Therapeutische Meditationen gehören zur Medizin der Zukunft, die den seelisch-geistigen Aspekten von Gesundheit und Krankheit höhere Bedeutung einräumt,1 und viel spricht dafür, dass sie für das zentrale Herzorgan wichtig werden.2
Im Kontext der anthroposophischen Menschenkunde und Medizin geht es mit diesen Übungen darum, einen – willentlich herbeigeführten – erneuten Anschluss an die Werde-, Gestalt- und Funktionsprinzipien der eigenen, geistleiblichen Konstitution zu erlangen. Versteht man Krankheit als den Prozess einer beginnenden oder schon weithin eingetretenen Labilisierung dieser ‹Prinzipien›, so können therapeutische Meditationen einen potenziellen Beitrag zu ihrer Restitution liefern, zur Wiedergewinnung jenes ‹Bildes vom Menschen›, das inmitten der zivilisatorischen und biografischen Lebensbedingungen permanent gefährdet ist. Die Heilmantren haben in physischer, seelischer und geistiger Hinsicht Ordnungs- und Richtcharakter und stehen im Dienst der Saluto- oder Autogenese, das heißt des Aufrufens der je eigenen Gesundheitskräfte aus dem geistigen Kern des Menschen, seinem wirkmächtigen Ich. Sie sind insofern ein integrales Element einer Anthroposophischen Medizin der Zukunft, als in und mit ihnen nicht nur auf die Spiritualität des Arztes und seiner Therapie, sondern auch auf diejenige des Patienten gesetzt wird. Die therapeutischen Meditationen sind Krankenmeditationen; sie sollen nicht – oder nicht in erster Linie – für Patienten vollzogen werden, sondern von diesen selbst, sofern sie es wollen. Jeder meditative Akt ist im Bereich der individuellen Freiheit und Selbstverantwortung beheimatet; ‹stellvertretend› für den anderen – an ihm vorbei oder gar gegen seinen Willen – kann in diesem Bereich nur in Extremsituationen Positives geleistet werden. Gerade deswegen aber gehören die therapeutischen Meditationen zur Zukunft einer Humanmedizin, innerhalb derer der Patient mehr und mehr aus dem Status des ‹Behandelten› heraustreten und Mitverantwortung für seine Therapie, für seinen weiteren Weg und für sein eigenes Schicksal übernehmen kann, bis in die Tiefenregionen, -strukturen und -lebensprozesse seiner Leiblichkeit. Von einer notwendigen «Eigenbewegung, die recht sehr durchlebt wird», sprach Rudolf Steiner in seinem ersten Ärztekurs im Hinblick auf die physiologischen Grundvoraussetzungen kardialer Gesundheit.3 Diese belebte und erlebte Eigenbewegung kann jedoch auch auf das seelisch-geistige Feld und auf die hier zur Rede stehenden Meditationen bezogen werden. «Durchströme mit Sinngewalt»,4 kann so zum Motto oder Motiv einer (auto-)therapeutischen Bemühung werden, in der es darum geht, durch ein zu erübendes ‹Geist-Besinnen› den Wiederanschluss an die eigenen Daseinsbedingungen, das heißt Inkarnationsprozesse und Zukunftsbewegungen zu finden. Das Herzorgan steht im Zentrum des Organismus, des tragenden, bewegten, beseelten und durchgeistigten Leibes.5 Wird es nicht nur durch die Eigenbewegung des Blutstroms, sondern auch aus der Kraft des Ich belebt, so kann es sich in eine gesundende Richtung entwickeln – und dies nicht zuletzt auch deswegen, weil das Herz, mit einem Teil seines Wesens, dem Rhythmischen System des Menschen zugehörig ist.
Meditieren als Erinnern des Daseinsgrunds
Die therapeutischen Herz-Meditationen der Anthroposophischen Medizin verdanken ihre Entstehung der Fähigkeit Rudolf Steiners, nicht nur komplexe menschenkundliche Zusammenhänge geistig erkunden, sondern die Ergebnisse seiner Forschungen auch in Sprachgestalten verdichten zu können, die auf umschriebenem Raum Schöpfungsvorgänge wiedergeben, ja auf ihre Art in sich enthalten. Die Werde-, Gestalt- und Funktionsprinzipien menschlicher Leiblichkeit sind in diesen anthropologischen Mantren in verblüffender Weise präsent, bis in alle Einzelheiten. Bewegt der Meditierende sich im Innenraum dieser Sprüche, so vergegenwärtigt er die Sinngestalt (und funktionelle ‹Sinngewalt›) seiner eigenen Organisation. Er erinnert sich im Vorgang der meditativen Verinnerlichung an seinen eigenen Daseinsgrund, insofern dieser leiblich in Erscheinung tritt, und holt damit ins meditative Tagesbewusstsein, was allnächtlich in der organischen Regeneration in noch viel weitergehender Weise geschieht.6 Rudolf Steiners Sprachgestalten ermöglichen diesen Erinnerungsvorgang, der Aspekte einer Wiederaufrichtung des «Logos menschlicher Physis»7 in sich trägt, nicht allein durch ihren Inhalt, sondern wesentlich auch durch ihre Form, das heißt durch die Gesamtkomposition des Spruchgebildes: «Man müsste viele Bücher schreiben, wollte man den ganzen Sinn dieser Sprüche ausschöpfen, denn darinnen ist nicht nur jedes Wort bedeutungsvoll, sondern auch die Symmetrie der Worte, die Art, wie sie verteilt sind, die Steigerungen, die darinnen liegen, und noch vieles andere, sodass nur langes geduldiges Hingeben an die Sache das Darinnenliegende erschöpfen kann.»8
Im Folgenden sollen einige Herz-Mantren im Hinblick auf ihren menschenkundlichen Gehalt skizzenhaft betrachtet werden; die Mehrzahl der wiedergegebenen Sprüche entstammt dem medizinisch-therapeutischen Bereich.
Das Herz als Organ des Lebens und der Wärme
Der Bezug des Herzorgans zum Leben und zur Wärme, ja zur menschlichen Ich-Organisation – sowie zum ‹höheren Ich› – ist von grundlegender Bedeutung. In diesem Zusammenhang ist unter anderem eine Meditation von Interesse, die sich nur auf einem Notizblatt Rudolf Steiners erhielt:
Ich denke an mein Herz
Es belebet mich
Es erwärmet mich
Ich vertraue fest
Auf das ewige Selbst
Das in mir wirket
Das mich trägt.9
Die erste Zeile gibt die zentrale Aktivität der ganzen Bemühung wieder, um die es hier geht: «Ich denke an mein Herz». Die anthroposophische Spruch-Meditation setzt beim Denken an und bewegt sich wesentlich in ihm, in der Sphäre des reinen, durchlichteten Denkens, das sich am inwendig gehörten, mantrischen Wort entfaltet. Kein Erfühlen von Organen und Organzusammenhängen und kein Aufrufen von Willensimpulsen ist intendiert, sondern eine geistig-schöpferische Aktivität. Das Anwesendseinlassen des Meditationsinhaltes im Bewusstsein wird zur (nicht intellektuellen) «Arbeit des Ich» an diesem Inhalt, wie Rudolf Steiner vor Medizinstudenten und jungen Ärzten entwickelte.10 Im Horizont dieser zentrierenden Arbeit des Ich erscheint das Herzorgan, in seinen belebenden und erwärmenden Qualitäten, aber auch in seinem indirekten Bezug zur Dimension des höheren, das heißt nicht leiblich inkarnierten Ich, das den zweiten, vierzeiligen Teil des Spruches bestimmt. Erkrankungen, ja bereits Irritationen des belebenden und erwärmenden Herzens verunsichern den Menschen in einer tiefen Schicht seines Ich-Wesens. Ein Vertrauensverlust in dasjenige, was das eigene Leben, die individuelle Erdenbiografie durchwirkt und trägt, kann, wie die Traumatologie und viele andere klinische Phänomene zeigen, umgekehrt auch zu einer schwerwiegenden Veränderung des Herzerlebens führen.
Einer erschöpften und schlaflosen Tuberkulosepatientin des Klinisch-therapeutischen Instituts in Arlesheim übergab Rudolf Steiner im Zusammenhang einer komplexen Therapie den (ebenfalls siebenzeiligen) Spruch:
Sei du mein Herz
Du Seelenträger
Haus meines Gotteswesens
Das führend bei mir lebt
Licht spendend
Wärme bringend
In Zeit und Ewigkeit.11
Das «Gotteswesen», das in seiner Herzensbeziehung dem einzelnen Menschen «führend» beisteht, wird als «lichtspendend» und «wärmebringend» charakterisiert. Das Herz ist «Seelenträger», das heißt, es ist mit den seelischen Vollzügen des Menschen, insbesondere im Bereich des Gefühles (aber keinesfalls nur dort), in unmittelbarer Weise verbunden. Es ist jedoch kein alleiniges psychosomatisches Organ, sondern zugleich «Haus des Gotteswesens» und steht in Beziehung zu jenem höheren, göttlichen Ich, das dem Lebenslauf des Menschen beisteht, ohne ganz in ihn einzutreten («bei mir lebt»). Dieses höhere Ich übersteigt oder transzendiert die Zeitlichkeit – temporale Begrenztheit – der Erdenbiografie («in Zeit und Ewigkeit»); die meditative Hinwendung zu dieser Dimension des eigenen Selbst kann jedoch im inkarnierten Eigen-Sein, in der Mitte des Menschen, eine wesentliche Stärkung zur Folge haben.
Sinnesreife, Atemreife, Erdenreife
Den Sonnenbezug des Licht-Wärme-Prozesses, der die menschliche Organisation als von oben nach unten strömender Licht- und Wärmeäther durchwirkt, ruft die nachfolgende Meditation auf, die eine Patientin mit stenokardischen Herzbeschwerden erhielt:
Licht der Sonne
Wirkt vor mir
Wärme wird es
Dringt in mein Herz
Strömt durch mich
Ich bin
In Wärme12
«Göttliches Licht / Christus-Sonne / erwärme unsere Herzen / erleuchte unsere Häupter»,* formulierte Rudolf Steiner in der Grundstein-Meditation.13 Das sich zur Wärme verwandelnde «Licht der Sonne» hat Qualitäten des wahren Ich oder des Christus-Ich. Aus dieser Sonnensphäre stammen essenziale Werde- und Seinsgrundlagen des Menschen. Die Herzbildung beginnt, so Rudolf Steiner, auf dem ‹alten Saturn› in Wärmeprozessen; auf den Wegen des dort veranlagten Herz-Blut-Prozesses bereitet das Ich seine spätere Inkarnation in eine Erdenleiblichkeit vor. Es verkörpert sich stufenweise in ein Wärmegefüge und leistet dieses schließlich vom Kopf bis zum Fuß, von oben nach unten – über das Nerven-Sinnes-System (Sinnesreife) und das rhythmische System (Atemreife) in das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System (Erdenreife):
In mir die Kraft der Wärme
Ich fühle die Kraft der Wärme,
Die mich durchdringt
Durchdringt vom Kopf durch das Herz
Durch den ganzen Körper
Ich fühle mich durchwärmt.14
Die meditative Übung beinhaltet eine Schulung der Wärmeempfindung, die für herzbezogene Krankheitsprozesse von großer Bedeutung ist, ohne jedoch ganz darin aufzugehen. Sie führt vielmehr zur Vergegenwärtigung und inneren Nachschaffung des gesamten Licht-Wärme-Inkarnationsstromes, in den das Herzorgan durch seinen Bildeprozess bis in die Einzelheiten seiner Embryologie hinein einbezogen ist. Indirekt angesprochen sind auch seine spirituellen Aspekte, die mit der ‹Christus-Sonne› bzw. dem führenden ‹Gotteswesen› (in evolutionärer wie existenzieller Hinsicht) in Beziehung stehen. Das Herz ist nicht nur gebildetes Wärmeorgan, sondern es kann zu einem solchen Wärmeorgan in Zukunft immer mehr werden. Es ist und wird – auf dem Weg seiner weiteren Ausbildung, die vom geistig-seelischen Entwicklungsprozess des Menschen abhängig ist – Wahrnehmungsorgan der Weltwärme, das heißt der Ich-Natur der Umwelt und des Kosmos. Es ist und wird damit aber auch zunehmend das Organ der Durchlichtung des Leibes in Richtung einer künftigen ‹Physiologie der Freiheit›, auf die die menschliche Leiblichkeit spezifisch angelegt ist.15 «In mir die Kraft der Wärme …»
Die therapeutische Kraft des Ideals
In seinen allgemeinanthroposophischen Schriften und Vorträgen führte Rudolf Steiner wiederholt aus, dass sich das «wahrhafte Denken» des Menschen in der Verbindung von Intelligenz und Spiritualität, im Zusammenklang von Herzens- und Hauptesprozessen, vollziehen muss: «[Der Mensch] denkt zwar mit dem Kopfe, aber das Herz fühlt des Denkens Hell oder Dunkel.»16 Die Daseinsverfassung des modernen Menschen im Zeitalter Michaels ermöglicht, ja erfordert es, den Hauptesgedanken den Weg zum Herzen zu eröffnen, und die Herzvorgänge in den Denkvollzügen anklingen oder mitsprechen zu lassen: «Die Herzen beginnen Gedanken zu haben.»17 Michael, der regierende Zeitgeist, bereitet mit seinen Sonnenkräften das Herz dem Licht, das heißt, er eröffnet dem Herzen die reale Ideenwelt, so Rudolf Steiner; die Ideen können durch die damit ermöglichte Verbindung in die Sphäre von Idealen erhoben, das heißt mit Wärmekräften durchdrungen werden und gewinnen handlungsleitende, willensbezogene Kraft.
All dies hat eine unmittelbar therapeutische Relevanz. In einer weiteren Patienten-Meditation heißt es:
Ich fühle in meinem Kopf
Warme Liebekraft
Ich fühle in meinem Herzen
Leuchtende Gedankenmacht
Die warme Liebekraft
Vereint sich mit der
leuchtenden Gedankenmacht
Davon werden stark
Meine Hände
Zu gutem menschlichem Wirken.
Ich fühle mich18
Lebt das «gute menschliche Wirken» in michaelischem Sinne aus der Liebe zur Handlung bzw. aus der selbstlosen Hinwendung zur erforderlichen Tat, so beruht es in seinen physiologischen Voraussetzungen auf dem kommunikativen Austausch, der Beziehung zwischen Haupt und Herz, den – so Aristoteles – funktionellen Gegenorganen.19 Dissoziieren deren Vorgänge dagegen und isolieren sie sich je in sich selbst, so erlebt der Mensch einen progressiven Ich-Verlust. Er «fühlt» sich nicht mehr, weil er in seinem geistig-seelisch-leiblichen Zentrum, seinem Herzen, den Vereinigungsprozess versäumt und damit letztlich die Verbindung zu seinem höheren Ich, seiner ihn führenden ‹Gottesmacht› untergräbt. Seine Aktivitäten sind dann vorstellungsbetont oder triebhaft, jedoch keine ‹Handlungen› aus seinem eigenen, individuellen Wesenskern. Seine Gefühle stehen allein und werden zu abbauenden, zehrenden Kräften.
Die therapeutische Meditation ‹erinnert› in dieser pathologischen oder pathogenen Situation an das menschlich und menschheitlich Gemeinte; sie wird zum inwendig erlebten Vorbild eines anderen, in sich gesunden Lebensvollzuges. Sie hat keine magische Kraft, aber kann doch ein erster Schritt auf dem Weg zur Neuordnung des inneren Kräftegleichgewichtes sein und mündet in ein intensiviertes Selbsterlebnis, das im Raum der Meditation, später dann zunehmend auch im Lebensvollzug auftritt: «Ich fühle mich». Von der modernen Immunologie, der Salutogeneseforschung und verschiedenen anderen Disziplinen der zeitgenössischen Medizin ist im Einzelnen aufgewiesen worden, welche gesundheitserhaltende Bedeutung der inneren Werteordnung zukommt, das heißt, in welchem Ausmaß der Mensch, bis in seine medizinisch-physiologische Situation hinein, von der Verfolgung seelisch-geistiger Ziele profitiert (und wie pathogen eine entsprechende Desorientierung oder tatsächliche Leere wirkt). Die letztzitierte Herzmeditation hat mit diesem Sachverhalt zu tun und beschreibt seine anthropologischen Grundlagen. Das erkannte und verfolgte ‹Ideal› hat eine therapeutische Kraft; es vereinigt und zentriert die Seelenkräfte und mündet in die Identitätsfindung, die von biografischer Bedeutung ist. «Ich fühle mich …»
Schicksalsbejahung
In anthroposophisch-anthropologischer Perspektive ist das menschliche Herz ein umfassendes Wahrnehmungsorgan.20 Eine spirituelle Dimension dieser Wahrnehmungsleistung besteht in der Integration des gelebten Lebens in den eigenen Schicksalsgang, das heißt in der Aufnahme der jetzt hier und heute geleisteten Lebensvollzüge in das Gesamt der eigenen Biografie und des eigenen Seins. Dieser komplexe Vorgang verwirklicht sich über verschiedene Stufen. In einer weiteren Patienten-Meditation heißt es:
Ich nehme meine Schmerzen
von der linken Seite
Ich nehme meine Schmerzen
von der rechten Seite
Ich trage sie nach oben
und wandle sie in meinem Herzen
Denn ich bin stark in der Mitte.21
Der ‹obere Mensch› nimmt mithilfe des Herzorgans die Taten und Leiden des ‹unteren Menschen› wahr, der Nerven-Sinnes-Pol der menschlichen Organisation die Vorgänge des Stoffwechsel-Gliedmaßen-Pols. Das Herz leistet den zentralen Wahrnehmungsakt; in seinem Bereich finden jedoch auch bereits jene ‹Wandlungen› statt, die mit dem Übergang vom Sein ins Bewusstsein, dem Leben ins bewusste Erleben verbunden sind. Hier im Herzen werden die Handlungsvollzüge wahrgenommen, verinnerlicht und bewertet, das heißt unter moralischen Gesichtspunkten beurteilt und, so Rudolf Steiner, ins Bewusstsein «gespiegelt»: «Das ist einfach, ich möchte sagen, ganz physischerseits zu nehmen: die Gewissensbisse, die in unser Bewusstsein hereinstrahlen, sie sind dasjenige, was von unseren Erlebnissen durch das Herz reflektiert wird. So lehrt es einen die spirituelle Erkenntnis des Herzens.»22 «[…] Alles das, was im Menschenleben moralisch geschieht, und das, was auf der anderen Seite physisch geschieht, das schließt sich gerade im Menschenherzen zusammen.»23
Das Herz, in dem das Gegenwärtige wahrgenommen, bewertet und metamorphosiert wird, ist damit Gedächtnisorgan der individuellen Biografie und Instrument der Zukunftsgestaltung. Durch seine physischen, seelischen und geistigen Vollzüge trägt es Unverzichtbares zur Integration der eigenen Lebensgestalt bei, das heißt zur Annahme und zum verwandelnden Einbezug des Seienden in ein übergeordnetes Ganzes, für das Verantwortung zu übernehmen ist – und dies wiederum in physischer, seelischer und geistiger Hinsicht. Die Schmerzen von der linken Seite und diejenigen der rechten Seite sind existent und müssen wahrgenommen, nach oben getragen und verwandelt werden, ob sie somatischer oder biografischer Natur sind. Das Wort, das in Menschenleben gestaltet, muss im Herzen gelesen werden – dann kann sich schrittweise jene Schicksalsannahme und -einsicht vollziehen, die in vielen Krankheits- und Therapieprozessen der fundamentale und alles Weitere erst ermöglichende Akt ist. Die ‹Sprache des Herzens› kann gefunden und aktiv gehandhabt werden, wodurch sich der Fortgang des eigenen Werdens vollzieht. Voraussetzung dafür aber ist der gelungene Wahrnehmungsakt, von dem alles auszugehen hat. Im Raum der Wortmeditation können diese Vorgänge urbildlich zugelassen und geübt werden, und dies auch dann, wenn ihnen im Leben noch eine Vielzahl von Hindernissen entgegensteht. Die Sphäre der Meditation eröffnet den Weg bzw. eine erste Schneise zur Lichtung und bestärkt den Menschen in seinem Vermögen, weiterzugehen: «Denn ich bin stark in der Mitte.»
Es deuten die Herzen das Karma
Wenn die Herzen lernen
Lesen das Wort
Das in Menschenleben
Gestaltet
Wenn die Herzen reden
Lernen das Wort
Das im Menschenwesen
Gestaltet.24
Die beseelte Menschensonne
Keiner Patientin, sondern der Mutter Ita Wegmans, Henrietta Maria Wegman, schenkte Rudolf Steiner zu ihrem 73. Geburtstag (am 27. November 1924) den abschließend betrachteten Herz-Spruch. Ebenso wenig wie bei den Strophen «Es deuten die Herzen das Karma …», die Rudolf Steiner Ita Wegman neun Monate zuvor, am 27. Februar 1924 übergab, handelt es sich hier um eine therapeutische Meditation im eigentlichen Sinne. Beide Sprüche berühren das Christus- oder Logos-Geheimnis des menschlichen Herzorgans, seinen Bezug zur geistigen Sonne, zum ätherischen Licht- und Wärmestrom und zum höheren Ich des Menschen. Das Herz des Menschen ist unter Zugrundelegung eines geisteswissenschaftlich erweiterten Organbegriffs als ‹Christus-Organ› des Menschen anzusprechen; es hat eine besondere Beziehung zu jener Wesenheit, die das individuelle Schicksal ermöglicht, bejaht und in zunehmendem Maße mit dem Schicksal der Gesamtmenschheit verbindet. Christus, so Rudolf Steiner, beginnt in der Gegenwart, zum nachtodlichen «Herrn des Karma» zu werden, und er leistet dies in enger Beziehung und Abstimmung mit jenen humanphysiologischen Herzprozessen, die das Zeitliche in das Ewige weiterverwandeln: «Was heute die Menschen noch nicht glauben, sie werden es einmal glauben: dass dasjenige, was heute nur wirken kann als Christus-Kraft in den menschlichen Herzen selbst, wirksam empfunden werden wird den ganzen Kosmos durchdringend […].»25 Im Raum der Meditation ist das Herz als Christus-bezogenes Sonnenorgan und als Ausgangspunkt einer neuen Leiblichkeit des Menschen erlebbar; in ihm kann jene ‹Physiologie der Freiheit› ihren Anfang nehmen, die der Zukunft der Erde und der Menschheit angehört, aber bereits im Hier und Heute, in Gesundheit und Krankheit, beginnt. Im geistigen Herzen ist die absolute Bejahung des Menschenwesens, in allen seinen Gestalten und Gebrechen, erlebbar, die den Christus auszeichnet, und deren meditative Vergegenwärtigung oder Innewerdung von unverzichtbarer Bedeutung für alles Weitere ist:
Schau ich in die Sonne,
Spricht ihr Licht mir strahlend
Von dem Geist, der gnadevoll
Durch Weltenwesen waltet.
Sonne du Strahlentragende,
Deines Lichtes Stoffgewalt
Zaubert Leben aus der Erde
Unermesslich reichen Tiefen.
Fühl’ ich in mein Herz,
Spricht der Geist sein eignes Wort
Von dem Menschen, den er
Liebt durch alle Zeit und Ewigkeit.
Herz, du Seelentragendes
Deines Lichtes Geistgewalt
Zaubert Leben aus des Menschen
Unermesslich tiefem Innern.
Sehen kann ich, aufwärtsblickend
In der Sonne hellem Rund:
Das gewalt’ge Weltenherz.
Fühlen kann ich einwärtsschauend
In des Herzens warmem Leben:
Die beseelte Menschen-Sonne.26
Bild Adrien Jutard
Fußnoten
- Vgl. Peter Selg, Patienten-Meditationen von Rudolf Steiner. Arlesheim 2019, S. 11 ff.
- Vgl. Christoph Rubens, Peter Selg (Hrsg.), Das menschliche Herz. Kardiologie in der Anthroposophischen Medizin. Arlesheim 2014, S. 321ff.
- GA 312, S. 177.
- GA 40, S. 57.
- Vgl. Peter Selg, Mysterium cordis. Aristoteles, Thomas von Aquin, Rudolf Steiner. Arlesheim 32025; Armin Husemann: Die Blutbewegung und das Herz. Stuttgart 2019.
- Vgl. Peter Selg, Vom Logos menschlicher Physis. Dornach 2006, S. 148 ff.
- Ebd.
- GA 268, S. 8.
- Ebd. S. 181.
- Vgl. GA 316, S. 145 ff.
- Vgl. GA 268, S. 173.
- Ebd. S. 163.
- GA 40, S. 109.
- GA 268, S. 182.
- Vgl. Peter Selg, Vom Logos menschlicher Physis. S. 173 ff.
- GA 26, S. 117.
- Ebd. S. 62.
- Faksimile in: Peter Selg, Mysterium cordis. S. 168.
- Ebd. S. 43 ff.
- Vgl. Christoph Kaufmann, in: Christoph Rubens, Peter Selg (Hrsg.), Das menschliche Herz. S. 71 ff.
- Peter Selg, Patienten-Meditationen von Rudolf Steiner. S. 107 ff.
- GA 205, S. 105.
- GA 212, S. 126.
- Peter Selg, Mysterium cordis. S. 149.
- GA 161, S. 213.
- Faksimile der Niederschrift und Kontext in: Peter Selg, «Die beseelte Menschen-Sonne». Eine Herzmeditation Rudolf Steiners. Arlesheim 2011.

