Das Klima im Innern verwandeln

Das Klimachaos zeigt sich heute in immer mehr Teilen der Welt. Unsere Abkopplung von der Natur offenbart sich jedoch auch auf andere Weise. In diesen Auszügen aus ihrem kürzlich erschienenen Buch ‹Inner Climate Change› (Innerer Klimawandel) regt Selma Lea Bach dazu an, die Zusammenhänge zwischen dem äußeren und inneren Umfeld in den Blick zu nehmen. Innere Veränderungen müssen Teil unserer Antwort auf die kollektive Krise sein.


Selma Lea Bach

Wenn wir über den globalen Klimawandel sprechen, müssen wir uns auch mit unserem innerseelischen Klima befassen. Unsere innere Realität spiegelt die Art und Weise wider, wie wir mit der Welt interagieren. Der Schlüssel zur Lösung der heutigen Probleme liegt tiefer als nur in einer Kohlenstoffberechnung mit Zahlen und Prognosen. Es geht vielmehr darum, eine Beziehung zur Natur in uns selbst aufzubauen: die Wiederherstellung der Harmonie zwischen uns und der natürlichen Welt. Wir sind nicht von der Natur getrennt, denn sie ist die eigentliche Quelle des Lebens, die Quelle, der wir entspringen. Was wir der Natur antun, tun wir uns selbst an. Jedes Mal, wenn wir in einen natürlichen Lebenszyklus eingreifen, beeinträchtigen wir unser inneres Gleichgewicht. Auf diese Weise steht unsere Gesundheit in direktem Zusammenhang mit der Gesundheit des Planeten.

Jenseits materialistischer Wissenschaft

Wir leben in einer Zeit, in der der Materialismus einen Großteil unseres Selbstverständnisses durchdringt. Er durchdringt sogar unser Verständnis von unserer Beziehung zur Natur. Um die Dinge zu verstehen, hat die moderne Wissenschaft ihre eigene Art, alles zu trennen. Bei dieser fragmentierenden Herangehensweise wird oft vergessen, dass alle Dinge voneinander abhängig sind, sodass es der Wissenschaft oft nicht gelingt, ihre Entdeckungen in ein Verständnis des Ganzen zu integrieren. Ein solches fragmentiertes Denken hinterlässt eine Welt, die zwar reichlich erklärt, aber in ihrer Bedeutung, Schönheit und gegenseitigen Abhängigkeit nur unzureichend verstanden und gewürdigt wird. Ein solches Denken liefert Fakten und ignoriert Werte und Ziele. Es hinterlässt eine kapitalistische Lebensauffassung, die Quantität immer über Qualität stellt und oft das Wesentliche übersieht.

Wenn Sie gefragt würden, wie sehr Sie Ihre Lieben lieb haben, könnten Sie dann eine Zahl nennen, die sich wissenschaftlich messen ließe? Die Antwort lautet höchstwahrscheinlich nein, was beweist, dass unsere Teilhabe an der Welt auf eher verborgenen Wechselbeziehungen beruht. Das Gleiche gilt, wenn wir über den Klimawandel und die Natur sprechen: Viele Gespräche in der Wissenschaft brauchen eine neue Art des Messens, die Qualität einschließt. Die äußeren klimatischen Veränderungen, mit denen wir konfrontiert sind, fordern uns auf, in eine andere Art des Denkens einzutreten, in der ein richtiges Verständnis nur gefunden werden kann, wenn wir das Gesamtbild der Welt betrachten und es mit unserem inneren Selbst in Beziehung setzen. Wir müssen zu einer ganzheitlicheren Denk- und Handlungsweise übergehen.

Das innere Klima

Wir diskutieren den Klimawandel oft in der gleichen Sprache, die das Problem verursacht hat. Wir versuchen, das Problem mit der gleichen Formel zu lösen, die es verursacht hat. Anstatt zu denken, dass wir unsere heutige Lebensweise ändern müssen, versuchen wir Lösungen zu finden, die es uns ermöglichen, die gleiche Lebensweise beizubehalten, die den Planeten und uns selbst zerstört. Anstatt der Tatsache ins Auge zu sehen, dass das Leben uns zeigt, dass die Trennung, die wir zwischen uns und der Natur geschaffen haben, keinem von uns nützt, geben wir die Subventionsgelder für die Suche nach Lösungen aus, die den ständigen Energiebedarf des modernen Lebens auf umweltbewusstere Weise decken können. Aber wir vergessen dabei schnell, die Gesundheit der Menschen in unsere Lösungen einzubeziehen. Wir übersehen auch die Auswirkungen, die unser Handeln auf andere Lebensbereiche hat. Auf diese Weise lösen wir möglicherweise ein Problem, schaffen aber gleichzeitig neue. Wir haben eine Wissenschaft geschaffen, die versucht, die Welt so objektiv zu verstehen, dass sie oft unser menschliches Selbst ausschließt. Wir müssen nachhaltige Lösungen sowohl für die innere als auch für die äußere Welt, für uns und die Natur finden. Wir müssen anfangen, die Ursachen zu behandeln und nicht nur die Symptome. Wenn wir davon sprechen, dass unser äußeres Klima in der Krise steckt, können wir kaum vermeiden, dass unser inneres Klima mindestens ebenso schwer leidet. Noch nie gab es so viele depressive Menschen. Angst und Stress beherrschen den Alltag vieler Zeitgenossen, zusammen mit einer langen Liste anderer innerer Klimastörungen. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf unsere körperliche Gesundheit richten, sehen wir, wie chronische Krankheiten einen derart großen Teil der Bevölkerung befallen haben und wie Krebs fast zu einem Symbol des Kapitalismus geworden ist, in dem sich Zellen vermehren und vermehren, ohne sich daran zu erinnern, wer sie sind und welchen Zweck sie ursprünglich hatten. Unser modernes Verständnis des Lebens hat eine Naturwelt geschaffen, die an Leben verarmt ist, und eine menschliche Existenz, der es an Bedeutung und Orientierung mangelt.

Neues Land

Dies könnte eine Einladung an uns sein, herauszufinden, ob am Meeresgrund ein Schatz verborgen ist. Vielleicht ruft das nach unserer Aufmerksamkeit. Es ist ein Raum geschaffen worden, um unsere Wahrheiten und die der Welt zu erforschen. Früher haben die alltäglichen Dinge des Lebens – der Kampf ums Überleben, für das Essen auf dem Tisch, für ein Dach über dem Kopf und für schützende Kleidung – fast unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Heute haben wir mehr Raum, uns selbst zu verwirklichen und uns mit den großen Fragen des Lebens zu beschäftigen. Dies kann als große Freiheit empfunden werden, aber auch als ein Privileg, das mit einer großen Verantwortung einhergeht: Was wir mit unserem Leben und dem Leben der natürlichen Welt anfangen, liegt ganz bei uns.

Wir können dem Materialismus dafür danken, dass er uns gezeigt hat, wie wir unseren Einfluss auf das gesamte Leben verstehen können. Wir sollten das, was jetzt geschieht, nicht als ein Scheitern in unserer Entwicklung betrachten, sondern als Teil unserer umfassenderen Evolution, in der das Chaos immer eine Voraussetzung für eine neue Ordnung ist. Wir haben jetzt entdeckt, dass unsere derzeitige Lebensweise sowohl für uns selbst als auch für die Natur unhaltbar ist und dass wir die Erde zwar zerstören, aber auch heilen können. Mit diesem Wissen können wir nun bewusstere Schritte zur Heilung der von uns verursachten Wunden unternehmen.

Jeder Augenblick ist wirklich ein Anfang, eine neue Zukunft. Angesichts des Wunders unserer Existenz und der Weisheit der Natur ist es an der Zeit, einige Schritte in Richtung einer kokreativen Zukunft zwischen uns und der Natur zu unternehmen.


Aus dem Englischen übersetzt von Christian von Arnim.

Sie finden das Buch auf Dänisch unter: Audonicons Bogsalc
Oder Sie mailen an selmaleab@gmail.com und fordern ein Exemplar an.

Titelbild Beringmeer, Satellitenaufnahme. Foto: USGS (United States Geological Survey)/unsplash

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