei Büchern, die ich nach wenigen Seiten ‹abwähle›. Als würde allein die Pause seit dem letzten Zuklappen meine Aufmerksamkeit schärfen und meinen Lesehunger wecken.
So ging es mir auch mit dem Buch von Philip Kovce, das schon eine Weile auf meinem Vorratsstapel wartete. ‹Selbstlos selbst denken› – diese Worte schauten mich gleichermaßen fremd und vertraut vom Deckel des schmalen Bandes her an.
Nach der halben ersten Seite bin ich mittendrin: in meinem bald 50-jährigen Ringen mit Rudolf Steiners frühen Arbeiten zur Erkenntnistheorie. Der geistige Kampf um das Denken, um die Wirksamkeit des schöpferischen Subjekts und die Existenz objektiver Wahrheit währt schon lange: Was ist mein denkender Anteil an den Ideen und was gibt mir die Welt ohne mein Gestalten dazu?
Die vorige Generation hat mich gelehrt, was den Denkakt vom Denkinhalt unterscheidet: Ich selbst biete aktiv die Gelegenheit dafür, dass die Ideen der Welt in mir erscheinen können. Nun kommt die nächste Generation und löst mir mein letztes Unbehagen auch mit den Uneindeutigkeiten der steinerschen Diktion durch wenige, zauberisch leichte Formulierungen. Besonders kostbar wird mir diese eine Frage: «Aber worauf kommt es an, wenn ich beim Denken nicht nur an mich selbst denken, mir nicht bloß etwas ausdenken will?» Ich lese weiter.
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Bild Ulrich Meier, Foto: W. Schmidt

