Sterbebegleitung als Entwicklungsmedizin

Im Sommer lud die Medizinische Sektion zu einem Symposium zu Grenz- und Zukunftsfragen der Palliativmedizin ein. Der interprofessionelle Austausch, die Bewusstseinsentwicklung am Lebensende und der menschengemäße Umgang mit Sterbewünschen statt assistiertem Suizid standen im Mittelpunkt.


Die professionelle Begleitung am Lebensende nimmt individuelle Bedürfnisse wahr. Sie schenkt Zuwendung und Berührung, vor allem in der Pflege. Sie lindert Schmerzen und fragt nach der Bewusstseinsentwicklung. Ein ganzheitliches Menschenbild und eine lebensbejahende Haltung prägen die Arbeit des therapeutischen Teams. Die Begleitung eines Menschen in palliativer Situation ist anspruchsvoll. Sein Leiden ist häufig existenziell. Patienten äußern Ängste: vor dem Tod, nicht beherrschbaren Schmerzen, langem Siechtum oder davor, anderen «zur Last zu fallen». Der Wunsch nach einem ärztlich begleiteten Suizid wird zunehmend geäußert. Sterbehilfeorganisationen berufen sich auf Selbstbestimmung und Autonomie des Schwerkranken. Das gelte besonders bei unerträglichen Schmerzen oder fortschreitendem Identitätsverlust. Ein unwürdiges Leiden lasse sich vermeiden. Sterbehilfe sei ein Akt der Nächstenliebe, Menschlichkeit und Fürsorge. Raimund Klesse, Schweizer Alterspsychiater und Psychotherapeut, widersprach dieser Sicht: «Autonomie und Selbstbestimmung sind im Allgemeinen positive Begriffe, doch in der Diskussion um den assistierten Suizid werden sie zu Rechtsbegriffen, die die Bedeutung der zwischenmenschlichen Realität vernachlässigen. Denn der Mensch ist von Natur aus ein soziales und kulturbildendes Wesen. Er entwickelt sich in und durch Beziehungen. Er ist im guten evolutiven Sinne abhängig von seinen Mitmenschen. Autonomie lässt sich nur in Bezug auf und mithilfe anderer realisieren!»1 Klesse versteht den Suizidwunsch als Ausdruck einer seelischen Krise. Diese Krise ist versteh- und bewältigbar. Dafür braucht es Mitmenschen, die beim Überwinden helfen. Er ergänzte: «Solcher Zwang zur Selbstbestimmung ist eigentlich das mangelnde Vertrauen zur Mitwelt, eine Absage an das mitmenschliche Umfeld.» Als Arzt sei es nicht an ihm zu entscheiden, wann es mit einem Leben «genug sei».

Wenn zwei Welten miteinander verschmelzen

Pflegefachpersonen in anthroposophischen Kliniken und Hospizen verbringen im Therapeutenteam die meiste Zeit mit Schwerkranken. Sie pflegen den Körper und wenden äußere Anwendungen an: klingende Waschungen (z. B. mit Zitrone), Pentagrammeinreibungen (mit Gold-Weihrauch-Myrrhe-Öl), Herzauflagen (mit Aurum-Lavandula-Creme) oder einen Bauchwickel (mit Melissenöl). Diese Anwendungen lindern körperliche Symptome. Dazu gehören ausgeprägte Schwäche, Angst, Desorientierung und Verdauungsschwierigkeiten. Die liebevolle Berührung schafft Vertrauen und wirkt harmonisierend. Sie unterstützt das Verhältnis von Geistig-Seelischem und Leib. Dieses Verhältnis gestaltet sich im Sterbeprozess oft täglich, manchmal stündlich neu2. Während der Todeszeitpunkt als endgültiger Schwellenübertritt zeitlich begrenzt ist, kann sich der Sterbeprozess über Tage oder Wochen hinziehen. Dabei kann sich das Bewusstsein für Eindrücke aus der geistigen Welt öffnen. Sinnliche und geistige Welt erscheinen dann enger verwoben als im normalen Leben.

Pflegende berichten immer wieder von solchen Erfahrungen bei Menschen am Lebensende. Die Forschung spricht von ‹End-of-Life Experiences› (ELE). In einer 2018 veröffentlichten Umfrage beschrieben Ärztinnen und Ärzte, Pflegende und eine Psychotherapeutin der Klinik Arlesheim ihre Wahrnehmung von ELE bei Patienten. Am häufigsten nannten sie plötzlich ungewöhnlich viel Zuversicht und Energie. Auch das Gegenteil kam vor: eine ungewöhnliche Zunahme belastender Emotionen wie Angst und Traurigkeit. Weiter berichteten sie, Patientinnen nähmen phasenweise eine andere Realitätsebene wahr. Manche fühlten sich von etwas oder jemandem gerufen oder angezogen. Sie nahmen Verstorbene wahr, die sie zu erwarten oder zu begrüßen schienen. Manchmal kündigten Patienten ihren Todeszeitpunkt korrekt an. Andere zeigten trotz Bewusstseinstrübung plötzlich ungewöhnliche Geistesklarheit. Sterbenskranke Menschen sprachen von intensiven Träumen. Diese trösteten sie oder bereiteten sie auf das Sterben vor. Sie berichteten auch von Tunnel- und Lichterlebnissen. Manche streckten im Bett freudig die Arme aus3.

Nicht nur in Frieden sterben …

Die anthroposophische Palliativmedizin unterstützt Kranke auch arzneilich. Sie behandelt Unruhe, Irritationen und Schwäche der Wesensglieder. Unruhe ist bei Palliativpatienten häufig und sehr belastend. Die interprofessionelle Care-Gruppe hat dazu viel Erfahrungswissen dokumentiert und medikamentöse Empfehlungen erarbeitet4. Wirksame Beispiele sind metallische Zubereitungen aus Gold (Aurum), Kupfer oder Antimon (Stibium). Hinzu kommen pflanzliche Zubereitungen aus Christrose (Helleborus niger), Mistel und Bryophyllum. In Verbindung mit den genannten pflegerischen Anwendungen lassen sich viele Symptome wirksam behandeln. Oft sinkt dadurch auch der Bedarf an Schmerzmitteln oder beruhigenden Medikamenten.

«In der Schwäche sind wir ganz Mensch!», sagte eine Symposiumsteilnehmerin. Können wir das auch für uns selbst anerkennen? Wer in der Palliativmedizin, Sterbebegleitung oder in Trauergruppen arbeitet, muss sein eigenes Verhältnis zu Sterben und Tod geklärt haben. Die Geburt bringt den Menschen ins irdische Leben. Der Tod führt ihn aus dem irdischen Leib. Beides trägt das Vertrauen in Beziehungen: in menschliche wie in geistige. Auch in der professionellen Praxis zeigt sich Menschlichkeit: im Dasein füreinander und miteinander.

Wenn eine Patientin dennoch den Wunsch nach einem ärztlich assistierten Suizid äußert, fragt der Palliativmediziner Jörg Eberhardt zunächst: «Was hat Ihnen bisher geholfen, mit der jetzigen Situation zurechtzukommen?» Er bietet dann an, gemeinsam aus den vielen hilfreichen Möglichkeiten herauszufinden, was benötigt wird und guttut. Er hält es für nötig, die Kompetenzen im Umgang mit Sterbewünschen professionell und gesellschaftlich zu fördern. Kann ein Mensch den Wert seines eigenen Wesens nicht mehr erkennen, muss er ihn im Spiegel seiner Mitmenschen erleben dürfen. Sterbewünsche sind Hilferufe. Auch die ‹S3-Leitlinie Palliativmedizin› empfiehlt aktives Zuhören und Einfühlung in die Situation des Patienten oder der Patientin. Dazu gehört, den Wunsch anzunehmen und ernst zu nehmen. Vorschnelle Ratschläge gilt es zu vermeiden. Interprofessionelle Teams können den akuten Hilfe- und Therapiebedarf gemeinsam ermitteln. Erfahrung mit Sterbenden, die behutsame Deutung von Verhalten und Kenntnisse der Bewusstseinsentwicklung am Lebensende stärken die Kompetenz im Umgang mit Sterbewünschen. Eigene Scheu und Ängste vor diesem Thema müssen dennoch bearbeitet werden. Es gilt aber auch: Lehne ich den (assistierten) Suizid ab, darf ich nicht gezwungen werden, gegen meine Ethik zu handeln.

… sondern bis zum Schluss leben

Die Begleitung der Sterbephase richtet sich immer wieder neu nach der individuellen Entwicklung. Im Mittelpunkt stehen die Pflege des Leibes und der Sinne sowie das sich verändernde Bewusstsein. Aktive und rezeptive Heileurythmie, Maltherapie, Musiktherapie und Therapeutische Sprachgestaltung bieten vielfältige Möglichkeiten5. Menschen können sie auch im Krankenbett, mit kleinem Bewegungsradius oder in geschwächtem Zustand erleben. In der Sprachgestaltung kann ein ‹Ach› beim Ausatmen lösend wirken. Ein ‹Ach ja› vertieft den Atemrhythmus. Die Leier erzeugt einen sphärischen Wohlklang. Ihre harmonisierende und lösende Wirkung kann körperliche Funktionen und die seelische Verfassung beeinflussen. Als jahrtausendealtes Kulturelement begleitet sie Sterbende bis heute. Der Hörsinn bleibt bis zuletzt erhalten. Deshalb kann Musiktherapie auch bei nicht mehr ansprechbaren Patienten tiefgreifend wirken.

Darüber hinaus weist Rudolf Steiner darauf hin, dass der Hörsinn nach dem Tode in die geistige Welt mitgenommen wird. Er vermittelt dort ein musikalisches Erlebnis. Als irdisches Sinneserlebnis ist es wesentlich verinnerlichter als andere Sinneserfahrungen. «Das erste, was der Mensch braucht im Jenseits, ist der Sinn, der übergeht vom äußerlich Musikalischen zum innerlich Musikalischen. […] In der physischen Welt kann man die Kraft des Sinnes wahrnehmen, wenn die Musiker komponieren. Der Sinn steht da hinter dem musikalischen Schaffen. Nach dem Tode wird er ein Sinn, durch den der Mensch auf seine ganze Umgebung hingewiesen wird. Musik erleben wir dann innerlich. Nach dem Tode wird der Sinn ein äußerer Sinn und man nimmt wahr eine Zeitlang nach dem Tode, was durch die Welt geht, denn die Welt ist durchzogen von rhythmisch-musikalisch Harmonischem. […] Wie das Kind seine Sinne mitbringt ins physische Dasein und sich erst gewöhnen muss an die physische sinnliche Welt, so muss der Mensch im entkörperten Zustand seine Sinne an die übersinnliche Welt gewöhnen.»6

Sterben ist ein durch und durch aktiver Prozess. Manche Patientinnen sagen sogar, das Sterben sei – ähnlich den Wehen bei der Geburt, auf Englisch ‹labour› – «richtig Arbeit». Die geistige Begleitung kann auf Wunsch durch christliche Sterbesakramente erfolgen: durch die Beichte, das Abendmahl und die letzte Ölung. Nach dem Tod folgen die Aussegnung, die Bestattung und die Totenweihehandlung. Eine überkonfessionelle Haltung bleibt ebenso wichtig wie das aktive Einbeziehen der Angehörigen. Das gilt auch für Menschen, die erst in der palliativen Phase zu sorgenden Mitmenschen und Schicksalsgefährten wurden.

Entwicklungszeit, Entwicklungsmedizin

Matthias Girke begleitet seit vielen Jahren sterbenskranke Menschen ärztlich. Er fasst die Haltung der palliativen Arbeit so zusammen: «Das Entscheidende der anthroposophischen Palliativmedizin ist der entwicklungsorientierte Therapieansatz: Es handelt sich nicht um die ‹finale› Begleitung, sondern um die Vorbereitungs- und Entwicklungszeit, die ihre Früchte schon während der palliativen Begleitung zeigen kann und für das zukünftige Schicksal des Patienten vorbereitet. Aus dieser Gesinnung entwickelt sich die therapeutische Beziehungsgestaltung zum Patienten, die gerade in der palliativen Betreuung Nähe und Schicksalsverbundenheit entstehen lässt.»7


Foto National Cancer Institute/Unsplash

Fußnoten

  1. Siehe auch Raimund Klesse et al., Assistierter Suizid und Autonomie – ein Widerspruch?, in: Psychosozial 45(3)/2022, S. 97–126.
  2. Vademecum Äußere Anwendungen in der Anthroposophischen Pflege, Indikation: Sterbeprozess (25.9.2026).
  3. Sabine Klein et al., Erfahrungen am Lebensende: Eine Umfrage bei Ärzten und Pflegenden eines Spitals für anthroposophisch erweiterte Medizin, in: Complement Med Res 25/2018, S. 38–43.
  4. Jörg Eberhardt et al., Arzneitherapie bei Unruhe in der Palliativmedizin, in: Anthromedics – Fachportal für Anthroposophische Medizin (22.7.2025).
  5. Siehe auch Interprofessionelle Praxisempfehlungen aus der anthroposophischen Palliativmedizin, in: Anthromedics – Fachportal für Anthroposophische Medizin
  6. Rudolf Steiner, Sinneserleben und Erleben der Welt der Verstorbenen. GA 150, Dornach 1980, S. 40 und 42.
  7. Matthias Girke, Einführung in die Palliativmedizin, in: Anthromedics – Fachportal für Anthroposophische Medizin (21.3.2019).

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