Noch bis zum 22. November ist die erste von drei Ausstellungen zu Walther Roggenkamp im Goetheanum zu sehen. Die Vernissage fand an seinem 100. Geburtstag statt.
Wenn jetzt nachmittags die Herbstsonne durch das große Fenster hereinscheint, leben die Bilder dieser Ausstellung im Goetheanum besonders stark auf. Mit Walther Roggenkamp kann man lernen, Sinneseindrücke, Vorstellungen und Begriffe in Bilder umzuwandeln. Und dieses Lernen ist nicht nur Arbeit, sondern macht auch Freude, farbige bis poppige Freude. Thomas Jorberg von der Weleda in Schwäbisch Gmünd schilderte ihn als einen Menschen mit großer Zuwendung und großem Zutrauen.
Roggenkamps Arbeit kannte man in meiner Jugend, begegnete ihr im Alltag als Reproduktion, Druckkopie, Werbeplakat, Buchillustration und nicht zuletzt in der freundlichen Wirkung der Weleda-Nachrichten und im Weleda-Kalender. Alles Grafikprodukte, die damals lange nicht als Kunst wahrgenommen wurden. In dieser äußerst produktiven Tätigkeit prägte er während Jahrzehnten das Gesicht der Weleda in der Öffentlichkeit, auch deren Schrift. Inzwischen ist die Welt voll von Grafikern und Hunderten von verschiedenen Schriften. Auch haben wir uns daran gewöhnt, uns praktisch nur noch von einer Bildreproduktion zur nächsten und in Kopien zu bewegen. Doch wir wissen die Ausnahmesituation zu schätzen, wenn wir einmal bei Originalen verweilen können. Einige Originale dieses anthroposophischen Meisters können nun aus der Nähe, frisch und sinnlich, erlebt und bewundert werden. Die wohlgehängte Ausstellung gibt einen ersten überzeugenden Eindruck von Roggenkamps zahlreichen Talenten. In dieser ersten von insgesamt drei Folgeausstellungen im Goetheanum, ‹Kosmische Botanik›, geht es um Roggenkamps Studien der Pflanzen und der Elemente. Die Arbeiten sind aus den Archiven der Weleda in Arlesheim und Schwäbisch Gmünd.
Roggenkamp kam 1926 in Ulm zur Welt. 23-jährig konnte er noch bei Henni Geck in Dornach kurz vor ihrem Tod studieren. Bald begann seine lebenslange künstlerische Arbeit für die Weleda. Von 1978 bis kurz vor seinem Tod 1995 schuf er für die Goetheanum-Bühne die Bühnenbilder der großen Aufführungen von ‹Faust›, Mozarts ‹Zauberflöte› und Rudolf Steiners Mysteriendramen oder die Bildteppiche zu ‹Olav Åsteson›.
Manche Pflanzenliebhaberin ist mit Roggenkamp zuerst bekannt geworden durch seine Schwarz-Weiß-Illustrationen in Wilhelm Pelikans dreibändiger ‹Heilpflanzenkunde›. Mitte der 1950er-Jahre fragte Wilhelm Pelikan, selbst Heilmittelforscher, Mitbegründer der Heilmittelproduktion der Weleda in Schwäbisch Gmünd und namhafter Autor, Roggenkamp nach Illustrationen für seine Bücher. Roggenkamps Bilder und Pelikans Kommentare wirken darin geradezu imaginativ. Katrin Hofmann, die mit ihm in den letzten Lebensjahren zusammengearbeitet hatte, erzählte bei der Vernissage, wie Roggenkamp die Pflanzen jeweils an ihrem Standort beobachtete und gern auch die ganze Pflanzenfamilie einbezog. Der Aspekt der Pflanzenwelt in dieser Ausstellung ist zwar nur ein Aspekt in Roggenkamps Schaffen, aber einer, der mit besonderer Resonanz wirkt. Daraus ist eine lebenslange, lehrreiche Zusammenarbeit und Beschäftigung mit den Pflanzen geworden. Aus dem Werbemann und Grafiker ist der experimentierfreudige Maler und Forscher hervorgegangen.
Bilder und Umraum
Vesna Forštnerič Lesjak von der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum betrachtete fünf Aquarelle und führte in einer kurzen, prägnanten Bildbetrachtung in die Wirkweise von fünf verschiedenen Heilpflanzen ein. Ihr Hinweis, Pflanzenbilder auch als Abbilder ihres jeweiligen bewegten Umkreises zu betrachten, ließ mich aufhorchen. Gerne hätte ich mir noch ein paar Pflanzen mehr in dieser goetheanistischen Art näherbringen lassen. Obwohl Goethe in ihrem Schlusszitat ja meinte, man sollte weniger reden und viel mehr zeichnen. Zwei dieser Bildensembles konnte ich zum Glück mit anderen zusammen eingehend betrachten.
Das breite Spektrum von Roggenkamps Fähigkeiten und Techniken überrascht und fordert auch die Betrachtung immer wieder neu heraus. Die letzten zwei großen Graustufenbilder in der Ausstellung zum Westtreppenhaus hin sind besonders geheimnisvoll und ungegenständlich. Sie wirken wie Überblendungen von mehreren (immateriellen) Bild- und Zeitebenen, wie Doppel- und Mehrfachbelichtungen übereinander, in denen man quasi nur (Schleier-)Bewegungen sieht, ohne etwas, das sich bewegt. Ruhe und Stille in der Bewegung. Wie im Kontrast dazu gibt es mehrere kleinere, feinere Arbeiten. Vier Elemente und einzelne Pflanzen auf Schabkarton, mit Druckerschwärze eingeschwärzt, dann fürs Weiß freigeschabt mit erstaunlichem Schwarz-Weiß-Resultat. Das Erdelement nur aus geraden Strichen, aber verschieden geraden Linien, Ecken und Kanten. Die Luft-, Wasser- und Feuerelemente aus runden, geschwungenen, schwingenden Linien. Die Bilder vermitteln den Eindruck von glücklichen Momentaufnahmen aus unglaublichen Bewegungen. Was Roggenkamps Bilder überhaupt nie sind, das sind ruhige, beschauliche Stillleben. In seinem Maler-Kosmos ist alles in Bewegung.
Ausstellung
- ‹Kosmische Botanik – Das Pflanzenwesen in Walther Roggenkamps Arbeit für die Weleda› in der Kunstgalerie im Goetheanum, bis 22. November 2026. Ab 4. Dezember folgen zwei weitere Ausstellungen von Roggenkamp zum siebenteiligen Bildteppichzyklus ‹Olav Åsteson› und zu ‹Schrift und Gestalt›. Alle drei Ausstellungen werden von der Sektion für Bildende Künste veranstaltet.
- Zeitgleich findet bis 29. Januar 2027 im Kunstschaudepot am Juraweg in Dornach eine Ausstellung von Walther Roggenkamp und Manfred Welzel statt.
Buchempfehlung Katrin Hofmann, Dorothea Rapp, Martin Walker (Hrsg.) Die Zeit schließt sich zum Kreis. Walther Roggenkamp. Leben und Werk Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1997.
Bilder Ausstellungsansichten, Fotos: Goetheanum Redaktion

