Die moderne Naturwissenschaft entstand in einer hundertjährigen Zeitspanne. Zuerst stellte Nikolaus Cusanus vorausschauend, theologisch-philosophisch den unendlichen Kosmos dar, dann wurde dieser durch Messung naturwissenschaftlich verifiziert. Das durch das Denken Gesehene wird nun mit den Augen erblickt und unterliegt den Gesetzen des Messbaren. «Ein Jahrhundert liegt dazwischen.»1 Eine Parallele zu ziehen, scheint an dieser Stelle erlaubt:
Eine Parallele zwischen dem, was sich zwischen ‹De docta ignorantia› von Cusanus und ‹De revolutionibus orbium coelestium› von Kopernikus ereignet, und dem, was zwischen den Darstellungen einer am Werden des Menschen orientierten Pädagogik und statistisch validierten Umfragen geschieht. Mehr als ein Jahrhundert später können Einsichten, die Rudolf Steiner mit «schauender Erkenntnis»2 gewinnt, im Sinne der Naturwissenschaften für jeden Menschen einsichtig sein. Beim Lesen der 2025 erschienenen UNESCO-Studie hat mich diese Parallele überrascht und auch betroffen gemacht.
Geschlossene Schulen
Die Schulschließungen während der Corona-Krise waren ein weltweites Experiment. Das zeigt die UNESCO-Studie, die folgenden Titel erhielt: ‹An Ed-Tech Tragedy? Educational Technologies and School Closures in the Time of COVID 19›.3 Im Vorwort wird der Titel dieser Analyse «der größten globalen Störung des Bildungswesens in der Geschichte», in der die Erziehung erstmalig «weitgehend von vernetzten Technologien abhängig wurde»,4 erläutert:
«Die weltweiten Erkenntnisse […] legen offen, wie die beispiellose Abhängigkeit des Bildungswesens von Technologie oft zu ungebremster Ausgrenzung, erschütternder Ungleichheit, unbeabsichtigtem Schaden und der Bevorzugung von Lernmodellen führte, bei denen Maschinen und Profit vor den Menschen stehen.
[…] diese Publikation [zeigt], wie technologieorientierte Lernformen neue Gesundheits- und Sicherheitsrisiken mit sich brachten, gewinnorientierten Unternehmen erhebliche Kontrolle über das öffentliche Bildungswesen übertrugen, die invasive digitale Überwachung ausweiteten und schädliche Auswirkungen auf die Umwelt hatten – zusätzlich zu den negativen Folgen für den Zugang zur Bildung, die Bildungsgerechtigkeit, die Bildungsqualität und die Lernergebnisse in den meisten Kontexten.»5
Die Ergebnisse sprechen vordergründig von den Auswirkungen der Übertragung des schulischen Geschehens in technologische Formate auf Kinder und Jugendliche. Sie werden ‹learners›, Lernende, genannt – und das trifft den Kern der Frage: Konnten die Kinder und Jugendlichen lernen? Was können wir aus dem Ereignis ableiten, das evident sowie statistisch erfasst und nachvollziehbar wurde?
Sie haben nicht lernen können. Es fehlte die Umgebung, es fehlten die anderen, es fehlte das spürbare Gegenüber. Das elektronische Medium eignete sich nicht für anhaltende Aufmerksamkeit und kreative Zugänge. Lernen spielt sich für Kinder und junge Menschen im menschlichen Zusammensein ab. Es erfordert menschliche Präsenz sowie das Wahrnehmen und Miteinbeziehen der leiblichen Wirklichkeit. «Bildung wurde weniger zugänglich, weniger effektiv und weniger ansprechend, als sie sich von physischen Schulen und Lehrkräften abwandte und sich ausschließlich der Technologie zuwandte.»6
Menschliche Zeugenschaft
Die Studie macht die menschenkundliche Tatsache sichtbar: Der Mensch konstituiert sich lernend an und mit dem oder der anderen und der erlebten Welt. Erzieher und Lehrerinnen, die Lernen wahrnehmen, bezeugen und verantworten, sind nicht ersetzbar. Im Erwachsenwerden wird der lernende Mensch selbst immer mehr zur Instanz, die das Lernen bezeugt. Als erwachsener Mensch weiß ich mich lernend. Aber auch da ist die Gegenwart anderer Menschen, die «sehen, was ich sehe, und hören, was ich höre» (Hannah Arendt),7 grundlegend für den Wirklichkeitsgehalt meiner Erfahrung.
Als Rudolf Steiner 1922 den pädagogischen Kurs ‹Conference on Spiritual Values in Education and Social Life›8 in Oxford am Manchester College und am Keble College hielt, wurde danach ein Manifest von der organisierenden Kommission veröffentlicht für die «Realisation of Spiritual Values».9 Angesichts von Erfahrungen, wie sie die UNESCO-Studie aufzeigt, würde es heute vielleicht ‹Manifest für die menschlichen Werte der Erziehung› heißen – um diese geht es in der Verlautbarung. Darin liegt der Keim für eine Pädagogik, die das Spirituelle anerkennen und wahrnehmen möchte. Eine Pädagogik dank Lehrpersonen, die autonom und kreativ aus ihrer Verantwortung für Kinder und junge Menschen arbeiten. Wegweisend ist die Aussage, dass Lehrpersonen in vollem Kontakt mit der Welt stehen, autonom im Beruf und dem «Gewissen der Menschheit verantwortlich sein und aus ihrem eigenen freien Geist heraus wirken [sollen]».10 «[Rudolf Steiner] hat zu uns von der Art von Wissen gesprochen, das der Lehrer benötigt – ein Wissen über den Menschen und die Welt, das nicht nur wissenschaftlich, sondern auch tiefgreifend, intuitiv und künstlerisch ist. Wir sind daher der Meinung, dass von dieser Konferenz der Anstoß ausgehen sollte, einen weltweiten Verein zur Gründung und Unterstützung von Schulen zu gründen, in denen die Lehrer frei und kooperativ auf der genannten Grundlage arbeiten werden.»11
Ein Jahrhundert später heißt es in der UNESCO-Studie: «Diese Überbewertung des Technischen gegenüber dem Menschlichen steht im Widerspruch zum Ziel der Bildung, die menschliche Entwicklung zu fördern und humanistische Werte zu pflegen. Es sind vielmehr die menschlichen Fähigkeiten als die technologischen, die entscheidend dazu beitragen, die Widerstandsfähigkeit der Bildungssysteme zu stärken, damit diese Schocks standhalten und Krisen bewältigen können.»12
Die Abwesenheit des Menschen erzeugt Leere und Verlassenheit. Für Kinder und Jugendliche muss weltweit sichergestellt sein, dass es Schulen und Orte des gemeinsamen Lernens und Arbeitens gibt, an denen Erwachsene die Verantwortung für dieses einzigartige Ereignis übernehmen: das Hineinwachsen in eine gemeinsame Welt, die auf die Impulse und die Gegenwart der Neuankömmlinge angewiesen ist. Diese zu empfangen, ist Aufgabe der Gesellschaft. Das in der Schulschließung Gelernte und in der Studie Aufgezeigte erfordert Wachsamkeit und den Willen, für eine menschliche Umgebung für das Lernen einzustehen.
Foto Xue Li
Fußnoten
- Rudolf Steiner, Der Entstehungsmoment der Naturwissenschaft in der Weltgeschichte und ihre seitherige Entwicklung. GA 326, 4. Aufl., Basel 2017, S. 22.
- Rudolf Steiner, Die Ergänzung heutiger Wissenschaften durch Anthroposophie. GA 73, 2. Aufl., Dornach 1987, S. 120.
- UNESCO, An Ed-Tech Tragedy? Educational Technologies and School Closures in the Time of Covid-19. Paris 2025.
- Ebd. S. 1.
- Ebd.
- Ebd. S. 35.
- Hannah Arendt, Vita activa. Piper, München 2010, S. 63.
- Vgl. Rudolf Steiner, Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst. Spirituelle Werte in Erziehung und sozialem Leben. GA 305, Rudolf Steiner Verlag, 4. Aufl., Basel 2025.
- John Paull, Rudolf Steiner and the Oxford conference: the birth of Waldorf Education in Britain. In: European Journal of Educational Studies 3(1), 2011, S. 60.
- Ebd.
- Ebd.
- UNESCO, An Ed-Tech Tragedy? Educational Technologies and School Closures in the Time of Covid-19, S. 35.

