Stephen Colbert, Moderator der US-‹Late Show›, erfuhr von seinem Sender, dass James Talarico, ehemaliger Mittelschullehrer mit theologischem Abschluss, der in Texas für den US-Senat kandidiert, nicht in seiner Show auftreten dürfe. Die Entscheidung wurde mit Richtlinien der TV-Aufsicht aus dem Jahr 1934 begründet. Hintergrund dieses ungewöhnlichen Eingriffs ist wohl, dass Talarico von der Trump-Regierung als Bedrohung betrachtet wird, weil seine christlich-humanistische Botschaft parteiübergreifend Gehör findet. Das Interview wurde jedoch auf einem Youtube-Kanal veröffentlicht, wo solche Vorschriften nicht gelten, und erreichte acht Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer in einer Woche.1 Eine Botschaft von Talarico lautet, dass christlicher Nationalismus für Spiritualität und Kirche schädlich sei. James Talarico dankte seinem Großvater dafür, von ihm gelernt zu haben, dass ein Christentum seine prophetische Stimme verliert, wenn es sich mit politischer Macht arrangiert. Laut Talarico ist es für jede spirituelle Organisation schlecht, sich mit einer politischen Partei zu verbinden. Dieser Gedanke folgt einer Idee des Gründervaters der USA, Thomas Jefferson: Religiöses Leben von politischer Macht, öffentlichen Finanzen und Politik zu befreien, schenkt dem Glauben Weisheit und Tugend.
Wilhelm von Humboldt sagt in seinem Buch über die Bestimmung der Grenzen der Staatstätigkeit das Gleiche, wobei er sich weniger auf Religion bezieht, sondern auf die Trennung von Schule und Staat. Humboldts Idee konnte sich in Deutschland nie durchsetzen, inspirierte aber die US-Gesetzgebung. Die Entscheidung gegen ein nationales Universitäts- und Hochschulsystem beruhte auf der Überzeugung, dass der Geist ‹weht, wo er will›, und dass der Staat ein zu grobes Instrument ist, um auf solche Feinheiten (von denen die wertvollsten Dimensionen der menschlichen Erfahrung abhängen) zu reagieren. Bei der Teilnahme an der jüngsten Konferenz in Harvard wurde ich an diese einzigartige Geschichte erinnert, an das Gefühl für ein freies Recht, seiner Intuition zu folgen, und an die Überzeugung, dass staatliche Autorität in kulturellen und spirituellen Fragen zu selbstbestimmten Entscheidungen ermutigen sollte.
Cover Matthias Rang vom Goetheanum und Teilnehmer Branko Furst im Gespräch zwischen den Podiumsdiskussionen in Harvards James Room East. Foto: Garret Harkawik

