Christiane Haid leitet mit Barbara Schnetzler das Kunststudienjahr am Goetheanum. Wolfgang Held fragt sie, wie man schöpferisch wird.
Der Philosoph Martin Buber sagt, dass Kinder Sehnsucht nach Urheberschaft hätten. Fängt der Wille, schöpferisch zu werden, also früh an?
Was Buber anspricht, ist, dass andere sehen, was ich hervorgebracht habe. Ich habe einmal mit einer 9. Klasse Zeichnungen von Raffael kopiert. Als die Arbeiten dann vor uns lagen, waren die Schülerinnen und Schüler berührt, welche schöpferische Kraft – selbst im Kopieren – in ihnen steckt.
Was man künstlerisch hervorgebracht hat, erscheint im späteren Blick, als hätte es jemand anderes geschaffen. Warum?
Im künstlerischen Prozess können wir entdecken, dass wir über uns selbst hinaus gewachsen sind, dass andere und anderes beteiligt waren – eine Inspiration, Verstorbene. Es gibt aber auch Grenzerfahrungen, wenn nichts kommt, nichts zu inspirieren scheint. Da steht man an einem Abgrund. Man ist leer. Jetzt die Geduld und den Willen zu haben, nicht zu verzweifeln, sondern ‹dranzubleiben›, das öffnet Türen. Beim Schreiben fange ich manchmal einfach an zu schreiben, obwohl ich noch nicht weiß, mit welchem Wort ich beginne. Dann geht es auf einmal! Die Krise ist Teil der Vorbereitung. Es gilt, sich nicht stören zu lassen durch Vorstellungen, wie es sein müsse. Bei meiner Doktorarbeit habe ich meinem Professor ein Inhaltsverzeichnis für meine Arbeit vorgelegt, da schaute er mich an und fragte: «Sie wollen doch nicht das Inhaltsverzeichnis abarbeiten? Schreiben Sie einfach, fangen Sie an zu schreiben, und Sie werden schon sehen, wo Sie hinkommen.» Das war der beste Rat meines Lebens. Wenn ich, nach einer ausführlichen Vorbereitung so anfange, gehe ich nicht mit festen Vorstellungen in den Prozess, dann kann sich etwas öffnen. Das versuchen wir mit dem Kunststudium anzuregen.
Es ist die Begegnung mit dem Unbekannten.
Gerade bereite ich einen Vortrag über das Wesen der Farbe vor. Da ist fast erschütternd, was Kandinsky beschreibt, als er Monets Bild ‹Heuhaufen› gesehen hat: «Und plötzlich zum erstenmal sah ich ein Bild. Dass das ein Heuhaufen war, belehrte mich der Katalog.» Die Begegnung mit dem Unbekannten, dem Ungewissen ermöglicht einen neuen Schritt. Ich ermutige mich ins Nichts zu gehen. Das ist unangenehm, denn ich werde mit meinen Grenzen konfrontiert. Im Kunststudienjahr zeigt sich, dass sich an diesen Grenzerlebnissen fruchtbare biographische Prozesse entzünden. Man erlebt physisch seine Grenzen beim Steinbildhauen. Man erlebt seelische Grenzen, weil mit mit den Aufgaben nicht zurechtkommt oder weil es und er Gruppe Spannungen gibt, all sind Anstösse für die Selbstverwandlung, die Mut braucht, aber gerade das macht neu und lebendig.
Ja, wie wird man mutig?
Ich glaube durch Mitmenschen, die neugierig machen aufs Unbekannte. Wo ich selbst mich dem Neuen stelle, ermutige ich andere, in ihr Neuland aufzubrechen.
Maltrimester 12. April–26. Juni
Foto Nicolas Prestifilippo

