Auf dem Zahnarztstuhl

Manchmal ist Alltag besser als abgeschiedene Meditation, um der eigenen Seele auf den Grund zu sehen. Wenn von Denken, Fühlen, Wollen die Rede ist, sehe ich einen Tanz vor mir; ich denke an meine Seele als etwas, das sich in Bewegungen manifestiert und ausdrückt. An manchen Tagen scheint es aber eher ein Knoten oder ein Kampf zu sein. Dann ist alles ein: «Ich denke nicht. Ich fühle nicht. Ich will nicht.» So heute morgen beim Zahnarzt. Ich sause über die Hügel, weil ich spät dran bin – ich ärgere mich deshalb über mich. Darum trete ich weiter, sodass ich mich nicht schämen muss, wenn ich zu spät komme. Ich schäme mich schon im Voraus (wenn ich ehrlich bin), weil ich fühle, dass ich den Tag nicht im Griff habe. Ich gebe meinen Beinen Anweisung: «Los, schneller!», die machen das willig, aber es erinnert mich an einen Fahrradunfall vor Jahren und ich bremse wieder. Als ich auf dem Zahnarztstuhl liege, bin ich verkrampft, obwohl die beiden Zahnprofis über mir mit Engelszungen reden und ich weiß, dass sie hervorragend arbeiten. Ich versuche dieses Wissen einzuatmen und daraus ein Gefühl der Ruhe zu machen, ich atme so, dass ich mich entspanne. Doch dann schlechte Nachrichten, ein Weisheitszahn muss demnächst raus. «Noch das!», denke ich. Mein Herz sinkt wieder und zieht sich zusammen, doch ich will verständig wirken und schubse mich innerlich vorwärts, um sachlich die Optionen abzuwägen. Als ich gehen kann, bin ich von der Angst erschöpft und besorgt über das Kommende. Ich würde mich gern einem frühkindlichen Tantrum hingeben und losstampfen, halte mich aber natürlich davon ab. Ich steige auf das Fahrrad, bereit mich zu fassen; Gelassenheit – wo ist die in mir? Ich habe einen Moment, um die ersten rosa Blüten vor dem eiskalten Grau über mir anzuschauen, und ein bisschen hilft das schon, sich zu entknoten. Ich schaue das Rosa und spüre: Trotzdem. Ich bin es, die denkt, fühlt und will.


llustration Grafikteam der Wochenschrift

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Ich will

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