Auch das Thema Resilienz wird auf der Jahreskonferenz der Medizinischen Sektion am Goetheanum vom 16. bis 20. September 2026 eine Rolle spielen. Der dritte Teil unserer Artikelserie widmet sich der Frage, wie wir resilienter werden können.
Der Umgang mit einer körperlichen Wunde kann hilfreich sein, um sich ein Bild vom therapeutischen Prozess zu machen, selbst bei traumatischen Erfahrungen, die eher sozialer, sensorischer oder emotionaler Natur sind. Ein Aspekt aller Heilungsprozesse ist die Möglichkeit, dass eine Narbe zurückbleibt. Sie markiert die Stelle am Körper, an der eine Verletzung stattgefunden hat. Sie verrät uns etwas über das Ausmaß und sogar das Alter der Verletzung. Auch emotional tragen wir Narben, doch deren Lage und Alter lassen sich vielleicht nicht so leicht erkennen. Sie befinden sich an den unterschiedlichsten Stellen. Sowohl für körperliche als auch für psychische Wunden gilt: Wenn sich Narben bilden, machen sie diesen Teil von uns ein wenig härter. Narben schaffen ein Schutzgewebe, das in der Regel härter als das umgebende Gewebe und weniger flexibel ist, manchmal aber dennoch recht empfindlich bleibt. Resilienz jedoch entsteht durch eine ganz andere Art von Aktivität als bei der Narbenbildung. Sie beruht eher auf flexibler Stärke als auf Starrheit. Es geht weniger um das Bilden als vielmehr um das Bewegen und Anpassen. Unsere resilienten Kräfte befinden sich nicht in einem bestimmten Körperteil und sind nicht auf ein einzelnes Organ konzentriert. Die psychologische Forschung zur Resilienz hat eine Kombination von Faktoren erkannt, die als ‹Kohärenzgefühl› beschrieben wird. Drei Hauptfaktoren spielen dort eine Rolle: Verständlichkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit. Aus anthroposophischer Sicht sind sie sinnvoll, da sie die Bedeutung des dreigliedrigen Menschen mit seinen Fähigkeiten zum Denken, Wollen und Fühlen anerkennen.
Verweben macht widerstandsfähig
Wenn etwas ‹verständlich› ist, können wir es mit unseren Wahrnehmungs-, Beobachtungs- und Denkprozessen erfassen. Verständlichkeit hängt mit unserem Verstand und unserem Nerven- und Sinnessystem zusammen. Wie sehr wir eine bestimmte Erfahrung als ‹bewältigbar› empfinden, hängt stark davon ab, welche Veränderungen wir in einer Situation bewirken können. Verfügen wir über die richtigen Werkzeuge (körperliche, funktionale, soziale, geistige), um einen Prozess in die Hand zu nehmen und uns darauf einzulassen? Bewältigbarkeit bezieht sich auf unseren Willen und auf das System unseres Stoffwechsels und unserer Gliedmaßen. Sinn zu finden, selbst in herausfordernden Situationen, bedeutet, dass unser Gefühlsleben nicht abgestumpft ist, dass es nicht stillgelegt wurde. Stattdessen wird unser Gefühlsleben vielschichtig. Wir empfinden zwar auf seelischer Ebene (astral) immer noch Schock oder Schmerz, aber dennoch gibt es Momente, in denen wir eine größere Perspektive erkennen können. Unser Ich-Sein greift ein und hilft uns, Einsicht darüber zu gewinnen, warum etwas geschieht, vielleicht sogar mit einem Schimmer von Erkenntnis über unsere Rolle oder Verantwortung. Diese dynamische, vielschichtige Gefühlsaktivität auf der Suche nach Sinn findet ihren Platz in unserer Brust, unserem Herzen, unseren Lungen, im rhythmischen System. Das ‹Kohärenzgefühl› hängt nicht von einer dieser drei Komponenten ab, sondern von allen drei. Das Zusammenspiel von Denken, Wollen und Fühlen gibt uns Kraft. So wie wir uns nicht allein mit Schlauheit durch alle Probleme hindurch manövrieren können, können wir uns auch nicht mit bloßem Willen durch alle Hindernisse hindurchkämpfen. Das Gefühlsleben, das ohne Verständnis oder überschaubare nächste Schritte sich selbst überlassen bleibt, kann sich einfach in endlosen Gefühlskreisläufen verstricken. Wir sind auf Denken, Wollen und Fühlen angewiesen, genauso wie unser Körper Kopf, Hände und Herz braucht. Wollte man jedoch eine Eigenschaft oder einen Prozess benennen, der die Resilienz unterstützt, dann ist es wahrscheinlich die Fähigkeit zum Verweben.
Steiners Angaben zur spirituellen Entwicklung zeigen, wie wir die Elemente unseres physischen und geistigen Selbst aktiv und bewusst wieder miteinander verweben können. So führen uns beispielsweise die ‹Nebenübungen› direkt auf diesen Weg: Zunächst bringen wir den Willen in das Denken ein, dann das Denken in die Tätigkeit, und schließlich schaffen wir aus diesen beiden Strömungen einen Raum für das Gleichgewichtsgefühl (Gelassenheit). Durch spirituelle Praxis können wir daran arbeiten, die verschiedenen Teile von uns kontinuierlich wieder miteinander zu verbinden, selbst wenn sie durch Schocks getrennt oder durch Narben verhärtet wurden. Resilienz entsteht nicht aus einer Substanz, sondern aus einem Prozess, in dem wir immer wieder üben, zu verweben.
Hier sind drei Meditationen, wie wir ein Gewand weben können, das uns schützt und leitet, damit wir mehr Widerstandskraft, Stärke und Mut finden.
Für Kopf, Brust und Gliedmaßen:
Wärme weset um mich.
Das Licht, es strahlet in mein Haupt,
in ruhiger Kraft empfind ich es.
Die Luft, sie strömet in meine Brust,
in ruhiger Kraft eratme ich sie.
Die Schwere, sie hält mich auf der Erde,
in ruhiger Kraft erlebe ich sie.
In Licht, Luft, Schwere,
empfindend, atmend, erlebend,
webt mein ganzes Wesen.
Wärme ist in mir.1
Um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verweben:
Die Jahre fließen in den Zeitenstrom,
Dem Menschen lassen sie Erinnerung;
Und im Erinnern webt der Seele
Sich Sein mit Lebenssinn zusammen.
Erleb’ den Sinn, vertrau dem Sein;
Und Weltenleben wird sich einen
Mit deines Wesens eig’nem Kern.2
Und zwischen niederem und höherem Selbst:
Göttliches in meiner Seele
Dir will ich Raum geben
In meinem bewussten Wesen:
Du bindest mich an alles
Was Schicksalsmacht mir zugebracht
Du lösest mich nimmer
Von dem, was zu lieben
Du mir geschenkt:
Dein Geist wachet über das Meine
Denn es ist auch das Deine:
So will ich wachen mit dir,
Durch dich, in dir
Was du beschlossen mit dem Deinen
Ich will stark sein, zu erkennen
Dass es Weisheit sei.3
Foto Maksym Kaharlytskyi, unsplash


