Lerche, die in Freiheit singt

Die Individualität und das Leben des Franz von Assisi spiegeln den Weg, die Wahrheit und das Leben Jesu Christi wider. Noch heute kann jeder, den Franziskus im Innersten berührt, von seinem Geist bewegt werden, seine Werte neu ausrichten und die Schönheit der Schöpfung erfahren. Franziskus war ein ‹ewiger Verliebter›.


Jeder Dichter und jeder Heilige braucht sein eigenes Klima, in dem sich seine Seele der Sonne öffnen kann. Franziskus ist ohne Assisi, eine der ältesten Städte Italiens, undenkbar. Er war der Sohn des reichen Kaufmanns und Gutsbesitzers Pietro Bernardone.1 Auch er sollte den Weg des Kaufmanns gehen. Schon in jungen Jahren verdiente er schnell Geld, das er dann verschwenderisch ausgab. Die Menschen liebten ihn sofort. Er war charismatisch, von Begeisterung erfüllt, liebte das Leben und all seine Freuden. Er reiste mit seinem Vater an die französischen Adelshöfe, war berauscht von Troubadourliedern, Heldentaten der Ritter. Seine Fantasie brannte auf der Suche nach großer, wahrer, leidenschaftlicher Liebe – einer Liebe, der das Herz treu und hingebungsvoll dienen würde. Die Frau war für ihn das Ideal, das ihm half, ein ehrenhaftes, ritterliches Leben zu führen. Seine verspielte Seele glich einem Schmetterling auf einer Wiese, berauscht von Schönheit, der italienischen Sonne, dem Leben, der Ruhe und tiefer Sehnsucht.

Franziskus war der Anführer der Jugend von Assisi. Als begnadeter Sänger und geborener Dichter, in prächtigen Troubadourkleidern, mit einer Flöte in der Hand, eroberte er die Herzen junger Frauen, die wie Olivenzweige zitterten. Doch bald legten sich Schatten über diese enthusiastische, unbeschwerte, überaus gesellige und lebensfrohe Seele. Seine Jugend verbrachte er in einer turbulenten Zeit. Kaiser kämpften gegen Päpste, Fürsten gegen Könige, Städte gegen Städte. Als er 17 Jahre alt war (1202), tobte ein Bürgerkrieg; die Stadtbevölkerung rebellierte gegen den Adel. Auch Franziskus kämpfte, wurde gefangen genommen und ein Jahr im Gefängnis der Stadt Perugia eingekerkert. Doch selbst dort verließ ihn seine Fröhlichkeit nicht. «Wie könnte ich nicht singen? Wisst ihr denn nicht, dass mir eine große Zukunft bevorsteht und dass eines Tages die ganze Welt von mir sprechen wird?» Er tröstete seine verzweifelten Mitgefangenen herzlich und erzählte ihnen von wahrer Ritterlichkeit, die einen unabhängigen Geist und ein freies Herz zu bewahren weiß.

Nach seiner Rückkehr wurde er schwer krank und blieb lange im Krankenbett. Die Krankheit traf ihn härter als das Gefängnis. All seine jugendlichen Illusionen zerbrachen. Sein bisheriges Leben empfand er als Torheit und Zeitverschwendung. Freuden erschienen ihm wie Blumen, die blühen und verwelken. «Das wahre Leben muss jenseits dieser vergänglichen Illusionen liegen […] Was stirbt, ist nicht Leben. Die Wahrheit liegt jenseits des nebligen Vorhangs.» Dies war der erste Schritt seiner großen Wandlung.

‹Der heilige Franziskus in den Sümpfen›, Greg Tricker, Tempera und Mischtechnik auf Holz

Nackt und hilflos

Franziskus war überzeugt, zu Großem berufen zu sein. Doch nur wer sich auszeichnet, wer berühmt, anerkannt und klug ist, gilt als groß. Unruhe machte sich in seiner zuvor so unbeschwerten Seele breit. Dann brach unter Papst Innozenz III. erneut Krieg aus. Franziskus meldete sich begeistert freiwillig und ritt auf einem prächtig geschmückten Pferd aus der Stadt. «Ich werde als Fürst zurückkehren!», rief er seinen Kameradinnen und Kameraden zum Abschied zu. Doch bald befiel ihn erneut Fieber, und er musste umkehren. Träume von Ruhm verflüchtigten sich wie Wolken. Eine Traurigkeit ergriff ihn. Hatte sich das Leben gegen ihn verschworen? Er verstummte. Im Kreise seiner Freunde sang sein Herz nicht mehr, er wurde seinen Nächsten fremd. Er begegnete den Armen auf der Straße, teilte seine Kleider mit ihnen, und das Gefühl der Ungerechtigkeit nagte an seinem Herzen. Die ersten Klänge von Gottes Melodien wurden in dieser Stille geboren.

Franziskus hatte kein höheres Ideal als die Freiheit. Sind wir frei, wenn wir nicht wie die Vögel im Himmel leben können, wenn wir nicht dem Vater vertrauen, der sich um die Rehe im Wald kümmert? Wahre Ritterlichkeit bestand für ihn nun darin, die Seele von Gewalt, Macht, Ehre, Gier und jeder Art von Begierde zu befreien. Der Glaube an ein anderes Leben wurde geboren – in der Botschaft Christi, in der der Mensch weiß, dass er gewinnt, indem er all dies hinter sich lässt. Dies erforderte eine radikale Veränderung der Lebenseinstellung. Es genügte Franziskus nicht, Gott anzurufen und die bestehende Lebens- und Denkweise beizubehalten. Er erkannte, dass die Gier nach Gütern die spirituellen Kräfte versklave und Gott langsam aus der Welt entferne. Ihm dämmerte die Erkenntnis, dass Armut die einzig wahre Ritterlichkeit und der Weg zur wahren Freiheit sei. Der aufrichtige Wunsch, dass alle anderen mehr hätten als er, dass alle anderen wichtiger wären, wurde für ihn zum einzigen Weg zu Christus. Gott und den Nächsten mehr zu lieben als sich selbst, wurde für ihn zum Liebesbündnis mit Gott und jedem Mitmenschen. Franziskus machte es sich mit all seinen Gedanken, Gefühlen und seinem Willen radikal zu eigen. Christus hatte kein Zuhause, keinen Besitz. Er wandelte, lehrte und lebte wie die Vögel unter dem Himmel.

‹Bruder Pferd›, Greg Tricker, farbiges Glas

Die letzten Fesseln der Blutsverwandtschaft

Franziskus spielte mit dem Gedanken, einer dieser Armen zu werden. Seine Eltern machten sich zunehmend Sorgen. Er reiste nach Rom und tauschte vor dem Kircheneingang die Kleidung mit einem Bettler. Innerlich brach etwas in ihm zusammen. Er schämte sich und fragte sich, ob er verrückt sei. Als er das letzte Hindernis überwand, den Kuss eines Aussätzigen, durchbrach er die letzte Mauer in sich – und wurde von gnadevollem Glück ergriffen. Obwohl er eine Art Rebell war, hegte er keine destruktiven Gedanken oder Kritik an irgendjemandem. Er zerstörte weder die Gesellschaft noch die Kirche, er klagte nicht an und verleumdete niemanden. Er folgte nur treu seinen Idealen, ohne jede Abweichung. Alles, was zuvor süß war, wurde nun bitter und umgekehrt.

Aber Franziskus’ Seele erlebte die Schönheit nun noch intensiver. Er sah in der Natur die Güte und Zärtlichkeit des Vaters, der mit seinem Atem alle Geschöpfe belebt. Doch diese Liebe einte nicht nur, sondern trennte auch. Franziskus wurde zur Schande für seine Familie. 1207 stellte er sich öffentlich auf dem Markt seinem Vater entgegen, während der Bischof die Debatte der Würdenträger leitete. Nackt, nur mit einem Stück Stoff um die Hüften, verleugnete der Sohn seinen Vater, bevor dieser ihn öffentlich enterbte. Die letzten Fesseln langer Gefangenschaft waren gelöst, und eine Reise ins Ungewisse erwartete ihn. Franziskus suchte Zuflucht in der Natur, wo aus den Tiefen seiner Seele ein Lied geboren wurde – Ausdruck von Freiheit und grenzenloser Gnade.

Er wanderte umher und fand zunächst Zuflucht bei den Benediktinern. Dort folgte er dem Gesetz seines Herzens: Er war der Geringste, der Letzte, unwürdig, alle anderen hätten mehr Recht. In der zerstörten Kirche San Damiano sprach Christus, der dort am Kreuz hing, wie in einer Vision direkt zu ihm und offenbarte das Geheimnis der Menschwerdung und die grenzenlose Liebe Gottes. Er beschloss, die Kirche wieder aufzubauen, und begann, unter seinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern zu betteln. Sie kannten ihn von früher, empörten sich und verfluchten ihn. Ehemalige Freunde verspotteten ihn, Kinder bewarfen ihn mit Steinen, sein Vater verfluchte ihn, wenn er ihm auf der Straße begegnete. Doch er besänftigte sie mit einem Lied, dankte ihnen so herzlich und bat so sanft um Gottes Segen, dass es ihre harten Herzen erweichte.

‹Der Traum›, Greg Tricker, Tempera auf Holz

Spirituelle Entwicklung

Franziskus war ungebildet und lehnte das Lernen stets ab. Er sagte: «Ich danke dir, Vater, dass du dies den Großen und Weisen verborgen und den Kleinen offenbart hast.» Die Menschen lernten mit verblendeter Seele und wurden dadurch arroganter, anstatt demütiger zu werden. So entfernte sich das Wissen immer mehr von der Liebe, das Licht von der Wärme, das Gebet vom Lernen. Franziskus wusste, dass es andere Wege gab, doch dem Leben Christi treu zu folgen, war für ihn am naheliegendsten. Er verweilte in Stille und stiller Kontemplation, im Dialog mit Gott und in der Gewissheit seiner Allgegenwart. Für ihn war ein Gebet nur dann ein Gebet, wenn man selbst ganz Gebet wurde.

Während er die Kirche San Damiano und die Portiuncula restaurierte, stärkte Gott ihn an Seele und Willen. Dort offenbarte sich ihm schließlich, dass ihm der Weg eines Ritters und Anführers eines ganz besonderen Heeres bestimmt war. Er würde der Bote des einzig wahren Königs sein und war berufen, den mystischen Leib der Kirche, der bereits bis in die Grundmauern verrottet war, wiederherzustellen. Franziskus fasste Mut für seine erste Predigt auf dem Hauptplatz von Assisi. Mit seiner Anmut und seinem inneren Feuer vertrieb er das Böse und spornte die Seelen zur Tugend an. Ohne jegliche Bildung verkündete er aus tiefstem Herzen das Evangelium der Liebe. Die ersten Jünger schlossen sich ihm an – der reiche Kaufmann Bernardo da Quintavalle aus Assisi und der gelehrte Jurist Pietro de’ Cattani.

Von diesem Moment an sollte die Gemeinschaft für Franziskus die schwerste Last sein, denn er wollte allein und in Freiheit leben. Er teilte sie in zwei Gruppen: jene, die predigten, und jene, die halfen, wo immer sie gebraucht wurden. Franziskus’ Brüder bettelten nicht nur, sondern arbeiteten hart. Als sich zwölf Brüder gefunden hatten, brach ein strenger Winter über sie herein. Viele Herausforderungen folgten. Franziskus begann, die Regel der Büßer von Assisi zusammenzustellen. Erst später nahmen sie den Namen ‹Minderbrüder› an. Er wollte nach Rom reisen, um dem Papst seine Gemeinschaft und ihre Ideale vorzustellen und sie vor Verdacht zu schützen. Zuerst empfing Kardinal Johannes von Sankt Paulus sie und riet ihnen, sich in ein Kloster zurückzuziehen, unter Disziplin und Aufsicht. Franziskus wollte jedoch weder ins Kloster noch einen Orden gründen. Er wollte lediglich die offizielle Zustimmung, dass sie nach dem Evangelium leben dürften, damit niemand sie als Gegner der damals mächtigen Kirche betrachtete. Der Kardinal erkannte bereits ihre große spirituelle Kraft und das Potenzial, welches die Kirche für sich nutzen wollte. Franziskus ahnte nicht, dass er bald gezwungen sein würde, sein Lebensideal einzuschränken. Innozenz III. war ein ausgezeichneter Papst und Staatsmann, ein kluger Realist und ein scharfsinniger Geist. So trafen sich 1209 zwei sehr unterschiedliche, aber bedeutende Menschen. Der Papst verweigerte ihnen zwar vorerst die formelle Zustimmung, autorisierte sie jedoch zum Predigen. So begann Franziskus seine offizielle Predigt in der Kirche von Assisi. Das Wort des Evangeliums durchdrang die Seelen und erfüllte die Herzen mit Schönheit, Erhabenheit und Wärme. Er sprach nicht gelehrt und rhetorisch, sondern unmittelbar aus dem Herzen.

‹Bruder Wolf›, Greg Tricker, Sepia-Tinte und Aquarell auf Papier

Die Frau ist ein göttliches Geschöpf

Eine Frau trat schon früh in sein Leben. Franziskus’ Weg wäre ohne sie undenkbar. Sie war sein Vorbild, ein göttliches Geschöpf, eine Quelle der Inspiration, ein Grund zum Opfer. Von dem Moment an, als Franziskus zu predigen begann, begleitete ihn Klara treu. Seine Worte waren für sie ein Echo ihres Herzens, und was er sagte, war, als schöpfe er aus ihrer Seele. Dies ist das Geheimnis von Herzen, die ewig in Liebe verbunden bleiben. Klara war die Tochter eines Grafen. Sie begann, sich heimlich von zu Hause wegzuschleichen und Franziskus in der Portiuncula zu besuchen. Franziskus fürchtete sich nicht vor der Seele einer Frau; er wusste, dass Frauen genauso zu Gott berufen waren wie Männer. Deshalb nahm er sie als seine Schwester an, schnitt ihr selbst das üppige, wellige Haar ab und sie legte ihr Gelübde ab. Dies rief einen weiteren Skandal in Assisi hervor. Ihre Schwester Katharina lief ihr nach, später auch die dritte Schwester und nach dem Tod des Grafen auch ihre Mutter.

Franziskus schenkte Klara seine erste Liebe: die Kirche San Damiano. Dort schlossen sich ihr viele andere Mädchen aus Assisi an. Die Brüder und Schwestern lebten eine Zeit lang in Idylle zusammen, tauschten sich aus und kümmerten sich umeinander. Da einige Brüder jedoch begannen, sich zu sehr um die Schwestern zu kümmern, musste Franziskus sie 1219 verstoßen und in ein eigenes Kloster schicken. Dies brach ihm das Herz. Doch die Verbindung zwischen ihm und Klara blieb trotz der räumlichen Trennung innig. Im frühen Mittelalter wurde darüber debattiert, ob Frauen überhaupt eine Seele besäßen. Kirchengelehrte und Würdenträger, darunter Thomas von Aquin, sahen die Frau nicht als göttliches Wesen an. In diesem Sinne war Franziskus für seine Zeit bewundernswert fortschrittlich.

‹Heilige Klara›, Greg Tricker, Tempera und Silber auf Holz

Verantwortung und Schuld

Er trug die Verantwortung für all jene, die ihre Häuser und Familien verlassen hatten. Es war die Zeit der Kreuzzüge. Deshalb beschloss Franziskus, Christi Lehre von der universellen Brüderlichkeit der Menschheit nicht nur den Christen, sondern auch den Heiden zu verkünden. Er wollte in den Osten nach Syrien reisen, doch der Wind trieb sein Schiff an die Küste Kroatiens. Er musste umkehren. Auch seine Reise nach Marokko scheiterte. Doch die Lehre verbreitete sich unterdessen rasch in Italien.

Auf dem Vierten Laterankonzil am 11. November 1215 begegnete er dem heiligen Dominikus, dem Gründer des Dominikanerordens. Dennoch blieb Franziskus der weltlichen Bildung gegenüber skeptisch. Er sah darin einen Umweg, der ihn von Einfachheit und Demut wegführte, das Herz verhärtete und zu nutzloser Weisheit führte. Dennoch erkannten er und Dominikus sofort die spirituelle Größe des jeweils anderen. Bald darauf besuchte Kardinal Ugolino die Franziskanerbrüder und sollte den ‹Orden› später in die Strömungen der Kirche wie gesundes Blut in einen kranken Leib einbinden. Dieser Kardinal wurde später Papst Gregor IX.

Im Jahr 1217, als die franziskanische Bewegung bereits sehr groß war, beschloss er, die Grenze Italiens zu überschreiten und nach Ungarn, Kroatien und Slowenien (damals Ungarn) vorzudringen. Die Brüder trennten sich und predigten in Frankreich, Spanien und Deutschland, wo sie eine schwere Niederlage erlitten. Sie wurden grausam ausgepeitscht, gefoltert und über die Grenze zurückgetrieben. Franziskus empfand Schuld gegenüber den Opfern und bat Ugolino, seine Gruppe zu übernehmen und zu organisieren. So befreite er sich von dieser Last und überließ seine Brüder als seinen größten Schatz.

Franziskus zog sich daraufhin in die Einsamkeit der Berge zurück, wo er Versuchungen ausgesetzt war. Nach langem Fasten und innerem Kampf kehrte er gestärkt zurück. Im Jahr 1219 fand die jährliche Versammlung seiner Mitbrüder statt, an der über 5000 Menschen teilnahmen, darunter auch Dominikus, der Franziskus aufrichtig bewunderte. Erneut wurde beschlossen, in den Osten zu reisen. Erneut gab es Opfer. Die Gruppe, die nach Afrika aufbrach, starb vollständig. Als die Leichen nach Portugal überführt wurden, trat Antonius von Padua dem Orden bei.

Im Nahen Osten traf Franziskus den Sultan, der seinen Brüdern die Erlaubnis erteilte, sich frei im muslimischen Gebiet zu bewegen. Franziskus bekehrte keinen der Muslime, zeigte ihnen aber, dass es auch unter Christen sehr gute Menschen gab. Die religiöse Toleranz der muslimischen Welt beeindruckte ihn zutiefst.

Im Jahr 1220 landete Franziskus erschöpft und mit einer schweren Augenkrankheit in Venedig. Er suchte Ruhe und Erholung. In seinen Reihen kam es bereits zu Verrat an der Lebensweise, die Ordensregeln änderten sich. Franziskus erlebte innere Rückschläge, während die Brüder begannen, Ländereien zu erwerben und Klöster zu errichten. Franziskus’ ursprünglicher Impuls, auf alles zu verzichten, war abgestorben. Die neuen Regeln forderten strikten Gehorsam. So kam es zur Abschaffung der einst so erhabenen Freiheit, die das höchste Ideal darstellte. Franziskus litt, da jedes Gesetz, jede Regel, die Strafe brachte, für ihn das Alte Testament, eine Zeit der Angst, des Zwangs und nicht die Liebe verkörperte.

Er schickte seine Mitbrüder erneut ins ‹Land des Horrors›, nach Deutschland. Unter den Freiwilligen war Thomas von Celano, Franziskus’ erster Biograf. Diesmal wurden sie von der offiziellen Kirchenorganisation gut aufgenommen. Kardinal Ugolino wollte nun zwei neue, mächtige spirituelle Kräfte vereinen: die Dominikaner als ‹Intellektuellenorden› und die Franziskaner, die Franziskus wie «kleine Narren» hütete. Franziskus lehnte den Vorschlag ab, zog sich zurück und verfasste in der Einsamkeit einen neuen Leitfaden für die Minderbrüder – ein lauter Schrei seiner verwundeten Seele, ein Echo tiefer Sorge. Doch die Brüder waren bereits gespalten und wollten den Leitfaden nicht annehmen. Bruder Elias, der viele Jahre erfolgreich im Osten gewirkt hatte, liebte Franziskus und war zugleich der Kirche gehorsam. Er sah es nicht als Verrat an, den ‹Minderbrüdern› den Leitfaden des heiligen Dominikus vorzuschlagen. Franziskus fühlte sich besiegt. Von nun an sollten die ‹Minderbrüder› ein gemeinsames Haus, gemeinsame Besitztümer und ein Buch als Wegweiser zur Suche nach Wahrheit und Licht teilen.

Franziskus warnte seine Brüder vor dem Lernen, doch die Wissenschaft verführte viele. Sie atmeten den Geist der Zeit. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstand eine fieberhafte Sehnsucht nach Wissen. Damals wurden in Europa 17 Universitäten gegründet, acht davon in Italien. Die erste franziskanische theologische Schule wurde in Bologna ohne Franziskus’ Zustimmung gegründet. Doch Franziskus brauchte Brüder, die im Geiste vollkommen waren, nicht Gelehrte. In erster Linie musste durch Taten, durch das Leben selbst und nicht durch Worte und Theorie gepredigt werden. Das war seine Überzeugung.

Franziskus wusste insgeheim, dass die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis auch ein Dienst an Gott war. Aber er kannte die Menschen nur allzu gut. Sobald sie Anerkennung erlangten, wurden sie blind und taub für die Stimme Gottes. Franziskus war ein Ideal für seine ersten Jünger, später aber wurde er zunehmend zum Hindernis. Das große Kloster der Franziskaner am Rand von Paris wurde bald gegen seinen Willen zu einer Universität mit 240 Studenten. Damit änderten sich auch die Regeln für die Aktivitäten der Brüder. Gegen seinen Willen konnten nur gebildete Brüder höhere Positionen innerhalb des Ordens bekleiden. Ein verwundeter Idealist, der sich nichts sehnlicher wünschte, als dem Leben Jesu Christi, frei unter den Menschen wandelnd, predigend und heilend, zu folgen, ohne Buch, ohne Haus und ohne Besitz, litt, betete und weinte nun. Seelische Qualen schwächten ihn körperlich bis zur Erschöpfung. Wer zu solch vollkommener Liebe und Freiheit aufsteigt, kann nur schwer verstehen, dass dies nicht jedem möglich ist. Die Flucht des Einzelnen ist nicht der Weg der Menschheit.

‹Franziskus, Sonne & Mond›, Greg Tricker

Den Idealen radikal treu

Doch er predigte weiter auf seine Weise, entwickelte neue Ideen und gewann unermüdlich neue Anhänger. Er ermöglichte den gewöhnlichen Menschen, dem Weg des Evangeliums zu folgen, ohne der Bruderschaft beizutreten. So umging er das Kaiserreich und die Kirche und lehnte alle gesellschaftlichen Strukturen ab. Er verfasste einen ganzen Leitfaden für weltliche Büßer. Eine neue Welle evangelischen Lebens breitete sich unter dem Volk aus. Dies entfachte eine Rebellion gegen ihn. In kirchlichen Kreisen regte sich großer Widerstand, doch Papst Honorius III. schützte Franziskus und seine Anhänger und gewährte ihnen Unabhängigkeit von den Bischöfen.

Franziskus verbrachte seine letzte Weihnacht in Greccio2, wo er die erste Krippe baute und um Mitternacht das Evangelium so lieblich sang, dass Gnade und Güte sich im ganzen Tal verbreiteten. Da die Führung der Brüder nicht mehr unter seiner Hand stand, zog er sich zurück und begann zu schreiben. Er war äußerst selbstkritisch, bestrafte sich öffentlich für jede Spur von Selbstsucht, bekannte seine Sünden bis ins kleinste Detail und hielt sich für den größten Heuchler, war radikal in seiner Armut. Er liebte sogar Tiere, die keine Wintervorräte anlegen, mehr als andere. Die Lerche war sein Lieblingstier, denn sie vertraute darauf, dass der vergessliche Bauer ihr etwas Getreide auf dem Feld hinterließ. Den Rest ihrer Zeit sang sie frei unter der Sonne.

Von göttlichen und dämonischen Wesen begleitet

Franziskus war sich nicht nur der Nähe Gottes, sondern auch des Teufels bewusst. Er hörte geheimnisvolle Schritte hinter sich, sah monströse Köpfe, vernahm Stimmen und wurde zeitweise von Dämonen der Angst, des Zweifels und der Apathie heimgesucht. Auch seine engsten Brüder wurden vom Teufel versucht. Bruder Rufin hatte sogar Visionen des Teufels in Gestalt Christi. Gemeinsam überwanden sie diese Versuchungen, geleitet von drei Dingen: Gehorsam, der für sie eine Lebensweise war; Gebet, das ihnen Kraft und Standhaftigkeit auf diesem Weg verlieh; und Freude. Ein offenes, freudevolles Lächeln war für Franziskus ein Zeichen eines reinen Herzens. Ein Gesicht, das vor reiner Freude strahlte, war schöner als das Blau des Himmels.

Zwei Jahre vor seinem Tod kehrte er zum Monte La Verna zurück, wo er 40 Tage lang zu Ehren des Erzengels Michael betete und fastete. In seinem innigen Gebet begegnete er einem Seraph mit flammenden Flügeln, der ihm aufgrund seiner glühenden Liebe zu Christus das unauslöschliche Siegel göttlicher Liebe auf Hände, Füße und seine Seite brannte (Stigmatisation, 14. September 1224). Auf seinem Rückweg heilte er und vollbrachte zahlreiche Wunder. Fast blind, erschöpft und krank kehrte er zur Kirche San Damiano, zu Klara und den Schwestern zurück. Unter heftigen Schmerzen sang er den ‹Sonnengesang› – ein Lobpreis auf die Schöpfung. Es war die Frucht seines ganzen Lebens. Der ‹Sonnengesang› strömte an der Schwelle des Todes aus seinem Herzen. Kurz darauf empfing er eine Vision von Christus, der ihm verkündete, dass ihn nach dem Tod das Himmelreich erwarte. Anschließend wurde er in seine Portiuncula überführt, wo er nach dreitägiger Vorbereitung im Alter von 45 Jahren singend starb.

Franziskus heute

Franziskus gibt der Welt heute nichts oder alles. Wir können ihn vergessen, denn praktisch alles hat sich seit seinem Leben auf Erden verändert. Wissenschaft und Technologie beschleunigen die Zeit explosionsartig und entfremden den Menschen von der Natur und seinen Mitmenschen. Die Zivilisation strebt nach Komfort und Fortschritt, globaler Vernetzung und materiellem Besitz. Wer singt heute noch frei und ohne alles unter der Sonne? Ein nicht registriertes Leben ist heute gesetzlich verboten. Wir haben uns Käfige gebaut, in denen wir mit den letzten Atemzügen versuchen, spirituell zu überleben.

Franziskus erinnert uns daran, dass wir, ungeachtet allen Wissens, sei es akademisch oder anthroposophisch, stets bescheiden und demütig bleiben. Darin liegt der Kern seiner Freiheit. Durch unser eigenes Nichts wächst unser Geist im Sinne des Paulus: «Nicht ich, sondern Christus in mir.» So können wir in das Meer seiner Liebe eintauchen und ihn in der Natur und allen Geschöpfen erkennen. Selig sind jene, die bewusst klein, gering und erniedrigt sein können und sich dafür belohnt fühlen, in einer Welt, die sich immer mehr in die entgegengesetzte Richtung bewegt. Auch das ist Erkenntnis, auch das ist Weisheit. In Franziskus können wir den Weg des Hirten, in Dominikus den Weg des Königs erkennen. Nur wenn wir beides vereinen, können wir ein vollkommener Ausdruck des Göttlichen werden.


Zu den Bildern Der Künstler Greg Tricker (* 1951) hat zum 800. Todestag Werke aus seinem Zyklus zu Franziskus von Assisi zur Verfügung gestellt, aus dem wir hier eine Auswahl zeigen. Bis auf die Glasmalerei (2011) sind alle anderen abgebildeten Bilder bis 2005 entstanden. Einige Werke werden in einer vom Karl-König-Institut initiierten Ausstellung bis Advent in der Christengemeinschaft Wangen gezeigt und wandern danach an andere Orte. Am 3. und 4. Oktober finden Gedenktage zu Franziskus von Assisi mit einem Vortrag von Greg Tricker in der Christengemeinschaft Wangen statt. Weitere Infos: Christengemeinschaft Wangen und Karl-König-Institut.

Fußnoten

  1. Alle Lebensereignisse in diesem Artikel stammen aus der Biografie von Franziskus mit dem Titel ‹Večni zaljubljenec› (‹Der ewige Verliebte›), slowenische Übersetzung aus dem Kroatischen von Yves Ivonides, einem kroatischen Minoriten und Heiligenbiografen, der sich auf die erste Biografie von Thomas von Celano stützte. Ljubljana 2005.
  2. Historische Anmerkung des Korrektorats: Der Text nannte im Original fälschlicherweise Bethlehem als Ort der ersten Weihnachtskrippe. Franziskus baute diese jedoch nachweislich 1223 im italienischen Greccio auf.

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