Den Zauber des Anfangs verstehen

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Jan Göschel, Co-Leitender der Sektion für Heilpädagogik und inklusive soziale Entwicklung, sprach kürzlich vor den Mitarbeitenden des Goetheanum über Forschung auf seinem Arbeitsfeld.


Als Sektionsverantwortliche vernetzen wir Forschungsvorhaben miteinander und helfen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was Forschung bedeutet oder welche Arten von Forschung es gibt und wie man über Forschung sprechen kann. Das sei ein «gemeinsames Lernen» auf dem Lebensfeld der inklusiven sozialen Entwicklung, wo die Tätigen vorwiegend praxisbezogen denken. Bei ‹Forschung› gelte es, mit Klischees aufzuräumen. Sie muss keinesfalls bedeuten, dass jemand im weißen Kittel am Labortisch steht und etwas untersucht, das außerhalb der eigenen Wirklichkeit liegt. Gleichzeitig gibt es die öffentliche Erwartung, wissenschaftlich zu begründen, wie im anthroposophischen Lebensfeld gearbeitet wird – da bestehe ein Rechtfertigungsdruck und intern die Hoffnung, mit solcher Forschung werde bewiesen, dass es gut ist, wie man arbeitet, und dass ein solcher Nachweis sich wirtschaftlich auszahlt. ‹Evidence-Based Practice› heißt das. Du musst mit Zahlen nachweisen können, dass du das Maximum von dem, was auch immer als erwünschter Output definiert wird, aus dem zur Verfügung gestellten Geld herausholst.

Jan Göschel schilderte drei Motive, um zu forschen. Es gibt die oben charakterisierte defensive Forschung, auf Englisch ‹Defensive of Research› genannt. Defensive Forschung hat den Zweck, nachzuweisen und zu rechtfertigen, dass die Praxis solide und effizient ist. Das sei am weitesten vom eigentlichen inneren Gedanken von Forschung entfernt. Dann gibt es die Forschung, die dazu dient, die eigene Tätigkeit so zu verstehen, dass man sie erklären kann, dass man in Dialog mit anderen treten kann. Wie kann ich das, was ich mache, und die Grundlagen davon transparent und kommunizierbar machen? Und dann gibt es als Drittes Forschung als Innovation und Entwicklung oder Neuentdeckung. Hier bediene ich keine Außeninteressen, sondern möchte selbst Neues herausfinden, aus reinem Erkenntnisinteresse.

Ein Ansatz aus den Sozialwissenschaften, so Göschel, ist die partizipative Handlungsforschung. Dabei spielen Handeln und Reflexion so ineinander, dass man Neues entwickelt und Neues entdeckt. Es ist ein forschendes Handeln und ein handelndes Forschen. ‹Partizipativ› bedeutet dabei, dass die Beteiligten nicht Objekte der Forschung, sondern selbst Forschende sind. Ein solches Forschungsprojekt der Sektion beginnt in Argentinien, Provinz Córdoba, gemeinsam mit Ámbar Comunidad, einer Initiative für junge Menschen mit Assistenzbedarf. Gewöhnlich ist eine solche Pionierphase so herausfordernd, dass niemand solche Anfänge forschend begleitet. Doch genau das wollen wir für drei Jahre tun: sozial, ökonomisch, kulturell besser verstehen, wie so ein Anfang beschaffen ist und wie er sich nachhaltig verstetigen kann.


Bild Jan Göschel, Foto: Xue Li

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