Die Klassenstunden der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft

«Es ist […] eine stärkere Stoßkraft nötig, als früher angewendet worden ist, wenn der Geist, dessen die Menschheit bedarf, einziehen soll»,1 so Rudolf Steiner im Zusammenhang mit der Neugestaltung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft 1923/24. Durch die «esoterische Schule des Goetheanum» als einer realen «Michael-Schule» auf Erden werde die anthroposophische Bewegung erst ihre «spirituelle Stärke» erhalten, die sie dringend benötige. «Die geistige Welt will mit der Menschheit in dem gegenwärtigen Augenblicke der historischen Entwickelung etwas, will dieses Etwas auf den verschiedensten Gebieten des Lebens, und an uns ist es, klar und wahr den Impulsen aus der geistigen Welt heraus zu folgen.»2


Vom Raum der Geschichte und des Neuen

Das Neue und Zukunftsweisende, das Humane wie Michaelische, erfordere den ganzen Einsatz, die notwendige Bereitschaft, den Willen, die Fähigkeiten und die Geistes-Gegenwart, denn die entgegenstehenden Mächte und deren Interessen seien stark. «Kräfte» seien am Werk, «die ahnen lassen, in welche Abgründe die westliche Zivilisation noch hineinsteuern wird».3 Rudolf Steiner ging es, einer Formulierung Goethes aus dem Gedicht ‹Das Göttliche› zufolge, um das Retten und Heilen, um das Bestehen und Fortbestehen der Menschheit und Menschlichkeit – durch Initiativen, Neuanfänge und Neugebilde, die dem von Oswald Spengler prophezeiten ‹Untergang des Abendlandes› etwas Wirkungsvolles entgegensetzen konnten, von der Pädagogik bis zum sozialen wie ökonomischen Leben. Rudolf Steiner zufolge steht in der existenziellen Gegenwart des 20. Jahrhunderts nicht länger nur das «Abendland» oder Europa auf dem Spiel, sondern der Bestand der Erde.

Die Sektionen oder Fachbereiche der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sind für die «verschiedensten Gebiete des Lebens» da, in die die neuen Impulse kommen sollen. Sie wurden 1924 als Forschungs-, Lehr-, Ausbildungs- und Praxisstätten konzipiert – für die einzelnen Lebensgebiete der Moderne. «Leistungen» erhoffte Rudolf Steiner von den Hochschulabteilungen, die der Welt «vor Augen treten» sollten, eine «denkbar größte Öffentlichkeit». Für ihn war die Erdenwelt im dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in einer existenziellen Krise und Gefährdung, aber sie war zugleich offen und sensibel für den Wandel, das Neue. Da, wo der «Grundstein» des Neuen «leuchten» und «wärmen» soll «für den Fortschritt der Menschenseelen, für den Fortschritt der Welt»,4 können sich Menschen einsetzen, oder anders: Nur durch diese Menschen und ihre Arbeit ist dieses Licht und diese Wärme im Zeitalter Michaels möglich. Die Vaterunser-Zeile «Dein Reich komme» ‹übersetzte› Rudolf Steiner mit den Worten: «Dein Reich erweitere sich in unseren Taten und in unserem Lebenswandel.»5

Zweites Hochschulaufnahme-Gesuch des Waldorflehrers Herbert Hahn an Rudolf Steiner, 16. Februar 1924. Rudolf Steiner Archiv, Dornach.

Die Arbeit in den verschiedenen Krisengebieten des Lebens soll von der «esoterischen Schule», dem gemeinsam schulenden Lehrgang aller Fachbereiche, ihre «Beleuchtung» und ihre «Impulse» empfangen.6 Will man einem Neuen ins Sein verhelfen, das kein Gewaltsames und Eigensinniges ist, sondern mit den Werdegesetzen, den «Weltgedanken», den Intentionen und schaffenden Kräften der Schöpfung resoniert, so ist innere Arbeit notwendig. Zugang zum johanneisch verstandenen Wort, zu seinen Dimensionen des Lichtes, des Lebens und der Liebe findet kein reflektierender Verstand der ‹res cogitans›, sondern nur das vollständig erwachte und sich engagierende Menschenwesen.

Die Schulungsstunden der sogenannten ‹Ersten Klasse› der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft hielt Rudolf Steiner nicht am Sonntag, sondern am Ende der Werkwoche, am späten Freitagabend (zumeist um 20.30 Uhr). Sie standen im Dienst der Arbeit, der Hochschularbeit. Teilnehmen konnten Menschen, die sich für die Mitarbeit und Mitverantwortung entschieden hatten, Menschen, die die «anthroposophische Sache», wie Rudolf Steiner sagte, zu ihrer eigenen gemacht hatten. 1924 suchten nicht nur Individuen um den Hochschuleintritt nach, sondern ganze Gruppen, wenn auch jeweils durch individuelle Anträge – so nahezu alle Lehrenden der Freien Waldorfschule in Stuttgart, alle Mitglieder des Jungmediziner-Kreises, darunter die ersten Heilpädagogen, alle Priester der Christengemeinschaft und alle Dornacher Eurythmistinnen und Sprachgestalter. Sie können, so hatte Rudolf Steiner in einer Lehrerkonferenz gesagt, «nicht nur für ihre Person, sondern als Lehrer der [Waldorf-]Schule» in die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft eintreten und den esoterischen Lehrgang durchlaufen.7 Ein solcher Beitritt steht im Zusammenhang einer beruflichen Arbeit, zu der der einzelne Mensch sich in Freiheit und Verantwortung entschieden hat, einer Arbeit, die mit der Repräsentanz der Anthroposophie in einem Lebensfeld verbunden ist, mit ihrer Wirksamkeit und öffentlichen Vertretung. Die Waldorfkindergärtnerin steht für die Waldorfpädagogik, mithin für die Anthroposophie ein, gegenüber den Kindern und den Eltern, der Umgebung und dem Staat. Man kann privat oder aus rein persönlichen Motiven in die Hochschule eintreten, aber auch im Zusammenhang der je eigenen fachlichen Arbeit, des Berufes in seiner Zielsetzung und Aufgabenstellung. Wird der Hochschuleintritt vollzogen, können neue Arbeitsgemeinschaften entstehen oder die bereits bestehenden auf ein neues Niveau kommen, auch im professionellen Feld. «Das [Lehrer-]Kollegium soll einen Kern bilden, von dem dann etwas ausstrahlen kann», sagte Rudolf Steiner zu Lilly Kolisko,8 die 1924 alle 19 Klassenstunden vor den Lehrerinnen und Lehrern der Stuttgarter Waldorfschule hielt.

Die ersten Klassenstunden

Die Anträge für die Hochschulmitgliedschaft trafen ab dem 31. Dezember 1923 bei Rudolf Steiner ein; zum Zeitpunkt der ersten Klassenstunde am 15. Februar 1924 hatten 326 Menschen ihr Hochschulzertifikat erhalten (ihre, so Michael Bauer, «Einschreibung» oder Immatrikulation) – in Gestalt der ‹Blauen Karte›. Bis zum 30. März 1925 unterzeichnete Rudolf Steiner 2305 Karten, die letzten 13 noch zwei Tage vor seinem Tod. Er hielt vom 15. Februar bis zum 20. September 1924 insgesamt 38 Klassenstunden, sozusagen zweimal 19; 26 von ihnen fanden in Dornach statt, je zwei in Prag, London, Paris, Breslau und Arnheim, eine in Torquay und eine in Bern. 31 der 38 Stunden wurden mitstenografiert, die meisten von Helene Finckh, Rudolf Steiners Meisterstenografin, die ihn um Erlaubnis fragte und diese «nach kurzem Besinnen» auch erhielt.9 Einer mündlichen Charakterisierung Friedrich Hiebels zufolge hielt Rudolf Steiner die Klassenstunden herzlich und warm, zart und kraftvoll.10 Die von ihm gestalteten Stunden waren voller Leben und zugleich doch esoterische Lehrstunden, Lehrstunden im Geist der Freiheit, Lehrstunden zur Entwicklung eines je eigenen Umgangs mit dem eröffneten Geistesgut. Es gab keine normativen Angaben, wie und wann der einzelne Schüler gegebenenfalls die mantrischen Sprüche meditieren und die Übungen vollziehen sollte, sondern lediglich Hilfestellungen und mögliche Perspektiven der inneren Arbeit. Rudolf Steiner las keine Messe, sondern arbeitete mit Lehrtafeln, die er beschrieb und bemalte, außerordentlich beweglich, voller Schönheit, Größe und Ernst. Die Stunden wurden für die Teilnehmenden zu unvergesslichen Erlebnissen, zu wirklichen Mysterien-Stunden und Höhepunkten anthroposophischer Geistes-Gegenwart – die Hierarchien begannen zu sprechen, aber auch die anthroposophische Menschenkunde sprach auf eine ganz neue Weise, wurde tief und wesenhaft erlebbar. Noch am 3. März 1925, kurz vor seinem Tod, sagte Steiner zu Ludwig Polzer-Hoditz: «[…] Bedenken Sie jederzeit, dass Sie während der Klassenstunde ja keinen lehrhaften Vortrag zur Vorlesung bringen, sondern in einer Handlung stehen, eine Handlung zu vollziehen haben, die uns in Verbindung setzen kann mit dem Mysterien-Strom aller Zeiten.»11 Alles, betonte Rudolf Steiner in einer Stunde, hänge von der «richtigen Stimmung und Gesinnung» ab;12 an anderer Stelle nannte er die Klassenstunde eine «Handlung», genauer: eine «okkulte Handlung, durch die man die Sprüche empfängt»13.

‹Nine›

Stets begann Rudolf Steiner die Klassenstunden mit Einleitungen zum Wesen des Neuanfangs, der mit der Weihnachtstagung, Gesellschafts- und Hochschulneugestaltung verbunden war; er begann mit einer Besinnung auf das Aufgaben- und Verantwortungsbewusstsein für den Fortgang der «anthroposophischen Sache» in der Welt. Er wollte, nach vielen leidvollen Erfahrungen, nicht weitere «esoterische Zirkel», abgeschlossene Studiengruppen mit elitärem Bedeutungs- und Sendungsbewusstsein, sondern den entschiedenen Einsatz für die Michael-Impulse in der Welt, im Sinne der sogenannten ‹Karmavorträge› und der Leitsätze, die zeitgleich mit den Klassenstunden begannen (15./16./17. Februar 1924). Um das, was in diesen Leitsätzen und Schicksalsdarstellungen als Auseinandersetzung Michaels mit Ahriman beschrieben wird, ging es mit den Klassenstunden in einer dramatischen geschichtlichen Situation. «Für denjenigen, der hineinschaut in das Leben, für den ersteht ein Kampf, und er kann gar nicht mit Bestimmtheit sagen, ob in hundert Jahren Licht oder Finsternis den Sieg davongetragen haben werden, ob das Menschengeschlecht auf der Erde überhaupt noch in einem menschenwürdigen Dasein da sein werde. Und er kann ganz gut wissen, warum sich solche Katastrophen in der bisherigen Entwicklung der Menschheit auf Erden nicht vollzogen haben», sagte Rudolf Steiner in der Klassenstunde vom 14. März 1924.14 Er wollte nach vollständiger Einrichtung der Ersten Klasse die Schulung in zwei zusätzlichen Klassen beginnen, für Menschen, die noch weitergehende Verantwortungen übernahmen und für diese spirituell fortgebildet werden sollten – für Generalsekretäre der anthroposophischen Landesgesellschaften und Sektionsleitende (Zweite Klasse) und für den Vorstand des Goetheanum (Dritte Klasse).15 Dazu aber kam er bis zum 30. März 1925 nicht mehr.

Von der Kraft des Widerstands

Ita Wegman war es gewesen, die Rudolf Steiner nach der Zerstörung des Ersten Goetheanum die Bitte um Einrichtung der Esoterischen Schule entgegengetragen hatte: «Die Initiative zur esoterischen Michaelschule kam, wie Rudolf Steiner sagte, von Frau Dr. Wegman» (Ludwig Polzer-Hoditz16). Mit Ita Wegman las und bearbeitete Rudolf Steiner 1924/25 die Hochschulanträge, mit ihr zusammen führte er die meisten Aufnahmen durch – im September 1924 in einer besonderen Form in seinem Atelier vor der Christus-Plastik.17 Ihr gab er die Mantren bereits am Vorabend der Klassenstunden zur Vorbereitung; sie arbeitete mit ihm eng in der Michael-Schule zusammen und hielt die Stunden in den neun Monaten nach seinem Tod in Frankreich, Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei, in den Niederlanden, in Großbritannien und in der Schweiz. Ita Wegman bemühte sich nach Kräften, auch den Kontext der Stunden, in erster Linie jedoch die michaelischen Leitsätze und Karmavorträge lebendig zu halten bzw. weiteren Menschenkreisen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft zugänglich zu machen. Sie verfügte über ein ausgebildetes geschichtliches Urteilsvermögen und hatte den Eindruck großer Eile – um die dringend notwendigen neuen Impulse in den verschiedenen Lebensfeldern zu verankern, solange es noch möglich war. Nicht zuletzt den Aufstieg des Nationalsozialismus hatte sie, gemeinsam mit Rudolf Steiner, nach Ende des Ersten Weltkriegs mit größten Sorgen verfolgt. Gerade angesichts der zunehmenden Gefahren des Bösen oder des Totalitarismus trat Ita Wegman für die Wendung zum Licht und zum Geisteswort ein, in der Überwindung der Gegenkräfte – auch im eigenen Inneren, durch die Entwicklung von Geistesmut, geistigem Feuer und Schaffenskraft. Sie trug die Stunden an die verschiedenen anthroposophischen Arbeitsorte, darunter in die Kollegien ihrer heilpädagogischen Institute, zu medizinischen Konferenzen und in andere Hochschulzusammenhänge, auf dass die Mitarbeitenden Zugang zu den Beistandskräften finden konnten. Der Zugang zu realen Lebensmächten und Geistwesen war für die Zukunft mitentscheidend, zu helfenden Kräften und Wesen, die auch im Angesicht der Gefahren präsent sind, und den Einzelnen und die Gemeinschaft in den Höhenzielen der Seele zu bestärken, im Vertrauen in den tragenden Geist und in das Sonnenhafte des eigenen Wesens und Weges. Als ihr heilpädagogischer Mitarbeiter Werner Pache Hitlers ‹Sportpalastrede› vom 10. Februar 1933 über die Leitlinien der zukünftigen NS-Politik in Berlin hörte, schrieb er ihr und bat sie, bald eine Klassenstunde in Schloss Hamborn zu halten. Begründend hieß es in Paches Brief: «Wir möchten Sie noch einmal bitten, dass Sie es doch einrichten möchten, auf der Rückreise von England über Hamborn zu kommen, um hier eine Klassenstunde zu geben. Als ich vorgestern Abend auf dem Wittenbergplatz in Berlin stand, wo wie an vielen öffentlichen andern Plätzen die Rede Hitlers durch Lautsprecher tönte und die Macht Ahrimans sich fast überschlug, hatte ich auf einmal ein ganz zuversichtlich ruhiges Gefühl, das so stark war, dass ich mit einem Male dem Banne dieser bösen Gewalt entrückt war. Ein Gefühl, dass unsere Sache nicht untergehen wird.»18 Das Kollegium des heilpädagogischen Instituts entwickelte michaelische Widerstandskräfte – und so an vielen Orten.19

‹Eleven›

Marie Steiner-von Sivers hielt zu Johanni 1934, zum Jahresfest des ‹historischen Gewissens›, sechs Jahre vor dem Einfall der deutschen Wehrmacht, alle 19 Klassenstunden in Norwegen, in Moelv, einem Dorf an der Ostseite von Mjøsa, dem größten norwegischen See. Ihr Seminar für Hochschulmitglieder ging über drei Wochen. Auch sie wusste, wie unersetzlich die Klassenstunden der Michael-Schule für die Zukunft des Menschen sind, in der Aufrufung seiner Eigenkräfte, in einer aktiven Antwort auf die bedrohte Integrität seiner Person, ja seiner Identität und Individualität. «Das Esoterische für alle Menschenseelen» sollte in der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft auffindbar sein, so hatte Rudolf Steiner einmal betont, in den 19 Klassenstunden – «für alle Menschenseelen».20

Vom «Akut des Heutigen»

Über den «Akut des Heutigen» sprach Paul Celan in seiner Darmstädter ‹Meridian›-Rede zum Empfang des Georg-Büchner-Preises am 22. Oktober 1960 sowie vom «Gravis des Historischen» und vom «Zirkumflex des Ewigen». Welches ist der «Akut des Heutigen» im Umgang mit den infrage stehenden Stunden, auf dass sie nicht (nur) dem «Historischen» oder aber dem «Ewigen» zugerechnet werden?

Ihre lange Zeit geschützten ‹Texte› sind mittlerweile in alle Winde oder besser: in alle Medien zerstreut, sie sind überall auffindbar, auch an den unmöglichsten Orten – und kommen einem, auch in mündlicher Lesung, selbst aus dem Internet entgegen, ungefragt, bar jeder menschlichen Beziehung und Entscheidung. Sie, die ‹Texte›, sind in einem unheimlichen Sinne jedem Missbrauch, jeder Instrumentalisierung und jeder Ökonomisierung – für lukrative Seminare – ausgeliefert.

‹Seventeen›

Möchte man dieser Entwicklung der uneingeschränkten Verbreitung, die offenbar unaufhaltsam war und durch nichts gestoppt werden konnte, etwas Gutes abgewinnen, so ist es wohl ein Element der Offenheit und Freiheit. Es sind durch die Freigabe und weltweite Übersetzung der Texte nicht nur schwerwiegende Internet-Deviationen, sondern auch intensive Studienkreise entstanden, oft unter Menschen, denen die bestehenden Klassengemeinschaften zu eng und zu orthodox waren, zu unbeweglich und zu restriktiv, zu selbstbewusst und zu starr. Einzelne machten sich mit Freunden und Gesinnungsgenossen auf eigene Faust an die Arbeit, oder auch alleine mit den Büchern und Sprüchen; es ist ein großes, unschätzbar reiches Gut in den Texten und Mantren enthalten, voller Schönheit und Kraft, Innigkeit und Dramatik. Wer hätte die interessierten Menschen daran hindern können, sollen und dürfen? Anzuerkennen ist vielmehr, dass an vielen Orten ernsthaft am Inhalt der Stunden und an ihrem mantrischen Gehalt gearbeitet wird, von Einzelnen und in Gruppen, in bemerkenswerter Vielfalt der Methoden und Zugangswege – an Texten, die seit 1992 im Buchhandel erhältlich und daher ohne Einschränkung verfügbar sind.

Möglicherweise hilft das Ganze, tiefer und genauer zu verstehen, was das Besondere an dem Vorgang war und ist, den Rudolf Steiner mit der Eröffnung der Schule und mit dem Beitritt zu ihr veranlagte. Ihm, Rudolf Steiner, ging es nicht in erster Linie um neue Studienkreise und ein erweitertes Meditationsgut der Anthroposophie, um den ‹Esoterischen Zyklus›, sondern um eine verbindliche Entscheidung für den Goetheanum-Wirkimpuls, für die Mitübernahme der Verantwortung für die anthroposophische Sache, das heißt für die Gegenwart und Zukunft der Anthroposophischen Gesellschaft, der anthroposophischen Institutionen und des Goetheanum als einer Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Die «Einschreibung» in die Hochschule (M. Bauer) ist eine Lebensentscheidung. Rudolf Steiner und Ita Wegman brachten nicht nur erste ‹Vertrauenspersönlichkeiten› (so der damalige Name) auf den Weg, die die Klassenmantren ‹vermittelten› und zum Teil auch ganze Stunden hielten; diese Menschen vermittelten und vermitteln auch das Bild der Hochschule, das sie in ihrem Herzen tragen, und die Beziehung zum Goetheanum. Sie führten und führen die Aufnahmegespräche in Person, in Gegenwart und Präsenz und im Vertrauen – und leiteten die Aufnahmegesuche mit ihrer Befürwortung nach Dornach weiter. So ist es bis heute, im «Akut des Heutigen». Die Leitung der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion bestätigt und unterzeichnet die Aufnahme auf Grundlage der Empfehlung, auf Grundlage des Vertrauens und der menschlichen Beziehung. Und sie tut dies, weil es nicht lediglich um den Zugang zu esoterischem Gut in schriftlicher wie mündlicher Form geht, sondern um den Beitritt zur Freien Hochschule für Geisteswissenschaft mit ihrem Wirkensauftrag, über den Rudolf Steiner in den Leitsätzen, Karmavorträgen und Klassenstunden so eindringlich schrieb und sprach.

‹Eighteen›

«[…] Ein einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt», heißt es in Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie21 – die Dornacher Hochschulabteilungen sind, so Ita Wegman, als spirituelle «Gemeinschaften» konzipiert.22 Im September 1924, während Rudolf Steiners letzter Kurse, wurde die Hochschulgemeinschaft im Namen Michaels zum ersten Mal sichtbar – mit spezifischen Fachkursen für umschriebene Berufsgruppen und abendlichen Karmavorträgen für alle Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft sowie Klassenstunden für alle Hochschulmitglieder (Abend für Abend alternierend). 250 überwiegend junge Menschen traten allein im September 1924 der Hochschule bei und nahmen an den Fachkursen und Abendveranstaltungen teil, insgesamt waren nahezu tausend Menschen anwesend.23 Sie gewannen Perspektiven für ihre berufliche und persönliche Arbeit, Kräfte, die in vielen Fällen durch das ganze 20. Jahrhundert trugen und im Dienst des Aufbaus standen. So entfaltete sich die anthroposophisch-medizinische und heilpädagogische Bewegung, die Arbeit der Christengemeinschaft, die Waldorfschulbewegung, der Demeter-Impuls und die vielen künstlerischen Initiativen – aus der Holzschreinerei am Dornacher Hügel in die ganze Welt.

In der ersten Novemberwoche 2026 finden wieder alle 19 Klassenstunden am Goetheanum statt – erstmals in fünf Sprachen in den verschiedenen Räumen des Baus, und mit dezidierter Einladung an alle beruflichen und Sektionskollegien sowie alle Hochschulmitglieder weltweit. «Dem Stoff sich verschreiben / heißt Seelen zerreiben», formulierte Rudolf Steiner in einem Spruch während seiner letzten pädagogischen Vorträge an Ostern 1924 in Stuttgart, wenige Monate nach der Weihnachtstagung. Und weiter: «Im Geiste sich finden, / Heißt Menschen verbinden. / Im Menschen sich schauen, / Heißt Welten erbauen.»24 Um diese «Erbauung» der Zukunftswelt, aus der Kraft der michaelischen Gemeinschaft, geht es heute noch dringlicher als zuvor, aus dem Wort des Herzens, das mit Michael in enger Verbindung steht. Die Hochschule, so betonte Rudolf Steiner mehrfach, muss in Zukunft zum «esoterischen Mittelpunkt» der ganzen anthroposophischen Bewegung werden; sie ist eine geistige Institution für die Gegenwart. Diese Gegenwart ist heute – und sie ist «akut». Die Klassenstunden der Michael-Schule sollen nicht am Rande, sondern im Zentrum des ganzen Hochschulwesens stehen, wie das Herz im Organismus. 1924 waren sie Teil aller großen Gesellschaftsveranstaltungen, ja aller anthroposophischen Veranstaltungen gewesen. Diese Präsenz und Sichtbarkeit ist notwendig und muss intensiviert werden, jenseits aller Exklusivität, aber in voller Bewahrung des esoterischen Charakters der Stunden. Rudolf Steiner schilderte den Weg der Michael-Schule als den Weg einer Besinnung auf die «Erdennöte», in Liebe zu den «Erdenwerten» und in der Ausbildung eines Willens zur Erde im Dienst des Geistes, eines «geistergebenen» «Erdenwollens». Er sprach von einem Weg «zur wirklichen Geistes- und Gottes-Erkenntnis».25 Es ist eine michaelische Schulung zur Mitarbeit, im Setzen und in der Hoffnung auf eine menschliche Zukunft, im Wissen um das da seiende Licht.26 Auf diesen Weg baute Rudolf Steiner – und er baute das Goetheanum auf ihn, als auf einen «Kern des Zukünftigen als Möglichkeit», wie er zu Ludwig Polzer-Hoditz sagte.

Am 16. Oktober 1924 schrieb Ita Wegman vom Krankenlager Rudolf Steiners an die Klassenvermittlerin Anna Wager Gunnarsson in Schweden: «Versuchen Sie mit allen in Frieden auszukommen. Es ist jetzt wichtig, die Michael-Strömung vorwärts zu bringen. Machen Sie nur die 1. Klasse-Stunden inhaltsreich und ernst, dann werden Sie schon eine gute Arbeit leisten.»27


Titelbild ‹One›

Zur Künstlerin Die irische Bildhauerin, Enkaustikmalerin (mit erhitztem Bienenwachs und Pigmenten) und Kunstpädagogin Helen Comerford (1945–2024) schuf den Bilderzyklus ‹The Nineteen› ab 2019 und stellte ihn 2021 beim Kilkenny Arts Festival in der Academy Hall, St Kieran’s College aus. In der Zeitung ‹Irish Times› schrieb der Kunstkritiker Aidan Dunne: «The Nineteen of the title – 19 1 sq m panels – derives from her long-term interest in Rudolf Steiner’s anthroposophical ideas, ranging across science, spirituality and pedagogy, specifically his «spiritual course» of 19 Class Lessons from 1924.»
Die Abbildungen dieses Heftes stammen aus: Helen Comerford, The Nineteen, Kilkenny Arts Festival, 5–15 August 2021

Fußnoten

  1. GA 260a, S. 190.
  2. GA 260, S. 94.
  3. Ebd. S. 270.
  4. GA 260, S. 69.
  5. GA 268, S. 341.
  6. GA 260, S. 109.
  7. GA 300c, S. 114.
  8. Lilly Kolisko an Ita Wegman, 2.11.1924. Ita-Wegman-Archiv, Arlesheim.
  9. GA 270, S. 622.
  10. Vgl. Peter Selg, Rudolf Steiner hält Klassenstunden. Dornach 2026, S. 15.
  11. Thomas Meyer, Ludwig Polzer-Hoditz. Ein Europäer. Basel 2008, S. 669.
  12. GA 270, S. 374 f.
  13. Ebd. S. 421.
  14. GA 270, S. 114.
  15. Vgl. Peter Selg, Die Zukunft der Hochschule. Arlesheim 2026, S. 78.
  16. Goetheanum-Rede vom 14.4.1935. Ita-Wegman-Archiv, Arlesheim.
  17. Vgl. Peter Selg, Rudolf Steiner hält Klassenstunden. Dornach 2026, S. 90 f.
  18. Ita-Wegman-Archiv, Arlesheim.
  19. Vgl. Peter Selg, Susanne H. Gross, Matthias Mochner, Anthroposophische Medizin, Pharmazie und Heilpädagogik im Nationalsozialismus 1933–1945: Band 3: Anthroposophische Psychiatrie und Heilpädagogik. Basel 2026.
  20. GA 260a, S. 35.
  21. Vgl. Rudolf Geiger, Goethes Märchen. Bilder einer konkreten Utopie. Stuttgart 1993, S. 146.
  22. Ita Wegman, Erinnerung an Rudolf Steiner. Arlesheim 2009, S. 55.
  23. Vgl. Peter Selg, «Weit über unser normales Bewusstsein hinaus …» Dornach, September 1924. Rudolf Steiners letzte Kurse. Arlesheim 2024.
  24. GA 40, S. 156.
  25. GA 270, S. 81.
  26. Ebd. S. 146.
  27. Ita-Wegman-Archiv, Arlesheim.

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