Von der Kriegslogik zur Friedenslogik

Gespräch mit dem Konfliktforscher und Friedensarbeiter Friedrich Glasl zu seinem neuen Buch ‹Die Paradoxie des Wettrüstens›.1 Die Fragen stellte Wolfgang Held.


Wolfgang Held: ‹Die Paradoxie des Wettrüstens› lautet der Titel Ihres Buches. Wie kam es zum Entschluss, dieses Buch zu schreiben?

Friedrich Glasl Ich beschäftige mich ja mit Konflikten seit meinem Studium vor 60 Jahren zu Internationalen Beziehungen, Völkerrecht und Politikwissenschaften in Wien. Meine Doktorarbeit befasste sich mit der Frage der Sanktionen neutraler Staaten innerhalb des Völkerbundes. Österreich wurde schon 1955 Mitglied der Vereinten Nationen. Ich habe das Thema aufgegriffen, weil mein Doktorvater der Chef der österreichischen Delegation bei der UNO war und es umstritten war, ob Neutrale an Sanktionen mitwirken können.

Seit 20 Jahren herrschen rauere Töne im politischen Miteinander. Wie kommt das?

Wir hatten zu optimistische Erwartungen nach dem Fall der Berliner Mauer. Dieser Moment hat auf allen Seiten euphorische Erwartungen geweckt. Das Grundproblem ist ja, auch nach der Auflösung der Sowjetunion, die Hegemonie, die Konkurrenz unter den Großmächten. Die hat sich nicht aufgelöst.

Das Tauwetter bewegte sich auf dünnem Eis?

Es wurde stark von der Zivilbevölkerung getragen. Das finde ich das Schöne. Aber auf der politischen Ebene war immer noch, vielleicht sogar noch stärker, Konkurrenzdenken. Damals erschien von dem US-Politologen Francis Fukuyama das Buch ‹Vom Ende der Geschichte›: Der Klassenkampf ist zu Ende, der Kommunismus hat eine Niederlage erlitten. Jetzt setzen sich Kapitalismus und Demokratie durch, obwohl das ja nicht identisch ist. Die Hegemonie, das ‹Wer ist der Stärkere, der Beliebtere, der Führende?›, das wurde sogar noch angeheizt. Wir erinnern uns an die demütigenden Aussagen über die ehemaligen kommunistischen Länder.

Im ersten Kapitel schreiben Sie: «Unterschiedliche Ideen, Kenntnisse, Arbeitsweisen, Interessen sind eigentlich wertvolle Ressourcen.» Das meint konstruktives Streiten?

Ja, die Pluralität. Ich meine Freiheit im Geistesleben. Es gibt nicht die eine Wahrheit, die anderen aufgedrängt wird, sondern verschiedene Zugänge bei der Wahrheitssuche, und jede hat ihre Perspektive. Rudolf Steiner erweitert diesen Gedanken in ‹Der menschliche und der kosmische Gedanke› in ein Gespräch von zwölf Anschauungen. Wenn die Kultur nicht beginnt, Diversität, Pluralität und damit auch Inklusivität ernst zu nehmen und nicht nur zu erdulden, sondern sich aktiv dafür zu engagieren, geht es nicht gut.

Das scheint auch ein innerseelischer Prozess zu sein. Ich denke an die Beschreibung des inneren Teams von Friedemann Schulz von Thun.

Diese innere Vielfalt in der Seele hat er schön herausgearbeitet. Pluralität und Offensein für andere Sichtweisen innen und außen, das hat mir gefallen. Das ist eine Haltungsfrage. Bei der geht es darum, das nicht nur individuell, sondern auch interaktiv und dann in sozialen Strukturen und Kulturen zu leben. Wo beginnt man? Man muss im Kreise denken, so zitierte ich hier im Interview 2022 Rudolf Steiner. Heute nennt das die Systemtheorie «zirkuläre Kausalität».

Bild Friedrich Glasl, Foto: Z. v. G.

Was ist damit gemeint?

Dass mein Verhalten auf das Verhalten der anderen einwirkt und wieder auf mich zurückwirkt. Nicht einseitige, sondern wechselseitige Kausalität.

Deshalb ist der Umgang mit Differenzen so wichtig?

Ja, wir sollten sie als Ressourcen schätzen und lernen, sie konstruktiv zu nutzen. Jedoch ist dazu die Voraussetzung wirksame Selbststeuerung, die im Stress und in Konfliktsituationen gerade verloren geht. Im Konflikt meldet sich die Affektlogik, wie die ständig geschürte Angst durch die Panikmacherei usw., und auch das Konkurrenzdenken.

Der Begriff «Kriegslogik» klingt widersprüchlich, denn Sie beschreiben ja, dass man da emotional getrieben handelt.

Da ist es wichtig, den Unterschied zwischen Affekt und Gefühl zu verstehen. Im Gefühl vermag ich den Widerstreit verschiedener Gefühle anzuerkennen. Beim Affekt bin ich blind für Alternativen. Es geht nur um die Angst, oder um das Misstrauen, und das ist die bestimmende «Leit-Emotion», wie es Luc Ciompi dargestellt hat.2 Wir sind im Stress, wie es der Gehirnforscher Joachim Bauer beschreibt. Wir verlieren die Fähigkeit, mögliche Folgen, ob erwünscht oder unerwünscht, zu antizipieren. Deshalb gibt es im Krieg oft keine Perspektive, wie es nach dem Kampf weitergehen soll. Und ich muss dabei an das denken, was Rudolf Steiner über die Karmaübungen sagt. Wenn wir seine Übungen ernst nehmen und ausführen, dann entwickeln wir die Fähigkeit, blitzartig die möglichen Folgen des eigenen Tuns zu sehen. Das Gegenteil sehen wir leider: Es gibt keine Vision, keine Perspektive, wie es nach einem Kriegsende mit Israel, Gaza und Iran-USA als Weltordnung aussehen könnte! Das wird ausgeblendet. Das ist die Stresswirkung.

Was ist der Schlüssel? Dass die Verantwortung im Einzelnen wieder wächst?

Der Schlüssel ist, dass ich nach Momenten des Distresses, der Dominanz von Emotionen, auf mich selbst schaue. Reflexion und Rückschau machen das Gewesene zwar nicht ungeschehen, aber das hat für die Zukunft eine Wirkung. Für die Tagesrückschau gibt es die Empfehlung, die eigenen Erlebnisse sich in der dritten Person zu erzählen, wie: «Friedrich hat das gemacht und das empfunden usw.», also aus mentaler Distanz. Dadurch fällt dir das eine oder andere auf, was du nicht wahrnimmst, wenn du darin bist. Was können wir tun, damit individuell mentale Distanz und damit die Reflexionsfähigkeit geweckt wird? Welche Fragen können wir Menschen stellen – auch an die Politik?

Im Krieg wird der Mut verklärt und im Buch schreiben Sie, dass Angst der Boden der Kriegslogik ist.

Ja, was man sich selbst als Mut deutet, das ist triebhafte Aggression, die rücksichtslos ist und deshalb eher als Übermut und nicht als Mut zu verstehen ist.

Mauerfall 1989: Berliner Mauer zwischen Reichstagsgebäude (kleiner Teil im Hintergrund zu sehen) und Brandenburger Tor, CC BY-SA 3.0

Sie beschreiben im Buch Ihre früher entdeckten Eskalationsstufen von Konflikten. Wie eine Tonleiter sind es getrennte neun Stufen, es ist kein fließender Abstieg. Ist es wichtig, das zu verstehen?

Ja. Zuerst zur Bewegungsrichtung. Bei ‹Eskalation› denken wir häufig an eine Aufwärtsbewegung. Konflikt führt aber hinab, führt in den Abgrund. Das habe ich in Kurzfassung in meinem Buch Selbsthilfe in Konflikten dargestellt. Wir gehen in die neun Sphären der Unternatur. Und diese verschiedenen Sphären pervertieren das hilfreiche Wirken der Geister der Übernatur, wie Rudolf Steiner sagt, das Wirken der Engel, der Erzengel, der Archai, der Exusiai, der Dynameis usw. Die Geister der Tiefe kehren das Positive ins Gegenteil. Jetzt im Michaelischen Zeitalter wäre es wichtig, kosmopolitisch zu sein, nicht nationalistisch, sondern transnational und übernational. Nationalismus hat nichts mehr zu suchen, während jetzt das Pervertieren des Wirkens der Volks- und Sprachgeister fixe Idee ist: Wir sind die Besten und wir müssen uns durchsetzen! Also eine egozentrische Haltung auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene.

Es gehört zur Ambivalenz unserer Zeit, dass wir auf einmal autokratische Systeme seit 10, 20 Jahren und den Rückgang der Demokratie haben? Gleichzeitig aber, wenn ich Brasilien, Polen, Ungarn nehme, die Gesellschaften sich wieder aus den autokratischen Fesseln lösen. Wie kommt das?

Ich fühle mich bestätigt in dem, was ich in einem anderen Interview vor Kurzem gesagt habe: Es gibt historische Wellenbewegungen. Die 68er-Bewegung ist als Reaktion auf die Verwirtschaftlichung aller Lebensbereiche gekommen. Dann entstand als Reaktion auf die 68er das ‹Back to Business›! Das hat wieder zivilgesellschaftliche Bewegungen hervorgerufen, die sich dagegen gewandt haben. Jetzt haben sich offenbar die Autokraten zu viel erlaubt und das weckt erneut die Zivilgesellschaft. Ich habe vor Kurzem in einer Onlinediskussionsgruppe mit meinem amerikanischen Freund Chris Schäfer gesprochen. Er hofft, dass in den USA die Zivilgesellschaft jetzt wieder aufwacht, denn unter Obama sei sie mehr oder weniger eingeschlafen. Da gab es Projektionen, was Obama alles Gutes tut, und das ließ die Zivilgesellschaft dämmern. Obama hat ja auch Krieg geführt. Jetzt sehen wir, dass bei den Übergriffen der ICE-Behörde sich Staatsanwälte und Richterinnen nicht einschüchtern lassen von den Autokraten und Plutokraten. Da wird etwas geweckt, wie wir es auch in Ungarn erlebt haben. Die Autokraten überdehnen ihre Korruptionsstrategien und das fällt ihnen dann – Gott sei Dank – auf den Kopf. Nur dauert es, bis das wieder saniert ist.

Ungarn ist ja nicht weit von Ihnen in Österreich. Haben Sie da unmittelbare Eindrücke von Magyars Vorgehen?

Also, er hat gewusst, dass die ländliche Bevölkerung noch nicht richtig wach ist. Orbán hat mit seinem Anti-EU-Beschwören und seiner Sympathie für Putin eine gewisse Grundstimmung aufgegriffen. Weil an den Stammtischen Haltung, Gesinnung oder Ideologie entsteht, ist der Oppositionsführer an diese Orte gegangen und hat einen Meinungsumschwung erreicht.

Im Buch spielt das Droh-Dreieck aus Forderung und angedrohter Strafe eine wichtige Rolle. Wo sind Drohungen, wie der Strafzettel bei Geschwindigkeitsübertretungen, als Machtinstrument zur Ordnung hilfreich und wo nicht?

Nun, es gibt Drohungen und es gibt Ankündigungen einer unangenehmen Folge, die strafrechtlich greift. Eine Ankündigung ist keine Drohung, sondern macht Folgen des Handelns bewusst. Ein Beispiel: «Wenn Sie diesem Vertrag nicht zustimmen, dann werden die Wirtschaftsbeziehungen zwischen uns aufhören.» Das ist ein Hinweis auf mögliche Folgen. Ich kann es natürlich mit einer Drohung unterlegen: «Wenn Sie nicht unterzeichnen, dann werde ich Ihnen den und den Schaden zufügen.» Bei einer Drohung, zum Beispiel einer Regierung gegen eine andere, geht es um Folgen, die sich nicht zwangsläufig aus dem Völkerrecht ergeben. Also das Hinweisen auf bestimmte Folgen sollten wir unterscheiden von einer Drohgebärde. Der amerikanische Ökonom Robert Armstrong hat mit dem Kürzel TACO-Trade (‹Trump Always Chickens Out›) Trumps wiederkehrendes Verhalten beschrieben: Trump droht freitags mit einer militärischen Aktion, sodass die Ölpreise steigen und die Aktienkurse wegen der zu erwartenden Schwierigkeiten sinken, und am Montag verkündet er vor Börsenöffnung, dass er kurz vor einem Deal steht – worauf die Ölpreise fallen und die Aktienkurse steigen. Das spielt er seit Wochen mit Milliarden Gewinnen für die Trump-Familie. Das sind lauter Insidergeschäfte, die ja strafbar sind und doch nicht geahndet wurden.

Der Sitzungssaal des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen in New York, auch bekannt als ‹Norwegischer Raum›, CC BY-SA 3.0

Die Verantwortungslosigkeit von Autokraten: Wie verträgt sich diese Egomanie, dieser Zerstörungswille mit Ihrem positiven Menschenbild?

Egomanie ist das Stichwort! Es gibt von kompetenten Leuten aus Psychiatrie und Psychologie klare Aussagen über den Narzissmus der beiden Autokraten in Moskau und Washington. Der Narzisst braucht immer die Bestätigung von außen. Entsprechend wird jetzt von den USA die Fußballweltmeisterschaft vereinnahmt, wie 2014 von Moskau die Olympischen Spiele in Sotschi. Deswegen reicht die Pattstellung zwischen den Kriegführenden nicht aus, um in Verhandlungen zu gehen. Erst, wenn für den einen oder anderen der innenpolitische Rückhalt verloren geht, bewegt er sich. Es gibt Forschungen, dass die Zustimmungsrate für Putins Handeln in der Bevölkerung enorm gesunken ist. Jetzt ist die Frage, ob das erlebbar wird für diese Egomanen. Da ist Folgendes ein großer Umschlagpunkt: Putin träumt davon, dass er wie Peter der Große oder Katharina in die Geschichte eingeht als der große Zar, der Russland wieder Weltgeltung verschafft. Er möchte also in der Geschichte gewürdigt werden. Ähnliches zeigt sich ja bei Trump, wenn wir daran denken, welche beleidigenden Unterschriften er zu den Porträts der Präsidenten vor ihm gemacht hat. Wenn es gelingt, dass diese Autokraten den Gedanken zulassen, dass die Nachwelt sagt: Der war verrückt! Der hat uns vernichtet und nicht zur Größe verholfen, dann könnte sich die Sache drehen. Ich habe das im Buch erwähnt. Das beruht auf meinen Erfahrungen als Mediator im Nordirlandkonflikt und Balkankrieg. Wenn ein Verantwortlicher im Konflikt die Vorstellung zulassen kann, dass er nicht voll Bewunderung in die Geschichte eingehen wird, sondern als Vernichter – wie einst Nero im Römischen Reich – dann ist Besinnung möglich, dann werden die Getriebenen aufmerksam auf rote Linien.

Sanktionen sollen ja rote Linien unterstreichen und zum Umdenken führen. Was sagt die Forschung: Bringen Sanktionen etwas?

Ich stelle der Kriegslogik die Friedenslogik gegenüber. Während ich – getrieben von der Kriegslogik – auf wahrgenommene Umstände triebhaft reagiere, ist die Grundlage der Friedenslogik meine Selbststeuerung. So wie man mit negativen Sanktionen Druck erzeugen will, kann man umgekehrt mit positiven Sanktionen einen Sog schaffen. Positive Sanktionen bedeuten: Ich verspreche dir etwas Gutes, wenn du das oder dies tust. Leider denken Autokraten bei Sanktionen nur ans Negative. Ich weise im Buch nach, dass negative Sanktionen noch nie zu einem Umdenken geführt haben. Eine erzwungene Verhaltensänderung mag in seltenen Fällen gelingen, aber kein Einlenken oder Umdenken und schon gar nicht nachhaltige Verbesserungen. Das habe ich in der Zeitschrift für Außenpolitik ‹Sicherheit und Frieden›, als die ersten Sanktionen gegen Russland 2014/15 verabschiedet wurden, näher dargestellt. Wenn Sanktionen bereits bestehen und ich sage: «Wenn ihr zu dem und dem bereit seid, dann nehmen wir die Sanktionen zurück!» So lief es ja über türkische Vermittlung beim Vertrag über das Verschiffen ukrainischen und russischen Getreides aus den Schwarzmeerhäfen im Herbst 2022, sodass die Ukraine aus Odessa und Russland aus seinen Schwarzmeerhäfen exportieren konnte. Es war leider zeitlich limitiert, und doch ist es ein Beispiel für eine positive Sanktion. Hier zählt nicht, wie ich den Schaden beim Gegner erhöhen kann, sondern, wo liegt ein Nutzen für die eine Partei, der auch ein Nutzen für die andere ist.

Was könnte jetzt beim russischen Angriffskrieg auf die Ukraine eine positive Sanktion sein?

Die russische Wirtschaft ist ja mittlerweile eine Kriegswirtschaft geworden und es ist bekannt, dass die Sanktionen auf den Ölexport zu enormen Zahlungsschwierigkeiten Russlands führen. Zugleich dürstet die Welt wegen des Irankrieges nach Erdöl und Gas. Wenn hier Sanktionen zurückgenommen werden, schauen wir, ob es auf diesem Wege möglich ist, ein gewisses Vertrauen aufzubauen. Vertrauen beginnt bei kleinen Dingen! Erfreulich ist ja, dass es auch über türkische Vermittlung einige Male gelungen ist, Gefangene und Verwundete auszutauschen. Auch gab es Korridore für humanitäre Leistungen. Ich beschreibe das als ‹Windows of Opportunity› – Fenster der Gelegenheit.

Im Buch gibt es dazu eine Liste von zehn Fenstern, wie das chinesische Vermittlungsangebot vom 24. Februar 2023.

Ja, es gab immer wieder Gelegenheiten. Man muss sich die Mühe machen, die überlappenden Interessen zu finden. Und ich betone dabei: Die Konfliktparteien können das ab einer gewissen Eskalationsstufe absolut nicht aus eigener Kraft. Das ist Illusion. Jedes Wort, das der eine sagt, wird sofort verdreht. Der große Verdreher, Ahriman, ist an der Arbeit! Doch ich frage: Warum halten sich die Neutralen so still? Warum tun sich nicht die Schweiz und Österreich und Irland und Malta und der Vatikan als neutrale Staatsgebilde zusammen? Warum bilden diese Länder nicht eine Allianz – keine militärische, sondern eine Allianz zur Vermittlung? Da muss es doch genug diplomatische Kreativität geben! Dann sucht man überlappende Interessen und fragt: Was wollen wir alle verhindern? Was soll nicht weiter bergabgehen? Irgendwann gehen die Soldatenmütter wieder in Russland auf die Straßen, so wie 1989 wegen Afghanistan, oder Amerikaner wegen Vietnam. Das hat etwas bewegt damals!

Teufelskreis und Streitpunktlawine werden im Buch als Eskalationstreiber für diese Abwärtsprozesse genannt – oder?

Das sind die zirkulären Kausalitäten, wo wir lernen müssen, im Kreis zu denken. Im Bereich der Biologie haben wir es gelernt, aber noch gar nicht für seelische Prozesse. Rudolf Steiner erwähnt diese neue Art des Denkens im Zusammenhang mit der Dreigliederung. Wir hängen in der Politik noch einseitig in der linearen Kausalität – weil es so bequem ist: «Du hast angefangen, du bist der Schuldige!» ist so ein Beispiel linearer Kausalität. Das Fatale an dieser Kausalität ist, dass sie nicht wahr ist.

Von Clausewitz gibt es den Satz, dass mit dem ersten Kriegstag die Planung hinfällig sei, weil das Kommende so überraschend sei. Gilt das auch für positive Sanktionen, dass ihre Wirkung unberechenbar ist?

Ja, die Planbarkeit aller sozialen Prozesse ist weitgehend beschränkt. Es ist eine Illusion zu denken: Ich habe eine Strategie, und die wird durchgezogen. So ist es auch mit den positiven Sanktionen. Ich habe es nicht in der Hand, ob jetzt eine positive Aktion auch beim Gegner Bewusstsein und Rücksichtnahme geweckt hat. Wenn wir Bürgerinnen und Bürger wach werden und zusammenspannen, sodass der Funke überspringt, dann ist etwas Positives möglich – das ist zivilgesellschaftliches Aktivieren.

‹Guernica›, Pablo Picasso, 1937, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid, 2024, CC0 1.0. Ein Wandteppich dieses Gemäldes hängt vor dem Eingang des UN-Sicherheitsrates in New York. Das 1955 von Nelson Rockefeller in Auftrag gegebene Werk dient den Diplomatinnen und Diplomaten als ständige Mahnung gegen die Schrecken des Krieges.

Der Philosoph Sigbert Gebert schreibt in einem Gastkommentar in der NZZ, Gewalt sei wegen ihrer Einfachheit zur Erlangung des eigenen Willens attraktiv. Das wirksamste Mittel gegen Gewalt ist Gegengewalt. Die Berufung auf Recht und Völkerrecht bleibt ohne Sanktion – in letzter Instanz ohne Gegengewalt – wirkungslos.3

Genau das sagt die Kriegslogik! – Im Buch bringe ich als Beispiel die Entmachtung der Diktatur Ferdinand Marcos’ auf den Philippinen. Im Februar 1986 erreichte die People Power Revolution durch konsequent gewaltfreie Kampagnen – was niemand für möglich gehalten hatte – den Sturz von Marcos. Es gibt viele Beispiele, wie auch, dass die Sowjetunion gewaltfrei aufgelöst worden ist. Die DDR ist gewaltfrei zu Ende gegangen. Hier waren es nur nicht so gut organisierte Kampagnen wie auf den Philippinen, auf Madagaskar, Argentinien, Kolumbien. Es ist leider so, dass die meisten, die gewaltfrei etwas verändern möchten, selbst nicht wissen, wie wirksam Gewaltfreiheit ist. Ich zitiere hier den Spruch, der Franz Janowitz zugeschrieben wird: «Die Mächtigen sind nicht so stark, wie sie scheinen. Die Gewaltfreien sind nicht so schwach, wie sie glauben.» Sie sind die Schwächeren, wenn sie falsch vorgehen und sich als Erstes mit Polizei und Militär anlegen. Wie ich am Beispiel der Philippinen detailliert dargestellt habe, beruhte der Erfolg auf der authentisch gelebten Haltung christlich fundierter Gewaltfreiheit. Es geht um Haltung und Methode! Ich war von der österreichischen Friedensaktivistin Hildegard Goss-Mayr zu ihrem 90. Geburtstag nach Wien eingeladen. Sie hat mit ihrem Mann Jean Goss ein Leben lang Gewaltfreiheit praktiziert und erforscht und gelehrt, und beide betonen: Es geht um eine wahrhaftige Haltung. Bloß eine Geste hat keine Wirkung. Das Wie ist entscheidend. Der Prozess der Transformation eines Systems bestimmt, ob die Situation nach dem Ende der unmenschlichen Herrschaft friedlich wird.

Ist das auch die Erklärung dafür, dass die Friedens- oder Befreiungsbemühungen im Iran vor zehn Jahren erfolglos blieben? Geste statt Haltung?

So sehe ich es. Es muss den Menschen ums Ganze gehen! Von außen gesehen tun manche dasselbe, aber nicht mit der wahren Haltung. Der verfolgte philippinische Oppositionsführer Ninoy Aquino sagte vor seinem Rückflug aus den USA nach Manila: «Wenn sie mich töten, wird eine Million Menschen an meinem Grab stehen und den Kampf um Gerechtigkeit und Demokratie aufnehmen.» So kam es dann tatsächlich, und zwei Millionen Menschen folgten nach seiner Ermordung dem Trauerzug.

Für meine ganze Konfliktarbeit gilt, was ich aus den Wahrspruchworten Rudolf Steiners habe (Rudolf Steiner, GA 268, S. 73):

Sieghafter Geist
Durchflamme die Ohnmacht
Zaghafter Seelen.
Verbrenne die Ichsucht,
Entzünde das Mitleid,
Dass Selbstlosigkeit,
Der Lebensstrom der Menschheit,
Wallt als Quelle
Der geistigen Wiedergeburt.

Darin ist alles enthalten! Da wird das Gefühl der Ohnmacht der Menschen angesprochen, das Zögern: «Man sollte, aber kann man eigentlich?» Deshalb: Durchflamme die Ohnmacht zaghafter Seelen! Und die mächtigen Egomanen suggerieren allen anderen, dass sie ohnmächtig seien. Es geht auch darum, die Empathielosigkeit zu überwinden: «Entzünde das Mitleid»! Doch Mitleid ist mehr als bloßes Einfühlen, es ist Mitfühlen. Dann: «Verbrenne die Ichsucht». Wir haben über die Egomanen gesprochen. Die gibt es überall, und einige wenige sitzen an den Hebeln der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Macht. Ichsucht gibt es im Kleinen, in unserer Seele, wie auch im Meso- und Makrosozialen: Das ist die Ichsucht im Wirtschaften als Konkurrenzkampf und auf der Makroebene im Nationalismus, der sich ja wieder ausbreitet. Notwendig wäre die Selbstlosigkeit auf der supranationalen Ebene. Es kostet zwar eine Menge, und doch: Wenn wir die un-Sonderorganisationen unterstützen, dann kommt das allen zugute. Wir sparen uns diese absurden Kosten der Rüstung. Hier zitiere ich im Buch den Schweizer Friedensaktivisten Jean Ziegler, der Chef der Welt-Ernährungsorganisation war.

Er ist kürzlich gestorben.

Ja. Ich wollte ihn vor Jahren treffen, als er nach Salzburg eingeladen war als Redner zur Eröffnung der Festspiele. Dann meinten leider einige, er sei zu revolutionär, und er wurde ausgeladen, und so kam unsere Begegnung nicht zustande. Ziegler hatte im Jahr 2000 eine Liste im Foyer des UN-Sicherheitsrats als Mahnmal angebracht. Ganz oben stand der Betrag, der jährlich für Rüstung und Kriegsführung aufgewendet wird. Dann folgten darunter die Kosten für alternative Energien, Sanieren von ökologischen Schäden, Wüstenbildung usw. bis zur Beseitigung von Landminen. Er listete das als Dreieck auf, da die Beträge für Sanierungsmaßnahmen auf der Liste nach unten hin immer kleiner wurden – ein Dreieck, das auf der Spitze steht und zu kippen droht. Die Kosten der Kriegführung sind weiter gestiegen, und auch die für Sanierungsmaßnahmen sind jetzt noch viel höher geworden. Sie lagen bei Jean Ziegler 2000 bei 780 Milliarden US-Dollar und 2024 bei 2500 Milliarden US-Dollar. Sanierungsmaßnahmen, die für Klimaschutz, Renaturierung, soziale Aufwendungen jährlich 10 000 Milliarden ausmachen würden. Umso drängender wäre es, die unsinnigen Militärausgaben für die globale Rettung und Sanierung zur Verfügung zu haben. Stattdessen: Faustrecht statt Völkerrecht, Schadenfreude statt Mitleid. Ja, und dabei immer, dass die politisch Mächtigen uns Ohnmacht suggerieren, sodass Menschen nicht aktiv werden. Und da bin ich wieder bei dem Spruch. Es lohnt sich, ihn für sich selbst ins Persönliche umzuformulieren.

Sie haben Hunderte Konflikte erlebt. Haben mit Gemeinschaften gearbeitet, die nach fruchtbarem Miteinander auf einmal begonnen haben, sich zu zerreiben. Sind Konflikte schrecklich, oder gibt es da Fähigkeiten der Transformation? Wie melancholisch stimmt Sie die Fülle an Konflikten heute – oder wie optimistisch?

Ich habe im Buch die Antwort im Kapitel zu Nordirland formuliert: Konflikte im Kleinen wie im Großen sind misslungene Veränderungsbemühungen. Wir leben in einer Zeit, in der radikale Änderungen nötig wären. Konflikte sind auch im Großen misslungene Änderungsversuche, wobei oft die Absicht durchaus gut war, aber die Mittel waren falsch. Natürlich war die Absicht nicht immer gut, weil ich meine, die Ukraine anzugreifen, sich Grönland aneignen zu wollen, ist natürlich nicht legitim. Wenn ich trotzdem sage, Konflikte sind misslungene Veränderungsbemühungen, dann lohnt es sich eben, dafür zu werben, gemeinsam zu schauen, wo wir ähnliche, nicht unbedingt dieselben, aber ähnliche oder einander nicht ausschließende Interessen haben. Das ist ein Schlüssel.

Das geht in die Richtung des Kapitels im Buch mit der Überschrift: ‹Es geht nicht darum, einen Krieg zu gewinnen, sondern den Frieden.›

Ja. Das ist die Frage des Mobilisierens und Aktivierens der Neutralen und darüber hinaus der sogenannten Stakeholder. In der Wirtschaft sprechen wir von Stakeholdern: Wenn eine Fabrik in einer Stadt ist, dann ist die Gemeinde Stakeholder, die Umwelt, die Gewerkschaften, die Interessensverbände, alle haben Ansprüche und legitime Interessen, dass das Unternehmen keinen Schaden anrichtet, sondern etwas Positives tut. Und so sind alle Länder Stakeholder; oder pathetisch gesagt, ist die Menschheit Stakeholder. Was Menschen einander in Kriegen antun, betrifft alle. Es wäre eine totale Illusion zu meinen, Kriege seien lokal begrenzbar. Überhaupt nicht!

Wieder die gleiche Frage: Wo beginnt in uns, in mir die Friedensarbeit?

Vorhin habe ich Rudolf Steiners Wahrspruchwort zitiert: ‹Sieghafter Geist›. Ich meditiere diesen Spruch so, dass ich mich persönlich direkt an den sieghaften Geistwende. Da denke ich an den Erzengel Michael:

Sieghafter Geist
Durchflamme die Ohnmacht
Meiner zaghaften Seele.
Verbrenne meine Ichsucht,
Entzünde in mir das Mitleid,
Dass Selbstlosigkeit,
Der Lebensstrom der Menschheit,
Wallt als Quelle
Meiner geistigen Wiedergeburt.

Dabei bin ich mir bewusst, dass der sieghafte Geist nur dann in mir und durch mich wirken kann, wenn ich mich durch Üben dazu ertüchtige.

Die Friedenslogik ist ein völlig anderes Denken als die Kriegslogik. Dafür braucht es die geistige Wiedergeburt. So wie es zur Verwandlung von Naturwissenschaft oder Medizin oder Wirtschaft etc. eine innere Umwendung braucht, so braucht es die auf dem Feld der Friedensarbeit. Es geht um ‹meine› Ohnmacht, um ‹meine› Zaghaftigkeit und die Präsenz des sieghaften Geistes in ‹meiner› Seele – dann finden wir den Frieden unter uns.

Fußnoten

  1. Friedrich Glasl, Die Paradoxie des Wettrüstens – Zum Konfliktmanagement geopolitischer Krisen. Stuttgart/Bern 2026.
  2. Luc Ciompi, Affektlogik. Über die Struktur und Psyche und ihre Entwicklung. Heidelberg 2019.
  3. Sigbert Gebert, Die Attraktivität von Gewalt. NZZ, 6. Mai 2026.

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