Psychologossophie

Hamburg, Deutschland. Psychologie trifft Ich trifft Welt.


Ob Udo Lindenberg, der gerade 80 Jahre alt wurde, oder eine meiner Klientinnen, die aus dem Iran stammt und viel erlebt hat: Menschen mit existenziell gefährdenden Erlebnissen im Gepäck richten sich oft aus der Tiefe ihrer Seele auf. Sie schöpfen aus einer lebenkraftenden Achse, häufig ohne wirklich von ihr zu wissen. Andere wenden sich bewusst dieser Lebensachse zu, um sich beispielsweise in einer traumatisierten Seele selbst ergreifen zu können. Dahinter steht die Frage: Kann ich in meinem Ich-Sein eine existenzielle Kraftachse bilden, die es mir ermöglicht, mich in der ‹Vertikalen› als ganz eigener Mensch selbst und therapeutisch zu durchdringen? Dass in meiner Seele der «innere Mensch auferstehen»1 kann. Innere, verwandelnde Durchdringung also bis in tiefste Tiefen und Höhen – und alles in einer einzigen ‹Vertikalen›. Eine Kraftachse, die im anthroposophischen Menschenbild durch zwei Ich-Qualitäten gebildet wird: geistiges oder kosmisches Ich und junges Ich in der Seele. Mit dieser Kraftachse rechnen Experten für Trauma und benennen sie ihrem Menschenbild gemäß. So zum Beispiel Peter Levine.2 Der Psychiater Boris Krause sagt: «Es reicht für traumatisierte Menschen nicht, wenn sie an etwas Schönes denken, sie müssen es existenziell fühlen.»3 Er beschreibt Traumata als ‹Frachtgut› im Lebensfluss. Steine im Fluss, die Leben binden. Und es ist meist ein längerer Weg, schwere Steine wirklich davonschwimmen zu sehen. Und gerade für diese lebenbefreiende innere Bewegung ist eine vertikale Kraftachse in Ausbildung von so großer Bedeutung! Denn aus welcher Quelle sollte in der Tiefe Lebenskraft zur inneren Neuausrichtung, zur inneren Auferstehung kommen, wenn nicht aus dieser im Geist beheimateten Ich-Seelen-Achse? Je nach Denkweg, gesunde Individuation auf der Erde wie im Himmel, in einer sich weitenden Welt, oben wie unten. Für dieses der Anthroposophie immanente Feld bildete sich in mir Himmelfahrt 2018 das Wort ‹Psychologossophie›. Unter diesem Titel veranstalte ich am 2. Oktober im Rudolf-Steiner-Haus Hamburg einen Abend.


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Bild ‹Merkur›, Marion von der Wense, 2006

Fußnoten

  1. Wolfgang Held, Erwachsen werden. In: Goetheanum 19/2026.
  2. Peter Levine, Lernen, den Tiger zu reiten. Kösel, München 2024.
  3. Boris Krause, Was lernen wir von traumatisierten Menschen? Vortrag in Stuttgart 2023.

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