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Den Geflüchteten Mutter und Vater sein

Auch Waldorfschulen waren dabei, als 2015 in Deutschland Willkommensklassen eingerichtet wurden. Die Freie Waldorfschule Kassel war mit der Rudolf-Steiner-Schule Berlin-Dahlem eine der ersten Waldorfschulen, die eine internationale Klasse führte. Heute reflektiert die Schule die Initiative.


Seit 2015 hat die Schule und das ihr angeschlossene Berufsbildungswerk 108 junge Geflüchtete aufgenommen. Beinahe alle haben dabei den Anschluss an das deutsche Schul- und Ausbildungswesen geschafft. Der größte Teil der beschulten Jugendlichen stammt aus Afghanistan, Eritrea, Somalia und Syrien. «Uns ging es darum, ein Konzept aus der Waldorfpädagogik zu entwickeln, das über die allgemein dargestellten Integrationsziele wie Sprachkompetenz, Schulabschlüsse und Berufsqualifikation hinausgeht», erläutert Johannes Hüttich, Koordinator des internationalen Teams der Schule. «Integration greift zu kurz, wenn sie die Tatsache unberücksichtigt lässt, dass jeder Mensch seine biografischen Ziele und Möglichkeiten in sich trägt.» Die geflüchteten Schülerinnen und Schüler mussten sich dabei in dem breiten Fächerangebot der Waldorfschule mit naturgemäss kognitivem Schwerpunkt zurechtfinden. Hinzu kamen drei Theaterprojekte, in denen auch Erfahrungen mit der Flucht künstlerisch aufgearbeitet werden konnten. Die Schule gibt Einblicke in die seelische Verfassung der geflüchteten Schüler: «Werde ich hier ankommen? Darf ich bleiben? Genüge ich den Anforderungen?» Dies seien ständige Befürchtungen und Fragen gewesen. Formelle Ablehnungsbescheide im Asylverfahren hätten zudem große Unruhe in die Gruppen gebracht. Dass die Mehrzahl der Schüler und Schülerinnen unbegleitete junge Menschen waren, stellte die Kasseler Waldorfschule vor eine weitere Herausforderung. Das Projekt habe jedoch gezeigt, dass durch die intensive Begleitung eines Kernteams, die Lehrer, Sozialpädagoginnen, FSJler oder Bundesfreiwilligendienstler die fehlenden Eltern ersetzen könnten. Als nächste Ziele will das Team den Schülern muttersprachlichen Unterricht ermöglichen und transkulturelle Unterrichtsinhalte verstärken. Außerdem soll die sozialpädagogische Unterstützung für die Schüler und Schülerinnen auch nach Verlassen von Schule und Berufsbildungswerk verstärkt werden.


Quelle: Nexus News Agency/Bericht über die internationalen Klassen der Freien Waldorfschule Kassel.

Titelbild: Aus der ‹Willkommensklasse› der Freien Waldorfschule Kassel. Foto: Johannes Hüttich

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  1. Lassen sich Eltern einfach so ersezten? Ist es nicht sogar anmaßend und der Rolle und Funktion nicht angemessen, als Lehrer, Sozialpädagoge etc. jemandem "Mutter und Vater sein" zu wollen? So etwas können – wenn überhaupt – nur Adoptiveltern, Pflegeeltern oder Menschen in einem vergleichbaren Verhältnis sinnvollerweise versuchen zu sein.
    Zudem scheint es mir fraglich, von den jungen Menschen so ohne weiteres als "Geflüchtete" zu sprechen. Bekanntermaßen machen sich viele mit Deutschland als Ziel auf den Weg, der Begriff "Einwanderer" würde es daher besser treffen.

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