Erwachsen werden

Die Erlösung ungefühlter Gefühle aus der Kindheit lässt den inneren Menschen in der Seele auferstehen. Zu dieser Nachreifung ruft das Ich in jeder einzelnen Biografie – und zugleich das Ich der Menschheit. Werde erwachsen – werden wir erwachsen.


Es ist meine erste Erinnerung und sie war tiefgreifend: Ich bin vier Jahre alt und liege in einem Krankenhausbett der Freiburger Augenklinik. Schieloperation. Meine Mutter reicht mir eine große Schokoladenpackung ‹Katzenzungen› und legt sie vor mich auf die Decke. Was für ein Geschenk! Sonst bekommen meine fünf Geschwister und ich jeder einen einzelnen der schwarzen Riegel, jetzt soll mir dieses Universum an Süßem gehören. Dann sage ich mir als dieses vierjährige Kind, still und gefasst: «Es muss ja auch ein Leben lang reichen», denn ich gebe mir in diesem Moment die Botschaft: Wir sechs Kinder sind wohl zu viel für unsere Mutter, und in diesem merkwürdigen Haus, wo alle weiße Mäntel tragen, werde ich abgegeben. Keine Träne fließt, das kindliche Gemüt ist eigenartig gelassen. Ich weiß, wie meine Mutter meine Geschwister und mich liebt, und bin stolz auf mich, dass mir keine Träne fließt. Gewiss, so sage ich mir, ist es auch für sie schwer, mich hier zurückzulassen. Anders als ein paar Jahre später, als meiner Schwester die Mandeln herausgenommen werden und meine Mutter sich kurzerhand für die gleiche Operation ins Nachbarbett einweisen lässt, bin ich hier alleine.

Merkwürdig gefühllos, beinahe als ein Zuschauer der Szene mir selbst entrückt, überlasse ich mich dem für meine Kinderseele eigentlich so schmerzvollen Geschehen. Doch der Schmerz bleibt ungefühlt. ‹Gute Miene zum bösen Spiel› – wohl selten im Leben gilt dieser Satz wie in solchen Momenten in der frühen Kindheit: Da tut sich ein vermeintlicher Abgrund auf und du nimmst es mit vermeintlich stoischer Gelassenheit.

Der emotionale Rucksack Es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis ich zu begreifen lernte, was damals geschah, welche Weisheit der Natur da im Krankenhaus das Steuer übernahm. Da passiert etwas, was für die Kinderseele aus ihrer Perspektive zu schrecklich ist, zu fühlen, und so entschließt sich die werdende Seele, all den Schmerz des Verlassenseins, des vermeintlichen Abschieds ins Unterbewusstsein zu versenken, im Leib zu parken. Das Gefühl bleibt ungefühlt. Ein Überlebensprogramm verstaut den Schmerz im Keller des Bewusstseins, dass er später, wenn die Seele reif und stark genug ist, es zu verarbeiten, wieder aufsteigt. ‹Emotionalen Rucksack› nennt Vivian Dittmar, was wir uns da so aufladen. Ein schönes Bild, denn ein Rucksack hat drei Eigenschaften, die hier zum Zuge kommen.

  • Er lastet auf deinen Schultern, das heißt, es kostet Kraft, ihn zu tragen.
  • Du hast ihn auf dem Rücken, das heißt, du kommst nicht so einfach an seinen Inhalt heran. Es braucht ein Innehalten, ein sich-Wenden, um ihn zu öffnen.
  • In ihm ist Proviant und Kleidung verstaut, das heißt, sein Inhalt ist wertvoll für dich, der vermeintliche Ballast ist zugleich ein Schatz.

Ich wähle hier das ‹Du›, weil – davon bin ich überzeugt – jeder Mensch solche in der Kindheit ungefühlten Gefühle als Beschwernis mit sich trägt. «Jeder Mensch ist in Heilung begriffen», lese ich in einem Social-Media-Post. Der Rucksack mag klein sein wie die modischen, handtaschengroßen Rückenaccessoires oder den Kopf überragen wie alpine Trekkingbackpacks – als Hausaufgabe aus der Kindheit warten sie darauf, erlöst zu werden. Für die Größe des Rucksacks liefert Dittmar eine mathematische Gleichung: Rucksackgröße = (Schwere des Ereignisses x Sensibilität)/Unterstützung. Je sensibler man ist, desto gravierender schlägt ein Ereignis zu Buche. Je reicher man durch soziales Umfeld oder religiösen Glauben Halt bekommt, getragen ist, desto kleiner ist der biografische Rückenballast. Nicht nur zu starke Erlebnisse sorgen für solches Gepäck, es gilt auch für die nicht erfüllten Bedürfnisse aus frühen Kinderjahren. Bei einem Vortrag zum Thema ‹Inneres Kind› in Herdecke fragte ich in die Runde, wie viele der Anwesenden sich nicht an eine körperliche Zuwendung, nicht an elterliche Zärtlichkeit erinnern könnten. Mehr als die Hälfte der Zuhörenden hob die Hand, und hinter jedem solchen Aufzeigen verbirgt sich eine unerfüllte Sehnsucht nach leiblicher Geborgenheit in den frühen Kinderjahren und demzufolge kluge Kompensationsstrategien, Glaubenssätze, mit diesem Mangel in der Kindheit umgehen zu lernen. «Das Leben ist hart, mir wird nichts geschenkt» oder «Ich bin nicht gut genug, geliebt zu werden» oder «Ich muss mir Zuwendung verdienen.» Solche Narrative helfen dem kindlichen Bewusstsein, sich mit dem Mangel zu versöhnen, und sind dann im Erwachsenenalter destruktiv, weil sie den Blick auf die Wirklichkeit färben. So stecken im Rucksack die Gefühle eines ‹Zuviel› durch belastende Ereignisse und Gefühle eines ‹Zuwenig› durch unerfüllte Bedürfnisse. Es gehört zur Weisheit des Lebens, dass wir für dieses Zuviel und Zuwenig Bewältigungsstrategien entwickeln und die Gefühle dazu vertagen, weil wir diesen Gefühlen in der Kindheit nicht gewachsen sind. Und es gehört ebenfalls zur Weisheit des Lebens, dass unsere Seele diese abgespaltenen Gefühle wieder integrieren will. Die Seele – auf diesen Nenner haben es Platon und noch mehr Plotin gebracht – strebt nach Einheit, sie will ganz werden, und das bedeutet, dass sie sich bemüht, die verborgenen Anteile ins Licht des eigenen Bewusstseins zu holen. ‹Individuation› nennt der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung diese Integration der verstellten, scheinbar schattenhaften Anteile der Persönlichkeit.

Gefühle an die Stelle der Emotionen setzen Was deshalb geschieht, ist vermutlich vertraut: Ein Arbeitskollege weist dich auf einen Fehler hin – und du bist getroffen und findest den ganzen Tag nicht mehr in deine Energie. Eine nahe Person schweigt auf deine Nachricht – und du siehst das Ende der Freundschaft. Beim Einparken kommt dir jemand zuvor – und anstatt es sportlich zu nehmen, bist du wütend und bleibst über Stunden verärgert. Ein kleines Ereignis aktiviert das ungefühlte Gefühl aus der Kindheit. Es steigt eruptiv aus den Tiefen der Seele hervor. Hier lohnt es sich, Gefühl und Emotion zu unterscheiden. Das Gefühl sagt, wie sich die eigene Seele zum Hier und Jetzt verhält. Da wärmt ein erster Sonnenstrahl im April die Stirn und durch die Seele strömt ein Gefühl von Glück. Anders die Emotion: Hier weckt ein Ereignis das im Leib schlummernde Gefühl aus der Kindheit und bricht als Emotion hervor. Während ein Gefühl mich über das Intervall von Ich und Welt aufklärt, vernebelt die Emotion dieses Verhältnis. Woran man die Emotion erkennt:

  • übertriebene eruptive Reaktion
  • bleibt lange bestehen
  • Empfindung von Mangel, blind für die Fülle
  • typische Verhaltensmuster
  • Gefühlslosigkeit
  • Kritik an sich oder an anderen

Wir haben uns wenig im Griff in diesem Moment, so wenig wie die Konflikte, die wir durch die Überreaktion hervorrufen. ‹Inneres Kind› ist ein anderer Name für diese Emotionen. Er beschreibt gut, dass diese Emotionen in dem seelischen Reifegrad aufbranden, in dem man sich bei ihrer Entstehung in der Kindheit befunden hat. Ungefühlt bleiben die Emotionen als die ursprüngliche Regung konserviert. Hat ein Erlebnis mit fünf Jahren in mir eine Angst ausgelöst, die ich nicht fühlen konnte, so hat die Emotion, wenn sie heute durch ein Erlebnis hervorbricht, den Charakter eines Fünfjährigen. So belastend es ist, in solchen Momenten des Ausbruchs nicht bei sich zu sein, so ist es doch eine Gelegenheit, dem inneren Kind zu begegnen und in die Transformation zu gehen. Denn solche frühkindlichen Erlebnisse lassen sich dann befrieden, wenn sie hervorbrechen. Diese Seelenarbeit auf sich zu nehmen, lohnt sich, denn es gibt eine Reihe von Verhaltensmustern, bei denen es schwer gelingt, sie direkt aufzulösen. So verzweifelt vielleicht jemand an Prokrastination (Aufschieberitis) und meint, er oder sie sei willensschwach, dabei ist es die frühkindliche Erfahrung, für ein Bild oder ein kleines Kunststück keine Anerkennung bekommen zu haben, und so fehlt das Selbstvertrauen, die Selbstwirksamkeitserfahrung. Oder jemand zieht sich in einer Arbeitsgemeinschaft jeden Schuh an, übernimmt jede Aufgabe, weil in der Kindheit sich die Strategie gebildet hat: Ich muss etwas leisten, damit ich gesehen werde. Neudeutsch nennt man das das ‹People Pleasing›.

Wieder andere haben die fortwährende Sucht nach Aufmerksamkeit. Auch hier mag der Schlüssel in der Kindheit liegen, als man aus der Erfahrung von Vernachlässigung sich die Bewältigungsstrategie bildete: «Ich muss laut sein, damit ich gesehen werde.» Die Verwandlung dieser aus der Kindheit konservierten Gewohnheiten und Glaubenssätze öffnet die Tür zu einer neuen Selbsterfahrung und Selbstwirksamkeit. Für diese Verwandlung lassen sich fünf Schritte beobachten.

1. Bemerken Es ist viel gewonnen, wenn man bemerkt, dass gerade unangemessene Gefühle hochbranden, dass der verletzte Stolz, der Ärger über eine Zurückweisung oder der Schmerz über eine Kritik nicht dem Moment entspringt, sondern hier gerade Altlasten an die Tür des Bewusstseins klopfen. Das aktuelle Geschehen ist Anlass, nicht Ursache. Aufmerksam zu werden, dass die Regung gegenüber einem anderen, der die Emotion jetzt nur auslöst, ungerecht ist, das ist die erste Bedingung für die Transformation. Deshalb lohnt es sich, diese Entdeckung über sich selbst zu feiern, anstatt ihr mit Scham zu begegnen. Für Generationen von Schülerinnen und Schülern hat sich der Rotstift in Tests und Klassenarbeiten als die Überzeugung ‹Fehler sind schlecht› eingebrannt. So setzt reflexartig Reue ein und das Bedürfnis, das falsche Gefühl mit einem seelischen Radiergummi vergessen und ungeschehen zu machen. Dabei nehmen wir uns, was wir gerade gewonnen haben: die Einsicht, Emotion und Gefühl unterscheiden zu können. Was gibt es Schöneres, als eine unangemessene Emotion an sich zu entdecken und sich dabei zugleich mit der Gewissheit zu beschenken: Da ist eine höhere Instanz in dir, die diese Unterscheidung zu treffen vermag. So öffnet sich die Tür in den zweiten Schritt.

2. Innehalten Wie gut, wenn es gelingt, diesen Emotionen nun keine wütende Mail, keine innere Flucht oder andere reflexhafte Strategien folgen zu lassen, sondern innezuhalten. Fight, flight, freeze (kämpfen, flüchten, erstarren) sind je nach Temperament und Gewohnheit die ‹ätherischen Trampelpfade› der Seele – aus der Kindheit geübt, wenn ungefühlte Gefühle emotional aktiviert werden. Die Stauung, das Innehalten, ist eine der wertvollsten und verlässlichsten Handlungen, weil sie den Actio-reactio-Mechanismus unterbricht. Wir befreien uns aus der Wenn-dann-Kausalität. Wie viel Konflikt und Leid bliebe erspart, wenn es gelingen würde, dem Affekt nicht zu folgen, sondern still zu bleiben, wie im Bild der griechischen Skulptur des Wagenlenkers, die Zügel in der Hand zu halten und die stürmenden Pferde der Seele zur Ruhe zu bringen. Robin Schmidt und Heinz Zimmermann haben aus gutem Grund ihr Buch über Meditation mit dem griechischen Wagenlenker illustriert. In der Ruhe des Verharrens wendet sich die Bewegung nach innen. Wie bei einem See, bei dem der Blick zum Grund frei wird, wenn die Oberfläche ruhig wird, zeigt sich im Innehalten die Tiefe der Seele. Damit erfüllt sich die zweite Bedingung für die Transformation, dafür, den verlorenen Sohn nach Hause zu holen.

3. Das Fühlen fühlen Innehalten schafft in der Seele einen Raum, in dem nun neu und vielleicht sogar zum ersten Mal das Erlebnis aus der Kindheit gefühlt wird. Doch jetzt ist es nicht das Kind, das fühlt, sondern es ist unsere erwachsene Natur, die sich dem Gefühl des Verlassenseins oder des Nicht-Genügens widmet. Erwachsen zu fühlen, meint dabei, nicht im Gefühl zu ertrinken, sich ihm also nicht hinzugeben, und zugleich, es nicht zu deckeln, zu analysieren oder zu verdrängen. Dabei hilft eine Sprechweise, die eine feine Distanz zu den Gefühlswogen erzeugt. Nicht «ich fühle …», sondern «etwas in mir fühlt …» oder «ein Teil in mir fühlt …». Damit erfüllt sich eine dritte Bedingung des Transformierens: bemerken, innehalten – und nun fühlen. Hier mag sich eine Stimme melden und einwenden: «Ich habe doch schon mal in der Kindheit gelitten, und jetzt soll ich das Gefühl noch einmal und sogar bewusst fühlen?» Ja! «Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen», lässt Goethe Faust zu seinem Begleiter Wagner sagen. So wie Substanzen nur durch Wärme miteinander reagieren können, so braucht es die Wärme des Gefühls, um die kindlichen Verletzungen zu erlösen.

4. Weise fühlen Erwachsenes Fühlen bedeutet, das Fühlen zu fühlen und so das kindlich gefangene Gefühl zu befreien, den Schmerz noch einmal im Empfinden zuzulassen. Als nächster Schritt folgt, sich diesem Gefühl mit der Weisheit der Seele zuzuwenden und es zu vertiefen. Aus Wärme wird Licht. Es ist der Schritt, vom Opferstatus in den Status des Handelnden zu treten. Das fällt manchmal schwer, denn in der Kindheit empfand ich mich als Opfer und andere als Täter und Täterin, und nun soll ich selbst aktiv werden, anstatt mich zu bedauern. Richtet sich das Gefühl im dritten Schritt noch einmal in die Vergangenheit, ist es hier in der Gegenwart und zeigt in die Zukunft.

5. Wollen Wie will ich mit den transformierten Anteilen aus meiner Kindheit werden? Wohin will ich mit dem nun geöffneten emotionalen Rucksack unterwegs sein? Im fünften Schritt nehme ich die Perspektiven in den Blick und entdecke, welche Kreativität jetzt frei wird. Sie war zuvor gebunden, damit beschäftigt, die ungefühlten Gefühle im Leib zu halten, und wird nun frei. Was für eine neue stille Kraft in der Seele. «Ich kam auf die Welt, um geboren zu werden», schreibt Pablo Neruda. Die Verwandlung des emotionalen Rucksacks ist solch eine Geburt im Leben, die Geburt des erwachsenen Menschen.

Die Nachreifung Was sich so als Aufgabe, wie ich vermute, jedem Individuum mehr oder weniger stellt, dem begegnen wir auch als Menschheit. Der Evolutionsbiologe Wolfgang Schad hat in Vorträgen zur Ökologie und Jugendpädagogik einen interessanten Vergleich gebraucht. Im Jugendalter schläft man zu wenig, ernährt sich ungesund und macht womöglich mit Drogen Bekanntschaft. Die Seele befreit sich, indem sie das Leben zurückdrängt. In der Grammatik der anthroposophischen Menschenkunde: Der jugendliche Astralleib knüppelt auf den Ätherleib. Schad ergänzte, dass die Vitalität in diesem Alter so groß sei, dass man das meist unbeschadet überstehen würde. Zum Erwachsenwerden gehöre dann, dass man in seiner Lebensführung verantwortlich mit dem eigenen Organismus umgeht. Ähnlich, so der Evolutionsbiologe und Pädagoge, haben wir Menschen uns im 20. Jahrhundert ökologisch verhalten. Auf Kosten der Natur haben wir uns befreit – ein Jugendstadium der Menschheit! Ökologisches Bewusstsein zu entwickeln, bedeute nun, als Menschheit erwachsen zu werden. Am 23. September 2019 sprach die damals 16-jährige Greta Thunberg beim UN-Klimagipfel in New York: «This is all wrong. I shouldn’t be up here.» Damit sprach sich dieser Weckruf, als Menschheit erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen, in ihr aus. Eine Jugendliche ruft dazu auf, erwachsen zu werden. Was für ein Bild: Die Jugendlichkeit in uns allen, das Werdende ruft uns auf, erwachsen zu werden und das innere Kind zu befreien.


Zeichnungen Yves Berger, Alphabet Drawings

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